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Andreas Ströhl: Medientheorien kompakt

Cover Andreas Ströhl: Medientheorien kompakt. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2014. 250 Seiten. ISBN 978-3-8252-4123-0. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,00 sFr.
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Thema

Seit der wegweisenden Veröffentlichung von McLuhan durchzieht das Thema Medien und deren Theorien den wissenschaftlichen Diskurs vieler Disziplinen und auch im 21. Jahrhunderts bleiben sie das Metathema schlechthin. Um so erstaunlicher, dass es bisher keine verbindliche Theorie gibt, auf die sich die Diskussionen beziehen sondern ein Nebeneinander vieler verschiedener theoretischer Ansätze.

Im vorliegenden Buch versucht der Verfasser Andreas Ströhl einen Überblick über die Geschichte der wichtigsten Medientheorien zu geben und diese in einen Gesamtzusammenhang zu bringen.

Autor

Andreas Ströhl arbeitet als Leiter der Abteilung Kultur beim Goethe-Institut. Er unterrichtete Medientheorie an der Universität Innsbruck, leitete von 2004 bis 2011 das Filmfest München und promovierte 2009 über den Kommunikationsphilosophen und Medientheoretiker Vilém Flusser.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus drei großen Teilen.

  1. Nach einer umfangreichen Einleitung mit Begriffsbestimmungen und Einordnung der Medien zu verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen folgt
  2. im zweiten Teil ein ausführliche Geschichte der Medientheorien.
  3. Im dritten Teil steht dann die Gegenwart der Medientheorien im Fokus der Betrachtungen.

Zunächst verdeutlicht der Verfasser am Beispiel der alttestamentarischen Überreichung der 10 Gebote durch Moses an die Israeliten auf Tontafeln (S. 21ff.) anschaulich die Diskussion um die Begrifflichkeiten der Medientheorie im Kontext der Kommunikationstheorien, sein Fazit: Alles an dem Prozess der Übergabe der zehn Gebote kann aus dem Blickwinkel der Kommunikationstheorien Medium im Sinne von Vermittler sein.

Er wirft weiterhin einen Blick auf die „Verwirrenden Disziplinen“ (S.24) Medienwissenschaft, Medientheorie und Medienphilosophie und verdeutlicht deren Überschneidungen ebenso wie deren Unterschiedlichkeit mit einer anschaulichen Grafik (S. 28).

Es folgen in zwölf „Schlaglichtern“ wichtige Medientheorien der Menschheitsgeschichte.

Wie in der Darstellung der europäischen Geistesgeschichte nicht anders zu erwarten beginnt diese Aufzählung mit Platons Höhlengleichnis als einem frühen Beispiel der Ideengeschichte. Bemerkenswert, dass Platon als Schreibender die Schrift selbst als Medium kritisiert in ihrem Unvermögen den mündlichen Dialog mit all seinen Schattierungen wieder zu geben (S. 32).

Ströhl streift dann in der Darstellung der Nachfolge Platons kurz die Ideengebilde Kants und Hegels um sich dann ausführlicher mit den maßgeblichen Kommunikationstheoretikern des frühen 20. Jahrhundert Walter Benjamin und Bertold Brecht auseinander zu setzen. Beide ahnten in ihren frühen theoretischen Schriften schon angesichts der ersten Radiosendungen die ungeheuren Umwälzungen, die dieses drahtlose Medium mit sich bringen würde.

In seinem Kapitel über die modernen Medientheorien der Nachkriegszeit (S. 76ff) weist der Verfasser auf die damals entstehende und bis heute bestehende Dichotomie der Systemtheoretiker einerseits gegenüber den Anhängern eine Sender/Empfänger Theorie hin. Erst mit dem Entstehen von Medientheorien angesichts der sich rasant verändernden Medienwelt in der Nachkriegszeit kommt Marshall McLuhan zu seiner Kernaussage „Das Medium ist die Botschaft“ in der zum ersten Mal zum Ausdruck gebracht wird, dass die Wirkung der Medien selbst die eigentliche Nachricht sei und nicht der zu vermittelnde Inhalt (S. 94ff ).

In der marxistischen Medientheorie der Vertreter der Frankfurter Schule Adorno, Habermas und Horkheimer wird der soziale Mensch in den Mittelpunkt gestellt, der durch sein soziales Verhalten erst zum Mensch wird. Die Medientheorie ist insofern immer nur ein Teilaspekt, der den Gesetzen sozialen Handelns in einer kommunistisch/sozialistischen Gesellschaft unterliegt und insofern nie als eigenständige Theorie betrachtet wird, sondern nur als Teilaspekt einer Ideologie. Die Vertreter der Frankfurter Schule stehen insofern den Medien als Ware und als Werkzeug des Kapitals eher kritisch und kulturpessimistisch gegenüber.

In einem Ausflug zu Roland Barthes und Susan Sontag wird deren Bedeutung für die Entwicklung einer indexikalischen Kulturtechnik deutlich gemacht, eine Technik, die eine kausale Verbindung zwischen Zeichen und Referent beschreibt. Die konstruktivistische Medientheorie stellt dagegen die subjektive, deutende Funktion des Rezipienten in den Vordergrund.

Ausführlich stellt der Autor zum Ende seine Buchs die Medientheorie Vilém Flussers dar, deren wesentliches Merkmal die dialogischen Kanäle der Kommunikation sind, in der wir mit Hilfe von Codes die Art und Weise bestimmen,“ wie wir die Welt wahrzunehmen glauben und wie wir uns zu ihr verhalten„( S. 170).

In einem abschließenden Kapitel zur Gegenwart wird am Beispiel der Theorien von Virilio und Kittler das postmoderne Dilemma der Gleichzeitigkeit verschiedener philosophischer Betrachtungsweisen deutlich denen allerdings allen ein durchgängiger Kulturpessimismus zu eigen ist.

Zielgruppe

Aufgrund der Themenwahl und deren geschickter „kompakter“ Behandlung in Form von kurzen erklärenden Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels ist das Buch wirklich gut geeignet für alle an Medien(theorien) im weitesten Sinne interessierten Leser*innen; durchaus auch für solche ohne einschlägige Vorkenntnisse und deshalb auch für das Selbststudium zu empfehlen.

Fazit

Ein sehr gutes, didaktisch angelegtes Buch zum Thema Medientheorien, dessen Schwerpunkt und Stärke eindeutig in der Darstellung der Geschichte und Systematik der Medientheorien liegt. Zahlreiche Abbildungen illustrieren das Beschriebene sehr anschaulich. Eine hervorragende Veröffentlichung, die jedem medienaffinen Menschen zu empfehlen ist.


Rezensent
Prof. Dr. Hubert Minkenberg
Professor für Medienpädagogik/Musikpädagogik
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Hubert Minkenberg. Rezension vom 03.03.2016 zu: Andreas Ströhl: Medientheorien kompakt. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2014. ISBN 978-3-8252-4123-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16445.php, Datum des Zugriffs 28.05.2017.


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