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Thilo Sarrazin: Der neue Tugendterror

Cover Thilo Sarrazin: Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland. DVA Deutsche Verlags-Anstalt (München) 2014. 350 Seiten. ISBN 978-3-421-04617-8. D: 22,99 EUR, A: 23,70 EUR, CH: 32,90 sFr.
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Der Postzusteller schmunzelte, als er mir die Sendung mit dem Rezensionsexemplar brachte; auf der Sandverpackung prangte auf signalrotem Untergrund „Der neue Sarrazin!“ Der Autor macht den Kauf, nicht das Thema (erhofft sich der Verlag). Muss man Thilo Sarrazin noch vorstellen? Ich glaube nicht. Wer sich vertieft informieren möchte, sei auf den sachlichen und detaillierten Wikipedia-Eintrag verwiesen (http://de.wikipedia.org/wiki/Thilo_Sarrazin). Eins wäre allerdings noch nachzutragen. Ende Februar 2014 war in einem SPIEGEL-Artikel (Wassermann, 2014) Detailliertes darüber zu lesen, „Wie Thilo Sarrazin als Aufsichtsrat der BVG in vier Minuten einem riskanten Finanzgeschäft zustimmte, ohne es zu verstehen – und damit über 200 Millionen Dollar verzockt wurden“ (Untertitel des Artikels). Aber darf man denn einem Autor mit etwas kommen, was er als Politiker früher angestellt hat? Bei Sarrazin darf man, denn er tritt mit dem vorliegenden Buch wie mit seinen beiden vorherigen nicht als Lyriker auf, sondern als politischer Autor. Und wenn der auf hohem moralischen Rosse daher kommt, sich als Tugendritter gebärdet und den Herrenreiter ohne Tadel spielen will, dann muss man ihn und seine (möglichen) Leserinnen an Unliebsames erinnern dürfen.

Unter Sarrazins Ausführungen zum 3. der „Axiome des Tugendwahns im Deutschland der Gegenwart“ findet sich die Passage: „Wer durch unternehmerische Tätigkeit oder anderweitigen beruflichen Erfolg zu Reichtum kommt, mag Glück gehabt haben. Häufiger aber waren seine eigenen Leistungen im Spiel. Beides, Glück oder eigene Leistung ist grundsätzlich unabhängig von Moral.“ (S. 249) Ja, aber wie, Herr Sarrazin ist das denn, wenn einer durch eigene Leistung dazu beiträgt, dass anderer Leute Geld vor die Hunde geht? Soll das denn nicht zumindest in ein moralisches Sündenregister eingetragen werden dürfen? Um sich in Sarrazinschem Denken zu üben und das Ergebnis solcher Denkanstrengung gegen ihn ins Feld zu führen, empfehle ich Studierenden der Sozialen Arbeit folgende Rechnung: Wie viele Bedarfshaushalte im 1-km-Radius um den Neuköllner Karl-Marx-Platz könnten mit 200 Millionen US-Dollar bei derzeitigem USD – EUR- Kurs wie lange finanziert werden?

Thema

Verschiedene Leserinnen des Buches werden unterschiedliche Angaben machen können und wollen dazu, was denn nun „das Thema“ des Buches sei. Nach Studium mehrerer Rezensionen und Meinungsäußerungen zum vorliegenden Buch, schwanken die Antworten auf die Frage, was denn „das Thema“ des Buches sei, erheblich. Da gibt es Äußerungen, die sich dahingehend interpretieren lassen, das „wahre“ Thema des Buches sei die Selbst-Thematisierung des Autors, der eine narzisstische Persönlichkeitsstörung zu Grunde läge. Andere Äußerungen lassen sich dahin gehend auslegen, der Autor trete hier zum wiederholten Male als Propagandist der „Sozialen Kälte“ auf. Nach Lektüre des Buches sehe ich – (zunächst) die Sachaspekte hervor hebend und die Beziehungsaspekte des Textes vernachlässigend – das Thema des Buches darin, Antwort(en) zu finden auf die Frage, ob denn die Meinungsfreiheit hier und heute gefährdet sei durch Akteure, die „im Namen des Guten“ Freiheitsrechte bedrohen. Manches spricht für diese These, manches dagegen.

Ich wähle zur Veranschaulichung zunächst bewusst drei Beispiele aus, die nichts mit Sarrazin zu tun haben.

Ein erstes Beispiel, das unter dem Titel „Meinungsfreiheit, Klassiker und beleidigte Empfindung“ (Kaube, 2014) in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18.3.2014 zu lesen war. „Vor gut einem Monat alarmierte der Allgemeine Studentenausschuss (AStA) der Berliner Humboldt Universität (HU), an der Hochschule werde kritisches Hinterfragen polizeilich unterbunden. In einer erziehungswissenschaftlichen Vorlesung seien rassistische und sexistische ‚Teile aus Texten‘ unkritisch gelehrt worden. Dagegen hätten Studierende protestiert, zuletzt durch eine ‚lautstarke Intervention‘, die von einem Polizeieinsatz beendet worden sei. Das, fand der AStA, der an der HU Berlin ‚Referent-innen-Rat‘ heißt, unglaublich. Bei den diskriminierenden Texten handelte es sich unter anderem um solche von Platon, Immanuel Kant und Jean-Jaques Rousseau. In einer Einführungsvorlesung zur Geschichte pädagogischer Theorien waren sie als einflussreiche Beispiele dieser Geschichte herangezogen worden. Eine Studentin korrigierte im Internet die Darstellung des AStA: Schon in der ersten Sitzung sei von Teilnehmern gefragt worden, weshalb man denn überhaupt Texte aus einer Zeit lese, in der Frauen unterdrückt und Menschen versklavt worden seien. Die Beschwerdeführer meinten die Antike, dehnten ihren Vorbehalt jedoch auch auf Epochen aus, deren Aufklärungsbilanz nicht ganz so negativ erscheint.“

Im März 2014 wurde auf der Internet-Seite des Instituts für Erziehungswissenschaften der HUB eine Stellungnahme und Solidaritätserklärung veröffentlicht (www.erziehungswissenschaften.hu-berlin.de/), unterzeichnet von den (professoralen) Lehrenden des Instituts, von denen mir keine(r) durch irgend welche „rassistischen“ oder „sexistischen“ Äußerungen aufgefallen ist. Daraus sei hier nur folgende, mir zentral erscheinende, Passage wieder gegeben: „Die Art und Weise, wie die benannte kleine Gruppe von Studierenden die Veranstaltung und damit sowohl den Veranstalter als auch die Mehrheit der Studierenden bedrängt hat, weist keinerlei Merkmale eines Diskurses auf, wie er als unabdingbarer Mindeststandard für eine Zivilgesellschaft und damit auch für eine Universität einzufordern ist. Zudem verweisen die Unterzeichnenden darauf hin, dass die Vorgehensweise dieser kleinen Gruppe von Studierenden der angemessenen Behandlung des bedeutsamen Rassismus-Themas schadet, gerade auch in Erziehung und Bildung.“

Ein zweites Beispiel betrifft Alice Schwarzer, von der man ungestraft sagen darf, dass ihr Verhalten einen Straftatbestand erfüllt – den der Steuerhinterziehung (Schwarzgeldkonten in mehrfacher Millionenhöhe). Nur soll man (und frau) das nicht (laut) sagen, weil dies ja nur der Sache des Feminismus – zumindest dessen Emma-Version – schaden würde, mithin das Benennen des unzweifelhaften Tatbestandes ohne Zweifel als „frauenfeindlich“ einzustufen sei. Nein, nein, nein: Die „Sache der Frauen“ erleidet keinen Schaden, wenn man Alice Schwarzer ebenso wie die Herren André Schmitz (Ex-Kulturstaatsekretär von Berlin), Klaus Zumwinkel (lange Chef der Deutschen Post), Uli Hoeneß (Ex-Präsident des FC Bayern München) und Theo Sommer (ehemaliger Herausgeber der ZEIT) nicht als Opfer, sondern als Täterin benennt (Fischer, 2014; Tichomirowa, 2014).

Das dritte und letzte Beispiel. Am 23.2.2014 wurde der Bremer Tatort „Brüder“ ausgesendet, in dem ein krimineller Clan mit kurdischen Wurzeln die Rolle des Bösen spielt; die Ähnlichkeit mit einem real existierenden kurdischstämmigen in Bremen und Umgebung ansässigen Clan, von dem nach Auskunft des Leiters des Bremer Landeskriminalamtes jedes zweite Mitglied polizeibekannt sei (Lucius, 2014), kann nicht als „zufällig“ gewertet werden. Am Live-Blog von Radio Bremen nahmen fast 50 Tausend Zuschauerinnen teil. „Manche sprachen von Klischees, die Vorurteile gegen ‚alle Ausländer‘ bestärkten.“ (ebd.) Und der Bremer Innenstaatsrat Holger Münch wird mit den Worten zitiert, „der Film verbreite eine ‚falsche Botschaft‘, der zur Stigmatisierung aller Angehörigen des hier dargestellten Familienclans beitrage“ (ebd.). Diese Reaktionen waren vorhersehbar und vom Regisseur wohl in Rechnung gestellt: „Dass Baxmeyer das Thema überhaupt verarbeitet und sich mit den zahlreichen Hütern der political correctness anlegt, ist schon mal bemerkenswert.“ (Gertz, 2014)

In den vorgenannten Beispielen ist Sarrazin mit keinem Wort erwähnt. Ansonsten aber ist sein Schatten so groß und so lang, dass er sich über viele Vorkommnisse legt. In einem ZEIT-Artikel („Unheilige Wut“), in dem sich Eva Menasse (2014) mit Sibylle Lewitscharoffs Dresdner-Rede vom 2. 3.2014, in der die Schriftstellerin die künstliche Befruchtung nicht nur inhaltlich, sondern auch mit extremer Wortwahl verurteilt hatte, auseinander setzt, finden sich folgende Ausführungen: „Gemessen an dem, was in letzter Zeit alles geäußert wurde, steht es um die Meinungsfreiheit in Deutschland gar nicht schlecht. Denn es ist so banal wie wahr, dass sie sich erst dort beweist, wo es wehtut. Daher ist es erlaubt, vor Auftritten von Thilo Sarrazin zu demonstrieren, aber verboten, diese Auftritte gewaltsam zu verhindern. Man kann es bedauerlich finden, dass der Staat zur Durchsetzung von Sarrazins Redefreiheit die Polizei schicken muss, aber es ist unbedingt notwendig. Wer das bestreitet (weil er Sarrazins Thesen in die Nähe der Nazis rückt), begibt sich selbst in die Nähe der RAF. Die haben sich auch hoch im moralischen Sattel gefühlt und dafür Gewalt, ja Mord ‚in Kauf genommen‘.“

Und wie steht es mit der Bedrohung der Freiheitsrechte von Sarrazin selbst aus? Am 23.2.2014 schätzte Hendrik Ankenbrand (2014), vom rechten Internetportal politically incorrect (http://de.wikipedia.org/wiki/Politically_Incorrect) zum „FAZ-Schmierenjournalist“, der „über die AfD daherlügt“ erklärt (www.pi-news.net/), die Angelegenheit so ein: „In der Konsequenz wendet er sich nun wieder einer urdeutschen und massentauglicheren These zu: dem vermeintlichen Meinungsterror der politisch Korrekten, dem ‚neuen Tugendterror‘, wie sein Titel heißt. Vom Mainstream abweichende Meinungen würden hierzulande systematisch kontrolliert und unterdrückt, schreibt Sarrazin, und reiht diese Behauptung, die er vor allem an der eigenen Person zu belegen versucht, bereits im Vorwort ein in eine Traditionslinie mit der Hexenverbrennung im 16. Jahrhundert, der Kriegsbegeisterung 1914 und dem Völkermord in Ruanda. Allerdings ist Sarrazin nach wie vor quicklebendig und sogar Millionär dank der geschätzten sechsstelligen Vorschusshonorare und lukrativen Umsatzbeteiligungen an den Buchverkäufen. Dass seine Meinung unterdrückt worden sei, ist für Vergangenheit und Gegenwart angesichts spektakulärer Vorabdrucke in ‚Spiegel‘ und ‚Bild‘-Zeitung nicht zu belegen, das 2,5-Millionen-Blatt bewirbt den neuen Sarrazin in diesen Tagen groß. Diese Omnipotenz passt wenig zur These der modernen Hexenverbrennung.“ Schon eine Woche später aber endet ein Cicero-Artikel (Sorge, 2014) mit den Worten: „Sarrazin-Kritiker Alexander Marguier, stellvertretender Chefredakteur von Cicero, zeigte sich enttäuscht: ‚Die Demonstranten haben mit ihrem Verhalten die Tugendterror-These von Thilo Sarrazin bestätigt.‘“ Was war geschehen? Sarrazin war zum Cicero-Foyergespräch über „Grenzen der Meinungsfreiheit“ im Berliner Ensemble eingeladen worden. Das Streitgespräch fand nicht statt: Anti-Sarrazin-Demonstrant(inn)en verhinderten das Gespräch, vom Hausrecht wurde kein Gebrauch gemacht.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich, wenn wir Einleitung, Schlussbetrachtung und Anhang mal beiseite lassen, in zwei Teile. Einen ersten, Kapitel 1-3, in dem Sarrazin, die publizistischen und politischen Reaktionen auf „Deutschland schafft sich ab“ unter dem Gesichtspunkt der Meinungsbildung, -freiheit und -herrschaft verarbeitet, und einem zweiten, Kapitel 4-6 (inkl. des Exkurses zwischen Kap. 5 und 6), in welchem die These vom „Tugendterror“ entfaltet wird. Der Aufbau sieht wie unten dargestellt aus, wobei das für die Soziale Arbeit als Disziplin und Profession besonders interessierende 6. Kapitel in seiner Untergliederung präsentiert wird.

Einleitung (mit Inhaltsgabe des Buches aus Sicht des Autors)

1 Was ist Meinungsfreiheit, und wie bestimmen sich ihre Grenzen?

2 Wie ich mit der Meinungsherrschaft in Konflikt kam: Eine Fallstudie

3 Elemente der Meinungsbildung

4 Die Sprache als Instrument des Tugendterrors

5 Der Kult des Wahren, Guten und Schönen: Tugendterror im Wandel der Zeiten

Exkurs: Moral und Gewissheit

6 Vierzehn Axiome des Tugendwahns im Deutschland der Gegenwart

  1. Ungleichheit ist schlecht, Gleichheit ist gut.
  2. Sekundärtugenden sind nicht wichtig, Leistungswettbewerb ist fragwürdig.
  3. Wer reich ist, sollte sich schuldig fühlen.
  4. Unterschiede in den persönlichen Lebensverhältnissen liegen meist an den Umständen, kaum an den Menschen.
  5. Die menschlichen Fähigkeiten hängen fast ausschließlich von Bildung und Erziehung ab.
  6. Völker und Ethnien haben keine Unterschiede, die über die rein physische Erscheinung hinausgehen.
  7. Alle Kulturen sind gleichwertig, insbesondere gebührt den Werten und Lebensformen des christlichen Abendlandes und der westlichen Industriestaaten keine besondere Präferenz.
  8. Der Islam ist eine Kultur des Friedens. Er bereichert Deutschland und Europa.
  9. Für Armut und Rückständigkeit in anderen Teilen der Welt tragen westliche Industriestaaten die Hauptverantwortung.
  10. Männer und Frauen haben bis auf ihre physischen Geschlechtsmerkmale keine angeborenen Unterschiede.
  11. Das klassische Familienbild hat sich überlebt. Kinder brauchen nicht Väter und Mütter.
  12. Der Nationalstaat hat sich überlebt. Die Zukunft gehört der Weltgesellschaft.
  13. Alle Menschen auf der Welt haben nicht nur gleiche Rechte, sondern sie sind auch gleich, und sie sollten eigentlich alle einen Anspruch auf die Grundsicherung des deutschen Sozialstaates haben.
  14. Kinder sind Privatsache, Einwanderung löst alle wesentlichen demographischen Probleme.

Schlussbetrachtung

Anhang (Anmerkungen inkl. Quellenverzeichnis nach wissenschaftlichen Standards, Rechtenachweis und hilfreiches Sachregister).

Diskussion

Harald Martenstein (2014), dessen wöchentliche Kolumne im ZEIT MAGAZIN ein sowohl lehrreiches wie amüsantes Beispiel dafür ist, dass sich einer von keinerlei „Tugendterror“ beeindrucken lässt, hat angesichts der Debatte um das vorliegende Buch angemerkt, es sei ein Zeichen intellektueller Überforderung, wenn jemand zu Nazi-Vergleichen greife. Dem kann ich nur zustimmen. Daher hier von meiner Seite aus hinsichtlich Sarrazin bewusst keine Nazi-Vergleiche (in Zitaten können sie auftauchen) und mit Blick auf seine Kritiker und Gegner kein RAF-Vergleiche (solange Sarrazin nicht nach Leib und Leben getrachtet wird). Dies zum Einen. Zum Anderen: Ich tue mich schwer damit, dem Buch in seiner Gesamtheit etwas wirklich Gutes abzugewinnen. Das rührt natürlich auch daher, dass ich als Mitglied der Sozialen Kultur, für die Sarrazin nur Häme übrig hat, als befangen zu gelten habe. Ich halte es aber für meine Rezensentenpflicht, darauf hinzuweisen, dass es positive Würdigungen des Buches aus der Sicht von Menschen gibt, die man keineswegs als „rechts“ (ab-)qualifizieren kann. Ich zitiere daher nachfolgend aus einem Cicero-Artikel (Kissler, 2014): „Sarrazins Plädoyer zugunsten von ‚mehr Leidenschaft für die Wirklichkeit‘ mag etwas Wohlfeiles, Selbstbezügliches haben. Auch übersieht er die stetig wachsenden publizistischen Nischen dies- und jenseits des Internets. Aber der Zusammenhang von Medienmacht und Medienwirklichkeit, von Weltanschauung und Welterklärung ist evident. Der Freiheitsgedanke hat es in Deutschland auch deshalb so schwer, weil Wettbewerb in deutlich mehr Leitartikeln als Bedrohung und nicht als Chance angesehen wird. Die erprobte Wahrheit, dass noch immer ‚die besten Bedingungen für die Erziehung und das Aufwachsen von Kindern die traditionelle Ehe und Familie‘ bieten, wird erst unter dem Trommelfeuer einer geschlechtergerechten Bewusstseinsindustrie zum Skandal. Und – auch da ist Sarrazin zuzustimmen – der Integration erweist niemand einen Dienst, der kritische Anfragen an den Islam von vornherein als rassistisch brandmarkt. Allem Kalkül des Autors, das mit Händen zu greifen ist, zum Trotz: Es kann einer Gesellschaft nur guttun, wenn sie die Grundlagen ihrer Liberalität beständig hinterfragt. Wenn sie den ‚Meinungskorridor‘ weitet und der Versuchung zum Blockwart an immer mehr Stellen widersteht. Wenn da einer ist, der nervt und quengelt und die Ruhe des vermeintlichen Einverständnisses stört, der mit den Zähnen knirscht und Anstoß nimmt und Anstoß erregt. Dem Staatsbürger Sarrazin ist dafür zu danken, trotz alledem, trotz alledem.“

Was aber nun stört mich an dem Buch? Neben dem, was es unter „Sachaspekt“ (später näher) in Augenschein zu nehmen ist, auch das, was bei Bewusstmachung seiner „Beziehungsangebote“ zutage tritt. Es ist mir nicht klar geworden, ob der sich stets als preußisch-sachlich gebende Sarrazin einzelne markante Beziehungsangebote in seinem Text berechnend-überlegt eingefügt oder ob man in ihnen unbewusste (oder wer das vorzieht: nicht bewusstseinspflichtige) Ausflüsse innerer Zustände zu sehen hat. Es gibt keine Botschaft ohne Empfänger; andere Leser(innen) mögen Beziehungsangebote an anderen Stellen und in anderer Weise „bemerken“ (oder doch besser: „konstruieren“) als ich. Ein erstes markantes Beziehungsangebot wird gleich auf der dritten Textseite unterbreitet. Was die bundesrepublikanische Gesellschaft dem Autor angetan hat, wird dort ohne Umschweife in eine Tradition gestellt, an deren markantem Anfang Sokrates‘ erzwungene Selbst-Ermordung durch Trinken des Schierlingsbechers steht. Nein, auch nur eine Nummer kleiner geht es für Sarrazin offensichtlich nicht. Und schon hier dürften sich die Geister scheiden: Die einen Leser(innen) mögen die Passage (unbewusst) dahin gehend auslegen, dass sie Sarrazin für den wiedergekehrten Sokrates halten: sich selbst um den Preis des eigenen Lebens nicht die Wahrheit dem Terror der Mächtigen opfernd. Andere nehmen die Ausführungen als ersten Stein für ein Mosaik, dessen Fertigstellung einen von „Narzissmus“ getriebenen Autor zeigt. Ich lehne auf Grund historischer Erfahrungen Pathologisierungen Andersdenkender grundsätzlich ab. Mich widert es einfach an, wenn ein Autor, der gut und heftig austeilt, nicht auch in gleichem Maße einzustecken bereit und fähig ist – sondern sich in die zweitgrößtmögliche Opferrolle flüchtet (sich als Christus am Kreuz zu stilisieren hat er wahrlich unterlassen).

Kommen wir zu einer zweiten Stelle, in der es um „Beziehungsdefinition“ geht. Über Journalist(inn)en führt er aus: „Der größte Teil der im Medienbereich Tätigen hat Politikwissenschaft, Germanistik oder Geschichte studiert. Soweit sie Experten sind, sind sie Experten für Kritik und Sinngebung, nicht aber für Problemlösungen in der sozialen und physischen Wirklichkeit.“ (S. 26) Diesen Ausführungen will man eine gewisse Rationalität nicht absprechen, weil die Medien über Sarrazin als Autor von „Deutschland schafft sich ab“ oft und in unsachlicher Weise hergefallen sind. Einfühlsam und nachvollziehbar auch seine Bemerkungen zu Politiker(inne)n: „Ihre historischen und wirtschaftlichen Kenntnisse sind meist überschaubar, ihre Allgemeinbildung auch.“ (S. 51) Dann aber gibt es eine Passage, in der man weder Rationalität noch Einfühlsamkeit als Kriterien anlegen kann, sondern in der sich (erstmals) eine „affektive Überschüssigkeit“ zeigt: „Beleidigt hatte ich vielmehr das Weltbild der Verharmloser und Schönfärber im harmoniefreudigen Müsli-Milieu.“ (S. 99). „Müsli-Milieu“! Da darf sich der Autor der klammheimlich-freudigen Zustimmung all derer sicher sein, die ein „richtiges deutsches Frühstück“ – über das man (aus unterschiedlichen Gründen) sowohl in England wie in Frankreich oder Italien lacht – für die Identitätsbildung und -sicherung des „wahren Deutschen“ für unabdingbar halten. Aber die „Müsli-Verächter“ sind in Deutschland am Schwinden, und das gibt den Sarrazinschen Ausführungen jene ältliche Note, die den ganzen Text so säuerlich durchzieht. Das Sarrazinsche „Müsli-Milieu“ ist Geschichte. „Das ist der Witz an Ideologien: Die meisten rafft die Geschichte dahin. Erinnert sich noch jemand an das BAP-Lied Müsli-Män? Es geht darin um einen Mann, der hennagefärbtes Haar hat, ein Damenfahrrad aus Holland fährt und Tambourin spielt. Das war 1981. Inzwischen ist Müsli ein weitgehend ideologiefreies Essen.“ (Raether, 2014)

Und dann gibt es noch etwas, das mich die Lektüre seines Buches nur der Rezensentenpflicht gehorchend zum Ende bringen ließ, der rigide Unterton. Was damit gemeint ist, sei illustriert an einem Beispiel, das außerhalb des Buches zu finden ist. Moritz von Uslar erzählt von einem (wohl in der ersten Märzhälfte stattgefundenen) Spaziergang mit Sarrazin im Berliner Westend, einer der (früher wie heute) guten Wohngegenden Berlins. Dabei beobachten sie, wie ein etwa zehnjähriger Junge mitten durch einen Laubhaufen fährt, der von der Stadtreinigung zusammengekehrt worden war. Ich gebe wieder, wie Sarrazin darauf reagiert hat: „Sarrazin knurrt: ‚Na Junge, das muss ja nun nicht sein.‘ Nachsatz: ‚Wenn ich ein erziehungsberechtigter Lehrer wäre, gäbe es jetzt einen Rüffel.‘ Und noch ein absurder Nachsatz, ganz in der umständlichen Sarrazin-Diktion: ‚In jeder anderen deutschen Stadt wäre die Wahrscheinlichkeit höher, dass er um den Haufen herumfährt, in Berlin fährt er mittendurch. Das ist das, was man soziales Kapital nennt und woran es Berlin mangelt.“

Lassen wir einmal die Frage beiseite, ob das Nicht-Durchfahren besagten Laubhaufens als Indikator von sozialem Kapital zu werten sei oder das nicht doch auf inkorporiertes kulturelles Kapital im Sinne Pierre Bourdieu hinweisen würde. Sicher scheint: Sarrazin, der nur zwei Jahre älter als ich und wie ich Vater zweier Söhne, kann offensichtlich nicht nachempfinden, welche Lust es einem Zehnjährigen macht, mit dem Fahrrad gezielt und bewusst durch einen Laubhaufen zu fahren. Einem Jungen, der im wohl aufgeräumten Westend wahrlich wenige Outdoor-Möglichkeiten hat, seiner Abenteuerlust nachzukommen, und der die ersten Frühlingstage für die neue Freiheit nutzt. Muss man für solches Verständnis wirklich Abenteuer- und Erlebnispädagoge von Beruf sein? Was mich von Sarrazin trennt ist, ist ein tiefer Graben in Sachen „Werten“; das sollte die die dargestellte Episode verdeutlichen. Was ist das Durchfahren eines Laubhaufens? Ein Zeichen von Dekadenz oder ein Anzeichen von Vitalität?

Ich habe oben angemerkt, dass das Buch für mich aus zwei Teilen besteht, die, so sei hier ergänzt, sich nicht zwingend auf einander beziehen, aber sich auch nicht unverbunden gegenüber stehen. Zum ersten Teil, den Kapiteln 1-3, in denen Sarrazin die publizistischen und politischen Reaktionen auf „Deutschland schafft sich ab“ unter dem Gesichtspunkt der Meinungsbildung, -freiheit und -herrschaft darstellt, sind von so viel selbstbemitleidender Selbstbeweihräucherung „kontaminiert“, dass ich jeder und jedem, der oder die sich des Inhalts und der Rezeptionsgeschichte von „Deutschland schafft sich ab“ (2010) vergewissern möchte, alternativ die Lektüre der einschlägigen Wikipedia-Darstellung (http://de.wikipedia.org/wiki/Deutschland_schafft_sich_ab) empfehle.

Als zweiten Teil des Buches sehe ich die Kapitel 4-6 (inkl. des Exkurses zwischen Kap. 5 und 6) an; dort wird die These vom „Tugendterror“ entfaltet. Was ich zu diesem Teil zu sagen habe, hat Jens Jessen (2014) schon früher gesagt – und zudem besser, als es mir möglich wäre. „Nun könnte man natürlich, wenn man die absurde Engführung auf Sarrazins Einwanderungsthesen einmal beiseite lässt, durchaus so etwas wie einen Tugendterror in unserer Gesellschaft beobachten. Es ist der ökologisch-vegetarisch-feministisch-pazifistische Komplex, der mühelos jeden Tag neue Verhaltensregeln entwirft und in seinen sprachpolizeilichen Anwandlungen große Zensurfreude verrät. Im zweiten Teil seines Buches entwirft Sarrazin ein recht amüsantes Panorama dieses Weltbildes in vierzehn Glaubensartikeln, das subtile Kenntnis des Milieus verrät. Leider sind seine Erwiderungen nicht auf diesem Niveau. Sie vertrauen abermals im Gestus des Man-wird-doch-wohl-noch-sagen-Dürfens auf eine Gegenrechnung mit Fakten und Naturtatsachen, die in ihrer tendenziösen Ausgestaltung nicht durchschaut werden.“

Fazit

Halte ich Sarrazins drittes Buch für gefährlich? Ich halte es für ebenso wenig gefährlich, wie ich den Autor für gefährdet halte. Sarrazin schafft sich ab – mit jedem Buch, das er seit seinem ersten über die vermeintliche Selbstabschaffung Deutschlands geschrieben hat. Als gefährlich für die deutsche Zivilgesellschaft halte ich diejenigen Kräfte, die das Morden der NSU nicht verhindert haben, und die Zerstörung der Privatspäre durch die NSA nicht verhindern wollen.

Muss man das vorliegende Buch lesen? Man (und frau) muss nicht, kann aber. So kann ich mir etwa sehr gut vorstellen, dass man in einem geeigneten Modul eines Bachelor- oder Master-Studiengangs Soziale Arbeit eine Unterrichtseinheit anbietet, die die „Vierzehn Axiome des Tugendwahns in Deutschland“ zum Anlass nehmen, sich der eigenen Lehr- bzw. Studienmotivation, der Identität der Sozialen Arbeit als Disziplin und Profession und ihrer Fremddarstellung in den Medien zu vergewissern. Zentrale Leitfragen könnten etwa sein: Welche 5 der 14 Axiome halten Lehrende bzw. Studierende – ggf. nach Geschlecht differenziert – am meisten sowohl für wahr als auch moralisch verpflichtend für sich selbst? Welche 5 ragen heraus, wenn man an die – von Lehrenden und Studierenden vermuteten – Grundüberzeugungen und Werte der (deutschen) Sozialen Arbeit denkt? Mit welchen Argumenten werden die vorgenannten Einschätzungen begründet – und halten sie der Kritik im Allgemeinen und der von Sarrazin im Besonderen stand?

Didaktisch reizvoll dürfte es sein, einzelne Axiome, die sich als für die Soziale Arbeit hoch bedeutsam erwiesen haben, bei seminaristischen Podiumsdiskussionen auf den Prüfstand zu stellen. Natürlich bekommen die Studierenden, die den Sarrazin mimen, Extraanerkennung; wer die Rolle des Advocatus Diaboli übernimmt und gut ausfüllt, lernt nicht nur selbst Manches, sondern lehrt auch die Gegenspielerinnen Vieles. Beispielsweise Überzeugungen andern gegenüber klar zu formulieren, Thesen gut – und das heißt auch: mögliche Einwände in Rechnung stellend – zu begründen, Kritik auf dahinter liegende Interessen zu befragen. Eins wäre allerdings noch nachzutragen: Das Lehr-Lern-Experiment kann nur dann fruchtbar sein, wird es nicht von Dozent(inn)en (an)geleitet, die es nicht als hinreichende Qualifikation für die Soziale Arbeit ansehen, „im Namen des Guten“ zu denken und zu handeln.

Ergänzende Literaturnachweise

  • Ankenbrand, H. (2014). Meine Meinung wird unterdrückt. Thilo Sarrazins Bucherfolg dementiert seine eigene These. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 23.2.2014, S. 30.
  • Fischer, T. (2014). Täter, die sich für Opfer halten. DIE ZEIT vom 6.2.2014, S. 23.
  • Gertz, H. (2014). Fremdheit in allen Schattierungen. Süddeutsche Zeitung vom 23.2.2014 (www.sueddeutsche.de/medien).
  • Jessen, J. (2014). Man wird es wohl noch sagen dürfen! Thilo Sarrazin verteidigt seine Thesen über Einwanderer mit einer Polemik gegen den „neuen Tugendterror“. DIE ZEIT vom 27.2.2014, S. 49.
  • Kaube, J. (2014). Meinungsfreiheit, Klassiker und beleidigte Empfindung. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18.3.2014, S. N4.
  • Kissler, A. (2014). Wo Thilo Sarrazin Recht hat. Cicero vom 25.2.2014 (http://www.cicero.de/berliner-republik/tugendwahn-deutschland-wo-sarrazin-recht-hat/57101).
  • Lucius, R. v. (2014). Falsche Botschaft? Der Bremer „Tatort“ und ein realer Kurden-Clan. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.2.2014, S. 35.
  • Martenstein, M. (2014). Über Nazivergleiche. ZEIT MAGAZIN Nr. 13/2014 vom 20.3.2014.
  • Menasse, E. (2014). Unheilige Wut. DIE ZEIT vom 13.3.2014, S. 50.
  • Raether, E. (2014). Wochenmarkt: Vorurteilsfrei Müsli knuspern. ZEIT MAGAZIN vom 6.3.2014. S. 38.
  • Uslar, M. v. (2014). Der Bart bleibt dran. DIE ZEIT vom 20.3.2014, S. 48
  • Sorge, P. (2014). Demonstranten verhindern Debatte mit Sarrazin. Cicero vom 2.3.2014 (http://www.cicero.de/berliner-republik/berliner-ensemble-demonstranten-verhindern-cicero-foyergespraech-mit-thilo).
  • Tichomirowa, K. (2014). Alice in der Opferrolle. Frankfurter Rundschau vom 8.2.2014 (http://www.fr-online.de/panorama/alice-schwarzer-steuerhinterziehung-alice-in-der-opferrolle,1472782,26127284.html).
  • Wassermann, A. (2014). „No risk, no fun“. Wie Thilo Sarrazin als Aufsichtsrat der BVG in vier Minuten einem riskanten Finanzgeschäft zustimmte, ohne es zu verstehen – und damit über 200 Millionen Dollar verzockt wurden. DER SPIEGEL vom 24.2.2014, S. 44-45.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 27.03.2014 zu: Thilo Sarrazin: Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland. DVA Deutsche Verlags-Anstalt (München) 2014. ISBN 978-3-421-04617-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16476.php, Datum des Zugriffs 29.03.2017.


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