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Pia Blossfeld: Neue und alte soziale Ungleichheiten

Cover Pia Blossfeld: Neue und alte soziale Ungleichheiten. Inter- und intragenerationale Mobilitätsprozesse von Männern in Deutschland. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. 224 Seiten. ISBN 978-3-86388-044-6. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 38,20 sFr.
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Thema

Verschärfungstheorien und Kompensationsvorstellungen stehen sich in vielen Entwicklungsfragen diametral gegenüber. Das gilt besonders für sozialstrukturelle Fragestellungen nach dem Oben und Unten, nach Bevorzugten und Benachteiligten sowie nach dem Reich und Arm in Gesellschaften. Für Deutschland sind solche Fragen vor allem an seinen jüngeren historischen Nahtstellen interessant wie dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, der Wiedervereinigung und der Globalisierung mit deregulierten Arbeitsmärkten. Pia Nicoletta Blossfeld stellt daher die spannende Frage nach „Neuen und alten sozialen Ungleichheiten“. Ihre auf den Daten des Nationalen Bildungspanels NEPS der Universität Bamberg fußende, bei Budrich erschienene 224seitige Studie mit der genannten Ungleichheits-Fragestellung vergleicht die Statuslagen von Vätern und Söhnen der Geburtsjahrgänge 1944 bis 1986 in Deutschland und stellt dabei insgesamt Aufstiege durch eine Öffnung der Gesellschaft fest.

Autorin

Diplom-Soziologin Dr. phil. Pia Nicoletta Blossfeld ist als forschende Sozialwissenschaftlerin an den Universitäten von Bamberg und Oxford tätig.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einleitung mit den Darlegungen des Interesses an ihrer Sozialstruktur-Untersuchung auf deutschem Boden mit Globalisierungseffekten und den Auswirkungen der Lockerung der Arbeitsmärkte legt die Autorin die theoretischen Ansätze für ihre Untersuchung dar. Nach den gängigen Klassen- und Schichtungsmodellen diskutiert sie die mögliche Offenheit der Gesellschaft auf der Grundlage von Berufsstrukturwandel durch Globalisierung und von oszillierenden angebots- und nachfragebestimmten Kräften auf den Arbeitsmärkten. Einen besonderen Schwerpunkt legt sie dabei unter Anwendung mathematischer Gleichungsfunktionen auf die Vacancy-Competition-Modelle mit ihren Chancen durch frei werdende Berufspositionen. Hierauf verfolgt sie vor allem für die intragenerationale Mobilität wirksame Lebenslaufmodelle auch unter Blickrichtung auf deutsche Ost-West-Vergleiche und Migrationsprozesse.

In einem weiteren Kapitel werden die empirischen Grundlagen der Untersuchung mit den NEPS-Datensätzen (National Educational Panel Study), der Definition und der Operationalisierung der Variablen und der Analyse-Methoden beschrieben.

Differenziert nach empirischen Analyseverfahren werden die Ergebnisse der Untersuchungen skizziert: Tertiärisierung und Internationalisierung der Produktionsprozesse und Handelsströme haben in Deutschland intergenerational eher zu einer Aufwärts- als einer Abwärts-Mobilität geführt. Durch höhere Qualifikationsanorderungen sind die Arbeitsmärkte offener und durchlässiger geworden. Die Anteile der Unqualifizierten nehmen intergenerational ab. Die Prestigeverteilung von Vätern und Söhnen ähnelt sich indes.

Die Deregulierung bringt jedoch neue Ungleichheiten mit sich mit Problemen für Outsider. Jüngere Ostdeutsche haben in diesem Wandel bessere Chancen als ältere Arbeitnehmer der vormaligen DDR, die noch stark im sekundären, verarbeitenden Sektor verhaftet waren. Auch für Zuwanderer aus agrarisch strukturierten Herkunftsländern ist die Lage problematisch, für ihre Söhne ist sie es aber bereits weniger, da sie sich vom Primärsektor zu den anderen Sektoren hin abkehren.

Bildung ist nach wie vor ein aufwärts führendes Mobilitäts-Vehikel. Im Ergebnis bestehen für viele Akteure Aufstiegs-Chancen, insgesamt bleiben die sozialen Ungleichheits-Strukturen aber bestehen.

Die Ergebnisse der Studie werden in einem abschließenden Kapitel noch einmal schlussfolgernd zusammen gefasst.

Diskussion

Die Darlegungen zur Ungleichheit von Männern in Deutschland kreuzen alte Schichtungsvorstellungen auf der Grundlage von Bildung, Beruf und Einkommen mit den Prozessen von Globalisierung, Arbeitsmarktlockerung und betrieblichen Abstromquoten der letzten Jahrzehnte. Auch auf der Grundlage des Nationalen Bildungspanels NEPS und unter Berücksichtigung der Nachwiedervereinigungs-Transformation und der Migration wird ein sehr aktuelles Bild der Sozialstruktur Deutschlands vorgelegt.

Bei der theoretischen Grundlegung vermisst man ein stärkeres Eingehen auf die nach den Schichtungs-Sozialstrukturanalysen aufgekommene Sozialmilieu-Differenzierung der Gesellschaft auf der Grundlage von Habitus-Konstrukten.

Auch mag es befremdlich sein, die neuen deutschen Sozialstruktur-Entwicklungen am Status nur von Männern aufzuzeigen, wo dem Primäreinkommensbezug von Frauen eine zunehmende Bedeutung zukommt. Die Autorin glaubt, gute Gründe für die Beschränkung auf die Männer darin zu haben, dass diese in den meisten Haushalten die Haupteinkommensbezieher sind und die längere Verweildauer auf den Arbeitsmärkten haben. Aber die Karrieresprünge der Frauen und deren Bildungserfolge können dies auch anders sehen lassen.

Mit komplex errechneten Pfadmodellen sollen in der Studie zwar allzu vordergründige Vergleichsaussagen zwischen den intergenerationalen familialen Statuspositionen ausgeschaltet werden, hier besonders Verzerrungen aus den punktuellen, die Berufsverläufe zu wenig berücksichtigenden Befragungszeitpunkten. Aber es wird eingeräumt, dass mit den Statuspositionen einher gehende weitere Größen wie Bildungswert-Einschätzungen, Selbstkonzepte der Akteure und Lehrer-Erwartungen zu wenig berücksichtigt werden, was aber als kaum mehr handhabbar dargestellt wird. Die Erörterungen sind in diesen Passagen für eine mathematisch-regressionsanalytisch nicht vor gebildete Leserschaft kaum mehr nachvollziehbar.

Erfreulich ist die an internationalen Quellen orientierte Ausrichtung der Studie mit reicher Diskussion der angelsächsischen Literatur.

Fazit

Der Band „Neue und alte soziale Ungleichheiten“ erhärtet die Thesen von der Bildung als Aufstiegsvehikel und von der sozialstrukturellen Destabilisierung der deregulierten Arbeitsmärkte.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 31.10.2014 zu: Pia Blossfeld: Neue und alte soziale Ungleichheiten. Inter- und intragenerationale Mobilitätsprozesse von Männern in Deutschland. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. ISBN 978-3-86388-044-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16468.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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