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Karin Beutelschmidt, Renate Franke u.a.: Facilitating Change

Cover Karin Beutelschmidt, Renate Franke, Markus Püttmann, Barbara Zuber: Facilitating Change. Mehr als Change-Management. Beteiligung in Veränderungsprozessen optimal gestalten. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2013. 202 Seiten. ISBN 978-3-407-36546-0. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.

Reihe: Weiterbildung - Coaching.
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Thema

„Facilitating Change“ richtet sich an Coaches, TrainerInnen und BeraterInnen. Dabei wird ein Ansatz für Veränderungsprozesse gefordert, der die Beteiligten eines Veränderungsprozesses stärker in die Veränderung einbezieht und ihren Anliegen und Potentialen mehr Raum bietet. Facilitating wird dabei als neue Methode zur nachhaltigen Gestaltung von Veränderungsprozesses verstanden, die auf der Vorstellung basiert, dass unser Wissen um Lösungen in der Zukunft – als unbewusstes, kollektives Wissen – bereits vorhanden ist in Individuen, in Teams, in einer Organisation, einem System. Das Buch beschreibt die Methodik von Facilitating, benennt die Stärken und Grenzen und ergänzt dies um Übungen, Beispiele und Reflexionsfragen.

Autorinnen und Autor

Karin Beutelschmidt hat nach eigenen Angaben Germanistik, Publizistik und Soziologie studiert und ist als Beraterin tätig. Renate Franke ist Diplom-Kauffrau und Trainerin sowie Beraterin. Markus Püttmann ist tätig als Trainer, Facilitator und Fotograf. Barbara Zuber arbeitet als Coach und Trainerin. Gemeinsam haben sie die »School of Facilitating« in Berlin gegründet, einem 2007 ins Leben gerufenen Netzwerk aus BeraterInnen und TrainerInnen, die auf der Basis des Facilitating arbeitet.

Aufbau

Das Buch widmet sich der Thematik in den folgenden Kapiteln:

  1. Das ist Facilitating Change
  2. Die Grundausstattung des Facilitators: Leitfaden für Changeprozesse
  3. Den Facilitator in sich endecken
  4. Facilitation in Action
  5. Ausblick.

Jedes Kapitel bzw. Unterkapitel beginnt mit einem kurzen Abstract, ausgewählte Textteile werden durch spezielle Icons kategorisiert bzw. besonders gekennzeichnet, entweder als Beispiel, als Info, als Literaturtipp und als Übung.

Inhalt

Exemplarisch seien hier das Einführungskapitel und das Kapitel „Wahrnehmung in allen Facetten“ vorgestellt.

Das Einführungskapitel Das ist Facilitating Change“ beschreibt das Selbstverständnis und die Grundhaltung der AutorInnen in Bezug auf Veränderungsprozesse. Der aus dem Englischen stammende Begriff „Facilitating“ bedeutet „Erleichterung“ bzw. „Förderung“ (14), demzufolge verstehen sich die AutorInnen als Menschen, die die Beteiligung Anderer an Veränderungsprozessen fördern und es ihnen erleichtern, sich ihren Fähigkeiten gemäß einzubringen. Dabei wird Facilitating als besonders geeignete Methode betrachtet: „Verantwortungen und Prozesse zu klären, das Selbstwertgefühl zu stärken, eine Identifikation mit dem eigenen Handeln zu entwickeln, Neugier und Begeisterung zu entfachen und damit Geschwindigkeit und Nachhaltigkeit in die Veränderung zu bringen.“ (15). Dieser Methode liegt dabei die Grundannahme zugrunde, dass das notwendige Wissen für Veränderung bzw. das Gelingen in jedem System vorhanden ist. Da es aber möglicherweise nicht offensichtlich erkennbar ist, macht es Sinn, die Betroffenen über Facilitating mit den eigenen Ressourcen in Kontakt zu bringen. Da Menschen ihre Wirklichkeiten je eigen konstruieren, kommen in einem Veränderungsprozess so viele Realitäten zusammen wie es beteiligte Personen gibt, so dass die besondere Herausforderung darin bestehen mag, zu einer gemeinsamen Realitätsbildung zu kommen (18). Als besondere Herausforderung wird betont, dass die in jedem Veränderungsprozess vorhandenen Tabus über Facilitating berücksichtigt werden und gerade auch Unbewusstes integriert werden kann. So formulieren die AutorInnen explizit: „In unserer Wahrnehmung werden Grenzen durch Grenzwächter bewacht, die sich zum Beispiel in Form von Widerstand ausdrücken. Dies sind oft reflexartige, unbewußte Reaktionen, die wir sichtbar und erfahrbar machen, um dadurch die Freiheit für ein anderes Handeln zu ermöglichen.“ (19).

Die AutorInnen folgen in ihren Facilitating-Prozessen einer bestimmten – dynamischen – Basisgrammatik, die drei Ebenen umfasst: Design, Prozess und Energie, denen dann jeweils bestimmte Phasen zugeordnet werden. Konzeption basiert das Konzept in weiten Teilen auf dem „U-Modell“ von Claus Otto Scharmer.

Das Kapitel „Wahrnehmung in allen Facetten“ von Barbara Guwak führt anschaulich und mit vielen praktischen Beispielen in die konstruktivistische Perspektive ein. Zunächst nähert sich die Autorin dem Wahrnehmungsbegriff an und beschreibt ihn als einen „Prozess, der aus Reizverarbeitung beziehungsweise Empfindung und Interpretation besteht“ (57). Dabei macht sie deutlich, dass unsere Wahrnehmung „immer vergangenheitsorientiert und erfahrungsbasiert“ ist (58), was sich als tatsächliche Herausforderung erweist, wenn es um Veränderungsprozesse geht, denn dort gilt es, sich an zukünftigen Herausforderungen und Möglichkeiten zu orientieren. Das führt im Rahmen des Facilitatings dazu, neue Erfahrungen zu ermöglichen und die Bereitschaft zu fördern, alles bisher Erfahrene zu hinterfragen.

Die Autorin widmet sich im nächsten Schritt der Wahrnehmung als Integration (mein eigenes inneres Bild von der Welt als ein „fein abgestimmtes, bestimmt nicht widerspruchsfreies, aber für meine Bedürfnisse stimmiges Bild)“ (58) und als Konstruktion (ich stimme laufend neue Erfahrungen und Wahrnehmungen mit meinen bereits gespeicherten inneren Vorstellungswelten ab) (59): „Menschen leben und handeln in sogenannten Wirklichkeitskonstruktionen. Diese werden hinsichtlich ihrer Brauchbarkeit zur Kommunikation und der aus ihr entstehenden Verantwortung bewertet. Mit brauchbar ist hier gemeint, dass eine Erkenntnis einen bestimmten Beitrag zu einer kohärenten kognitiven Wirklichkeit leistet.“ (59). Dabei nimmt sie insbesondere Bezug auf die Theorie der persönlichen Konstrukte des amerikanischen Psychologen Georg Kelly, aber sauch auf Luc Ciompis „Theorie der Affektlogik“, nach der Emotionen als Energien zu verstehen sind, die Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Denken regulieren (60).

Im Hinblick auf das Facilitating als spezifischen Ansatz zur Gestaltung von Veränderungsprozessen fordert die Autorin in Anlehnung an den Kybernetiker Heinz von Foerster: „Mach etwas anderes! Nicht so sehr, um einmal etwas anderes auszuprobieren, das vielleicht erfolgreich ist, sondern viel mehr, weil das die Wahrnehmung der Zukunft verändert…“ (61). In diesem Sinne ermuntert sie dazu, auch die Reaktionen anderer auf das eigene Sein und Verhalten als Spiegel und damit als Einladung zur Reflexion zu verstehen und dieses gespiegelte Bild mit dem eigenen abzugleichen. Im Idealfall führt dies zu einer Erweiterung des eigenen Wissens, dass Wahrnehmen Interpretieren ist und damit auch immer eine andere Interpretation möglich und zulässig ist, auch wenn oft die eigene Interpretation als einzig denkbare und mögliche Sichtweise erscheint. Bezugnehmend auf Daniel Gilbert formuliert Guwak dies für den Kontext von Changeprozessen so: „…unsere Wahrnehmung verleitet uns dazu, die Zukunft konsequent aus der Vergangenheit heraus abzuleiten. Genau genommen, wissen wir nicht, was uns in der Zukunft glücklich machen wird. Wir wissen nur, was uns in der Vergangenheit glücklich gemacht hat, und negieren vollkommen, dass die Zukunft unter völlig anderen Bedingungen stattfindet als die Vergangenheit“ (63).

Folgerichtig lädt Guwak zu Perspektivwechseln ein, wobei sie darauf verweist, dass menschliche Wahrnehmung insbesondere von Unterschieden geprägt und gesteuert wird. In Sekundenschnelle prüft das menschliche Gehirn Erfahrungen, Beobachtungen und Eindrücke darauf hin ab, ob sie den bisherigen Eindrücken und Wahrnehmungen entsprechen oder nicht. Darüber konstruieren wir die eigenen Abbilder von der Welt und uns selbst. Dabei ermuntert Guwak durchaus dazu, nicht in der Feststellung der Unterschiedlichkeit und des „Andersseins“ zu verharren. Dabei können explizite und implizite Perspektivwechsel hilfreich sein: „Perspektivwechsel …in Bezug auf Personen…und hinsichtlich Ort und Zeit. Sich eine ‚Wahrheit‘ einmal aus der Zukunft oder von einem anderen Ort der Welt anzuschauen, kann durchaus wertvoll sein und öffnet unsere Wahrnehmung.“ (64). In diesem Sinn rät sie zu einem großzügigen Umgang mit der Widerspruchsfreiheit: Menschen konstruieren ihr inneres Abbild der Welt durch Gegensätze, die wiederum einer bestimmten Logik folgen. Wie eng diese Logik geführt wird, hat Auswirkungen auf die Kompatibilität dieser Konstruktion zu anderen Konstruktionen. Guwak spitzt dies in folgender Weise zu: „Brauchbar ist ein Konstrukt, wenn es früh ein Kommunikationsangebot macht, also Kommunikation ermöglicht und veränderlich bleibt, wenn eine kleine Veränderung nicht weitreichende Folgen für alle Konstrukte hat und daher schon im Sinne einer Ökonomie verhindert werden muss.“ (65)

Ihren Artikel beschließt Guwak mit einigen Ausführungen zum Thema Intuition, den sie insbesondere im Hinblick auf Veränderungsprozesse als wichtiges Element betrachtet, im Sinne eines Funkens, einer besonderen Inspiration. Sie betrachtet Intuition in diesem Sinne als wichtigen, nicht steuerbaren oder vorhersehbaren Impuls, der zu neuen Erkenntnissen führt und Ressourcen weckt.

Diskussion und Fazit

Ein fundiertes Werk, übersichtlich gestaltet und durchaus in der eigenen Praxis geerdet. Durchgängig werden relevante theoretische Ausführungen heruntergebrochen auf die eigene Biographie (z. B. 36) oder Praxis. Die eigene Praxis wiederum wird – im positiven Sinne – theoretisiert, in dem sie verallgemeinert, abstrahiert und in Verbindung mit anderen Konzepten und Theorien aus den unterschiedlichsten Disziplinen gebracht wird. Viele Zusammenfassungen, Beispielgeschichten und Illustrationen konkretisieren die Ausführungen und bieten vielseitige Anregungen für die Gestaltung von Changeprozessen in der eigenen Organisation oder die Tätigkeit als BeraterIn oder Coach.

Gerade im letzten Teil des Buches „Den Facilitator in sich entdecken“ wird dieser Praxisbezug besonders evident: Fotos, Fragebögen, Übungsangebote regen unter besonderer Berücksichtigung des Dreischrittes: Wahrnehmen – Erfahren - Handeln – zur eigenen Reflexion und Standortbestimmung in zwölf Schritten an. Hier wäre es im Übrigen sicherlich interessant gewesen, wenn AutorInnen-Team und Verlag diese Reflexionsbögen als Downloadoption bereit gestellt hätten.

Lesenswert!


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 16.04.2014 zu: Karin Beutelschmidt, Renate Franke, Markus Püttmann, Barbara Zuber: Facilitating Change. Mehr als Change-Management. Beteiligung in Veränderungsprozessen optimal gestalten. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2013. ISBN 978-3-407-36546-0. Reihe: Weiterbildung - Coaching. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16429.php, Datum des Zugriffs 23.06.2017.


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