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Michaela Köttig, Stefan Borrmann u.a. (Hrsg.): Soziale Wirklichkeiten in der Sozialen Arbeit

Rezensiert von Julia Wege, Prof. Dr. Martin Albert, 24.10.2014

Cover Michaela Köttig, Stefan Borrmann u.a. (Hrsg.): Soziale Wirklichkeiten in der Sozialen Arbeit ISBN 978-3-8474-0148-3

Michaela Köttig, Stefan Borrmann, Herbert Effinger, Silke Birgitta Gahleitner, Björn Kraus, Sabine Stövesand (Hrsg.): Soziale Wirklichkeiten in der Sozialen Arbeit. Wahrnehmen – analysieren – intervenieren. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. 280 Seiten. ISBN 978-3-8474-0148-3. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
Reihe: Theorie, Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit - 9
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Zielsetzung und Thema

In der Reihe „Theorie, Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit“ versucht die „Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit“ (DGSA) einen umfassenden Einblick in die Vielfalt der Forschungskontexte, Theoriediskurse und Handlungsfelder im Bereich Sozialer Arbeit zu geben. Mit dem nun vorliegenden Band sollen die Zugänge zu sozialen Wirklichkeiten auf dem Hintergrund von Analyse und Beschreibung sozialer Wirklichkeiten aufgezeigt werden. Als Orientierung dient die klassische Herangehensweise „Wahrnehmen, Analysieren und Intervenieren“ im Kontext der Sozialen Arbeit. Hierzu werden eine Vielzahl von methodischen, praktischen und auch wissenschaftlichen Ansätzen und Untersuchungen im Feld der Sozialen Arbeit vorgestellt.

Die große Spannbreite bezieht sowohl die Beratung mit Individuen als auch die komplexe Arbeit mit Gruppen, Gemeinwesen und sozialen Systemen mit ein. Zwar gibt es ein großes Erfahrungswissen innerhalb der Sozialen Arbeit und es ist ein hohes Ausmaß an praxisorientierter Kompetenz vorhanden, wie soziale Probleme zu lösen sind. Dies soll aber nicht auf die bestehenden wissenschaftlichen Defizite hinwegtäuschen. Das enorme Erfahrungswissen wird in der Regel nur selten dokumentiert und aufgearbeitet. Es fehlt somit oft die Analyse und die darauf aufbauende Planung zur Gestaltung sozialer Prozesse. Damit wird einer der Kritikpunkte der praxisorientierten Sozialen Arbeit klar benannt: Viele Erkenntnisse bleiben unausgewertet, unverstanden und unveröffentlicht. In gewisser Weise werden die Erkenntnisse unsichtbar und sind damit auch nicht der Fachöffentlichkeit bekannt. Selbst fundierte praktische und anerkannte methodische Handlungsansätze sind oftmals weder theoretisch begründet noch empirisch untersucht.

Der Band versteht sich somit als ein Beitrag die Vielfalt dieses Feldes darzustellen und insbesondere jüngeren WissenschaftlerInnen Anregungen und Ideen zu geben, wie diese Defizite erkannt und analysiert werden können. Dadurch sollen Erklärungsansätze für soziale Probleme weiterentwickelt werden, um passgenaue Lösungen zu finden.

Aufbau und Inhalt

Der Band gliedert sich in seiner Systematik in insgesamt fünf Kapiteln und umfasst 21 Einzelbeiträge, die im Folgenden bis auf wenige Ausnahmen vorgestellt werden.

Im ersten Kapitel wird versucht sich dem Thema Soziale Wirklichkeiten in der Sozialen Arbeit anzunähern. Michaela Köttig verweist in ihrer Einleitung, dass Soziale Arbeit eine zentrale Vermittlungsfunktion zwischen den gesellschaftlichen Wertvorstellungen und den Lebenslagen der Individuen innehat. In dem Beitrag „Wahrnehmen, Analysieren, Intervenieren. Zugänge zu sozialen Wirklichkeiten – eine Annäherung“ von Ingrid Miethe werden die Handlungsabläufe sozialarbeiterischer Intension, welche sowohl in der Praxis als auch in der Forschung von zentraler Bedeutung sind, dargestellt. Diese Abläufe gliedern sich in Wahrnehmung, Analyse und Intervention. Die Wahrnehmungen sind subjektiv und oft von Faktoren abhängig wie z.B. Interpretationen, (biographischen) Vorerfahrungen oder der gesellschaftlichen Perspektive. Für die Praxis und Forschung hat dies zur Folge, in einem hohen Maße die eigene Wahrnehmung ständig zu reflektieren, um nicht voreilig (falsche) Handlungsstrategien zu entwickeln. Die Grundlage jeglicher professionellen Sozialen Arbeit bildet die wissenschaftliche Analyse und das theoretische Verständnis. Diese beiden Aspekte stehen in gegenseitiger Wechselwirkung. Ohne eine detaillierte Analyse z.B. durch quantitative oder qualitative Sozialforschung, können Problemlagen kaum erfasst und beschrieben werden. In dem Beitrag diskutiert Ingrid Miethe sehr fundiert die unterschiedlichen Positionen, in welcher Wechselwirkung bzw. in welchem Spannungsverhältnis Forschung und Praxis stehen.

Michaela Köttig, Silke Birgitta Gahleitner, Thomas Kunz, Barbara Thiessen und Bettina Völter zeigen in ihrem Beitrag „Ich sehe was, was Du nicht siehst“ – eine multiperspektivische Zusammenschau auf den Fall Faruk Zadek“ über einen Kinderschutzfall auf, wie komplex die Zusammenhänge aller beteiligten Akteure sind. Dabei werden vier unterschiedliche Analysen vorgenommen. Der Fall wird aus der klinisch-sozialarbeiterischen, rekonstruktiven, migrationstheoretischen und gendersensiblen Perspektive untersucht. Das Transkript der anonymisierten Akte des Jugendamts bildet die Basis für die Dokumentation und Auswertung des Falles. Der kleine Säugling Faruk ist sieben Wochen alt und wir von seinen Eltern schwer misshandelt. Das Jugendamt ist eingeschaltet, um das Kindeswohl zu sichern und entsprechende Maßnahmen einzuleiten. Die klinisch-sozialarbeiterische Perspektive hat ihren Fokus auf die Diagnostik und Intervention und prüft anhand verschiedener Kriterien (Bindung, Trauma, Biographie etc.) die aktuelle Lage und entwickelt eine biopsychosoziale Hilfestruktur. Diese gilt es stets zu begleiten, zu kontrollieren und entsprechend neu zu interpretieren. Die rekonstruktive Perspektive beleuchtet z.B. die biographischen Daten, analysiert das Genogramm, unternimmt ethnographische Beobachtungen der Eltern-Kind-Beziehung wie auch der Paarintervention und bezieht erzählgenerierende Gespräche mit den Eltern in die Analyse mit ein. Durch diese Vorgehensweise, welche eine hohe Vertrauensbasis erfordert, können die Eltern aktiv in den Hilfeprozess miteinbezogen und die Fremdunterbringung des Säuglings mit den Fachkräften optimal begleitet werden.

In dem aufgezeigten Fall haben beide Eltern einen Migrationshintergrund. Daher ist eine Betrachtung aus migrationstheoretischer Perspektive zur weiteren Interpretation von zentraler Bedeutung. Aspekte wie die Geschichte der Herkunftsfamilie, die Phasen des Migrationsprozesses, rechtliche Lage der Eltern oder der berufliche Werdegang werden bei der migrationstheoretischen Analyse miteinbezogen. Nicht zuletzt spielt die interkulturelle Kompetenz der beteiligten Fachkräfte eine zentrale Rolle bei der Begleitung des Falles. Die gendersensible Betrachtungsweise thematisiert wichtige Aspekte in dem Fall Faruk, da es sich um Gewalthandlungen von Seiten des Vaters gegenüber der Mutter und dem Säugling handelt. Theoretische Erklärungsmuster und Studien zu häuslicher Gewalt dienen als optimale Grundlage, um die komplexe und schwierige Situation der Kindeswohlgefährdung ganzheitlich zu begreifen. Die Soziale Arbeit steht in einem hohen Spannungsfeld und ist gerade in solchen schwierigen Fällen von Kindeswohlgefährdung einem enormen Druck ausgesetzt, keine Fehlentscheidungen zu treffen. Zusätzlich muss sie beständig mit anderen Professionen interdisziplinär agieren. Die Autoren weisen darauf hin, dass Soziale Arbeit noch stärker und selbstbewusster in derartigen Prozessen als ExpertInnen auftreten muss und erst über diesen Weg der Profession mehr Anerkennung und Fachlichkeit zugeschrieben werden kann.

Das zweite Kapitel nähert sich dem Thema „Wissensgenerierungen und Verortung von Wissenschaft“ an. Das Begreifen von Sozialen Wirklichkeiten wird immer unter der Prämisse eines theoriegeleiteten Handlungswissens betrachtet. Die Autorin Julia Franz beschreibt in ihrem Artikel „Deutungsmuster überwinden durch Erfahrungswissen? Zum rekonstruktiven Paradigma in der Sozialen Arbeit“ die Schwierigkeit, dass SozialarbeiterInnen eine differenzierte Problembeschreibung vornehmen müssen, die stets den Wünschen der Klientel entspricht und in einem ethischen und von sozialer Gerechtigkeit geprägten Rahmen stattfindet. Exemplarisch wird eine Szene der Serie „Was lebst Du?“ anhand sozialer Deutungsmuster bzw. Alltagstheorien untersucht, um die Haltung der SozialarbeiterInnen zu rekonstruieren. Dabei spielt das erfahrungsbasierte Handlungswissen, welche SozialarbeiterInnen durch ihre Berufspraxis erwerben, eine zentrale Rolle. Anhand des rekonstruktiven Ansatzes kann das berufliche Handeln zwischen den Professionellen und AdressatInnen reflektiert werden. Dabei müssen normative Haltungen zurückgestellt werden, um objektiv die Problemsituation einschätzen und analysieren zu können. Handlungstheorie der Sozialen Arbeit beinhaltet die Analyse der einzelnen Akteure, wie auch das Zusammenwirken aller Beteiligten in gesellschaftlichen Systemen. Dies bildet die Grundlage einer umfassenden Diagnostik und daraus folgenden professionsethischen Interventionen.

Im Mittelpunkt des Beitrages von Björn Kraus „Gelebtes und erlebtes Leben. Zur erkenntnistheoretischen Differenz zwischen Lebenswelt und Lebenslage“ steht die Orientierung an der Lebenswelt des Klientel. Zunächst wird der Begriff „Lebenswelt“, der auf die theoretischen Überlegungen von Thiersch zurückgeht, differenziert betrachtet und dem Begriff Lebenslage gegenübergestellt. Beide Begriffe beziehen sich dabei auf die Lebensbedingungen eines Menschen. Lebenswelt thematisiert die subjektive Wahrnehmung, Lebenslage eher die materielle Situation. Zur Vermeidung der Verwechslung der beiden Begriffe unternimmt Björn Kraus den Versuch einer systemisch-konstruktivistischen Reformulierung. Diesbezüglich wird der Begriff Wirklichkeit dem Begriff Lebenswelt zugeordnet und der Begriff Lebenslage dem Begriff Realität. Die Ebenen des „Erzählten Lebens“, des „Erlebten Lebens“ und „Gelebten Lebens“ werden hinzugezogen, um die weiteren Überlegungen und Schlussfolgerungen zu differenzieren. In der Praxis der Sozialen Arbeit erfordert diese Form der lebensweltlichen Orientierung ein hohes Maß an kritischer Reflexion.

In dem Aufsatz von Heinz Messmer „Wie soziale Wirklichkeit hergestellt wird. Prämissen und Theoriebildungspotenziale der ethnomethodischen Konversationsanalyse in der Sozialen Arbeit“ wird zentraler Bezug genommen auf die ethnomethodologische Konversationsanalyse (EMCA). EMCA versteht sich als eine Beobachtung erster Ordnung, in der die Soziale Wirklichkeit analysiert wird in Bezug auf die Kommunikation der Beteiligten. Unter anderem geht sie von der Prämisse aus, dass Soziale Wirklichkeit sich ausschließlich über Kommunikation erschließt, welche letztlich nur in derartigen Prozessen nachvollziehbar und verständlich wird. EMCA legt Wert auf eine unverfälschte und umfängliche Dokumentation. In einer detaillierten Feinanalyse wird versucht, das Wirklichkeitsverständnis in jeden einzelnen kommunikativen Inhalten zu analysieren, zu verstehen und zu interpretieren. Kommunikation findet in einem offenen Rahmen zwischen Symmetrie und Asymmetrie statt, in der die Interaktionspartner beständig versuchen sich bewusst oder unbewusst zu beeinflussen. Wirklichkeit lässt sich demnach nur dann bestimmen, wenn stringent die Kommunikationssequenzen im Tiefgang erschlossen werden. Der Fall erschließt sich letztendlich somit nur, wenn die Kommunikation zwischen Professionellen und Klientel ausschnittartig erfasst und am Ende übergreifend wieder zusammengefasst werden. Wahrnehmung wird dann zu einer aktiven Konstruktion der Lebenswelt von Individuen.

Das dritte Kapitel steht unter der Thematik „Reflexion handlungsmethodischer Zugänge und professioneller Praxis“. Johannes Kloha widmet sich in ihrem Beitrag „Spuren ethnischer Zuschreibungsprozesse im Handeln von Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeitern“ der Interaktion von Seiten der Professionellen gegenüber Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Die zugrundeliegenden Fallgeschichten beziehen sich auf die Erzählungen von Professionellen und orientieren sich methodologisch an dem Konzept der grounded theory. Im Rahmen dieses Dissertationsprojektes wird deutlich, das durch ethnische Zuschreibungen die weiteren Optionen für das Abwägen von Lösungsversuchen zentral verengt werden. Bestimmte Probleme sind oftmals nicht sofort erkennbar und werden mit Hilfe solcher Stereotypen einseitig aufgelöst.

Alban Knecht, Franz-Christian Schubert, Silke Birgitta Gahleitner, Rolf Glemser, Gert-Holger Klevenow und Dieter Röh orientieren sich in ihrem Beitrag „Mit Ressourcenansätzen soziale Welten verstehen und Veränderungen aktivieren“ an den theoretischen Ansätzen der Lebensweltorientierung nach Thiersch, der Systemtheorie nach Staub-Bernasconi und der sozialökologischen Theorie nach Gitterman und Germain. Soziale Arbeit benötigt nach ihrer Ansicht ein breites Verständnis von Ressourcen und hat permanent zum Ziel, entsprechende Verluste bzw. Bedrohungen zu vermeiden. Dies betrifft insbesondere die soziale Unterstützung und die zentrale Bedeutung von sozialen Netzwerken wie Familie, Partnerschaft und Freundschaften. Hierzu ist es unerlässlich, auf ein gezieltes diagnostisches Fallverstehen zurückzugreifen, wie dies in den fünf Säulen Identität Leiblichkeit bzw. Gesundheitszustand, soziales Umfeld, Arbeit/Freizeit/Leistung, materielles und kulturelles Kapital und Wertvorstellungen zum Ausdruck kommt. Am Beispiel der Arbeitsvermittlung skizzieren sie die Auswirkungen einer verfehlten und profilfremden Beratung und wie in deren Folge benachteiligte Berufskarrieren entstehen können.

Cosimo Mangione stellt in ihrem Beitrag „Die biographische Bedeutung von professionellen Kategorien für die KlientenInnen der Behindertenhilfe“ eindrücklich dar, wie komplex sich das theoretische und handlungsleitende Verständnis von Professionellen zu Klienten unterscheidet. Sie beschreibt fundiert, wie gesellschaftliche Deutungsmuster auch teilweise ein „Störpotential“ für die Professionalität sein kann. Dies wird spätestens dann deutlich, wenn Klienten aufgrund ihrer Lebensgeschichte nicht in der Form und Zielsetzung gesellschaftlich integriert werden können, wie es sich die Gesellschaft bzw. Soziale Arbeit idealerweise vorstellt.

Diese Irritationen professionellen Handelns wird auch im Beitrag von Christine Hofmeister „Orientierungen und Handlungsroutinen in der sozialpädagogischen Verdachtsabklärung der innerfamilialen sexuellen Kindesmisshandlung“ deutlich. Gerade im Bereich der Jugendhilfe zeigt sich exemplarisch die Ambivalenz des staatlichen Auftrages zur Durchsetzung des Kindeswohls. Auch in diesem Handlungsfeld wird davon ausgegangen, dass es sich um ein „ungeklärtes Terrain“ handelt. Es erscheint daher sinnvoll, dass sich der Forschungsstil auf die grounded theory bezieht. Die analytische Auswertung von 13 problemzentrierten erzählgenerierenden Leitfadeninterviews mit professionellen Fachkräften weist auf die Paradoxien bei Verdacht in Bezug auf sexuelle Kindesmisshandlung hin. Verdachtsmomente stellen in diesem Sinne nicht die eigentlichen professionellen Herausforderungen dar, sondern diese werden vielmehr als individuelle Belastung und berufliche Ohnmacht erlebt. Ein rationelles und professionelles Abwägen kann unter diesen Umständen nicht mehr stattfinden. Dies zeigt sich in der weiteren Zusammenarbeit mit dem Kind, bei dem eine vermeidende Schonhaltung eingenommen wird, welche den fachlichen Standards der Diagnostik nicht mehr gerecht wird.

Das vierte Kapitel steht unter dem Thema „Empirische Zugänge und methodologische Reflexion. Friederike Lorenz und Maren Schreier thematisieren in ihrem Beitrag „Anerkennung – Legitimität – Unbehagen. Sprechen über Forschungswirklichkeiten in Sozialer Arbeit“ das Spannungsverhältnis innerhalb der „Scientific Community“ in Bezug auf forschungsethische Wertedebatten und Standards. Sie äußern sich kritisch über die Gütekriterien einer „richtigen“ bzw. als falsch deklarierten Anwendung im Rahmen eines Forschungsprozesses. Um anerkannt zu werden, müssen Spielregeln in der Darstellung eingehalten werden, ansonsten besteht ein Risiko für die fachliche Anerkennung und Reputation. Die Wahl des Forschungsthemas, die zur Verfügung stehenden Ressourcen wie auch die Zielsetzungen der Auftraggeber beeinflussen maßgeblich den Forschungsprozess und können in deren Folge Fehlerquellen implizieren. Die Suche nach Anerkennung erzeugt ein Unbehagen, dass nur durch ein offenes Sprechen über die möglichen Unzulänglichkeiten aufgelöst werden kann.

Wolfgang Krieger geht in seinem Beitrag „Eigensinnigkeit sozialer und personaler Systeme als Referenzkategorie empirischer Forschung. Wissenschafts- und Forschungsperspektive aus systemischer Sicht“ auf das grundlegende Verständnis von Systemischer Forschung ein. Unter anderem plädiert er dafür, die Wirklichkeit unter systemischer Prämisse und einem systemisch orientierten Setting der Forschungsmethoden zu untersuchen. Interessant ist insbesondere die Beschreibung des Prozesses der verstehenden Wissensgenerierung bzw. der kommunikativen Verdichtung zwischen Forschenden und Beforschten. Deren Aussagen sollen in einer rekursiven Schleife von Interpretation und gegenseitiger Stellungnahme wiederholt werden, bis eine Übereinstimmung bzw. ein hohes Ausmaß an einer gegenseitigen Schnittmenge erfolgt. Dabei geht es nicht um das Erreichen von gesicherten Erkenntnissen, sondern vielmehr sollen Hypothesen generiert und dem sozialen Feld überlassen werden.

Hans Joachim Schubert und Gunzelin Schmid Noerr stellen in ihrem Beitrag „Die Krise des Gemeinschaftslebens in Kleingartenvereinen. Ein milieu- und konflikttheoretischer Erklärungsansatz“ eine Untersuchung über die unterschiedlichen Gruppen und ihre Motivlagen in Kleingartenvereinen dar. Hierzu wurde ein theoretischer Bezug auf soziologische Milieutheorien genommen und zur forschungspraktischen Vertiefung 55 Interviews qualitativ ausgewertet. Die Ressentiments der alteingessenen deutschen Vereinsmitglieder gegenüber Migranten und die Veränderung der ehrenamtlichen Kultur werden äußerst zielgenau analysiert und vorgestellt. Damit wird das Kleingartenleben zu einem Mikrokosmos für eine gelungene Integration in Deutschland.

Im fünften Kapitel werden unter der Thematik „Reflexion professioneller Wahrnehmungen“ Zugänge professioneller Sozialer Arbeit herausgearbeitet und zur Diskussion gestellt. Frank Matzke stellt in seinem Beitrag „Performative Künste als Zugänge zu Sozialen Wirklichkeiten am Beispiel von 2267 Schritte durch das Frankfurter Bahnhofsviertel – eine multimediale soziale Stadtführung“ eine szenische Inszenierung eines Kunstprojektes von BA-Studierenden der Sozialen Arbeit vor, welche selbst einen türkischen Hintergrund aufweisen. In dem Rundgang, der als eine Art Performance das türkische Alltagsleben verfremdet, werden die Zuschauer, die Bewohner und die Akteure zu einer Neuinterpretation des Alltagslebens anregt. Bereits die Analyse der Reaktionen und die damit verbundenen Selbstreflexionen geben wichtige Hinweise über die Einschätzung und Konstruktion der Lebenswirklichkeit von MigrantInnen. Somit stellt auch der Zugang über Kunst und Kultur einen wenngleich verstörenden, aber letztlich gewinnbringenden Beitrag zur Erkenntnis über soziale Realitäten dar.

Ein ähnlicher gelagerter reflexiver Zugang findet sich im Beitrag von Ute Reichmann mit dem Titel „Was mir selbst aufgefallen ist bei der Aufnahme, dass ich mich viel zu passiv fand. Gesprächsanalyse als Reflexionsmethode in der ambulanten Jugendhilfe.“ Im Rahmen einer Gruppendiskussion von Sozialarbeitern aus einem Jugendamt wird die Anwendung rekonstruktiver Methoden am Beispiel eines Gesprächs einer Mitarbeiterin mit einer Klientin beschrieben. In der Analyse der schriftlichen Transkription eines Beratungsgesprächs mit einer alleinerziehenden Mutter und den Bemühungen der Sozialarbeiterin wird deutlich, wie begrenzt der Einfluss auf pädagogische Interventionen sein kann. Die Überforderung zeigt sich in der Komplexität der Kommunikation mit Klienten und die daraus resultierenden unsicheren Entscheidungssituationen. In deren Folge ist in solchen doppeldeutigen Situationen eine Ausweichstrategie unvermeidlich. Eine Fallanalyse im Rahmen einer kollegialen Supervision kann definitiv eine Reihe von geeigneten Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.

Cornelia Giebeler weist in ihrem Beitrag „Aliens – Allein reisende Kinder im Transmigrationskorridor Isthmus von Tehuantepec, Mexiko“ auf die großen sozialen Auswirkungen von Migration aus Latein- und Mittelamerika in die USA hin. Die hohe Anzahl der Kindermigranten sind Teil eines umfassenden gewinnbringenden Systems von Ausbeutung. Sie weist aber auch auf die Unsichtbarkeit von sozialen Problemlagen in Globalisierungsprozessen hin. Sie plädiert in ihrer Analyse für eine Neuorientierung in der Arbeit mit derart betroffenen Kindern, um damit eine zielgerichtete Unterstützung zu ermöglichen.

Diskussion

Der Band gibt einen äußerst spannenden Einblick in die derzeitigen Prozessentwicklungen und Dynamiken der Sozialen Arbeit. Bereits in der Auswahl der Autoren ist zu erkennen, dass Sozialarbeitswissenschaftler, welche schon länger Teil der „Community“ im Forschungsbereich der Sozialen Arbeit sind, auf eine ganze Reihe von jüngeren Kollegen treffen, welche traditionsreiche Forschungsansätze sowohl vertiefen wie auch kritisch hinterfragen. Interessanterweise haben viele Beiträge gemeinsam, dass sie sich einer qualitativen, prozessorientierten, fallanalytischen und beobachtenden Analyse und Auswertung verpflichtet fühlen. Damit werden diese Ansätze dem umfassenden Bereich der Sozialen Arbeit in seiner Komplexität und „Unübersichtlichkeit“ gerecht.

Eine besondere Tiefenwirkung ist besonders in jenen Beiträgen spürbar, bei denen die erzählten Fallgeschichten von Seiten den Professionellen bzw. entsprechende Interviewsequenzen von Seiten der Klienten untersucht werden. Die Analyse der komplexen Kommunikationsinhalte weist damit auf die vielfältigen Widersprüchlichkeiten der Sozialen Arbeit hin. Damit wird auch impliziert, dass derartige Analysen ermöglichen, die Einseitigkeit der Intensionen sozialarbeiterischer Entscheidungsprozesse kritisch zu hinterfragen. Interventionen können auf dieser Grundlage kaum erfolgreich sein, wenn die Zuschreibungen über den „Fall“ so konstruiert werden, dass sowohl die Klienten wie auch die Professionellen kaum mehr in Alternativen und Optionen agieren können. Der vorliegende Band weist insofern einen wichtigen Lernprozess für die Soziale Arbeit auf, der nicht zu überschätzen ist. Ein Scheitern der Klienten an ihrer Lebensgeschichte wird in diesem Kontext auch durch die Soziale Arbeit festgeschrieben, wie dies exemplarisch an der Fallgeschichte „Gülem“ im Beitrag von Johannes Kloha zu erkennen ist. Das Soziale Arbeit Teil einer strukturellen Benachteiligung im gesellschaftlichen System sein kann, wird auch im Beitrag von Sandra Glammeier über die Deutungsmustern von Fallmanagern, welche im Jobcenter tätig sind, fundiert untersucht und interpretiert.

Die Vielfalt des Bandes zeigt jedoch in seinen verkürzten Beiträgen auch nachvollziehbare Schwächen. Dies wird zum Beispiel im Beitrag von Frederike Schulz und Marc Schulz deutlich. Methoden und die Alltagspraxis der Sozialen Arbeit mit pädagogischen Begrifflichkeiten zu bewerten, erscheint in diesem Kontext mehr verwirrend als plausibel. Somit ist bei manchen Ansätzen die Wechselwirkung zwischen Forschungsinteresse und Methodik der Sozialen Arbeit nicht klar erkennbar und verliert sich in einer „Überinterpretation“ des Handlungsfeldes.

Der weitaus größte Teil der Beiträge weist jedoch erfreulicherweise darauf hin, auf welch hohem Niveau sich die Forschung der Sozialarbeitswissenschaft bereits befindet und in welche Richtungen sie sich weiterentwickelt.

Fazit

Das Buch ist insgesamt ein spannendes Projekt, welches wichtige Impulse für die Wissens- und Forschungsgenerierung der Sozialen Arbeit geben kann. Es ist dem Band gut gelungen, das Feld in seiner Pluralität neu zu verorten und damit einen erweiterten analytischen, theoretischen und wissenschaftlichen Blick zu verschaffen. Es wäre wünschenswert, wenn das Buch nicht nur innerhalb der „Scientific Community“ eine breite Verwendung findet, sondern sogar zu einer „Pflichtlektüre“ für alle Masterstudierende der Sozialen Arbeit werden würde. Genügend Anschauungsmaterial über die vielfältigen Wege einer forschungs- und wissensbasierten Sozialen Arbeit bietet dieser Band hierfür im ausreichenden Maße.

Rezension von
Julia Wege
M.A., SRH Hochschulen Heidelberg, Lehrbeauftragte für Methoden Soziale Arbeit
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Prof. Dr. Martin Albert
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Zitiervorschlag
Julia Wege, Martin Albert. Rezension vom 24.10.2014 zu: Michaela Köttig, Stefan Borrmann, Herbert Effinger, Silke Birgitta Gahleitner, Björn Kraus, Sabine Stövesand (Hrsg.): Soziale Wirklichkeiten in der Sozialen Arbeit. Wahrnehmen – analysieren – intervenieren. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. ISBN 978-3-8474-0148-3. Reihe: Theorie, Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit - 9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16451.php, Datum des Zugriffs 05.10.2022.


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