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Silvia Staub-Bernasconi: Soziale Arbeit und Menschenrechte

Cover Silvia Staub-Bernasconi: Soziale Arbeit und Menschenrechte. Vom beruflichen Doppelmandat zum professionellen Tripelmandat. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. 230 Seiten. ISBN 978-3-8474-0166-7. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.

Reihe: Soziale Arbeit und Menschenrechte - 1.
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Thema

Silvia Staub-Bernasconi hat mit ihrem Paradigma, Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession zu denken, innerhalb der Disziplin einen ungeheuren Widerhall erzeugt. Heute gehören Menschenrechtsfragen flächendeckend zum Curriculum. Der vorliegende Band stellt den Auftaktband einer Reihe dar, die programmatisch diesem Disziplinverständnis verpflichtet ist. Den akademischen Gepflogenheiten entsprechend, gebührt der erste Band der Reihenherausgeberin selbst.

Autorin

Die diplomierte Sozialarbeiterin, mittlerweile emeritiert, hat als Professorin an der Technischen Universität Berlin gelehrt. Sie ist ferner Titularprofessorin an der Universität Freiburg i. Ue. Forschungs- und Lehrschwerpunkte der Autorin, die unter anderem an der Universität Trier, der Wirtschaftsuniversität Wien und der Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften gearbeitet hat, sind Theorien Sozialer Arbeit, Soziale Arbeit mit Gruppen, Gemeinwesen- und Internationale Arbeit in einer globalisierten Welt.

Entstehungshintergrund

Im Hintergrund der neuen Reihe „Soziale Arbeit und Menschenrechte“ steht der Berliner Masterstudiengang „Soziale Arbeit als eine Menschenrechtsprofession“ an der Alice-Salomon-Hochschule, den die Autorin konzipiert und geleitet hat. 2016 wurde dieser überführt in einen Internationalen Masterstudiengang unter dem Titel „Social Work as a Human Rights Profession“.

An den Projektberichten, die in den Band integriert wurden, haben mitgeschrieben:

  • Sabine Stövesand (University for Applied Sciences Hamburg) für das Projekt „StoP! Stadtteile ohne Partnergewalt“,
  • Nicolas Grießmeier (Hochschule für angewandte Wissenschaften München sowie Sozialreferat der Landeshauptstadt München) für die Arbeitskreise kritischer Sozialer Arbeit,
  • Stéphane Beuchat (Berufsverband Soziale Arbeit Schweiz) für „Das Berner Sozialhilfegesetz in der Kritik des Schweizerischen Berufsverbandes AvenirSocial“,
  • Bruno Keel (Universität Freiburg) für die Kampagne „Pro Sozialcharta“ von AvenirSocial sowie
  • Ingo Stamm (University of Jyvaskyla) als Mitarbeiter und Koordinator des UNO-Parallelberichts der NGO-Allianz zum 5. Staatenbericht Deutschlands.

Aufbau

Der Band gliedert sich in zehn Kapitel, denen eine Einleitung der Autorin vorangestellt ist:

  1. Im ersten Kapitel geht es – in disziplinhistorischer Perspektive – um Wegbereiter und Wegbereiterinnen, die sich um die Implementierung der Menschenrechtsidee in die Theorie und Praxis Sozialer Arbeit verdient gemacht haben.
  2. Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession zu denken, erweitert das traditionelle Doppelmandat der Disziplin zu einem Tripelmandat, wie Kapitel 2 erläutert.
  3. Das dritte Kapitel setzt sich kritisch mit dem Einwand auseinander, die Menschenrechte seien ein „Produkt des Westens“ und damit von vornherein kolonial vorbelastet.
  4. Das vierte Kapitel diskutiert verschiedene Begründungen der Menschenwürde.
  5. Im fünften Kapitel wird, ausgehend vom ursprünglichen Verständnis der Disziplin als Armenfürsorge, aufgezeigt, welche Konsequenzen sich aus der Menschenwürdeidee für die Praxis Sozialer Arbeit ergeben.
  6. Das sechste Kapitel diskutiert Zivilcourage und zivilen Ungehorsam als neue politische Handlungsformen innerhalb der Sozialen Arbeit.
  7. Die Überlegungen setzen sich im siebten Kapitel fort, indem das Spannungsfeld von Legalität, Legitimität, Finanzialisierung und Managerialismus vermessen wird.
  8. Im achten Kapitel werden aus bedürfnisorientierter Sicht Bedeutung und Gehalt der Sozialrechte für die Gesellschaftsgestaltung erörtert.
  9. Daraus folgende Konsequenzen werden im anschließenden, neunten Kapitel am Beispiel Armut exemplarisch aufgezeigt.
  10. Schließlich werden im Schlusskapitel – dem zehnten Kapitel – in Form eines Ausblicks die Chancen, ein übergreifendes Recht auf Menschenrechte zu garantieren, diskutiert.

Die Kapitel schließen in der Regel mit einer zusammenfassenden, überblicksartigen, summarischen oder tabellarischen Zusammenschau der wichtigsten Erkenntnisse zur behandelten Thematik.

Inhalt

1. Wegbereiterinnen und Wegbereiter der Menschenrechtsidee in Theorie und Praxis. Silvia Staub-Bernasconi beginnt ihre Überlegungen mit einer Erinnerung an Jane Addams, die sich Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in Chicago gegen den Handel mit Prostituierten engagierte. Es folgen weitere Beispiele aus unterschiedlichen Ländern, zum Beispiel die „Black Power Bewegung“ in den USA; Eglantyne Jebb aus England, welche 1924 die erste Kinderrechtscharta formulierte; der polnische Arzt und Reformpädagoge Janusz Korczak; Sattareh Farman-Farmaian, die Begründerin der Sozialen Arbeit im Iran, oder aus Deutschland Gertrud Luckner, Marianne Haping, Dorothea Schneider und Käte Rosenheim, die sich einer Vereinnahmung der Disziplin durch den Nationalsozialismus zu widersetzen versuchten. Die Darstellung arbeitet mit Textfragmenten der vorgestellten Persönlichkeiten und einzelnen historischen Schlaglichtern, vor allem im Blick auf die Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz seit den Vierzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts.

2. Vom beruflichen Doppel- zum professionellen Tripelmandat. Die Autorin greift an dieser Stelle auf bekannte Vorarbeiten aus eigener Feder zurück, die bereits an anderer Stelle publiziert wurden. Das bekannte Doppelmandat der Sozialen Arbeit gegenüber den Klienten und Klientinnen auf der einen sowie der Gesellschaft auf der anderen Seite wird im Rahmen eines kompetenzorientierten, kooperativen Professionsverständnisses der Disziplin erweitert: Gemeint ist ein eigenständiger Ethikkodex, dem sich die Disziplin verpflichtet fühlt. Ein solcher kann verhindern, dass die Soziale Arbeit allein abhängig wird von externen Aufträgen; ausdrücklich spricht die Autorin von der Möglichkeit selbstdefinierter Aufträge, die so möglich werden. Staub-Bernasconi beruft sich bei ihren Überlegungen auf den Ansatz Kritischer Sozialer Arbeit; zugleich plädiert sie dafür, diesen im Blick auf die Bedingungen einer Weltgesellschaft zu erweitern.

3. Die Menschenrechte als Produkt des Westens – Ein sorgfältig gepflegtes Vorurteil. Für die Autorin lassen sich die Menschenrechte keinesfalls allein auf westliches Denken zurückführen. In ihnen seien Einflüsse aus unterschiedlichen Weltregionen zusammengeflossen, wie sie verdeutlicht – exemplarisch genannt werden von ihr chinesische, afrikanische oder interreligiöse Einflüsse. Die Verfasserin verbindet ihre Auseinandersetzung mit dem Vorwurf des Kulturimperialismus innerhalb der Menschenrechtsentwicklung exkursartig mit weitergehenden Überlegungen zum Verhältnis von Universalismus und Partikularismus innerhalb der Menschenrechtsdebatte.

4. Menschenwürde und ihre Begründungen. Definitionen der Menschenwürde müssen sich für Staub-Bernasconi an drei Kriterien messen lassen: dem Anspruch auf Universalität (vs. kontextgebundenen Vorstellungen), dem Recht auf Selbstverständigung und Selbstbestimmung (vs. Fremdbestimmung) sowie ihrer Bedingungslosigkeit (vs. der Verknüpfung mit Pflichten). Ausgehend von diesem Maßstab, zeigt die Autorin auf, dass die Menschenwürde als eine „weltweit verbreitete, sowohl kontextbezogene als auch kontexttranszendierende, menschheitsumspannende Idee“ (S. 133) verstanden werden kann. Als Belege werden Beispiele aus dem Islam, dem vorkolonialen Afrika, dem Konfuzianismus oder dem Hinduismus angeführt. Anschließend werden europäische Menschenwürdekonzeptionen, z.B. naturrechtlicher, antiker oder sozialistischer Art, einer kritischen Würdigung unterzogen. Einen Vorrang gegenüber den zuvor dargestellten nichtwestlichen Traditionen will die Autorin nicht erkennen.

5. Menschenwürde muss erfahrbar sein! Das Kapitel geht von einer Definition der Vulnerabilität des Menschen aus und diskutiert dann Verletzungen der Menschenwürde anhand historischer und aktueller Fälle (z.B. Sklaverei anhand des Buches „Onkel Toms Hütte“ oder UN-Verbot des sogenannten „Zwergenwerfens“). Schließlich werden die Überlegungen – wiederum anhand exemplarischer Beispiele – auf die Ebene des beruflich-professionellen Handelns im Rahmen von Fürsorgebeziehungen übertragen (z.B. Gewalt in Intensivwohngruppen, Mitwirkungspflichten in Jobcentern). Diskutiert werden auch Dilemmasituationen, etwa wenn Eltern aus religiösen Gründen Bluttransfusionen für ihre Kinder in Lebensgefahr ablehnen. Am Ende des Kapitels wird das Forschungs- und Bildungsprojekt „Lone Mothers“ aus Costa Rica vorgestellt.

6. „Learning from the Streets“. Das Folgekapitel diskutiert ein Recht auf zivilen Ungehorsam, wobei zunächst einmal die Unterschiede zur Zivilcourage/zum zivilen Mut und zum Widerstandsrecht angesprochen werden. Auch hier erfolgt die Diskussion zunächst anhand historischer Beispiele (z.B. Mahatma Gandhi oder Martin Luther King). Die Betrachtungen münden in eine rechtsethische Auseinandersetzung, ob es so etwas wie ein Recht auf zivilen Ungehorsam geben kann; die Kontroverse wird anhand von vier Positionen – Josef Isensee, Hannah Arendt, Jürgen Habermas und John Rawls – diskutiert. Die Verfasserin kommt zum Schluss, dass ein solches Recht auch in demokratisch-rechtsstaatlichen Kontexten mit grundsätzlich bestehenden Rechtsgarantien notwendig sein könne, insofern auch demokratische Abstimmungen menschenrechtsfeindliche Wirkungen haben könnten.

7. Zivilcourage und Ziviler Ungehorsam in der Sozialen Arbeit im Spannungsfeld zwischen Legalität, Legitimität. Die Warnung vor einem Rechtspositivismus setzt sich auch im Folgekapitel fort, das zunächst mit der notwendigen Unterscheidung zwischen Legalität und Legitimität einsetzt. Die Verfasserin plädiert für ein Verständnis kritischer Sozialer Arbeit, welches das professionelle Mandat der Disziplin immer auch gegenüber den eigenen Trägern einklagt; das Kapitel benennt dies als Zivilcourage am Arbeitsplatz. Vorgestellt werden am Ende verschiedene Projekte, die diesem Verständnis der eigenen Profession folgen und auf diese Weise Zivilcourage im öffentlich-politischen Bereich praktizieren wollen.

8. Menschliche Bedürfnisse – Sozialrechte – und die Kriterien einer sozial gerechten Gesellschaft. Das achte Kapitel verbindet die Perspektive der – mit Ende des Ost-West-Gegensatzes gestärkten – Sozialrechte mit einem bedürfnisorientierten Ansatz Sozialer Arbeit. Dabei setzt sich die Autorin auch mit der Kritik am Bedürfniskonzept auseinander. Am Ende des Kapitels wird die „Realutopie“ einer sozial gerechten Gesellschaft entworfen. Verstanden wird darunter eine Gesellschaft, in der intern alle Mitglieder ihre Bedürfnisse befriedigen können und die extern andere Gesellschaften nicht daran hindert, diesen Zustand gleichfalls zu realisieren. Die Verfasserin bezieht sich bei ihren Überlegungen auf die Gerechtigkeitstheorien von John Rawls und Mario Bunge.

9. Armut. Die vorstehenden Überlegungen werden am Beispiel Armut konkretisiert, von der Autorin als ein Diskriminierungstatbestand gewertet. Diskutiert werden die Möglichkeiten Sozialer Arbeit, die Verwirklichung der Wirtschaftlichen, Sozialen und Kulturellen Rechte im Rahmen von Armutskontexten voranzutreiben.

10. Das Recht auf Menschenrechte. Das Schlusskapitel rekurriert auf die nach dem Zweiten Weltkrieg formulierte Einsicht, das grundlegendste aller Rechte sei das Recht, überhaupt Rechte zu haben. Gemeint ist die Zugehörigkeit zu einer Rechtsgemeinschaft, aber – wie die Verfasserin verdeutlicht – müssten auch Möglichkeiten bestehen, die eigenen Rechte effektiv nutzen zu können: Denn Recht zu haben und Recht zu bekommen, ist noch nicht unbedingt dasselbe. Eine Möglichkeit, den effektiven Zugang zum rechtlichen Leben zu sichern, sind Ombudsstellen. Am Beispiel der Schweiz wird diskutiert, inwiefern auch angesichts dieses Instruments bestehende Hindernisse beim Rechtszugang wirksam sein können. Welche weitergehenden Möglichkeiten die Soziale Arbeit in dieser Hinsicht anbieten kann, wird am Beispiel der internationalen Bewegung ATD vierte Welt und der Arbeit mit Flüchtlingen diskutiert. Die Verfasserin will an diesen Beispielen aufzeigen, welche Möglichkeiten die Disziplin besitzt, die Instrumente des internationalen Menschenrechtsregimes zu nutzen.

Diskussion

Die Soziale Arbeit gehört zu jenen Berufen, die nichts herstellen, sondern in Form personenbezogener Dienstleistung soziale Unterstützung bieten (dabei kann an dieser Stelle offen bleiben, ob es sich in diesem Fall um eine echte oder Semiprofession handelt). Professionen zeichnen sich durch eigene Fachlichkeit, eine wissenschaftliche Grundlage und eine besondere Verantwortung gegenüber Staat und Gesellschaft aus. Im Qualifikationsrahmen Soziale Arbeit, der 2008 vom Fachbereichstag Soziale Arbeit verabschiedet wurde, finden sich immer wieder Hinweise auf genuine berufsethische Kompetenzen, die beruflich notwendig seien. Beispielsweise sollten Absolventen eines Bachelor in diesem Fach die Fähigkeit besitzen, „unter Berücksichtigung professioneller und ethischer Standards sowie der beruflichen Rolle, Lösungsstrategien zu entwickeln und zu vertreten“.

Für eine eigenständige Berufsethik ist es nicht allein wichtig, eine „Ethik des Handelns“ auszubilden, also die Ziele und Strategien des professionellen Handelns beispielsweise menschenrechtstheoretisch auszuweisen. Vielmehr bedarf es auch einer „Ethik des Denkens und der wissenschaftlichen Theoriebildung“. Die Schweizer Wissenschaftlerin Silvia Staub-Bernasconi hat ausgeführt, was dies für die Soziale Arbeit bedeutet, indem sie der Disziplin konsequent den Charakter einer Menschenrechtsprofession gegeben hat.

Ohne eine solche „Ethik des Denkens“ besteht die Gefahr der Moralisierung: Die Ansprüche und Instrumente einer „moralischen Profession“ müssen immer wieder der ethischen Kritik ausgesetzt und auf ihre Lebensdienlichkeit hin befragt werden, so Andreas Lob-Hüdepohl und Walter Lesch in dem von ihnen herausgegebenen Handbuch „Ethik der Sozialen Arbeit“: „[D]ie Kritik an einer Sozialen Arbeit, die mit moralisierenden Instrumenten ihr ‚Klientel‘ diszipliniert und beherrscht, ist immer schon eine Kritik an einer (konkreten) Moral im Namen einer (übergeordneten) Moral – etwa einer Moral, die die Achtung vor der unverletzbaren Würde und Integrität eines jeden Menschen fordert und deshalb […] moralische Diskreditierung und Stigmatisierung kritisiert.“

Dabei bleibt es notwendig, selbstkritisch auch die Grenzen des eigenen professionellen Handelns im Blick zu behalten, damit sich die guten Absichten nicht doch in Moralisierung, Bevormundung oder Kontrolle verkehren. So können Maßnahmen sozialer Intervention doch erheblich in die Privatsphäre des Einzelnen eingreifen.

Staub-Bernasconi spricht nicht mehr vom Doppel-, sondern von einem Tripelmandat Sozialer Arbeit. Eine Profession trage nicht allein auf der einen Seite Verantwortung für die Klienten, die Adressaten der eigenen Arbeit, sowie auf der anderen Seite für die Gesellschaft, repräsentiert durch die Träger. Das darüber hinausgehende dritte Mandat weist zwei Teildimensionen auf: wissenschaftsbasierte Interventionen in Bezug auf Veränderungen auf der sozialen Mikro-, Meso- und Makroebene einerseits und einen Ethikkodex, der die Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit als normative Leitideen enthält. Eine eigenständige Professions- und Berufsethik ist um der Wissenschaftlichkeit der Disziplin willen notwendig. Eine solche ermöglicht es, bestehende Hypothesen oder alltagstheoretische Annahmen, die im eigenen Disziplinkontext wirksam sind, zu überprüfen. Ferner kann wissenschaftsbasiert formuliert werden, in welche Richtung sich die handlungs- und gesellschaftstheoretisch begründeten Leitlinien der eigenen Disziplin weiterentwickeln sollten.

In der Formulierung einer solchen Ethik der wissenschaftlichen Theoriebildung liegt der Gewinn des vorliegenden Ansatzes, Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession zu denken, und der mit dem Band in ausformulierter Form vorliegt. Dabei gelingt es der Autorin, einerseits zu verdeutlichen, aus welchen Theorien ihr Ansatz schöpft (etwa im Blick auf die herangezogenen Gerechtigkeitstheorien), und andererseits, ihre Überlegungen anhand konkreter Anwendungsfelder exemplarisch zu veranschaulichen.

Ein eigener Ethikkodex ermöglicht der Profession die kritische Reflexion vorgegebener Gesetzes-, Wert- und Moralvorgaben – und zwar in der notwendigen Freiheit sowohl gegenüber gesellschaftlichen und staatlichen Vorgaben, aber auch in der gebotenen Distanz zu Zeitströmungen innerhalb der eigenen Profession oder gegenüber bestimmten Zumutungen seitens der Träger und Adressaten.

Und vor diesem Hintergrund sind dann auch kritische Einwände zu formulieren: Die Verfasserin macht ein kritisches Verständnis Sozialer Arbeit stark. Zu kurz kommt allerdings der selbstkritische Blick auf die eigene Disziplin. Denn Soziale Arbeit ist nicht allein ein starker Anwalt für die Verwirklichung der Menschenrechte, insbesondere der Sozialrechte – sei es auf der professions-, organisations-, system- oder gesellschaftsethischen Ebene. Soziale Dienstleistungen, insbesondere in stark eingeschränkten oder depravierten Lebenssituationen, berühren zumeist den innersten Kernbereich einer Persönlichkeit. Die Disziplin steht daher immer auch in Gefahr, die Menschenrechte der eigenen Klientel einzuschränken, etwa durch paternalistische Übergriffe, Eingriffe in die Privatsphäre oder eine bevormundende Versorgungsmentalität. Diese Gefahren werden noch dort verstärkt, wo die Balance zwischen Sozial- und Abwehrrechten im Rahmen eines holistischen Menschenrechtsverständnisses verloren geht und erstere deutlich überbetont werden – eine Gefahr, die angesichts eines bedürfnisorientierten oder kritischen Selbstverständnisses der Disziplin keinesfalls fernliegt. Wer die Menschenrechte als ethische Leitlinie des eigenen professionellen Handelns in Anschlag bringt, sollte dies nicht übersehen. Erst Recht hätte man sich aber ein kritisches Wort zum durchaus zwiespältigen Erbe Winnie Mandelas gewünscht, die von der Verfasserin als eine Wegbereiterin ihres Ansatzes in Anspruch genommen wird.

Der Band verfolgt das Ziel, die Menschenrechte als Ausdruck eines globalen Ethos herauszuarbeiten, das aus unterschiedlichen kulturellen Wurzeln schöpft. Wo die Menschenrechte vor einer kulturalistischen Verengung bewahrt werden, ist dem zuzustimmen. Gleichzeitig werden die Menschenrechte im vorliegenden Band aber politisch verengt, indem sie vorrangig als Instrument einer breit angelegten Gesellschaftsreform gelesen werden. Die Menschenrechte verlieren den notwendigen moralischen Grundkonsens als Basis ihrer Glaubwürdigkeit, wenn sie für weitreichende partikulare Forderungen einzelner Initiativen, Lobbygruppen oder Parteien in Anspruch genommen werden. Nicht alle Gerechtigkeitsfragen, schon gar nicht alle Ordnungsfragen der Sozialpolitik sind schon menschenrechtsrelevant. Um die Verwirklichung des Gemeinwohls muss immer wieder von neuem gerungen werden. Insofern bleibt die Reflexion über die Gestaltung der gesellschaftlichen Strukturen eine beständige Aufgabe. Dies gilt auch für die notwendige Auslegung der Menschenrechte, die zwar säkulares, vorpositives Recht sind, aber interpretiert und politisch angewandt werden müssen. Die Utopie hingegen, eine „gerechte“ Gesellschaft, wie immer man sich diese auch vorstellen wollte, als Endzustand zu verwirklichen, muss letztlich totalitär werden – denn dann wäre soziale Weiterentwicklung gar nicht mehr denkbar.

Die Menschenrechte qualifizieren staatliches Handeln und begrenzen das Gewaltmonopol des Staates. Zugleich bedürfen sie aber um ihrer Wirksamkeit willen einer staatlich garantierten Rechtsordnung. Die Menschenrechte ersetzen nicht den politischen Diskurs, sondern sichern als Freiheitsrechte gerade die hierfür unabdingbaren Voraussetzungen. Dem Staat verbleibt ein sozialstaatlicher Gestaltungsraum, über dessen Ausgestaltung im Rahmen der gesellschaftlichen Öffentlichkeit fair und plural gestritten werden muss. Ziviler Ungehorsam oder gar ein Widerstandsrecht bleiben ultima ratio und sind keine Instrumente der sozialpolitischen Aushandlung.

Soll Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession weitergedacht werden, wird künftig verstärkt der blinde Fleck dieses Theorieansatzes auszuleuchten sein.

Fazit

Der Band bietet eine umfassende, mit konkreten Beispielen versehene Einführung in Staub-Bernasconis Ansatz, Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession zu denken. Anfragen bleiben hinsichtlich des Menschenrechtsverständnisses, das die Autorin ihrer Ausarbeitung zugrunde legt.


Rezensent
Dr. theol. Dipl.-Päd. Axel Bernd Kunze
Privatdozent am Bonner Zentrum für Lehrerbildung (BZL) der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Homepage www.axel-bernd-kunze.de
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Zitiervorschlag
Axel Bernd Kunze. Rezension vom 04.09.2019 zu: Silvia Staub-Bernasconi: Soziale Arbeit und Menschenrechte. Vom beruflichen Doppelmandat zum professionellen Tripelmandat. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. ISBN 978-3-8474-0166-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16449.php, Datum des Zugriffs 06.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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