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Nicole von Langsdorff (Hrsg.): Jugendhilfe und Intersektionalität

Cover Nicole von Langsdorff (Hrsg.): Jugendhilfe und Intersektionalität. Budrich Academic Press GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. 260 Seiten. ISBN 978-3-86388-047-7. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,00 sFr.
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Herausgeberin

Nicole von Langsdorff ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ev. Hochschule Darmstadt.

Aufbau

Das Buch, der Sammelband, gliedert sich in 3 Teile.

  1. Nach einer kurzen Einleitung wird im ersten Abschnitt auf den Aspekt Theoretische Perspektiven mit vier Beiträgen eingegangen.
  2. Zwei Beiträge mit Zugängen zur Forschung akzentuieren den zweiten Abschnitt, während
  3. der dritte und umfangreichste Abschnitt Zugänge zur Praxis im Kontext von Intersektionalität charakterisiert.

Im ersten Abschnitt fragt Marie Frühauf (S. 15-37) nach Intersektionalität für alle und verortet intersektionale Perspektiven in den Dimensionen von Differenz und Ungleichheit, während im darauffolgenden Nicole von Langsdorff (S. 38-56) theoretische Perspektiven Sozialer Arbeit innerhalb der Dimensionen von Ungleichheit und Intersektionalität charakterisiert. Kathrin Schrader (57-73) beleuchtet die Aspekte von Gender und Intersektionalität innerhalb des Theoriediskurses der Sozialen Arbeit. Auf den Zusammenhang von Körper und Ungleichheit im Kontext Sozialer Arbeit verweist Rebecca Mörgen (S. 74-93).

Im zweiten Abschnitt „Zugänge zur Forschung“ beschreibt Thomas Geisen Differenzerfahrungen und Ambivalenzen bei intersektionellen Perspektiven auf Jugendliche mit Migrationshintergrund in der stationären Jugendhilfe (S. 95-115). Susanne Offen und Jürgen Budde stellen in ihrem Beitrag disparate disziplinäre Logiken pädagogischer Handlungsfelder dar (S. 116-133).

Im dritten Abschnitt, den Zugängen zur Praxis, versammeln sich sechs Beiträge mit heterogenen Schnittmengen zur Jugendarbeit. Michael May eröffnet mit seinem Beitrag zur Mäeutik durch Intersektionalitäten (S. 135-155). Kerstin Bronner schließt mit ihrem Beitrag zur professionellen Unterstützung jugendlicher Normalitätsaushandlungen daran an (S. 156-169). Melanie Groß stellt Reflexionen über konzeptionelle und theoretische Perspektiven für die Jugendarbeit in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen zu Intersektionalität (S. 170-183). Linda Kagerbauer und Nicole Lormes beleuchten Relevanzen und Spannungsfelder von Differenzkategorien (anhand von Mädchenarbeit / Mädchenpolitik) im Kontext neoliberaler Diskursstrategien (S. 184-210). Im vorletzten Beitrag beschreibt Fabian Lamp eine intersektionelle Analyse der Schule (S. 211-228)), während im letzten Beitrag des Abschnitts und des Sammelbands Olaf Stuwe intersektionale Ambivalenzen in der Gewaltprävention thematisiert (S. 229-248).

Eine knappe Übersicht zu Herausgeberin und AutorInnen beschließt den Sammelband.

Ausgewählte Inhalte

Rezensiert werden alle Beiträge des ersten Abschnitts, aus den folgenden Abschnitten wird je ein Beitrag rezensiert.

Marie Frühauf eröffnet mit ihrem Beitrag, betitelt „Intersektionalität für alle? Zur Verortung intesektionaler Perspektiven in der neuen Rede von Differenz und Ungleichheit“ den Sammelband. Sie zeichnet darin die Herkunft des Begriffs und dessen Verwendung in knappen Absätzen nach und konzentriert sich auf feministische Perspektiven und fokussiert dabei 2 Leerstellen: zum einen die Vernachlässigung ökonomischer Perspektiven und zum anderen die Vernachlässigung gesellschaftlicher Strukturen. In ihrem, in 3 Abschnitte unterteilten Beitrag, wird im ersten Abschnitt eine Art binärer Differenz hergestellt: die Situation in den USA und die bundesdeutsche Situation. Im zweiten Abschnitt fokussiert sie intersektionale Perspektiven in der Sozialen Arbeit. Ein Zuschnitt auf Jugendhilfe erfolgt erst im dritten Abschnitt. Frühauf beschreibt Intersektionalität nur anhand dreier Kategorien, (den klassischen Strukturkategorien Klasse (bzw. Ökonomie), Rasse (bzw. Ethnizität / Herkunft) Geschlecht) weitere bleiben unberücksichtigt.

Nicole von Langsdorff erläutert in ihrem Beitrag mit dem Titel „Theoretische Perspektiven Sozialer Arbeit im Kontext von Ungleichheit und Intersektionalität“ mit einem Schwerpunkt auf lebensweltlichen Zusammenhängen Alltags-, Lebenswelt- und Diversity-Theorien im Kontext gesellschaftlicher Ungleichheit (so auch der Titel einer ihrer Abschnitte). Theoretische Verweisungszusammenhänge werden vor allem am Aspekt der Ungleichheit im Kontext von Handlungsvollzügen in der Jugendhilfe erläutert. Langsdorff bezieht dabei ebenfalls eine klassisch subjektorientierte Perspektive der Ansätze ein, etwa indem sie auf Thierschs Forderung nach einer Formulierung kritischer Fragen aus autobiografischen Materialien verweist. Kritisch sieht sie hingegen die Konkretisierung der Zugänge, wenn sie darauf hinweist, dass (neben Thiersch auch Hamburgers Modell und Böhnischs Betrachtungen zu sozialer Anerkennung) diese Modelle zunehmend an Konkretheit verlieren, wenn in der Umsetzung wie auch in der Wahrnehmung / Analyse des Alltags /der Lebenswelt gesellschaftliche Ungleichheits- bzw. Herrschaftsstrukturen unberücksichtigt bleiben. Langsdorff verweist vor allem auf die Möglichkeitsräume (für die Subjekte der Sozialen Arbeit) unter je unterschiedlichen Zugangsbedingungen (materielle Ressourcen, Rechte, Privilegien). In ihrem Abschnitt zu Intersektionalität und Interdependenzen als normative Bezugspunkte in alltags- und lebensweltlichen Theoriesträngen verknüpft sie die drei Ebenen Struktur, Interaktion und Repräsentation. In ihrem letzten, etwas kurz gehaltenen Abschnitt mit der Überschrift Differenzkategorien in Bezug zur Jugendhilfe verweist Langsdorff auf weiterhin bestehenden Diskussionsbedarf beim Winker-Degele-Modell von Verweisungszusammenhängen. Sie stellt am Schluss ihres Beitrags eine übergeordnete Fragesystematik für Handlungsvollzüge im professionellen Kontext der Jugendhilfe vor (ausgerichtet am Fragenkomplex von Riegel).

Kathrin Schrader diskutiert in ihrem Beitrag Gender und Intersektionalität im Theoriediskurs der Sozialen Arbeit. Ihr Beitrag, beginnend mit einer Einleitung, ist zu Beginn eher rhetorisch angelegt. Schrader fokussiert auf unterschiedliche Zugänge der Gendertheorie (oder eher Gendertheorien) und begründet im nächsten Abschnitt warum gendersensible theoretische Zugänge zur Sozialen Arbeit notwenig sind. Rekurrierend auf Rauschenbachs und Züchners sozialen Tatbeständen, auf die Soziale Arbeit reagiere, verweist sie auf Konstruktion von Gender, kritisiert im gleichen Abschnitt aber auch die Unverbundenheit der Theorie Sozialer Arbeit und Positionen der Geschlechterverhältnisse: „Trotzdem sind Geschlechterfragen in der Theoriebildung zur Sozialen Arbeit durchgängig Randthemen“ (S. 59). Schrader zeigt zudem an einigen Beispielen die Problematik der gegenderter Professionalisierungsperspektiven auf: sie greift dazu exemplarisch aus dem „Wörterbuch Soziale Arbeit und Geschlecht“ Beispiele auf. Im nächsten Abschnitt wird eine Einzelfallbeschreibung vorgenommen („Su – ein exemplarisches Leben am Rande des Scheiterns“), mit dem Schrader folgende Fragen aufwirft: „Es stellt sich die Frage, ob die Situation nur noch als dramatisches Schicksal betrachtet werden kann, das in einem zerstörten Frauenleben endet oder ob Su ihre Handlungsfähigkeit erweitern kann? Ist Su eigentlich ein Opfer oder eine Täterin?“ (S. 63) und davon ausgehend zu der Schlussfolgerung gelangt, dass eine Fallanalyse (beinahe zwingend) einer Genderperspektive bedarf, da sie sonst einer komplexen Realität nicht gerecht werde.

Im nächsten Abschnitt beschreibt Schrader gendertheoretische Ansätze als Theoriebausteine der Sozialen Arbeit, wobei auf das Differenzparadigma, der Doing-Gender-Ansatz und der Ansatz der Dekonstruktion rekurriert wird und, um einer dogmatischen Engstelle der Sozialen Arbeit zu begegnen, der darauffolgende Abschnitt zur Intersektionalität als Analyseraster (auch der vorangegangenen Einzelfallbeschreibung) benutzt wird. In ihrer Zusammenfassung betont Schrader einige Herausforderungen einer kritischen Sozialen Arbeit.

Rebecca Mörgen diskutiert in ihrem gleichnamigen Beitrag verkörperte Ungleichheiten und Soziale Arbeit. In ihrer Hinführung als erstem Abschnitt ihres Beitrags betont Mörgen den vorangegangenen body turn und beschreibt (in aller gebotenen Kürze) den Körper als Medium, das sowohl sozial hergestellt wie auch herstellendes Medium gesellschaftlicher Zusammenhänge darstellt. Sie skizziert in einem nächsten Abschnitt politisch-theoretische Ursprünge der Perspektive Intersektionalität, indem sie Intersektionalität nicht nur als theoretisch-analytisches Werkzeug zur Beschreibung von Ungleichheiten auffasst (und wiedergibt), sondern auch (und vielleicht gerade) als politisch-theoretische Bewegung. Sie verweist insbesondere bei der „Achse Körper“ darauf, dass neben anderen Strukturkategorien eben auch Körper zu In- und Exklusionsprozessen diskutiert werden: „Ungleichverteilungen wie auch gesellschaftliche Teilhabe- und Teilnahmemöglichkeiten soziale (sic!) Akteure werden nicht zuletzt anhand von Kategorisierungen entlang des Körpers strukturiert“ (S. 79). Der analytischen Differenzierung zwischen Körper und Leib folgend, verweist Mörgen im nächsten Abschnitt auf theoretische Fundierungen der Körper-Leib-Debatte und betitelt konsequent den darauffolgenden Abschnitt als körperleibliche Dimension sozialer Ungleichheit und Sozialer Arbeit. Zugriffe auf den Körper erfolgen – nach Mörgens Lesart, die hier ihrerseits Foucault folgt – nicht nur in der diskursiven Hervorbringung des Körpers an sich, sondern eben auch im Zugriff auf die leibliche Dimension von Körpern. Mörgen bemüht hier das Beispiel des „Unterschichtenkörpers“. Die Autorin zieht im letzten Abschnitt ihres Beitrags ein unabgeschlossenes Resümee (so auch der Titel des Abschnitts) und erwägt, den Körper als Analysekategorie sozialer Ungleichheit, als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse zu begreifen.

Thomas Geisen diskutiert Differenzerfahrungen und Ambivalenzen als intersektionelle Perspektiven auf Jugendliche mit Migrationshintergrund in der stationären Jugendhilfe. Sein Beitrag, beginnend mit einem Einleitungsabschnitt, zielt auf eine relevante Kategorie für und in der Wahrnehmung von Differenzerfahrungen: „Dies hat auch Einfluss auf die Ausbildung von Selbstpositionierungen und Zugehörigkeitserfahrungen im Aufwachsen von Jugendlichen. Diese müssen nicht, können aber auch mit Einschränkungen, Abwertungen und Diskreditierungen einhergehen… Allerdings zeigt sich hier sehr schnell auch, dass Migration als Unterscheidungsmerkmal nie allein wirksam ist“ (S. 96). Im theoretisch angelegten 2. Abschnitt werden die Analysekategorie Migration und die Perspektive der Intersektionalität mit- und ineinander verschränkt. Zudem wird für die, von Geisen mitverfasste, vorgestellte (Fall)Studie „Jugendliche mit Migrationshintergrund in der stationären Jugendhilfe“ (Schaffer et al. 2014) Intersektionalität als heuristische Matrix verwendet. Ausgehend vom empirischen Interviewmaterial der Studie stellt Geisen im 4. Abschnitt seines Beitrags intersektionelle Thematisierungen in der stationären Jugendhilfe anhand eines Fallbeispiels („Fabian Kuttner“) vor, für den sowohl der serbische Migrationshintergrund eine größere Bedeutung erlangte als die schweizerische Abstammung, der sich aber (weiteren) eindeutigen Zuordnungen verweigert und selbst mit heterogenen Herkunftskontexten identifiziert. Als Fazit und Schlussfolgerung verweist Geisen sowohl auf die Komplexität biographischer Verläufe als auch auf verschiedene, gleichzeitig wirksame Differenzlinien (mitsamt der neu gewonnenen Differenzlinie Gewalt, die jedoch im Erleben der Jugendlichen als Einheit wahrgenommen werden: „In diesem Sinne ist das Zusammenwirken, das Interagieren verschiedener Differenzlinien eine soziale Tatsache und verweist auf die Komplexität des sozial-kulturellen Bedingungsgefüges, in das Menschen eingebunden sind“ (S. 111).

Fabian Lamp beschäftigt sich in seinem Beitrag mit einer intersektionalen Analyse der Schule (so auch der gleichnamige Titel) und entwirft Schulsozialarbeit als Beitrag zu einer differenzsensiblen Schulkultur. Im ersten Abschnitt seines Beitrags wird der Umgang mit Differenz in der Kinder- und Jugendhilfe thematisiert und auf bestehende relevante Differenzverhältnisse. Er verweist dazu auf die Differenz der Generationen, die Differenz der Geschlechter und die Differenz von Abweichung und Normalität. Innerhalb dieses ersten Abschnitts wird ein kurzer historischer Abriss zur Differenz von Abweichung und Normalität eingearbeitet, dem als zweiter Sektionsabschnitt ein Absatz zu differenzsensibler Kinder- und Jugendhilfe folgt. Er resümiert diesen längeren Absatz mit einer impliziten Kritik am Schulsystem: „Nun trifft eine solche lebensweltorientierte, differenzsensible Kinder- und Jugendhilfe im Handlungsfeld Schulsozialarbeit auf ein Schulsystem, das traditionell einen wenig sensiblen Umgang mit der Unterschiedlichkeit der Schülerinnen und Schüler gepflegt hat und noch immer bestimmte Gruppen von SchülerInnen benachteiligt“ (S. 215). Lamp untermauert sodann in seinem nächsten Abschnitt zur intersektionalen Analyse der Schule seine These „… dass das Schulsystem sich zwar gegenwärtig möglicherweise um differenzsensible Veränderungen … bemüht, dies aber aufgrund der historisch gewachsenen Strukturen des gegliederten Schulsystems und des gesellschaftlichen Auftrags der Schule … schwierig ist“ (S. 215). Lamp analysiert dabei den Ebenen des Intersektionalitätsmodells entsprechend die Schule, beginnend mit der Struktur und geht dabei gesondert auf verschiedene Differenzkategorien ein, u.a. Klasse, Rasse, Geschlecht und Körper. Die Exklusionsfunktion der Schule wird dabei mit Selektions- und Allokationsfunktionen als Reproduktion (oder, genauer gefasst, als Reproduzentin) sozialer Ungleichheit beschrieben. Die Ebenen von Repräsentationen und Identitäten folgen darauf. Lamp verweist in seinem letzten Abschnitt, betitelt „Schulsozialarbeit als Beitrag zu einer differenzsensiblen Schulkultur?“ auf bisher wenig erforschte Bereiche und Beiträge der Schulsozialarbeit in Richtung auf Veränderung(sprozesse) der Institution Schule in ihrer Verschränkung von Berücksichtigung der Lebenswelten von Schülerinnen und Schülern und der Schulentwicklung.

Diskussion

Ein wesentliches Manko des vorliegenden Sammelbands stellt die Fokussierung auf bundesdeutsche Realitäten dar: eine zumindest europäische Perspektive hätte dem Thema eher Rechnung getragen. Vom Titel her angelegt ist die Konzentration auf Gegebenheiten der BRD nicht recht nachvollziehbar, zumal die verwendete Literatur aller Beiträge eine interdisziplinäre wie internationale Perspektive mindestens nahegelegt hätte.

Im Beitrag von Marie Frühauf sticht die binäre Unterscheidung ins Auge: die binäre Unterscheidung US-Situation – BRD-Situation wird weder hergeleitet (von einigen sehr kurzen und knappen feminismusgeschichtlichen Absätzen abgesehen) noch begründet. In der US-amerikanischen Sicht wird zudem vorwiegend auf Schwarze (bzw. Women of colour) verwiesen; warum sich die Situation für Asiatische Frauen, Latinas und weiteren ethnischen Herkünften damit grundlegend von der Schwarzer Frauen unterscheiden sollte, bleibt ungeklärt. Bestenfalls wäre noch zu vermuten, dass die US-Perspektive als Referenzkriterium herangezogen wurde, das allerdings hätte auch so gekennzeichnet werden können (und im Sinne guter wissenschaftlicher und wissenschaftsethischer Praxis vielleicht auch müssen).

Der Beitrag von Nicole von Langsdorff stellt Theoretische Perspektiven in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen; allerdings eröffnet sie ihren Beitrag mit der Frage „… wie können Ungleichheitsverhältnisse in ihren spezifischen Überschneidungen und Interdependenzen mit den Erfahrungen der Subjekte zusammengeführt werden und somit in Analyse- und Handlungsvollzügen Sozialer Arbeit Umsetzung finden, ohne dabei unzulässigen Vereinfachungen, Verkürzungen und Zuschreibungen zu erliegen“ (S. 38). Außerdem merkt sie kritisch an, ob nicht doch eher 13 statt der 4 Differenzkategorien (wie sie bei Winker und Degele gesehen werden) wirksam werden. Beide Fragen werden jedoch in den darauffolgenden Abschnitten weder ausreichend thematisiert noch theoretisch entfaltet – eine doch ins Gewicht fallende Einschränkung.

Schraders Beitrag, wiewohl stark rhetorisch angelegt, zeigt die Nutzbarkeit differenter Zugänge der Gendertheorie für die Soziale Arbeit. Es ließe sich zwar eher streiten, ob es sich nicht eher um Theorien denn um eine Gendertheorie handele…zudem der Aussage, Geschlechterfragen in der Theoriebildung der Sozialen Arbeit seien nur marginal behandelt, nur bedingt zugestimmt werden könnte: sowohl in der DGSA als auch in zahlreichen Publikationen zur Sozialen Arbeit wird (auch in der Theoriebildung) Gender fokussiert. Zuzustimmen ist der Autorin hingegen uneingeschränkt, wenn sie die dichotome Festschreibung beider Geschlechter in binärer Zuschreibung (nämlich entweder Frau oder Mann) kritisiert. Erst im letzten Abschnitt, der Zusammenfassung, betont die Autorin, dass sie vorrangig auf die kritische Soziale Arbeit fokussiert, ohne das hingegen vorher angemessen darzustellen.

Mörgens Beitrag zur Körperlichkeit kommt erst im letzten Abschnitt auf Kernfragen der Sozialen Arbeit im Zusammenhang und Zusammenspiel anderer Professionen (wie beispielsweise der Pädagogik) zurück, wobei nur knapp Achsen des Zugriffs gestreift werden, die dennoch im Fokus und Zentrum sozialer Arbeit liegen: moralisierende, beschämende, missachtende und kontrollierende Zugriffe auf die Adressat_innen Sozialer Arbeit. Vor dem Hintergrund zahlreicher Vorwürfe sexueller Gewalt in pädagogischen Institutionen eher befremdlich, zumal auch weitere Konnotationen körperlicher Gewalt ausgeschlossen bleiben. Sowohl generationale Ordnungen innerhalb der Achse Körperlichkeit (z.B. wem wird Sexualität zugebilligt – auch den Kindern?) als auch inter- und transgenerationale Aspekte der Körper-Leib-Debatte bleiben hier – leider – ausgespart.

Geisen, der Intersektionalität als heuristische Matrix verwendet, verweist zwar zu Beginn seines Beitrags bei der Vorstellung der Referenzstudie auf mehrere Interviewpartner (und das heißt, es wurden nicht nur Jugendliche befragt), dennoch wurde nur aus Sicht eines Interviewpartners die Anwendung der Matrix gezeigt. Für dichte, theorie- und praxisgesättigte Beschreibungen wären sicherlich ergänzende Perspektiven hilfreich gewesen. Festzuhalten und hervorzuheben bleibt jedoch die Erweiterung der bestehenden (um die Perspektiven von Lutz und Wenning erweiterten) intersektionalen Perspektiven um die Achse der Gewalt(erfahrungen).

Lamp diskutiert Schule als Differenzerfahrungsmodell für Schülerinnen und Schüler und verweist dazu innerhalb der Ebene Struktur beispielsweise auf die Kategorie Rasse. Hier wäre möglicherweise eine feiner differenzierende Betrachtung unter dem Begriff Ethnizität/en angebracht gewesen. An einigen Stellen beschreibt er institutionell verankerte Exklusionsprozesse unter dem Gesichtspunkt von Differenzerfahrungen der betreffenden Schülerinnen und Schüler, nimmt aber die Perspektive der Lehrkräfte nur verkürzt in den Blick: inwieweit auch Lehrkräfte (teilweise diskriminierenden) Differenzerfahrungen innerhalb der Institution Schule unterliegen, bleibt nur unzureichend berücksichtigt. Hier wäre für zukünftige Beiträge noch Raum in Richtung auf professionstheoretische Beiträge zur Schulsozialarbeit und Differenz.

Fazit

Beim vorliegenden Sammelband handelt es sich um ein profund ausgearbeitetes Werk. Neben einigen kleineren Schwächen (wie z.B. Fehlern im Titel eines Beitrags, orthografischen Schwächen etc.) ist das Buch lesenswert, hätte aber auch um einige Perspektiven ergänzt werden können: Kinderschutz als Thema der (Kinder- und) Jugendhilfe hätte sich dabei sicherlich angeboten. Nichtsdestotrotz kann dieses Buch empfohlen werden zum Einsatz sowohl in der Lehre wie auch in der Forschung.


Rezension von
Dr. Miriam Damrow
Hochschule Magdeburg-Stendal
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Zitiervorschlag
Miriam Damrow. Rezension vom 29.10.2014 zu: Nicole von Langsdorff (Hrsg.): Jugendhilfe und Intersektionalität. Budrich Academic Press GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. ISBN 978-3-86388-047-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16469.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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