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Martina Löw, Thomas Geier: Einführung in die Soziologie der Bildung und Erziehung

Cover Martina Löw, Thomas Geier: Einführung in die Soziologie der Bildung und Erziehung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. 3., überarbeitete und ergänzte Auflage. 152 Seiten. ISBN 978-3-8252-8494-7. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,90 sFr.

Reihe: Heinz-Hermann Krüger, Einführungstexte der Erziehungswissenschaft - 8. UTB L (Large-Format).
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Autorin und Autor

Dr. Martina Löw ist Professorin für Soziologie an der TU Berlin.

Dr. Thomas Geier ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Schul- und Bildungsforschung der Martin-Luther Universität, Halle-Wittenberg.

Thema

An der Schnittstelle zwischen Soziologie und Erziehungswissenschaft geben Martina Löw und Thomas Geier mit dem Buch „Einführung in die Soziologie der Bildung und Erziehung“ einen Einblick in die Grundbegriffe sowie theoretischen Ansätze ausgewählter Klassiker, ins Thema sozialer Ungleichheit und in ihre aktuelle Forschung. Die Lektüre ist kein Ersatz für Primärliteratur, sondern bietet eine erste Orientierung im vielschichtigen Themenfeld. Der Band lädt zum Lesen der Originaltexte und zum Beiziehen anderer Interpretationslektüre der behandelten Klassiker ein und will damit wichtige Anhaltspunkte geben, um bildungssoziologische Originaltexte und Fragestellungen selbständig weiter zu verarbeiten.

Entstehungshintergrund

Das Buch, das Martina Löw bereits 2003 und 2006 herausgegeben hat, erscheint in der vorliegenden überarbeiteten und erweiterten dritten Auflage in Zusammenarbeit mit Co-Autor Thomas Geier.

Ergänzend zu den vorausgegangenen zwei Ausgaben, findet sich im vorliegenden Buch neu das Unterkapitel Ethnizität (4.1.3) und das neunte Kapitel zu Migration im Kontext von Bildung und Erziehung. Gleichzeitig entfällt das Unterkapitel zu Helmut Schelsky im Abschnitt zu den bildungssoziologischen Konzepten ausgewählter Klassiker.

Aufbau

(Titel der Kapitel ergänzt mit inhaltlichen Stichworten)

  1. Soziologische Grundbegriffe – Bildung, Erziehung und Sozialisation
  2. Bildung und Erziehung – ein klassisches, soziologisches Feld. Theoretische Ansätze von Emile Durkheim, Karl Mannheim, Talcott Parsons, Theodor W. Adorno und Michel Foucault
  3. Soziologische Bildungs- und Erziehungstheorie heute – Theoretische Ansätze von Pierre Bourdieu und Niklas Luhmann
  4. Soziale Ungleichheit – Definition sozialer Ungleichheit anhand der Kategorie Klasse, Geschlecht und Ethnizität; Bildung und soziale Ungleichheit am Beispiel Bildungsbeteiligung, Bildungsgeschehen unter besonderer Berücksichtigung der Schule und im Spannungsverhältnis von Arbeit und Bildung
  5. Bildung und (Vor)Schule – Bildung im Kindergarten, Schule und Gesellschaft, Erziehen als Profession
  6. Bildung und Hochschule – Kurze Geschichte der Universitäten und Einblick in die Professorenschaft, in Fachkulturen, in Hochschule mit Blick auf Geschlecht und in die Hochschulbildung durch das elektronische Netz
  7. Bildung in lebensgeschichtlicher Perspektive – Kindheit, Jugend und die Ausweitung der Bildungs- und Lernprozesse auf das Erwachsenenalter
  8. Die Raumdimension der Bildung – Definition von Raum, klassische Konzepte der Chicagoer Schule und von Georg Simmel, Bildungs- bzw. erziehungssoziologische Raumstudien, Geschlechtsspezifische Aspekte der Raumkonstitution
  9. Migration im Kontext von Bildung und Erziehung – Definition von Migration und Bezüge auf Bildung sowie Erziehung und Integration
  10. 10 Tipps für Studierende – Institutionen, Studienorte, Berufsperspektiven, Quellenangaben, thematisch sortierte Literaturempfehlungen

Inhalt

Mit Blick auf den Wandel von Bildungsprozessen ist der in zehn Kapitel gegliederte Band als Standortbestimmung der gegenwärtigen Soziologie der Bildung und Erziehung konzipiert.

Nach einer einleitenden Verortung des Soziologiebegriffs auf einer verknüpfenden Individual- und Kollektivebene führen die Autoren in die bis heute relevanten Themen der Soziologie der Bildung und Erziehung ein. Sie halten fest, dass die Hauptaufgabe darin bestehe, „soziale Ungleichheit in der Gesellschaft zu analysieren“ (15). Trotz vielversprechender Bildungsreformen wie Gesamtschulen und Reformuniversitäten in der letzten Dekade zeichnet sich weiterhin eine „Reproduktion der sozialen Lage“ ab, wobei sich diese von der Schule in den Betrieben verschoben hat. Betriebsleitende klagen über Fachkräftemangel und gleichzeitig weisen die ländervergleichenden Befunde aus der PISA-Studie (ab 2001) auf leistungsschwache Kinder und Jugendliche in Deutschland hin, wobei diejenigen mit Migrationshintergrund besonders betroffen sind. Zudem bleibt das Spannungsfeld zwischen „dem ökonomischen Feld und dem Feld der Bildung“ (17) erhalten. Kurz gefasst: Die Reibungsfläche besteht zwischen einem zunehmend durch die Globalisierung geforderten marktorientierten Wissen gegenüber einem von der Wissensgesellschaft ausgehenden komplexen Verständnis von lebenslangen Bildungsprozessen.

Das erste Kapitel bietet eine Klärung der drei bildungssoziologischen Grundbegriffe Bildung, Erziehung und Sozialisation. Während Bildung und Erziehung von einer gezielten Beeinflussung der Heranwachsenden ausgeht und der Bildungsbegriff von schichtspezifischen Unterschiedskriterien geprägt ist, zeichnet sich Sozialisation durch unbeabsichtigte Einflussnahme aus. Darüber hinaus haftet dem Sozialisationsbegriff verstärkt der „Aspekt der Integration in die Gesellschaft“ (24) und der „aktiven“ (25) Aneignung der gesellschaftlichen Güter. Diese Charakteristik des Sozialisationsbegriffs fördert wiederum die Reflexivität und Handlungsfähigkeit der Akteure, womit zentrale Voraussetzungen gegeben sind, normativ-idealistische Bildungsbegriffe (beispielsweise im deutschen Nationalsozialismus) in Frage zu stellen.

Im zweiten und dritten Kapitel präsentieren die Autoren ausgewählte theoretische Ansätze und Autoren der soziologischen Bildungs- und Erziehungstheorie: Emile Durkheim entkoppelt den Erziehungsbegriff von der „Prägung eines Individuums“ und verortet diesen in einen soziologischen Kontext, in dem der Erziehungsprozess durch eine arbeitsteilige Gesellschaft geprägt ist. Weiterführend verweist Karl Mannheim aus einer wissenssoziologischen Perspektive auf die zusätzlichen Einflussgrössen von Primärgruppen wie Peergroups und Nachbarschaft. Er fokussiert damit den Erziehungsbegriff auf die langsame gesellschaftliche Eingliederung der Heranwachsenden und gleichzeitig auf den wandelbaren gesellschaftlichen Kontext. Talcott Parsons knüpft an Durkheims Ansatz der Erziehung zu gesellschaftlichen bzw. beruflichen Rollen an, wobei dies für Parsons nicht nur allgemein zu erzielen ist, sondern spezifisch in der Schulerziehung. Darin sollen ausgehend von seiner Theorie sozialer Systeme, Heranwachsende nicht zu gesellschaftliche Werte und Normen verpflichtet sondern vielmehr motiviert werden, diese in ihren Handlungen zu verwirklichen. Im Sinne einer Erziehung nach Auschwitz entwickelt Theodor W. Adorno einen Erziehungsansatz, der an die „kritische Selbstreflexion“ (40) des Heranwachsenden ansetzt und das Verhältnis zwischen Erziehung und „gesellschaftliche Kräfteverhältnisse“ (41) hinterfragt. Entgegen diesem subjekt- und vernunftbasierten theoretischen Zugang betrachtet Michel Foucault die Erziehung aus einer diskursanalytischen Perspektive: „wer, wo, wann und vor allem wie über was redet“ (ebd.). Damit sollen historisch-geschichtliche Bedingungen, Gleichzeitigkeit von verschiedenen Bedeutungskontexten und dahinterliegende Machtverhältnisse reflektiert werden. Zu den wenigen und aktuellen Soziologen, die sich mit Bildungs- und Erziehungsfragen systematisch auseinandergesetzt haben, zählen Pierre Bourdieu und Niklas Luhmann, deren Ansätze ausführlicher im dritten Kapitel vorgestellt werden. Bourdieu differenziert die gesellschaftliche Struktur mit den theoretischen Begriffen „sozialer Raum/Felder“ und „Habitus“ (44) und zeigt in seinen Arbeiten auf, wie sich bei einer Übereinstimmung von Feld und Habitus gesellschaftliche Ungleichheit reproduziert. Die Autoren veranschaulichen am Beispiel des akademischen Feldes, wie soziale Benachteiligung nicht nur von kulturellem Kapital (z.B. Erwerb von Bildungszertifikaten), sondern von der Kombination unterschiedlicher Kapitalsorten, wie beispielsweise dem inkorporierten kulturellen Kapital der Eltern (ihre Bildungsabschlüsse) abhängig ist. Luhmann beschäftigt sich im Rahmen seiner Systemtheorie mit der Funktion von Systemen (bspw. die Erziehung) und wie sich diese historisch wandeln. Aufgrund der inneren Logik, die auf Codes (bspw. wahr-falsch) basieren, wird eine Selbstreflexion des Systems selber unmöglich („Blinder Fleck des Systems“ (55)). Daraus resultieren drei Reflexionsprobleme im Erziehungssystem: Die Autonomie des Erziehens (a) ist dem historischen Wandel ausgesetzt, deshalb schlagen Luhmann und Schorr vor, dieses durch das beständigere Leitmotiv der „Lehrfähigkeit“ (56) zu ersetzen. Zweitens verunmöglicht die Ambivalenz zwischen Technik und Reflexion (b) eine direkte Einflussnahme auf die zu Erziehenden, was die Autoren durch eine messbare Erziehungsleistung beheben wollen. Schliesslich wird die Frage nach der sozialen Selektivität bzw. der Chancengleichheit innerhalb des Erziehungssystems (c) aufgeworfen, welche gemäss Luhmann und Schorr systemübergreifend durch den Reflexionsbegriff der „Karriere“ (57) zu lösen sei.

Löw und Geier stellen durch das ganze Buch Bezüge zum Thema sozialer Ungleichheit her, wobei dieses im vierten Kapitel mit den theoretischen Ungleichheitskategorien „Klasse/Schicht“ und „Geschlecht“ (59) sowie mit dem Thema „Ethnizität“ vertieft (66) und an relevanten Beispielen sowie Studien von Bildungsbeteiligung und Arbeitsintegration diskutiert wird. Die Autoren beziehen sich auf die strukturierte soziale Ungleichheit, wobei relationale Formen (hierarchische Organisationen und selektive Assoziationen) und distributive Formen (materielle und wissensbasierte Güter) unterschieden werden.

Das fünfte und sechste Kapitel thematisiert Bildungsinstitutionen (Vorschule, Schule und Hochschule) jeweils mit einer historischen Einleitung und anhand von Ungleichheitsstudien. So werden zwei konträre Funktionen von Schule diskutiert: eine Qualifikations- sowie Integrationsaufgabe oder die Reproduktion sozialer Ungleichheit.

Das siebte Kapitel beschäftigt sich mit Bildung und Ungleichheitsforschung aus der Sicht der Lebensphasen: Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter. Die Autoren zeigen auf, wie heute das theoretische Konzept des „sequenziellen Ablaufs des Lebens“ (115) durch den Ansatz des „lebenslangen Lernens“ (124) aufgeweicht wurde.

Im achten Kapitel wird Bildung in Bezug auf die Raumdimension reflektiert, wobei Raum „durch Handeln“ (129) hergestellt wird. Ausgehend von den theoretischen Ansätzen der Chicagoer Schule und von Georg Simmel werden bildungssoziologische Studien am Beispiel von „Strassenkindheit“ (133) vorgestellt.

Das neunte Kapitel ist dem Thema Migration mit Blick auf Deutschland gewidmet. Insbesondere gehen die Autoren auf die Bildungsdisparität und Integration ein, welche sie begriffshistorisch und -theoretisch aufrollen und anhand aktueller Studien diskutieren.

Das Band endet mit Tipps für Studierende des Faches Soziologie der Bildung und Erziehung, welche sich über Institutionen, Studienorte, Berufsperspektiven, Quellenangaben und thematisch sortierte Literaturempfehlungen informieren wollen.

Diskussion

Der Band bietet einen breiten und kompetenten Überblick über historische und theoretische Zugänge der Soziologie der Bildung und Erziehung. Die kurz gefassten Abschnitte zu zentralen Begriffen und Themen der Bildungssoziologie mit Schwerpunkt soziale Ungleichheit ermöglichen zudem mit der internen Dreigliederung (Definition/Historischer Zugang, Theorie und Studien) und den didaktischen Hilfselementen der Randstichworte eine schnelle Orientierung.

Den Autoren gelingt, die Herausforderung zu meistern, einen verständlichen sowie knappen Einblick in die grundlegenden theoretischen Konzepte und aktuellen Studien zu geben, ohne sich auf zu viel Vorwissen des Lesenden zu stützen und gleichzeitig die Komplexität der Ansätze zu sichern.

Da sich das Thema der sozialen Ungleichheit in allen Kapiteln wiederfindet, zeichnen sich gewisse Redundanzen ab (z.B. bezüglich der Kategorie des Geschlechts). Es stellt sich die Frage, ob soziale Ungleichheit als zentrales Thema der Soziologie der Bildung und Erziehung zu deklarieren wären; dieses sollte eingangs aufgeführt werden und die Folgekapitel sollten direkt darauf Bezug nehmen.

Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den einzelnen bildungssoziologischen Theorien sind sehr aufschlussreich (z.B. S. 64), um sich in der Vielfalt der Ansätze zu orientieren.

Interessant wäre gewesen, den Bezug zwischen den Begriffen Ethnizität und Migration herzustellen, das Thema Intersektionalität (z.B. Hess 2011) zu erwähnen und bildungssoziologische Studien ausserhalb der deutschen Grenzen einzubeziehen.

Fazit

Für Studierende, die sich mit dem interdisziplinären Fach Soziologie der Bildung und Erziehung befassen wollen, gibt der Einführungsband von Löw und Geier nützliche begriffliche, historische und theoretische Anhaltspunkte. Das Buch eignet sich als Einführungsband insbesondere in Kombination mit einer Lektüregruppe zu bildungssoziologischen Originaltexten oder zu aktuellen bildungssoziologischen Studien. Zudem fördert es ein differenziertes begriffstheoretisches und forschungskritisches Denken und regt zu weiterführenden Reflexionen an.

Literatur:

Hess, Sabine (2011): Intersektionalität revisited. Empirische, theoretische und methodische Erkundungen. 1., Aufl. Bielefeld: Transcript.


Rezensentin
Dr. Emanuela Chiapparini
Dozentin Master an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften, Departement Soziale Arbeit
Homepage home.zhaw.ch/chip/
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Zitiervorschlag
Emanuela Chiapparini. Rezension vom 20.06.2014 zu: Martina Löw, Thomas Geier: Einführung in die Soziologie der Bildung und Erziehung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. 3., überarbeitete und ergänzte Auflage. ISBN 978-3-8252-8494-7. Reihe: Heinz-Hermann Krüger, Einführungstexte der Erziehungswissenschaft - 8. UTB L (Large-Format). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16467.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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