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Joachim Weber: Soziale Arbeit aus Überzeugung

Cover Joachim Weber: Soziale Arbeit aus Überzeugung. Ethische Perspektiven auf sozialpädagogische Praxis. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. 260 Seiten. ISBN 978-3-8474-0169-8. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

Bereits im Vorwort weist von Weber auf die ihn prägenden Autoren Vollrath und Kunstreich sowie auf die Ausklammerung religiöser und spiritueller Überzeugungen hin.

Weber trennt bewusst nicht zwischen Moral und Ethik (S. 8f.). In der Einleitung kommt er ausgehend von den Annahmen, es sei allgemein anerkannt, dass Soziale Arbeit Wissen und ein kritisch- reflexives Bewusstsein brauche, Ethik aber über Normativität hinausginge und „immer auch ein Nachdenken über moralische Überzeugungen, die unser Handeln und unsere Entscheidungen beeinflussen“ (S. 8f.), beinhalte, zu seiner These: „Soziale Arbeit bedarf nicht der objektiven Werte und Normen, sondern vielmehr der kritischen Klärung subjektiver Überzeugungen“(S. 9). Ein Jeder habe Überzeugungen und diese seien „zu befragen im Hinblick sowohl auf ihre blinden Flecken als auch auf ihre pragmatischen Konsequenzen, um so die je eigenen Überzeugungen weiterzuentwickeln und zu vertiefen.“(S. 9) Bezugnehmend auf Husserl und Heidegger bestimmt er sodann das Phänomen Überzeugung im Unterschied zu Überzeugungslosigkeit, Zweifel, Beharrlichkeit, Wahrheit, Wollen, Neigung, Gewohnheit und Sitte. Dabei wird die Überzeugung von Weber als das „fehlende Bindeglied“ zwischen Theorie und Praxis verstanden (S. 16). Da für die Soziale Arbeit Überzeugungen von großer Bedeutung seien, stellt Weber sich die Aufgabe, die mit den Theorien Sozialer Arbeit „verbundenen Überzeugungen … in die ethischen Theorien“ (S. 21) einzulesen. „Dabei entsteht eine eigentümliche diskursive Denkbewegung, die keinen Ansatz auf Vollständigkeit bietet, weder den Gesamtbestand der Theorien Sozialer Arbeit abdeckt noch die Ganzheit ethisch-philosophischer Diskurse.“ (ebenda)

Aufbau

Daraus leitet Weber auch den dreigliedrigen Aufbau ab.

  1. die Auseinandersetzung mit Klassikern der Philosophischen Ethik unter den Gesichtspunkten „des Phänomens der Überzeugung“ und des Gehaltes für die Soziale Arbeit (ebenda);
  2. die Miteinbeziehung des „blinden Flecks der Ethik“(S. 23), also das Aufzeigen der „Grenzen der Moral“ (S. 24) und
  3. die „Frage nach solchen theoretisch fundierten Überzeugungen über das Soziale, die dazu in der Lage sind, die Praxis Sozialer Arbeit konstruktiv weiterzuentwickeln.“ (ebenda)

Inhalt

Im ersten Teil „Ethik und Soziale Arbeit“ setzt sich Weber mit den ethischen Auffassungen von Sokrates, Aristoteles, Kant sowie den Gerechtigkeitskonzepten von Rawl, Nussbaum und Senn auseinander. Er unterscheidet den „Überzeugungstäter“ (S.42) Sokrates von den Fundamentalisten und arbeitet heraus, dass Sokrates durchaus gerade mit dem Bezug auf das Nichtwissen für die Soziale Arbeit von Bedeutung ist. „Die moralische Überzeugung, so wird an Sokrates deutlich, impliziert eine grundlegende Orientierung, die dazu befähigt, sich in der Vielzahl der Erfahrungsbezüge als Gegenerfahrung durchzuhalten und als eine solche Gegenerfahrung nicht nur enttäuschungsunabhängig zu gestalten, sondern auch die erfahrbare zwischenmenschliche Welt umzugestalten.“ (S. 45) Zu bedenken sei aber: „Die radikale Konsequenz der Überzeugungstäterschaft trennt Sokrates von seinen Mitbürgern.“ (ebenda) Es werden Bezüge zu verschiedenen Vertretern der Sozialen Arbeit wie u.a. Bernfeld und Korczak hergestellt und die zwei „Überzeugungsmuster in der Sozialen Arbeit“ (S.26) erläutert.

Aristoteles attestiert Weber eine „ Ethik der Lebensweltorientierung“ (S.48), was den dann entwickelten engen Bezug zur Sozialen Arbeit erwarten lässt. Sowohl für die Diskussion über die Sozialarbeitswissenschaft als auch Ziele, Sinn und Praxis der Sozialen Arbeit erweist sich der Rückbezug auf Aristoteles nach Weber als sehr bereichernd und „praxisrelevant“ (S.73).

Bei Kant stellt Weber die Würde und den Wert des Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtungen und setzt sich mit den Auffassungen zu den Menschenrechten sowie dem Verständnis Sozialer Arbeit als Menschenrechtsprofession auseinander. Sodann wird der kategorische Imperativ in seiner Bedeutung für Soziale Arbeit wertgeschätzt aber auch problematisiert. Weber stellt fest: „Die Problematik der kantischen Moralphilosophie zeigt sich dann, wenn wir versuchen, das von ihm formulierte Sittengesetz auf konkrete Situationen des zwischenmenschlichen Handelns zu übertragen. Die Definition des Menschen als Zweck an sich bleibt ein Abstraktum, das erst durch ihr Gegenteil, die Nutzung des Menschen lediglich als Mittel, als Ding, Sinn erhält.“(S. 95) Aus diesem Gedanken heraus wird dann Bezug auf Nussbaums Verdinglichungsformen genommen, da diese im Unterschied zu Kants normativem Ansatz die „situative Einbettung“(S. 96) berücksichtigten. Weber folgt deshalb Arendt: Hannah Arendt entdeckte die ästhetische Urteilskraft im Sinne Kants als politische Urteilskraft und damit als Urteilskraft am, im und durch das Konkrete. Als solche lässt sie sich weiterentwickeln als Urteilskraft auch sozialpädagogischen Reflektierens (Weber, J. 2004). „Sobald Soziale Arbeit anfängt, die einzelne Handlungssituation allgemeinen, z.B. diagnostischen Kategorien oder auch moralischen Prinzipien zu unterwerfen, ist der Reflexionsprozess bereits verloren.“ (S. 105)

Es werden die Gerechtigkeitstheorie von Rawl sowie deren kritische Betrachtung durch Nussbaum und Sen vorgestellt und ebenso wird der Ansatz des Capability Approach in seiner Bedeutung für Soziale Arbeit beleuchtet. Als ein damit zusammenhängendes Problem wird die „Konkurrenz“ (S.124) von Freiheit und Gleichheit herausgearbeitet.

Im zweiten Teil „Moralkritik und Soziale Arbeit“ wendet sich Weber zuerst am Beispiel der Auffassungen Nietzsches dem Phänomen des Eigensinns zu. „Nietzsche gibt der eigensinnigen Autonomie von Menschen eine Position, die nicht mehr vermittelbar ist mit gesellschaftlicher Anpassung. Seine spezifische Überzeugung über den Gegensatz von Freiheit und Moral unterliegt damit einer besonderen Radikalität.“(S.130) Die Bezüge der Sozialen Arbeit zu Nietzsche sind zum einen die Ablehnung der „Sklavenmoral“, was zur Problematisierung von Gegenstandsdefinitionen der Sozialarbeitswissenschaft „als Sorge um soziale Probleme“(S.138) führt und zum anderen reformpädagogische Konzepte. Von dort schlägt Weber die Brücke zu pädagogischen Konzepten, welche das Autonomiebewusstsein besonders berücksichtigen, und stellt die Gedanken von Korczak vor, wobei als Grenze Nietzsches gegenüber Korczak die Unfähigkeit „zur gemeinsamen Eigensinnigkeit“ (S.145) bezeichnet wird.

Bei Macciavelli steht die „Fähigkeit, gegen die eigenen Überzeugung zu handeln“(S.147), im Mittelpunkt der Betrachtungen und wird mit der Klugheit des Handelns nach Aristoteles verbunden.

Im Zusammenhang mit Mandevilles Theorie von der „Selbstheilungskraft des Marktes“(S. 172) geht Weber auf das Helfersyndrom ein. Beiden liege ein rein „selbstbezüglich fokussiertes“ Verständnis menschlichen Handelns zugrunde. Und er stellt fest: „Soziale Arbeit ist insbesondere im Kontext des Siegeszuges des Neoliberalismus nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus von diesen marktliberalen pseudoreligiösen Überzeugungen eingeholt worden.“(S.188) Diese Entwicklung wird kritisch betrachtet und Sozialer Arbeit ein „Sinnverstehen“(S. 190) bzw. ein „Sinnkontext“(S.194) als bedeutsame Gegengewichte bescheinigt.

Im dritten Teil „Ethos des Sozialen und Soziale Arbeit“ werden die Theorien von Smith, Tocqueville und Arendt auf ihre Bedeutung für die Soziale Arbeit befragt, wobei bewusst die individualistische Perspektive verlassen und stattdessen „Soziale Arbeit als Arbeit an und im Sozialen“ (S. 196) verstanden wird. „Das Soziale geht dann nicht mehr auf in der Versorgung angesichts der menschlichen Bedürfnisse (Staub- Bernasconi) oder im Auftrag der Etablierung sozialer Gerechtigkeit, sondern erhält politische Konnotation.“(S. 196f.) Weber erklärt: „Ein solcher qualifizierter Begriff des Sozialen wird zu einer Überzeugung, die Wissensgehalte, persönliche Haltungen und Verhaltensroutinen beinhaltet, die dieses politisch-soziale Handeln tragen, eine Überzeugung, die ethische Implikationen enthält, aber über diese hinausweist auf soziale Praxis.“(S.197)

Bei Smith wird dessen Ansatz der „unsichtbaren Hand“(S.199) erläutert und in Bezug zur feministischen Care-Ethik gesetzt. Weiter werden die Bezüge Sozialer Arbeit zu Empathie und Sympathie erörtert. Im Anschluss wird die Gewissensbestimmung von Smith für Soziale Arbeit als anschlussfähig bestimmt.

Die Auseinandersetzung mit dem Individualismus in der Sozialen Arbeit bildet den Auftakt der Gewinnung von voranbringenden Erkenntnissen bei Tocqueville. Tocqueville findet in Amerika „eine Verbindung von Freiheit und Gleichheit, die dazu führt, dass der neuzeitliche Individualismus sich in politischen Gemeinsinn verwandelt.“(S.234) „Soziale Arbeit als Assoziierungskunst“ (S.243) ist die von Weber mit Tocqueville gefundene Antwort auf das Verständnis des Sozialen mit „politischer Qualität“ (S.249) und einer diesem Verständnis angemessenen Sozialen Arbeit.

Ihren Höhepunkt und Abschluss finden die Überlegungen in der Herausarbeitung der Anknüpfungsmöglichkeiten für Soziale Arbeit bei Hannah Arendt. Sie werden eingeleitet mit einer Kritik des Konstruktivismus und der Problematik konstruktivistischer Sozialer Arbeit. Diesen Ansätzen werden mit Arendt die „Weltgebundenheit“ (S. 256), ihr Verständnis von Humanität „im Politischen des Menschen, im freiheitlichen Handeln zwischen ihnen, in der Möglichkeit, sich voreinander als einzigartig auszuzeichnen“(S.259) sowie Arendts Bestimmung des Objektiven entgegengesetzt. Sodann werden Macht und Ermächtigung erläutert und die Brücke zur Ermächtigung in der Sozialen Arbeit geschlagen.

Im Ergebnis der Analyse stellt Weber fest: „Soziale Arbeit steht im Kontext eines doppelten Begriffs des Sozialen. Auf der ersten Ebene geht es um Fürsorge und soziale Bedürfnisse… Auf einer zweiten Ebene jedoch geht es um die Qualität dieses Sozialen, um die Entwicklung eines sozialen Ethos. Arendt identifiziert dieses qualifizierte Soziale mit dem Politischen.“(S. 281) Es sind nach Weber dann drei Fragen, vor denen Soziale Arbeit steht: „(1) Wie können wir Urteile über Problemdefinitionen oder Handlungsoptionen so fällen, dass dabei eine Pluralität von Perspektiven berücksichtigt ist und dadurch unser Urteil sozial qualifiziert und gemeinsinnig ist? (2) Wie gelingt es insbesondere angesichts vielfältiger gesellschaftlicher Marginalisierungsprozesse, individualistische Einschlussverfahren aufzuschließen und Handlungsassoziationen zu schaffen bzw. deren Entstehung wirksam zu unterstützen? (3) Wie können solche Assoziationen Gegenmacht behaupten angesichts etablierter Machtverhältnisse, die bestimmte Gruppen von Bürgern ständig ausgrenzen?“ (S. 281f.) Und Weber schließt daraus: „Die Soziale Arbeit zeigt sich vor diesem Hintergrund nicht, wie oftmals behauptet, als eine moralische Profession; sie drängt nicht auf Erfüllung moralischer Normen und realisiert keine moralisch intakte Welt. … Das bedeutet nicht, dass Soziale Arbeit keine ethischen Komponenten birgt. In diesem Kontext spielen Überzeugungen eine herausragende Rolle. Soziale Arbeit bewegt sich innerhalb solcher Überzeugungen, gewinnt dem Sozialen einen Sinn ab. Solche Überzeugungen erzeugen Verhaltensgewohnheiten, ein soziales Ethos.“ (S.282)

Fazit

Dieses Buch ist sowohl für Praktiker, Studierende als auch für Lehrende in der Sozialen Arbeit und interessierte Laien sehr gut geeignet und regt eigene Überlegungen an. Unabhängig davon, ob der Leser Webers Bestimmung der Überzeugung zustimmt oder nicht, setzt er sich mit der Rolle von Überzeugungen für das praktische Handeln und die theoretische Reflexion nachdenkenswert auseinander. Sehr anregend sind auch die vielen kritischen Diskussionen wie z. B. zum Gegenstand der Sozialen Arbeit, zu reaktiver und proaktiver Sozialarbeit, zum Konstruktivismus und zum Empowerment.

Die Theorien, auf die Bezug genommen wird, werden verständlich und mit Textauszügen belegt vorgestellt. Wünschenswert wäre aber gerade für Studierende und interessierte Laien eine durchgängige Verknüpfung von zeitgeschichtlichem und biographischem Zusammenhang mit der Theorieentwicklung.


Rezension von
Prof. Dr. Cornelia Burkhardt-Eggert
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Zitiervorschlag
Cornelia Burkhardt-Eggert. Rezension vom 07.03.2015 zu: Joachim Weber: Soziale Arbeit aus Überzeugung. Ethische Perspektiven auf sozialpädagogische Praxis. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. ISBN 978-3-8474-0169-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16452.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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