Asit Datta: Armutszeugnis (Hunger)
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 11.02.2014
Asit Datta: Armutszeugnis. Warum heute mehr Menschen hungern als vor 20 Jahren. Deutscher Taschenbuch Verlag (München) 2013. 218 Seiten. ISBN 978-3-423-24983-6. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,90 sFr.
Reihe: dtv - 24983 - Premium.
Thema
Die Hungernden und Unterernährten, wie auch die Über- und Fehlernährten könnten gut und gesund leben, wenn die vorhandene Nahrung auf dieser Welt gerechter verteilt wäre… Diese Mahnung formulierte der Hannoversche Erziehungswissenschaftler und Entwicklungsexperte Asit Datta 1994 in der aktualisierten Neuauflage der 1984 erschienenem Analyse „Welthandel und Welthunger“ (dtv 30372, S. 21). Spätestens seit dem seinerzeit aufsehenserregenden ersten Bericht an den Club of Rome (Denis Meadows, u.a., Grenzen des Wachstums, 1973, 183 S.), dem zweiten Bericht zur Weltlage, mit der Forderung, vom undifferenzierten zum organischen Wachstum zu kommen (Mihailo Mesarovi? / Eduard Pestel, Menschheit am Wendepunkt, 1974, 184 S.), dem Brundtland-Bericht „Unsere Gemeinsame Zukunft“ (Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, 1987, 421 S.) und den vielfältigen Bemühungen, die Ursachen der Fehlentwicklung auf der Erde zu erklären (u. a.: Asit Datta, Ursachen der Unterentwicklung. Erklärungsmodelle und Entwicklungspläne, 1982, 144 S.) fehlt es nicht an Aufforderungen zum Perspektivenwechsel und der Feststellung, dass „die Menschheit ( ) an einem entscheidenden Punkt ihrer Geschichte (steht)“ (Bundesumweltministerium, Umweltpolitik. Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung im Juni 1992: Agenda 21, Bonn 1994, 289 S.). „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ – dieser dramatische Appell der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 müsste eigentlich in den Ohren der Menschheit klingen; doch: Die hehren, von der Weltgemeinschaft mit den Millenniumszielen versprochene Reduzierung des Welthungers bis 2015 lassen sich nicht verwirklichen (UNO, Hg., The Millennium Development Goals report 2012). Es scheint zwar einen Lichtblick zu geben, wie die globalen Statistiken ausweisen: „Der Prozentsatz der hungernden Menschen ist von 37 Prozent 1960 auf 14,6 Prozent 2011 zurückgegangen“; und: „In absoluten Zahlen hungern heute mehr Menschen als im Jahr 1990“. Wo sind die Gründe dafür zu suchen?
Autor
Asit Datta analysiert die inhumane und inakzeptable Situation mit seiner neuen Analyse. Dabei appelliert er in eindringlicher und überzeugender Weise dafür, „für eine andere Welt mit mehr Gleichheit und mehr Demokratie zu arbeiten, um eine möglichst große Zufriedenheit innerhalb der Gesellschaften zu erreichen“.
Aufbau und Inhalt
Er gliedert das Buch in zwölf Kapitel. Im ersten Teil zeigt er die Entwicklung „Vom Welthandel zur Globalisierung“ auf und weist anhand von zahlreichen Beispielen aus den Ländern des Nordens und Südens nach, dass die Erwartungshaltungen der Macht- und Wohlhabenden sich nicht erfüllt haben, die Liberalisierung des lokalen und globalen Marktes würde dazu führen, allen Menschen auf der Erde zu mehr Wohlstand und einem menschenwürdigen Leben zu verhelfen. Hingegen werden die Prognosen durch die Entwicklung widerlegt, dass lokal und global die Reichen immer reicher und die Habenichtse immer ärmer werden. Es ist zwar wissenschaftlich längst festgestellt worden, dass die traditionellen (großen) Wirtschafts-, Wachstums- und Markttheorien auf den Müllhaufen der Weltgesellschaft gehören; doch Neoliberalisierung und scheinbar urwüchsiger Kapitalismus sind weltweit auf dem Vormarsch.
Im zweiten Kapitel stellt Datta die Frage: „Wer ist arm?“. Diese nicht schematisch zu beantwortende Nachschau bedarf einer differenzierten Betrachtung. Sie ist möglich, werden die von den Vereinten Nationen vorgeschlagenen Indizes angewendet: Der Human Development Index (HDI, 1990), der Multidimensional Poverty Index (MPI, 2010) und der Inequality-adjusted HDI (2011).
Im dritten Kapitel setzt sich der Autor mit den vorliegenden Statistiken auseinander. Er zeigt an fünf Problembereichen auf, dass es angezeigt ist, Statistiken (auch) zu misstrauen und die Frage nach der Ernährungs(un-)sicherheit in der Welt differenzierter zu stellen.
Dies unternimmt Datta im vierten Kapitel mit der Frage: „Wer hungert und warum?“. An mehreren Beispielen verdeutlicht er die Gründe und zeigt auf, dass die traditionellen und gängigen Theorien und Erklärungsmuster zu kurz greifen.
Mit der Frage „Wie viel ist zu viel?“ setzt er sich mit der Malthusschen These auseinander, dass es nötig sei, die Bevölkerungsgröße den verfügbaren Nahrungsmitteln auf der Erde anzupassen. Das statische Modell wird mittlerweile deutlich widerlegt; es kommt vielmehr darauf an, die Missverhältnisse bei der Verfügbarkeit und Verteilung von natürlichen Ressourcen zu beseitigen.
Dies weist Datta in den Kapiteln 6 (Energie, Wasser…) und in 7 zum „ungleichen Handel“ (Rohstoffe, Produktionsbedingungen, Landraub) nach.
Im achten Kapitel wird die Klage nach den Ungleichheiten in der Welt weiter geführt: „Ungleichheit der Geschlechter“.
Das neunte Kapitel thematisiert die Machtfragen in der Welt: „Die heimlichen Herrscher“, wie der Internationale Währungsfonds (IWF), die Weltbank (WB), die Welthandelsorganisation (WTO).
Gewissermaßen als Gretchenfrage wird im zehnten Kapitel formuliert: „Wer hilft wem mit welchem Interesse?“. Damit setzt sich Datta mit der Entwicklung und Wirkung von „Entwicklungshilfe“ auseinander. Er verweist auf die Grundprobleme und Widersprüche dieser scheinbar humanen und solidarischen Geste der wohlhabenden Länder gegenüber den so genannten Entwicklungsländern. Der an sich richtige Gedanke einer „Hilfe zur Selbsthilfe“ jedoch hat in den globalisierten, kapitalistischen und neoliberalen Machtkonstellationen keine Chance; freilich gilt es auch einen kritischen und objektiven Blick auf die Arbeit der Nichtregierungsorganisationen (NGO) zu werfen und nicht das eine zu verdammen und das andere unbesehen und unkontrolliert als Allheilmittel für die Schaffung einer gerechteren Welt zu betrachten.
Im elften Kapitel widmet sich der Autor dem Begriff, der allenthalben als Rettungsanker gegen die Fehlentwicklungen in der Welt auf das Schild gehoben wird: „Nachhaltige Entwicklung“. Eine ökologisch tragfähige Entwicklung, wie sie im Brundtland-Bericht (1995) propagiert wird, bedingt freilich, dass es eines Perspektivenwechsels weg vom „business as usual“ und vom „throughput growt“ („Durchflusswachstum“) und hin zu einem umweltverträglichen Denken und Handeln („Green Economy“) und eines solidarischen Bewusstseins bedarf.
Asit Datta belässt es nicht nur bei der Analyse des Zustandes der Welt (vgl. dazu z. B. auch die jährlich erscheinenden Berichte des New Yorker World Watch Institute zur Lage der Welt: Worldwatch Institute, Hrsg., Nachhaltig zu einem Wohlstand für alle. Rio 2012 und die Architektur einer weltweiten grünen Politik, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13867.php). Er verweist auf die Handlungsfelder und Zuständigkeiten, die global, institutionell, staatlich und individuell zu leisten sind.
Fazit
Analyse und Aufforderung, Appell und Aktion, Anklage und Adaption, Affirmation und Agitation…; wer sich mit den Zuständen in der (Einen?) Welt auseinandersetzen will, benötigt einen umfassenden Informationsrahmen; und er braucht einen breiten Rücken! Denn es gilt, nicht nur die Missstände und Imponderabilien zu benennen, sie zu beklagen und zu beschimpfen; vielmehr kommt es darauf an, Wirklichkeiten zu beleuchten und Visionen zu wagen. Der ehemalige Manager eines Schweizer Großkonzerns und spätere Konvertit als Gesellschaftskritiker und Umweltaktivist, Hans A. Pestalozzi (1929 – 2004) hat einen Vorschlag in den globalen Diskurs gebracht, wie jeder Einzelne in der Gesellschaft und die Weltgemeinschaft zu einem gerechteren, friedlichen und humanen Leben der Menschen auf der Erde beitragen kann. Er nannte es „positive Subversion“, nämlich danach zu fragen, „wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge“ (Nach uns die Zukunft, 1979).
Asit Datta, der sich (als em. Sozialwissenschaftler) weiterhin einmischt (vgl. auch: Asit Datta / Harry Noormann / Neville Alexander / Sharon Beder / Christoph Butterwegge, Hrsg., Zukunft der Migration, Zukunft des transkulturellen Lernens, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9764.php) dürfte am PoSub-Lernen sicherlich Gefallen finden. Seine Frage „Warum heute mehr Menschen hungern als vor 20 Jahren“, ist eine „positive Provokation“ angesichts der lokalen und globalen, neoliberalen Entwicklung, der es Widerstand entgegenzusetzen gilt!
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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