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Anthea Innes: Demenzforschung

Cover Anthea Innes: Demenzforschung. Das Erleben und die Versorgung von Menschen mit Demenz erforschen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2014. 176 Seiten. ISBN 978-3-456-85139-6. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Thema

Die Versorgung Demenzkranker im häuslichen Bereich und in den Heimen ist ein seit Jahrzehnten mannigfach erforschtes Sujet. Erhebungen in vielen westlichen Ländern belegen den Sachverhalt, dass aufgrund der geringen finanziellen Mittel in der Regel eine Minimalversorgung an Pflege und Betreuung geleistet wird. Leistungsverdichtung, geringe Bezahlung und zugleich aber auch wachsende Anforderungen an die Leistungserbringer lassen eine Gemengelage entstehen, die sowohl für die Mitarbeiter als auch die Betroffenen oft unzureichende Arbeits- und auch Lebensbedingungen zur Folge hat. Die vorliegende Veröffentlichung setzt sich mit dieser Thematik auseinander, wobei es vor allem um die Verhältnisse der Versorgung Demenzkranken in Großbritannien geht. 2009 wurde diese Schrift in London unter dem Titel „Dementia Studies: A Social Science Perspective“ erstveröffentlicht.

Autorin

Anthea Innes (M.Sc. Ph.D.) ist Forschungsmitarbeiterin und Dozentin des Zentrums für Sozialforschung zum Thema Demenz an der Universität Stirling in Schottland und ehemaliges Mitglied der Bradford Demenzgruppe an der Universität Bradford in England.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist in sieben Kapitel und einen Anhang unterteilt.

Kapitel 1 (Was ist Demenz? Entschlüsselung des „Bekannten“, Seite 15 - 33) enthält einen kurzen historischen Abriss der Begrifflichkeit der Demenz und auch der Alzheimer-Demenz der letzten hundert Jahre auf dem Hintergrund der so genannten „Medikalisierung“ dieser Erkrankungsformen, die für die Autorin als „Legitimation von Behandlungs- und Kontrollmethoden körperlicher Fixierung und der Verabreichung von Antipsychotika“ dienen (Seite 18). Gegen diese Entwicklung wird die „Dekonstruktion“ der Demenz seitens einiger Sozialwissenschaftler ins Feld geführt, die aufzeigt, „dass Demenz als Krankheit sozial konstruiert wurde, um den vorherrschenden gesellschaftlichen Bedürfnis nach Ordnung und Kontrolle gerecht zu werden.“ (ebenda). In diesem Kontext werden dann u. a. auch ausführlich die so genannte „maligne Sozialpsychologie“ des englischen Psychologen Tom Kitwood und sein Gedankenkonstrukt des „Personseins“ der Demenzkranken erläutert.

In Kapitel 2 (Der Kontext von Demenzstudien: Politische, ökonomische und soziale Fragestellungen, Seite 35 – 47) werden gesellschaftliche Aspekte der Demenz in alternden Gesellschaften skizziert, wenn z. B. die epidemiologischen Daten und Hochrechnungen für die nächsten Jahre als Belastungsszenario („Demenz-Epidemie“ und „steigende Fluten“) beleuchtet werden. Anknüpfend hieran werden die wachsenden Kosten der Demenzen im Bereich des Gesundheits- und Sozialsystems in England und anderen Ländern als volkswirtschaftliche Last angeführt. In diesem Zusammenhang wird der Vorwurf erhoben, dass durch die stationäre Langzeitpflege die Demenzkranken aus der Gesellschaft „ausgeschlossen“ werden (Seite 45). Anthea Innes bezeichnet diese Zustände als „Unterdrückung“ (Seite 47).

Kapitel 3 (Pflege und Betreuung bei Demenz: Utopische Ideale?, Seite 49 – 68) beinhaltet die Perspektiven einer idealen Demenzpflege und Demenzbetreuung aus der Sicht der Autorin, die letztlich aus einer personenzentrierten „Pflegekultur“ gemäß den normativen Erwartungen der Bradford-Schule bestehen.

Kapitel 4 (Demenzforschung im kulturellen Kontext, Seite 69 – 91) beschreibt das Erleben und die Wahrnehmung der Demenz in verschiedenen Kontinenten und Kulturkreisen u. a. unter dem Aspekt der familiären Verpflichtung zur Pflege und Betreuung. Des Weiteren wird postuliert, dass unterschiedliche Sichtweisen der sozialen Umwelt bezüglich der Erkrankung zur „Erosion von Personsein“ führen (Seite 87). Beklagt wird auch die „Kultur der Überwachung und Einschränkung in den Pflegeeinrichtungen“ (Alarmanlagen u. a.), die sich nicht mit dem Ansatz der so genannten „personenzentrierten“ Pflege vereinbaren ließen.

In Kapitel 5 (Forschung zu Demenz und Demenzversorgung: Forschungserkenntnisse und ihre Implikationen für Politik, Praxis und Forschung, Seite 93 – 114) stehen vor allem Untersuchungen zu verschiedenen Aspekten der Demenzversorgung im Mittelpunkt: u. a. die „unbezahlten pflegenden Angehörigen“, die beruflich Pflegenden und auch Fragen, die die Einbeziehung der Demenzkranken in die Forschung thematisieren.

In Kapitel 6 (Ein Modell für die Demenzforschung: Generierung und Entwicklung von Kenntnissen, Seite 115-138) entwickelt die Autorin ihre Vorstellung von einer zukünftigen „Sozialwissenschaft von Demenz“, die dazu beitragen soll, „Demenzforschung als eigenständige Disziplin zu etablieren.“ (Seite 118). Ihr Modell für eine Demenzforschung besteht letztlich aus einer Ausweitung des Bezugsrahmens in Gestalt politischer, ökonomischer, sozialer und versorgungstechnischer Dimensionen.

Kapitel 7 (Die pflegerische Versorgung von Menschen mit Demenz, Seite 153-167) wurde von Dr. rer. medic. Margareta Halek (Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Witten) verfasst. In dem Kapitel wird kurz der deutsche Schwerpunkt der Demenzforschung dargestellt, wobei überwiegend auf die eigenen Arbeitskonzepte aus Witten-Herdecke verwiesen wird.

Diskussion

Der vorliegende Text ist vom Inhalt her eine Sekundäranalyse bestehender Erhebungen zu verschiedenen Aspekten der Versorgung Demenzkranker in unterschiedlichen Institutionen und im häuslichen Bereich. Es wird wiederholt herausgearbeitet, dass die Pflege und Betreuung sozialpolitisch von nachrangiger Bedeutung zu sein scheint. Wenig Personal, schlecht bezahltes Personal und teils auch unzureichend qualifiziertes Personal – auf diesem Hintergrund lassen sich schwerlich angemessene Versorgungsleistungen erbringen. Diese Gegebenheiten gelten auch für Deutschland und sind somit auch nichts Neues.

Befremdlich hingegen ist, dass die Autorin Begriffe wie „Kontrolle“, „Unterdrückung“ und „Erosion“ bezüglich der Versorgungsstrukturen für Demenzkranke verwendet. Wenn sie dann auch noch von der „Kultur der Überwachung“ in den Pflegeeinrichtungen berichtet, bekommt ihre Sichtweise etwas Orwelleskes. Dass es sich hierbei letztlich überwiegend um Schutzmaßnahmen für die völlig hilflosen Kranken handelt, wird von Innes nicht reflektiert.

Das entscheidende Defizit dieses Gedankengebäudes hingegen besteht aus der Leugnung der Demenzen als genuin hirnorganische Erkrankungen. In Anlehnung an Tom Kitwood entwickelt Anthea Innes ein Modell, das eine Doppelung der Demenz in ein medizinisches und zugleich auch in ein soziales Phänomen (Demenz als eine „soziale Konstruktion“) beinhaltet. Dieses Konzept verbleibt in ihren Ausführungen abstrakt und statisch zugleich, es vermag dann auch nicht die Komplexität der Demenz als einen kontinuierlichen Abbauprozess mit den entsprechenden Krankheitssymptomen zu erfassen. Auf diesem Hintergrund vermag die Autorin auch nicht die Notwendigkeit einer „Sozialwissenschaft der Demenz“ als eine eigenständige Disziplin zu vermitteln.

Fazit

Der Versuch, Demenz als ein „soziales Phänomen“ ohne die Ableitung von den biologischen und medizinischen Grundlagen begreifen zu wollen, transzendiert den wissenschaftlichen Kontext, denn die Demenzforschung basiert immer auf einer empirischen und damit naturwissenschaftlich ausgerichteten Erfassung des Gegenstandsbereiches. Das von der Autorin favorisierte Konzept einer „Dekonstruktion“ der Demenz kann in diesem Kontext als gescheitert betrachtet werden.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 02.10.2014 zu: Anthea Innes: Demenzforschung. Das Erleben und die Versorgung von Menschen mit Demenz erforschen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2014. ISBN 978-3-456-85139-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16417.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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