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Reimer Gronemeyer: Kampf der Generationen

Cover Reimer Gronemeyer: Kampf der Generationen. DVA Deutsche Verlags-Anstalt (München) 2004. 254 Seiten. ISBN 978-3-421-05752-5. 17,90 EUR, CH: 31,90 sFr.
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Zielsetzung und Zielgruppen

Ein weiteres Buch über das Verhältnis der Generationen, das zum wiederholten Male auf das Phänomen des Verteilungskampfes um die knapper werdenden Ressourcen verweist, um die sich sowohl die jüngere als auch die ältere Generation streiten, legt Reimer Gronemeyer vor. Er ist seit 1975 Professor für Soziologie an der Universität Gießen, versucht Auswege aus dem unerbittlichen Kampf der Generationen um immer mehr Konsum und Geld zu finden. Er verweigert sich der Verlagerung von Konflikten, die uns alle angehen, lehnt die Infantilisierungen, die uns täglich zugemutet werden, ab und erwägt eine neue Bescheidenheit, die Junge und Alte aus der konsumistischen Unmündigkeit befreit (S. 11).

Aufbau und Übersicht über die zu behandelten Themen und Inhalte

Das Buch ist neben der Einleitung und einem abschließenden Resümee in sechs weitere Kapitel untergliedert, die in einer eher drastisch verdeutlichenden Sprache die Problematik der Erläuterungen aufzeigen soll.

  • In der Einleitung, die mit dem Titel "Alzheimer - Gesellschaft. Der Generationenkonflikt hat Zukunft" überschrieben ist, wird die ganze Tragweite einer alten Gesellschaft, die durch Vergreisung und dem Phänomen der Ausweitung der Alzheimer - Krankheit charakterisiert werden kann, dargestellt. Gronemeyer wählt eine Sprache, die leicht verständlich aber deutlich auf die Gegensätze der gegenwärtigen Entwicklung hinweist: " ... finanziell gut abgesicherte Alte stehen arbeitslosen Jugendlichen, abgabenbelasteten Berufstätigen und sozialhilfeabhängigen Familien gegenüber. Alter geht mit Reichtum, Jugend mit Armut einher" (S. 25). Er weist darauf hin, dass der Generationenkonflikt nicht mehr mit Geld zu kaschieren ist, aber in dieser Einsicht vielleicht eine neue Chance besteht. Das Wissen, dass mehr Geld und mehr Reichtum nicht zu einer weiteren Verbesserung der Lebenswelt beiträgt, sondern eher zu ihrer Gefährdung und organisierte Fürsorge immer nur ein sehr dürftiger Ersatz für persönliche und familiale Bindungen sein können, muss zu einer veränderten Gesellschaftsentwicklung führen, in der es wieder möglich sein wird, alt zu werden und jung zu sein.
  • Kapitel eins widmet sich dem Thema "Gierige Greise. Wie das Leben zur Strecke gebracht wird" und zeichnet die historischen Veränderungen im Altwerden bis in die Moderne nach. Alte Menschen waren bisher in einen Lebensrhythmus eingebunden, der durch religiöse und biographische Zäsuren gekennzeichnet war. Heute dagegen erinnert das Leben an eine gerade Linie, eine ausgebaute Autobahn, auf der sich das Altwerden mit wachsender Beschleunigung vollzieht. Die Konkurrenz auf allen Ebenen gesellschaftlicher Entwicklung bemächtigt sich auch des Generationenverhältnisses und droht in einem Krieg der Generationen zu eskalieren. Die Großeltern sind fern - weit weg oder auf Reisen - Enkel können von ihnen nichts mehr lernen - "... außer wie man von ihnen Geld abzockt" (S. 44). Alte Menschen schieben, egal wo sie sind, ob in Berlin oder Sydney, Einkaufswagen hin und her, bewegen die gleichen Waren mit der gleichen Verpackung und dem immer gleichen Geschmack. Vor dem Regal des Supermarktes sind sie alle gleich, auch vor dem Geld, abgesehen von der Höhe der Rente. Alte Menschen genießen heute nicht etwa einen Ruhestand, sondern mit der Pensionierung setzt ein neuer Stress ein, der, dem Alter den Kampf anzusagen. Sie sind heute durchaus gut versorgt, besser als je zuvor, aber um den Preis, dass ihnen alle sozialen Rollen genommen, sie von der Arbeit ausgeschlossen werden, um zu Empfängern staatlicher Daseinsfürsorge zu degradiert zu werden.
  • Kapitel zwei zur Thematik "Generation Florida. Die Alten und das Geld" beschreibt die Grunderfahrungen der heute Älteren, die vom kontinuierlichen Wachstum der Geldmenge, der Quadratmeterzahlen, der Zahl der Urlaubstage und der Dinge geprägt sind und deren Müllberge den Blick auf die Folgen eines rücksichtslos konsumistischen Wohlstandslebens verdecken. Dieser Wachstums - Wahn, der sich nicht zuletzt in der Aktienlüge manifestiert, lässt die Folgen in der Dritten Welt unberücksichtigt und verletzt ebenso die Generationengerechtigkeit. Individualistisch und globalisiert sind die Alten heute - so, wenn der reiche Greis in Florida auf dem Liegestuhl hängt, ist er hochgradig individualisiert und egoman, wenn seine Aktien inzwischen in Tokio auf der Börse zirkulieren, seine Medikamente von transnationalen Konzernen gefertigt werden, ist er globalisiert (S. 78). Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war unter dem Gesichtspunkt der sozialen Sicherheit eine goldene Zeit, die gegenwärtig von wachsender Unsicherheit abgelöst wird.
  • Das folgende Kapitel zur "Fallpauschale. Ruinieren die Alten das Gesundheitswesen?" setzt sich mit der medizinischen Versorgung auseinander, die entweder über eine Zwei - Klassen - Medizin realisiert wird - wer bezahlen kann, bekommt alles, die anderen erhalten eine Grundversorgung oder es werden Kriterien für eine Rationierung entwickelt. Im Gesundheitswesen werden künftig jene selektiert, die alt und arm sind. Demgegenüber ist der menschliche Körper heute durch Transplantate, Schönheitsoperationen und Therapien fast völlig neu ersetzbar. Anti - Aging ist das neue Programm, das überall propagiert wird, um im Grunde das Altwerden abzuschaffen. Am Ende des Kapitels wird auf 12 Seiten ein Zukunftsszenario entworfen, das sarkastisch die freiwillige Beendigung des Lebens in einem Ethik - Counseling, Abteilung für Terminationsfragen beschreibt.
  • "Die Überflüssigen. Fragen nach dem Sinn im Alter" ist das vierte Kapitel überschrieben, in dem thematisiert wird, dass Alte immer länger leben, aber für den Preis der Vereinzelung. Die Kinder und Enkel, wenn es sie überhaupt gibt, interessieren sich nicht für die Sachen der Alten, so dass sie beginnen, sich als Entsorgungsproblem zu begreifen - sie entsorgen zeitgemäß, damit die Hinterbliebenen keine Arbeit mehr haben. Das "Endspiel" ist nach Theodor W. Adorno die wahre Gerontologie - die Alten kommen in die Mülltonne. Das Ende der Arbeitsgesellschaft zwingt zum Nachdenken über alte Lebensentwürfe, die hin zur Selbstversorgung und zum Verzicht auf vieles Unnütze führen sollen. Eine Stunde Null bricht an, so der Autor, in der die Suche nach der Weisheit anfängt- d.h.: "Man müsste eine anstrengende und zugleich befreiende Gegen-Stellung zur schlicht-schlechten Wirklichkeit einnehmen" (S. 160).
  • Das folgende fünfte Kapitel "Soziale Starre. Familie, Freundschaft, Fürsorge in Zeiten der Kälte" beschäftigt sich mit dem Problem, dass an die Stelle nachbarschaftlicher oder familiärer Beziehungen ein Netz elektronischer Versicherungen und Kontrollen getreten ist. Ein weiteres Beispiel führt der Autor an, nach dem 50% aller Medikamente von alten Menschen über 65 Jahren eingenommen werden und viele von ihnen nehmen sie gar nicht ein, weil sie diese vergessen würden (Demenz). Diesem Problem hilft die Chip Karte "Ex Libris" ab, die in der Apotheke programmiert wird und an die Tabletteneinnahme erinnert. Insofern wächst der elektronische Forschritt, auch die Sicherheit, aber eben auch die neue Abhängigkeit, die Unterwerfung unter die elektronische Kontrolle. Angesichts des zu erwartenden Pflegenotstandes - in den neuen Bundesländern wird sich bald die Folge eines Triple-Aging-Prozesses zeigen[1] - hier wird in Zukunft die Gruppe fehlen, aus denen in 15 bis 30 Jahren die Pflegepotenziale erwachsen werden, sind diese Bemühungen nachvollziehbar.
  • Im letzten Kapitel "Entsorgungspark. Die Kunst des Sterbens und die Verwaltung des Todes" werden Sterben und Tod als kommerziell beschrieben, die gute Gewinne abwerfen (S. 192). Der Autor thematisiert auch die "Euthanasie" in den Niederlanden, 1997 gab es hier 80 000 Sterbefälle, davon entfielen 2300 auf praktizierte Euthanasie auf Wunsch des Patienten und 1000 Fälle wurden ohne persönliche Zustimmung registriert, diese Bestrebungen würden bald auch den europäischen Markt erobern. Des Weiteren ist zu fragen, ob mit der Wachstumsbranche von Hospiz und Palliativmedizin Umrisse eines Entsorgungsparks ausgebildet werden, in denen auf hohem medizinischem und professionellem Niveau die Ordnung des Sterbens und Todes einer hilflosen Gesellschaft organisiert wird?
  • Das abschließende Resümee "Einfach Altern. Aufbruch in ein neues Alter" fasst die prekäre Lage zwischen Jungen und Alten auf eigentümliche Art und Weise zusammen. Der Luxus aus Stahl-Glas-Palästen von Altersheimen und Seniorenresidenzen, in denen wir technisch und medizinisch meist gut versorgt werden, ist dennoch ein Ort der Verlassenheit und Isolation, weil Kommunikation aus Kostengründen nur dosiert und sparsam vergeben wird (S. 216). Auf der anderen Seite junge Menschen, denen die Frage ihrer eigenen Altersversorgung wichtiger erscheint als die Suche nach einer humanen Lebenswelt. Am Ende resümiert Gronemeyer:"Ich sehe nicht, wie oder wer diesen Prozess der Entsolidarisierung der Gesellschaft stoppen wollte oder könnte. .... Die Hoffnung auf neue Lebensverhältnisse, in denen die Warenhaftigkeit der Person rückgängig gemacht ist, liegt in der Freundschaft" (S. 228, 232).

Fazit

Mein Eindruck zum vorliegenden Buch ist äußerst zwiespältig. Es ist eine einseitige Sichtweise auf die heute wohlhabenden Alten und lässt die in Zukunft wachsende Zahl der Verarmenden völlig außer Acht. Des Weiteren scheint es eine Vorliebe auch von Beschäftigten an wissenschaftlichen Institutionen zu werden, die Probleme in einer feuilletonistischen Art zu fassen, die zudem Freiraum für zynische Explikationen in zukünftige Entwicklungen ermöglichen. Es liest sich wie ein belletristisches Werk, in dem die realen Probleme sicher und prononciert benannt werden, teilweise etwas sarkastisch aufgeputzt, aber eine Wegweisung, eine ernsthafte Diskussion möglicher Alternativen aus dem durchaus vorhandenem Generationenunverständnis wird der Leser vermissen. Ich frage mich ernsthaft, ob dies der künftige Weg wissenschaftlicher Diskussion sein soll, ob es zunehmend die einzige Möglichkeit sein wird, sich auch wissenschaftliches Gehör zu verschaffen. Diese Art von apokalyptischen Szenarien, ähnlich wie sie im neuerlichen Buch von Schirrmacher "Methusalem-Komplott" nachzulesen ist, scheint sich auch in den wissenschaftlichen Diskursen durchzusetzen. Doch ist es nicht eher wichtig herauszuarbeiten, dass die Situation um die Probleme zwischen Jung und Alt zu ernst sind für Apokalypsen?


[1] B. Dietz 2002: Die Pflege( r )evolution? Ansprüche, Wirklichkeiten und Zukunft der Sozialen Pflegeversicherung. Diss. Gießen 2002. S. 196;


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 01.06.2004 zu: Reimer Gronemeyer: Kampf der Generationen. DVA Deutsche Verlags-Anstalt (München) 2004. ISBN 978-3-421-05752-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1642.php, Datum des Zugriffs 17.11.2019.


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