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Cornelia Helfferich: Familie und Geschlecht

Cover Cornelia Helfferich: Familie und Geschlecht. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 280 Seiten. ISBN 978-3-8252-4662-4. D: 33,00 EUR, A: 34,00 EUR, CH: 43,70 sFr.

UTB.
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Autorin

Cornelia Helfferich ist emeritierte Professorin für Soziologie und leitete während vielen Jahren das Sozialwissenschaftliche FrauenForschungsInstitut an der Evangelischen Hochschule Freiburg. 2007 erhielt sie den Helge-Pross-Preis der Universität Siegen für herausragende Forschungen auf dem Gebiet der Soziologie der Familie.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch stellt einen Teil der 2013 publizierten Habilitationsschrift dar und greift auf über zwanzig Jahre empirischer Forschung und theoretischer Auseinandersetzung mit Familiensoziologie und Geschlechterthematik zurück. Unendlich viele Daten des Institut für Demoskopie, des Statistischen Bundesamtes, des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, sowie Studienresultate eigener empirischer Analysen und viele weitere Erhebungen werden hier zusammengetragen und diskutiert.

Aufbau

Der erste Teil des Buches widmet sich der theoretischen Einbettung von Geschlecht und Familie und rezipiert, sowie diskutiert die soziologisch relevanten Konzepte. Dabei wird Bourdieu als der geeignetste Theorieansatz bestimmt, um das wechselseitige Verhältnis von Geschlecht und Familie darzustellen.

Im – grösseren – zweiten Teil werden die Kapitel anhand idealtypischer biografischer Etappen „von der ersten Liebe bis zum letzten Kind“ gegliedert, wobei auch immer schichtspezifische Unterschiede und die Verhältnisse der alten und neuen deutschen Bundesländer in die Diskussion miteinbezogen werden (diese intersektionalen Zusatzinformationen werden hier nur marginal miteinbezogen, so dass diese Rezension eventuell klischeehafter erscheint, als das Buch selber es ist).

Inhalt

Das zentrale Anliegen der Autorin besteht darin, Familiensoziologie und Geschlechterforschung miteinander zu verweben, aus der Erkenntnis heraus, dass Familie Geschlecht konstituiert und umgekehrt, weil „man Familie als soziales Phänomen nur versteht, wenn man der Verbindung der Konstitution von Familie und der Konstitution von Geschlecht in einer Gesellschaft nachgeht.“ (Helfferich, 13; Hervorh. im Orig.). Eine wichtige Frage ist dabei auch jene nach Wandel oder Konstanz in den Geschlechterbeziehungen und Familienformen. Wie sich die Machtverteilung entlang der Geschlechter herausbildet, und im Verlaufe des Lebens konsolidiert, wird anhand biographischer Sequenzen der Lebenslaufforschung dargelegt.

Der Beginn der Reproduktion männlicher Herrschaft und der entsprechenden Habitusbildung liegt beim ersten heterosexuellen Geschlechtsverkehr, der sexuellen Initiation, die heute in einem kurzen Zeitfenster der Jugend (15-18 Jahre) unter dem enormen Druck von Peers in einem engen Normenkorsett stattfindet. Bereits hier bildet sich eine Geschlechterhierarchie aus, gemäss der Jungen diskreditiert werden, wenn sie nicht genug sexuelle Erfahrung mit dem anderen Geschlecht vorweisen können und Mädchen sich davor hüten müssen, als Schlampen „als verfügbarer Stoff für die sexuellen Erfahrungen von Jungen“ zu gelten. (Helfferich, 108). Die sexuelle Initiation erfolgt bei 84% der Mädchen mit gleichaltrigen oder älteren Männern in einer festen Beziehung. Bei Jungen folgen 44% diesem Muster und erleben den ersten Geschlechtsverkehr mit einem gleichaltrigen oder jüngeren Mädchen. Daneben gibt es jene 20%, die die sexuelle Initiation mit einer sexuell erfahrenen, älteren Frau erleben, zu der aber keine feste Beziehung besteht. Männliche Überlegenheit und Ungebundenheit einerseits und weibliche Zurückhaltung und der Wunsch nach Bindung andererseits prägen also den geschlechtertypischen Habitus in dieser Initiationsphase. Das männliche Drängen kann dabei sowohl als ritterliche Zurückhaltung wie auch als egoistischer Übergriff erlebt werden.

Beide Geschlechter trainieren anschliessend in serienmonogamen Zweierbeziehungen oder allenfalls einer langandauernden Partnerschaft ihren Geschlechterhabitus, wobei die Beziehungen zunehmend länger und verbindlicher werden. Die Aufgabenteilung im ersten gemeinsamen Haushalt und der Beitrag zum gemeinsamen Lebensunterhalt wird von den Beteiligten als egalitär gewünscht und empfunden, oft verschieben sich jedoch die Interaktionsmuster auch ungewollt zu einer asymmetrischen Aufgabenteilung. Sehr persistent ist dabei der Statusunterschied verbindlicher Beziehungen: Frauen orientieren sich in Bezug auf Alter, Bildung und Körpergrösse nach oben, während Männer selten an Frauen interessiert sind, die ihnen an Bildung, Alter oder Körpergrösse überlegen sind.

Mit der Ehe verfestigt und beschleunigt sich die Geschlechterungleichheit, mehr und mehr findet eine traditionelle Arbeitsteilung statt. Frauen haben diese Entwicklung oft schon antizipiert, indem sie einen typischen Frauenberuf erlernten, der Teilzeitarbeit zulässt und geringer entlohnt wird als der Beruf des Mannes. Erst eine stabile Beziehung gilt gesellschaftlich als gute Basis für ein Kind, und die Familie mit Vater, Mutter, Kind(ern) erfährt weiterhin hohe Wertschätzung und gehört für viele Menschen zum individuellen Lebensentwurf. Partner- und kinderlos bleiben in der Tendenz Frauen mit hohem Status und niedrig qualifizierte Männer mit tiefem Einkommen. Für Frauen ist insgesamt der Kinderwunsch wichtiger als für Männer, und die Bedeutung der Familie ist eine andere: Männer „haben eine Beziehung zu einer Frau und mit dieser Frau ein Kind“, Frauen „haben ein Kind und einen Vater zu dem Kind“. (Helfferich, 146; Hervorh. im Orig.). Entsprechend haben Frauen Angst vor ungewollter Schwangerschaft, Männer jedoch Angst vor Frauen, die schwanger werden und sie ungewollt binden.

Heute werden Alleinerziehende nicht mehr gesellschaftlich geächtet, aber diese Lebensform ist sichtlich mit Nachteilen und Konflikten behaftet, so dass sie trotz ihrer weiten Verbreitung eher als defizitär denn als erstrebenswert empfunden wird. Zudem verfestigt die moderne Auffassung von Kindeswohl, gemäss der gemeinsame elterliche Sorge auch bei getrennten Vätern und Müttern die Regel sein soll, die Paar-Norm von Elternschaft und die Rechte des Vaters.

Trotz aller real existierenden alternativen Lebensformen besteht das gesellschaftlich anerkannteste Lebensmodell weiterhin darin, Kinder mit dem richtigen Partner zum richtigen Zeitpunkt zu haben, wobei sich ‚der richtige Zeitpunkt‘ kontinuierlich nach oben verschoben hat. Eine ‚zu frühe‘ Mutterschaft birgt hingegen massive Nachteile für Teenagermütter und Mütter, die ihre Berufsausbildung noch nicht abgeschlossen haben und hinterlässt ‚biographische Narben‘ im Erwerbsleben. Dass diese Nachteile nur Frauen betreffen, ist ein weiteres Element in der Herstellung der männlichen Herrschaft und schafft zudem Differenzen zwischen Frauen, die die Norm des richtigen Zeitpunkts einhalten und jenen, die sie verletzen. Zusätzlich haben Frauen mit niedriger Bildung oft konventionellere Vorstellungen von Familie und werden früher Mutter, so dass sich die gesellschaftliche Ungleichheit – sowohl jene zwischen Männern und Frauen, wie auch jene zwischen Frauen unterschiedlicher Schichten – weiter verfestigt.

Kinderlos bleibende Frauen und Männer haben ihre Lebensform oft nicht bewusst gewählt, sondern sie hat sich durch einen aufgeschobenen Kinderwunsch so ergeben. Insbesondere bei zusätzlicher Partnerlosigkeit kann sie auch Folge davon sein, dass biografisch vorgängige Verstetigungsprozesse nicht stattfanden und/oder die Reproduktion von Geschlechter- und sozialer Ungleichheit verweigert wird.

Denn während die kinderlose Partnerschaft oft egalitär gedacht und ausgestaltet wird, differieren mit der Geburt von Kindern mehr und mehr die männlichen und weiblichen Lebensläufe. In der Regel reduzieren Mütter ihre Berufstätigkeit, um Kinderpflege und Hausarbeit zu übernehmen, der Mann avanciert zum patriarchalen Beschützer und Ernährer.

Damit sind sowohl Mehrkindfamilien wie auch Kinderlosigkeit „zwei mögliche, diametral entgegengesetzte Endpunkte biografischer, reproduktiver Pfade mit einer unterschiedlichen Dynamik der Verfestigung von Geschlecht: An dem einen Endpunkt steht eine asymmetrische Geschlechterbeziehung mit einer fast unvermeidbaren Spezialisierung und Sphärentrennung mit einer starken Verantwortung der Mutter für die Kinder, an dem anderen Ende stehen Singles oder egalitäre Zweierbeziehungen ohne Kinder.“ (Helfferich, 237).

Die männliche Über- und die weibliche Unterlegenheit, die sich mit den ersten heterosexuellen Begegnungen im Jugendalter abzuzeichnen beginnen, werden im Verlaufe des Lebens also sukzessive vergrössert, verfestigt und transformiert: Aus Weiblichkeit und Männlichkeit werden Väterlichkeit und Mütterlichkeit und diese wiederum sind gesellschaftlich heteronormativ fest verankert. Sowohl das juristische Verständnis des Kindeswohls wie auch die informellen Sanktionen gegenüber einer ‚falschen‘ Partnerwahl oder dem ‚falschen‘ Zeitpunkt für Mutterschaft tragen zur Persistenz bei.

Diskussion

Der Anspruch, die Familiensoziologie um das Wissen der sozialen Konstruktion von Geschlecht zu erweitern oder umgekehrt, die Erkenntnisse der Familienforschung in die Soziologie der Geschlechter einzuflechten, wird mit diesem Buch systematisch eingelöst. Die Lebenslaufperspektive zeigt sich als absolut geeignet, um die Wissensbestände über die Konstitution von Geschlecht und jene über die Konstitution von Familie zusammenzubringen. Und mit Bourdieus Habituskonzept lassen sich sowohl Geschlecht wie auch Familie als gesellschaftlich Erzeugte und Erzeugende erfassen. Andererseits stellt sich beim Lesen tatsächlich der Eindruck ein, den auch die Autorin selbstkritisch festhält: „Bourdieu als Leittheorie zu verwenden, birgt die Gefahr, der beharrlichen Reproduktion sozialer Ungleichheit eine hohe Aufmerksamkeit zu widmen und den Wandel und das Verschwinden von Differenz zu vernachlässigen.“ (Helfferich, 223; Hervorh. im Orig.). So erhalten beispielsweise Regenbogenfamilien im vorliegenden Buch wenig Aufmerksamkeit.

Als Vertreterin der Genderforschung lehnt Helfferich – wenn auch fast durchgehend implizit – jeglichen Rekurs auf biologische Grundlagen ab und versteht die gesellschaftliche Ordnung als ausschliesslich sozial konstruiert, so etwa: „Ein engerer Bezug zum Kind auf Seiten von Frauen muss dabei nicht biologisch – etwa über die körperliche Verbundenheit in der Schwangerschaft – erklärt werden, sondern kann auf die historischen Praxen zurückgeführt werden, Kinder den Müttern zuzuordnen.“ (Helfferich, 167), und: „Der grundsätzliche Unterschied, dass Kinder von Frauen geboren und ihnen sozial zugewiesen werden – eine Differenz, die sich z.B. in der rechtlichen Definition von ‚Mutter‘ und ‚Vater‘ niederschlägt – ist ein Ergebnis von Geschlechterungleichheit und verstärkt sie.“ (Helfferich, 249)

Fazit

Das Buch gibt den aktuellen Stand der Familien- und Geschlechtersoziologie wieder und stellt eine gegenseitige Verschränkung dieser beiden Themen her. Trotz hohem Abstraktionsniveau sind die einzelnen Kapitel gut verständlich, nicht zuletzt helfen die klare Struktur, der logische Aufbau des Buches und die vielen Zwischenfazite den Lesenden, sich zurechtzufinden.


Rezensentin
Ursula Christen
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Zitiervorschlag
Ursula Christen. Rezension vom 05.10.2017 zu: Cornelia Helfferich: Familie und Geschlecht. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-8252-4662-4. UTB. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16459.php, Datum des Zugriffs 17.12.2017.


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