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Helga Pelizäus-Hoffmeister (Hrsg.): Der ungewisse Lebensabend?

Rezensiert von Barbara Eifert, 21.07.2014

Cover Helga Pelizäus-Hoffmeister (Hrsg.): Der ungewisse Lebensabend? ISBN 978-3-658-03136-7

Helga Pelizäus-Hoffmeister (Hrsg.): Der ungewisse Lebensabend? Alter(n) und Altersbilder aus der Perspektive von (Un-) Sicherheit im historischen und kulturellen Vergleich. Springer VS (Wiesbaden) 2014. 221 Seiten. ISBN 978-3-658-03136-7. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 44,00 sFr.

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Thema und Entstehungshintergrund

In den Altersdiskursen sind Vorstellungen vom Altern, über das Alter selbst sowie über die Lebenswirklichkeit alter Menschen, kurz Altersbilder, wichtige Bestandteile. Jenseits der Frage, ob diese bildhaften Vorstellungen zutreffend sind, wirken sie individuell sowie gesellschaftlich. Sie dienen dabei der ‚einfachen‘ Orientierung in komplexen sozialen Situationen des Alltags, in denen ein Bild vom anderen konstruiert wird und zu konstruieren ist. Oftmals entwickeln und verfestigen sich Vorstellungen vom Alter zu dichotomen Bewertungskategorien, die sich auf die Wahrnehmung alter Menschen und auf das Verhalten ihnen gegenüber auswirken. Um diese bildhaften Vorstellungen vom Alter und ihre möglichen Wechselwirkungen mit gesellschaftlichen Strukturen geht es in der vorliegenden Publikation, herausgegeben von Helga Pelizäus-Hoffmeister. Dabei wird gefragt, welche Rolle Uneindeutigkeiten und Ungewissheiten in der Lebensphase Alter und über die Lebensphase Alter bei der Entstehung von Altersbildern spielen. ‚Unsicherheit‘ ist damit die gewählte Forschungsperspektive, aus der heraus die möglichen Zusammenhänge betrachtet werden. Verstanden wird Unsicherheit hier als eine soziale Konstruktion, bei der es um Erwartungen gegenüber zukünftigen Ereignissen des Alters geht. Diese spannungsreiche Perspektive der Unsicherheit bietet sich im Hinblick auf die Lebensphase Alter an, denn mit ihr sind grundlegende Unsicherheiten verbunden. Allein der Hinweis auf die Unmöglichkeit, das Alter zu imaginieren, ohne es selbst zu erleben, deutet grundlegende Ungewissheiten und damit verbundene Unsicherheiten an. Die hier vorgelegten Beiträge bieten eine Erweiterung des bisherigen Altersbilddiskurses.

Entstanden ist die Publikation im Rahmen zweier Forschungssemester in den Staats- und Sozialwissenschaften an der Universität der Bundeswehr in München. Darin sind Studenten und Studentinnen einer komplexen Forschungsfrage auf der Grundlage vorhandener Analysen nachgegangen. Erzielt wurden vielfältige Ergebnisse, die über den gegenwärtigen Stand des Wissens in Alters- und Unsicherheitsforschung hinausgehen.

Autoren und Autorinnen

Zwölf sichtbar engagierte Studenten und Studentinnen des Masterstudiengangs Staats- und Sozialwissenschaften wurden über die Untersuchung von Wechselwirkungen zwischen Altersbildern und gesellschaftlichen Strukturen aus der analytischen Perspektive der Unsicherheit von der Herausgeberin zusammengeführt. Ihre Arbeiten bieten „idealtypisch konstruierte Skizzen“ im Sinne Webers, die plausibel aufzeigen und erklären, ohne den Anspruch zu formulieren, alles erfasst zu haben.

Aufbau und Inhalte

Die Publikation gliedert sich in einen theoretischen Teil sowie eine historische und eine gegenwartsbezogene Perspektive und schließt mit einer Gesamtbetrachtung ab. Im theoretischen, ersten Teil werden einführend zwei Beiträge zum Themenfeld Alter und zur soziologischen Perspektive der (Un-)Sicherheit geboten.

Dabei zeigt Simon R. A. Schnelle im ersten Beitrag auf, dass ‚Alter‘ als soziale Konstruktion zu verstehen ist, die Aussagen über die Kontexte ihrer Entstehung und Wirkungen erlaubt und diese zugleich spiegelt. Altersbilder, die sich durch Einseitigkeit und Einfachheit auszeichnen, ermöglichen dabei die Kommunikation über das Alter. Diese theoretischen Ausführungen sind das Gerüst für die Betrachtung des Alters in den folgenden Beiträgen der Studenten und Studentinnen.

Im anschließenden Beitrag von Helga Pelizäus-Hoffmeister wird die soziologische Perspektive der Unsicherheit operationalisiert und auf das Alter hin konzeptualisiert. Dabei wird ein Gerüst, bestehend aus den in Wechselwirkung befindlichen Bereichen: materielle Reproduktionsmöglichkeiten im Alter, Selbstdeutungen in der Erwartung des Alters sowie gültige oder imaginierte Sozial- und Rollenbeziehungen und den daraus resultierenden gesellschaftlichen Altersbildern, herausgearbeitet. In diesen Bereichen und ihren Wechselwirkungen wird in den folgenden Beiträgen der Publikation der Frage der (Un-)Sicherheit nachgegangen.

In der ersten Arbeit des historischen Teils von Maximilian Miglanz werden die erstaunlich deutlich unterschiedlichen Altersbilder in den geografisch nah beieinander liegenden Stadtstaaten der Antike, Sparta und Athen, analysiert. Dabei wird aufgezeigt, dass aus den jeweils gültigen Sozial- und Rollenbeziehungen sowie Reproduktions(un)möglichkeiten positive oder negative Altersbilder resultieren und diese wiederum Sicherheiten oder negative Unsicherheiten in Bezug auf das Alter erzeugen. Der zweite Beitrag von Denny Wöhler zeigt vor allem die Wirkungsmacht der Wechselwirkung von Reproduktionsmöglichkeiten im Alter und einem positiven Altersbild im Römischen Reich auf. Bemerkenswert erscheint hier, dass in den positiven Altersbildern auch das gebrechliche Alter einen Platz hat. Im dritten Beitrag von Eva Lechner wird anhand der Erfindung der „Hexe“ einem spezifischen Altersbild von Frauen in der frühen Neuzeit nachgegangen. Dabei wird aufgezeigt, wie stark die mangelnden eigenständigen Reproduktionsmöglichkeiten vieler alter, alleinstehender Frauen in der prekären frühen Neuzeit zu einem negativen Altersbild führten mit der Funktion, die Gesellschaft durch die Ausgrenzung und Vernichtung dieser Frauen zu entlasten. In der letzten Arbeit des Kapitels stehen Männer in der Stadt und auf dem Land der Frühmoderne im Fokus. Arne Pinotek und Michael Voigt zeigen Altersbilder im Spiegel von Kunst, Literatur, Theater, Religion und Medizin auf. Auch sie können beschreiben und belegen, dass Sozial- und Rollenbeziehungen, vor allem aber sichere oder unsichere Reproduktionsmöglichkeiten im Alter, Altersbilder kreieren, die in der Folge Integration oder Ausgrenzung des Alters bewirken. Vertragliche Regelungen zur Sicherung der Reproduktion im Alter treten, so zeigen die Autoren, in dieser Zeit verstärkt auf.

Im nächsten Teil der Publikation über Gegenwartsperspektiven werden zunächst Altersbilder und ihre Wirkungen auf den Arbeitsmarkt von Sebastian Gläser analysiert. Sein Fazit ist, dass Ältere auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor mit dem Stereotyp des leistungsschwachen Arbeitnehmers assoziiert werden. Aus diesem Teufelskreis aus Schutz, Schwäche und potenzieller Ausgrenzung folgen Beschränkungen in der Sicht auf die Vielgestaltigkeit des mit den Jahren an Erfahrung wachsenden Arbeitnehmers. Dies hat tendenzielle Ausgrenzung und große Unsicherheiten für Ältere auf dem Arbeitsmarkt zur Folge. Anschließend geht Nadja Schmeißner den Wirkungen der gesetzlichen Rentenversicherung auf Altersbilder nach. Dabei beschreibt sie anhand vierer Phasen bezüglich der Rentenversicherungsentwicklung, dass Altersbilder durch politische Einflussnahme verändert werden (können). So wie die Aussagen des Beitrags von Sebastian Gläser zeigt auch dieser Beitrag anhand der Entwicklung des Rentenversicherungssystems, dass negative Altersbilder zugleich Produkt und Spiegel des Kontextes sind, in denen sie sichtbar werden. Mangelnde Reproduktionsmöglichkeiten Älterer stellen Unsicherheiten dar, die gefahrvoll für die Stellung des Alters sind.

Stephan Dathe richtet seinen Fokus im sechsten Beitrag auf Altersbilder in Altenpflegeheimen und damit auf Menschen, die einerseits durch regelhafte Abläufe einer Heimsituation sicher sind, andererseits gleichzeitig von großer Unsicherheit in Bezug auf ihren gesundheitlichen Zustand und im Wissen um das näher gerückte Lebensende geprägt sind. Zwei Altersbilder werden beschrieben, die parallel, durchaus widersprüchlich und zudem einander beschränkend wirken. Verdienstvoll ist dabei die Sichtbarmachung des Altersbildes Pflegbedürftigkeit als ein in den Machtstrukturen von Heimen verankertes. Abschließend wird in diesem Kapitel der Blick über die Grenzen Europas auf Japan als eine Gesellschaft des langen Lebens gerichtet. Oliver Buch, Oliver Calov und Dennis Naujoks zeigen, dass das Alter in der konfuzianischen Tradition eine bedeutende Stellung einnahm, verbunden mit einer weitreichenden Loyalität der Jüngeren gegenüber den Älteren. Diese Stellung wird im Japan der Gegenwart zunehmend durch die ungelösten Probleme eines Zuwachses der Anzahl alter Menschen in Situationen von Pflegebedürftigkeit gefährdet. Prekäre Lebenslagen alter Menschen führen zu Unsicherheiten am Lebensabend und münden in Japan zu einem erheblichen Anteil alter Menschen, die sich das Leben nehmen, um anderen, den jüngeren, nicht zur Last zu fallen.

In der Schlussbetrachtung benennt die Herausgeberin Helga Pelizäus-Hoffmeister das erreichte Ziel der Publikation als Dokumentation beeindruckender Ergebnisse der Studenten und Studentinnen zu einem aktuellen Thema aus einer bislang noch nicht eigenommenen Forschungsperspektive. Dabei wird die fruchtbare, partizipatorisch erbrachte Leistung der beteiligten Forscher und Forscherinnen skizziert und gewürdigt. Abschließend werden alle Beiträge auf die Forschungsperspektive hin betrachtet. Dabei kann zusammenfassend festgehalten werden, dass in allen Beiträgen ein Zusammenhang von Unsicherheit und negativ konnotierten Altersbildern sichtbar gemacht werden konnte.

Zielgruppen

Möglichst viele Interessierte, die gegenüber einem gut verständlich geschriebenen, facettenreichen, fundierten Einstieg in die umfänglichen Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Strukturen, Altersbildern und Unsicherheiten offen sind.

Fazit

Die Publikation mit der Frage nach dem ungewissen Lebensabend bietet Antworten und vielfältige Anregungen aus der Vergangenheit und der Gegenwart. Wechselwirkungen prekärer Lebenslagen im Alter, daraus erwachsender Unsicherheiten der Lebensphase Alter sowie der daraus resultierenden und zugleich diese widerspiegelnden Altersbilder werden gezeigt. Die lohnende Perspektive der Unsicherheit knüpft dabei an die mangelnde Imaginationsfähigkeit gegenüber dem Alter an. Denn in der Tat behält, wie Marcel Proust es vor mehr als hundert Jahren formulierte, der Mensch in seinem Leben vom Alter am längsten eine sehr abstrakte Vorstellung. Gleichwohl hält es ihn nicht davon ab, Vorstellungen über das Alter zu entwickeln. Die Publikation zeigt, die Studenten und Studentinnen haben sich dem ‚unbekannten Wesen‘ Alter bzw. den Bildern davon mittels Forschung gemeinsam mit anderen genähert und wurden dabei gut begleitet. Sie haben vielfältige Zusammenhänge aufgezeigt. Auch diese Sichtbarmachung ist ein Verdienst, vor allem im Hinblick auf die wachsende Anzahl alter Menschen in prekären Lebenslagen in Deutschland. Es ist sehr empfehlenswert, dieses Buch zu lesen, der Forschungsperspektive und -reise in unterschiedliche Zeiten und Ebenen zu folgen. Zu hoffen ist, dass es möglichst viele im Sinne einer positiven Lösung der Gestaltungsaufgabe Alter tun. Dabei muss es um realistische Altersbilder gehen, die auch das gebrechliche Alter inkludieren, statt es immer weiter auszugrenzen.

Rezension von
Barbara Eifert
Institut für Gerontologie an der TU Dortmund
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Es gibt 7 Rezensionen von Barbara Eifert.

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Zitiervorschlag
Barbara Eifert. Rezension vom 21.07.2014 zu: Helga Pelizäus-Hoffmeister (Hrsg.): Der ungewisse Lebensabend? Alter(n) und Altersbilder aus der Perspektive von (Un-) Sicherheit im historischen und kulturellen Vergleich. Springer VS (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-03136-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16433.php, Datum des Zugriffs 15.06.2024.


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