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Eckart Hammer: Unterschätzt. Männer in der Angehörigenpflege

Cover Eckart Hammer: Unterschätzt. Männer in der Angehörigenpflege. Was sie leisten und welche Unterstützung sie brauchen. Kreuz Verlag (Stuttgart) 2014. 224 Seiten. ISBN 978-3-451-61265-7. D: 17,99 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Thema

Die Pflege ist weiblich, hört man oft. Dabei wird auf die expressiv-innerhäuslichen Komponenten der Frauenrolle und die traditionalen Trägerinnen der Schwesternrolle abgehoben. Durch die höhere Verbreitung der Alzheimer-Demenz bei Frauen

gelangen viele ältere Ehemänner in die Aufgabe, ihre Ehepartnerinnen innerhäuslich zu pflegen. Aber auch Söhne, Neffen und Enkel und sogar Schwiegersöhne kümmern sich um die hauswirtschaftliche und hygienische Versorgung alter Elternteile. So legt Eckart Hammer im Kreuzverlag eine qualitative Studie zur von Männern übernommenen und verantworteten häuslichen Pflege vor.

Autor

Professor Dr. phil. Eckart Hammer ist von Hause aus Diplom-Sozialpädagoge und lehrt an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigsburg Soziologie und Gerontologie.

Aufbau und Inhalt

Der Autor behandelt das Thema häuslicher Pflege durch Männer in sieben Kapiteln.

Männer als nichtprofessionell innerhäuslich Pflegende sind längst keine Ausnahme mehr. Rund ein Drittel der Hauptpflegepersonen dürften Männer sein, die Ehefrauen, Partnerinnen, Vätern, Müttern oder Schwiegereltern für den Hilfe- und Pflegebedarf beistehen. Zusammen mit den Männern als weiteren Pflegepersonen dürften sich in Deutschland rund 1,8 Millionen Männer hauspflegerisch betätigen.

In einer qualitativen Studie wurden mittels geführter Interviews von pflegenden Ehemännern, Partnern, Söhnen, Schwiegersöhnen, Neffen und Enkeln die fünf folgenden Typen pflegender Männer ermittelt:

  1. Der Solist,
  2. der überforderte Einzelkämpfer,
  3. der Care-Manager,
  4. der Kooperateur und
  5. der erschöpfte Kooperateur.

Motive für die Männerpflege können sein der Dank für zuvor von der zu Pflegenden empfangene Zuwendung, die Verpflichtung, in guten wie in schlechten Tagen zusammen zu halten, die Freude, ihre organisatorischen und manageriellen Fähigkeiten zum Tragen zu bringen und Religiosität. Die Übernahme einer angeblichen Frauenrolle stellt für die befragten pflegenden Männer kein Problem dar, sie behalten ihre Identität als Mann gleichwohl.

Belastungen bestehen für die innerhäusliche Pflege leistenden Männer in Informationsdefiziten, in der Verringerung ihrer Außenkontakte und in Perspektivlosigkeit.

An Grenzen stößt die häusliche Männer-Pflege bei zu starker Isolation des Pflegeduals aus Pflegendem und zu Pflegender. Hier ist deshalb rechtzeitig für einen Pflegemix durch Hinzunahme von hinzu tretenden Pflege Leistenden zu denken.

Für pflegende Männer ergeben sich an Notwendigkeiten voraus gehende Information, Standfestigkeit den sozialen Agenturen und Diensten gegenüber sowie der Rückgriff auf entlastende Pflegekräfte bzw. -personen für eine eventuelle Auszeit.

Bei der voraus sehbaren Zunahme der Zahl der Pflegebedürftigen auf wohl 4,5 Millionen Personen um die Jahrhundertmitte werden künftig vermehrt Kräfte aus dem Ausland sowie stärkere soziale Netze und harmonische Nachbarschaften erforderlich. Professionelle und familiale Pflege müssen ergänzt werden durch wahlverwandtschaftliche und ehrenamtliche Hilfen im Sinne eines Dritten Sektors. So oder so werden sich in die professionelle wie in die familiale Pflege mehr Männer engagieren müssen.

Diskussion

Eckart Hammer hat mit seinem Buch über die innerhäusliche Männer-Pflege eine Konstellation angesprochen, die quantitativ schon längst eine nennenswerte Verbreitung gefunden hat. Die Probleme mit Überforderung, informatorischen Defiziten, Isolation bis zur Gewaltneigung und Ausbrennen sind nicht unähnlich denen, denen sich innerhäuslich pflegende Frauen gegenüber sehen. Die vom Verfasser aufgezeigten Hilfen sind willkommen und verdienen weitere Verbreitung und Beachtung. Dass die Probleme mit Ekel und Verunsicherung bei der Intimpflege von Frauen durch Männer nicht größer und durch Gewöhnung lösbar sind, nimmt man gern zur Kenntnis.

Die innerhäusliche Pflege durch männliche Laien ist gar nicht so wenig thematisiert, wie der Autor annimmt. Sonst wäre in der Gerontologie das Thema Crossover mit dem Wachsen im Alter von expressiv-emotionalen und innerhäuslichen Fähigkeiten bei Männern und von instrumentell-handwerklichen und außerhäuslichen Aktivitäten bei Frauen nicht schon seit längerem angesprochen worden. Auch haben die MuG-Berichte (Möglichkeiten und Grenzen selbstständiger Lebensführung) schon seit längerem die Hilfe von Männern in der Pflege behandelt.

Der Rückgriff des Autors auf die unter seiner Regie geführten Interviews bringt es mit sich, dass viele sich wiederholende Gesprächsauszüge in das Buch einfließen. So erfährt man zu wiederholten Malen von der Abneigung Paul P´s von Angehörigengruppen, von der Motivation Ignatz I´s durch das dankbare Lächeln seiner dement-wortlosen Frau und davon, dass es den zuhause arbeitenden und seinen Vater pflegenden Versicherungsagenten Andreas A. tröstet, dass seine mit ihm telefonierenden Kunden nicht sehen, dass er seinem Vater gerade die Windel gewechselt hat. Die langen und sich wiederholenden Interview-Auszüge ermüden und hemmen den Lesefluss.

Fazit

Ein engagiertes, hilfreiches und in die Zukunft blickendes Buch zur häuslichen Laienpflege durch Männer hat Eckart Hammer mit „Unterschätzt: Männer in der Angehörigenpflege“ vorgelegt.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 05.02.2014 zu: Eckart Hammer: Unterschätzt. Männer in der Angehörigenpflege. Was sie leisten und welche Unterstützung sie brauchen. Kreuz Verlag (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-451-61265-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16446.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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