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Nils Zurawski: Raum – Weltbild – Kontrolle

Cover Nils Zurawski: Raum – Weltbild – Kontrolle. Raumvorstellungen als Grundlage gesellschaftlicher Ordnung und ihrer Überwachung. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. 250 Seiten. ISBN 978-3-86388-054-5. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,00 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Dem Buch liegt die Habilitationsschrift des Autors zugrunde. Behandelt wird das grundlegende Dilemma der eigenen Verortung in einer zum größten Teil unbekannten Welt und der Versuch, über ein cognitive mapping zu einer solchen Verortung zu gelangen. Ausführlich erörtert werden Weltbilder, in denen sich das Verhältnis des Menschen zur umgebenden Welt ausdrückt, die Kartierung der Welt und Überwachung, wobei ausführlich auf die Videoüberwachung eingegangen wird.

Autor

Nils Zurawski hat Soziologie, Ethnologie und Geographie studiert. Ausgangspunkt und Grundlage seines Buches war die Tätigkeit am Institut für Soziologie der Universität Münster und die Mitwirkung in empirischen Forschungsprojekten. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kriminologische Sozialforschung der Universität Hamburg.

Aufbau

Das Buch setzt sich aus sechs Kapiteln zusammen.

Das erste Kapitel enthält eine kurz gefasste Einleitung, die Kapitel 2 bis 4 widmen sich jeweils einem bestimmten Konzept: Weltbilder, Kartierungen und Überwachung. Im fünften Kapitel wird eine empirische Untersuchung dargestellt. Das Buch endet mit einer kurzen Schlussbetrachtung im sechsten Kapitel.

Inhalte

Im ersten Kapitel wird das Fundament gelegt und ein Überblick über die weiteren Buchkapitel gegeben. Das Konzept der Weltbilder und des cognitive mapping werden vorgestellt. Der Zusammenhang zwischen Raumwahrnehmung und räumlicher Orientierung wird an einem konkreten Beispiel erläutert. Überwachung wird als elementarer Bestandteil menschlicher Gesellschaften gesehen, begründet dadurch, dass die Welt zu groß ist, um sie begreifen und beherrschen zu können.

Im grundlegenden zweiten Kapitel geht der Autor ausführlich auf die für ihn zentralen Begriffe ein. Weltbilder sind Grundlage für den Menschen, sich in der Welt zu verorten, von der man nur einen Teil überblickt. Der andere unbekannte größere Teil ist ein soziales Konstrukt. Zurawski weist hier auf die ethnologischen Untersuchungen von Kosmologien hin, aus denen hervor geht, dass schon in früheren Epochen der Menschheit das Bedürfnis bestanden hat, die eigene Welt mit einer vermuteten unbekannten Welt in Beziehung zu setzen. Über Rituale werden Verbindungen zwischen Realität und Kosmos hergestellt. Rituale sind Ausdruck von Weltbildern und Orientierungssystemen. Ein weiterer zentraler Begriff ist das cognitive mapping, mit dem der einzelne Mensch zwischen sich und der Welt eine Beziehung herstellt. Der Autor bezieht sich dabei auf die Überlegungen von Fredric Jameson, der den Begriff verwendet hat, um die Beziehungen zwischen Individuum und globalem Raum zu beschreiben. Als Überwachung bezeichnet Zurawski den Versuch, Wissen über die unbekannte Welt zu erlangen und auch jenseits der eigenen Erfahrungen Kontrolle ausüben zu können. Es folgt eine ausführliche Abhandlung und Diskussion über den Raumbegriff. Die Vorstellung von Raum als einem Container ist längst überwunden, inzwischen wird der Raum sowohl als Bezugsrahmen für menschliches Handeln als auch als ein durch Handeln erzeugtes Gebilde konzipiert. So hängen z. B. Videoüberwachung und Raumdefinition eng zusammen: Ein Ort, der videoüberwacht wird, muss zwangsläufig ein gefährlicher Ort sein. Wichtig ist dem Autor der Aspekt, dass Räume sowohl reale als auch imaginierte Räume umfassen. Auch diese nicht realen Räume transportieren Machtstrukturen und sind ein Mittel, um das Bild einer ethnisch national homogenen Bevölkerung und ihrer „Heimat“ heraufzubeschwören.

Ein zentraler Begriff bei Zurawski ist cognitive mapping, definiert als kognitiver Prozess der Verarbeitung von Raumwahrnehmungen. Durch cognitive maps werden Weltbilder hergestellt. Überwachung wird als Strategie gesehen, sich in der zum großen Teil unbekannten Welt zu verorten und die terra incognita zu vermessen. Das Unbekannte soll kontrollierbar werden, die Sehnsucht nach dem Fremdartigen gestillt werden. Die immer mehr um sich greifende Überwachung reicht bis ins Weltall hinein.

Das dritte Kapitel „Kartierungen“ ist konkreter. Es geht um die Rolle von Karten bei der Herstellung von Raumvorstellungen und Weltbildern, wobei Zurawski betont, dass Karten mehr sind als nur ein schlichtes Abbild der Wirklichkeit. Sie geben immer eine ausgewählte und bestimmte Perspektive wieder. Die vielfältigen Aspekte von Karten werden beleuchtet. Karten geben Auskunft über den Raum, sie sind Kommunikationsmittel, gespeichertes Wissen, Instrumente der Verwaltung, Ausdruck von Territorialitätsansprüchen. Sie verweisen auf deren Produzenten sowie deren Nutzer. Der historische Rückblick macht die Wechselwirkungen zwischen kartographischer Entwicklung und der Entdeckung fremder Länder deutlich. Josef Conrads „Herz der Finsternis“ bringt den unbekannten Raum als Projektionsfläche für die Ängste vor dem Unbekannten und Unbeherrschbaren zum Ausdruck. Der Raum wird vermessen, um das Dunkle und Furchterregende zu tilgen, des Weiteren um Identität zu schaffen und zu festigen. Des Weiteren sind Karten für den praktischen Gebrauch unverzichtbar. Ein Beispiel ist die Kartierung der Kriminalitätsbelastung nach Stadtteilen. Solche Karten werden zunehmend zu einem Mittel der polizeilichen Arbeit. Darüber hinaus beeinflussen sie die sozialräumlichen Vorstellungen von der Stadt. Mit dem Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Karten und Überwachungspraktiken richtet Zurawski den Blick schon vorab auf das Thema Überwachung im darauf folgenden Kapitel.

Das vierte Kapitel ist dann explizit dem Thema Überwachung gewidmet. Die Ausgangsüberlegung von Zurawski ist, dass Überwachung die Gesellschaft und ihre Institutionen in Gang hält. Das lateinische Wort „vigilare“ bildet den Auftakt bei den Bemühungen des Autors, zu einer Definition zu gelangen, was indessen in die Feststellung mündet, dass sich Überwachung einer eindeutigen Definition entzieht. Zwei wesentliche Aspekte lassen sich jedoch anhand der Idee des Panopticons ausmachen: Wissen und Macht. Ansonsten ist Überwachung so umfassend, dass die Erschließung des Unbekannten und die Kartierung der Umwelt, der Lebenswelt und der Gesellschaft nur ein Teil davon sind. Durch die Entwicklung der Informationstechnologie haben sich neue Möglichkeiten ergeben, Umfang und Effektivität der Überwachung zu steigern. Zwei Strategien werden genauer betrachtet: die vielfältigen Formen der Videoüberwachung und die biometrischen Verfahren zur Identifizierung von Personen.

Im fünften Kapitel mit dem formalen Titel „Praxis und Methode“ wird zu Beginn auf cognitive maps sowie das cognitive mapping eingegangen. Im zweiten Abschnitt wird dann ein Teil der Untersuchung dargestellt, die der Autor in zwei unterschiedlichen Stadtteilen in Hamburg durchgeführt hat. Ziel war, die Auswirkungen der Wahrnehmungen von Raum und Sicherheit auf die Bewertung von Videoüberwachung zu erfassen. Insgesamt 41 Personen wurden interviewt, fertigten mental maps von Hamburg an und trugen in vorgegebene Karten ihre Einschätzungen unter anderem zur wahrgenommenen Sicherheit tagsüber und nachts ein. Es zeigte sich, dass die Weltbilder sowie die Zustimmung zu Videoüberwachung je nach Stadtteil unterschiedlich sind.

Im sechsten Kapitel stellt Zurawski Schlussbetrachtungen an, wobei er an die zu Beginn seines Buches gemachten Überlegungen anknüpft. Er konstatiert, dass Karten ein Baustein bei der Erforschung des cognitive mapping sein können. Sozialräumliche Vorstellungen lassen sich so sichtbar und kartierbar machen. Zur Überwachung stellt er nochmals fest, dass eine Definition dieses Phänomens nicht eindeutig möglich ist. Ein letzter Definitionsversuch ist, dass Überwachung eine Ansammlung aus Praktiken und räumlichen Bezügen ist, mit denen das „Unbekannte“ in Relation zur bekannten Welt gesetzt wird.

Diskussion

Unverkennbar ist in dem Buch die Tendenz, mit wenigen Grundbegriffen vieles erklären zu wollen. So wird der Begriff der Überwachung enorm erweitert, auch wenn der Autor selbst feststellt, dass Überwachung eigentlich ein sehr pauschaler Begriff ist. Er wird zu einem schwer zu fassenden Globalbegriff.

Ein grundsätzliches Problem ist, dass Zurawski nicht zwischen individueller und gesellschaftlicher Ebene differenziert. Für das Individuum, das sich in der Welt verorten und orientieren will, meint Überwachung etwas anderes als für die Gesellschaft, für die Überwachung vor allem bedeutet, Macht ausüben und Normabweichungen bekämpfen zu können. Das cognitive mapping ist ein psychologischer Prozess, also ein Vorgang auf der individuellen Ebene. Der einzelne Mensch möchte sich verorten und mit dem unbekannten Teil der Welt ins Reine kommen. Bei der Frage der Überwachung im Sinne einer sozialen Kontrolle bewegt man sich auf der überindividuellen gesellschaftlichen Ebene.

Die Grenzen zwischen den Kapiteln sind zwar durch die Überschriften abgesteckt, doch im Text selbst fließen die Inhalte ineinander. Überwachung wird immer wieder aufs Neue an mehreren Stellen in mehreren Kapiteln definiert, so auch am Ende des dritten Kapitels, bevor dann im vierten Kapitel mit dem Titel „Überwachung“ der richtige Einstig erfolgt und eine nochmalige Definition – wenn auch ausführlicher – vorgestellt wird. Die Folge dieser mangelnden Grenzziehungen sind Wiederholungen und Redundanz und auch eine gewisse Unübersichtlichkeit, die das Lesen erschwert.

Die Abhandlung der Videoüberwachung im vierten Kapitel ist gründlich und sehr informativ. Weniger überzeugend ist im Zusammenhang mit der biometrischen Methodik die Gegenüberstellung der Begriffe Identität und Identifikation. Hier hätte ein Blick in die psychologische Fachliteratur Aufschlüsse gebracht.

Das fünfte Kapitel, in dem ein empirisches Forschungsprojekt vorgestellt wird, fügt sich kaum in den aufgespannten theoretischen Rahmen ein. Das Problem ist, dass aus den in zwei Stadtteilen erhobenen individuellen Daten zu rasch auf eine überindividuelle Ebene gewechselt wird und zwar zunächst auf die Ebene von Stadtteilen, wobei der Autor implizit eine homogene Bevölkerung unterstellt, und dann auf die abstrakte begriffliche Ebene, geleitet vom zentralen Thema der Überwachung.

Fazit

Das Buch befasst sich sehr gründlich mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen wie der Überwachung allgemein sowie der Videoüberwachung speziell. Es macht die Motive und die Reichweite von Überwachung sichtbar. Es liefert einen historisch fundierten informativen Beitrag zum Thema Vermessung von Raum, Karten und Kartierungen.

Das Buch ist allen denen zu empfehlen, die mit Fragen der Kartenerstellung sowie dem weiten Feld der Überwachung befasst sind, und auch all denen, die den Hintergründen und Auswirkungen von Weltbildern nachspüren wollen.


Rezensentin
Dr. Antje Flade
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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 21.07.2014 zu: Nils Zurawski: Raum – Weltbild – Kontrolle. Raumvorstellungen als Grundlage gesellschaftlicher Ordnung und ihrer Überwachung. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. ISBN 978-3-86388-054-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16471.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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