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Bernhard Rathmayr: Armut und Fürsorge (Geschichte der Sozialen Arbeit )

Cover Bernhard Rathmayr: Armut und Fürsorge. Einführung in die Geschichte der Sozialen Arbeit von der Antike bis zur Gegenwart. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. 280 Seiten. ISBN 978-3-8474-0161-2. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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In dem vorliegenden Buch beschreibt der Autor Bernhard Rathmayr detailliert und anschaulich die historische Entwicklung von Armut und sozialer Ausgrenzung und die damit zusammenhängende Geschichte der Entstehung von Formen sozialer Hilfe und der Ausbildung von Fürsorgesystemen. Dabei nimmt die Herausbildung der Sozialen Arbeit als Profession eine bedeutende Rolle ein.

Die Veröffentlichung ist durch eine hohe Dichte an spezifischen Informationen zur Geschichte von Armut und deren Bewältigung und Bekämpfung gekennzeichnet. Besonders hervorzuheben ist, dass dem Leser durch Zitate, Aussprüche oder zeitgemäße Schilderungen verschiedener Akteure, der Zugang zur Lebenssituation der armen und ausgegrenzten Bevölkerung und dem Umgang mit deren Notlage in der entsprechenden Epoche sehr gut ermöglicht wird. Diese sind in den Text passend integriert und durch eingerückte Abschnitte erkennbar. Darüber hinaus arbeitet der Autor mit Bildern, Fotos und Ausschnitten, beispielsweise aus Gesetzesblättern, um den geschilderten Entwicklungen auch anschaulich Ausdruck zu verleihen. Die Verwendung von Kurzzusammenfassungen nach jedem Kapitel wäre wünschenswert gewesen, da hier prägnant die wesentlichsten Analyseergebnisse der Ausführungen dargestellt werden könnten.

Inhaltlich widmet sich der Verfasser des Buches in jedem Kapitel – mal mehr oder weniger intensiv – mit dem Verständnis und der Wahrnehmung von Armut und Benachteiligung sowie Möglichkeiten und Grenzen der Armutsbekämpfung im jeweiligen Zeitalter. Dies geschieht stets vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen des entsprechenden zeitlichen Abschnittes. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass sich die Ausführungen zur gesellschaftlichen Bewertung der Arbeit, welche den Umgang mit Armut bestimmt und beeinflusst, wie ein roter Faden durch die Veröffentlichung ziehen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält insgesamt neun Kapitel.

Die Ausführungen in Kapitel 1 bis 4 dienen der ausführlichen deskriptiven Darstellung der Begriffsbestimmung, des Ausmaßes, der Ursachen und der Folgen von Armut und sozialer Deprivation in der europäischen Antike (Kapitel 1), im Mittelalter und in der frühen Neuzeit (Kapitel 2 und 3) sowie im Kontext der industriellen Revolution und in der Zeit des 1. Weltkriegs (Kapitel 4). Aus diesen unterschiedlichen Sichtweisen resultieren entsprechende Umgangsformen mit sozialer Not, die der Verfasser konkret und eingehend erläutert.

Im Kapitel 5 widmet sich der Autor der Fürsorge als Beruf und schildert die Ursachen für die Entstehung der Sozialen Arbeit als Profession. Dabei betrachtet er das Spannungsfeld zwischen Sozialer Arbeit und Geschlecht besonders genau.

Daran anknüpfend beschäftigt sich das Kapitel 6 hauptsächlich mit der Frage, ob und wie die Grundprinzipien und das Selbstverständnis der Sozialen Arbeit Anschlussmöglichkeiten für die Rassenideologie in der NS-Diktatur zur Verfügung stellt und warum es möglich werden konnte, dass den Forderungen der Rassenhygieniker keine breite Ablehnung und Widerstände entgegengebracht wurden.

In den Kapiteln 7 und 8 wird die Rolle der Sozialen Arbeit vor dem Hintergrund der Entwicklung der sozialpolitischen Sicherungssysteme in der Nachkriegszeit und in der Gegenwart im Vergleich zu den Ausführungen in den vorangegangenen zeitlichen Abschnitten relativ kurz erörtert. Besonderes Kennzeichen der beiden Kapitel ist die vergleichende wohlfahrtsstaatliche Betrachtung der Länder Österreich und Deutschland.

Kapitel 9 bildet den Abschluss des Buches und beinhaltet zwei Beispiele zur Regionalgeschichte der Sozialen Arbeit in Österreich, dem Herkunftsland des Autors. Das erste Beispiel setzt sich intensiv mit den Armutsverhältnissen und der Armutspolitik in Stadt und Land Salzburg auseinander, das zweite Beispiel widmet sich detailliert den Armutsverhältnissen, der Armenpolitik und der Psychiatrie in Tirol und Südtirol.

Fazit

Insgesamt bietet das Werk – komprimiert und überblickartig – umfassende und ausführliche Informationen und Hintergründe, die für das Verständnis von Armut, für die Ausbildung von sozialer Ausgrenzung und Benachteiligung und für die Bewältigung jener im Verlauf der Historie von außerordentlicher Bedeutung sind. Daher eignet es sich besonders zur Ergänzung und Unterstützung für die Darstellung und die Auseinandersetzung mit Ausgrenzungsprozessen und der Entwicklung und dem Wandel von Fürsorgesystemen in der jeweils interessierenden historischen Epoche.


Rezension von
Prof. Dr. Isolde Heintze
Professur für Sozialpolitik und Soziale Arbeit an der Hochschule Mittweida, Fakultät Soziale Arbeit
Homepage www.sw.hs-mittweida.de/professuren.html
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Zitiervorschlag
Isolde Heintze. Rezension vom 05.05.2015 zu: Bernhard Rathmayr: Armut und Fürsorge. Einführung in die Geschichte der Sozialen Arbeit von der Antike bis zur Gegenwart. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. ISBN 978-3-8474-0161-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16450.php, Datum des Zugriffs 02.07.2020.


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