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Thomas Coelen, Ludwig Stecher (Hrsg.): Die Ganztagsschule. Eine Einführung

Cover Thomas Coelen, Ludwig Stecher (Hrsg.): Die Ganztagsschule. Eine Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-2179-0. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.

Reihe: Grundlagentexte Pädagogik.
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Herausgeber und Thema

Die Herausgeber sind Professoren an der Universität Siegen (Thomas Coelen) und der Universität Gießen (Ludwig Stecher). Aus den dort angesiedelten und thematisch einschlägigen Forschungsbereichen rekrutieren sich die weiteren Autorinnen und Autoren. Die Veröffentlichung stellt sich die Aufgabe, eine umfassende und grundlegende Einführung in die Ganztagsschule sowie der dazu gehörenden Forschungsbefunde zu geben.

Aufbau

Der vorgelegte Band gliedert sich in vier Teile:

  1. Organisation,
  2. Konzepte,
  3. Personal und
  4. Politik.

In der Untergliederung ergeben sich zwölf Kapitel, die im Weiteren besprochen werden.

Zu Teil I: Organisation

Im Kapitel 1 „Ganztagsschule und ihre Formen“ (Stephan Kielblock/Ludwig Stecher) wird diese Schulform auf das „Investitionsprogramm Zukunft, Bildung und Betreuung“ (2003/2004) zurückgeführt. Zehn Jahre später sind 54 Prozent der deutschen Schulen Ganztagsschulen. Erörtert werden sodann Vor- und Nachteile der offenen (Freiwilligkeit) und gebundenen (Pflicht) Ganztagsschulform wobei die offene Form in Deutschland deutlich dominiert. Es dominiert damit auch das additive Schulkonzept also morgens Unterricht und am Nachmittag außerunterrichtliche Angebote. Um die Institution Ganztagsschule präziser zu erfassen werden sieben pädagogische Gestaltungsmerkmale genannt: Partizipation, Öffnung der Schule, Förderung von Gemeinschaft und soziales Lernen, Unterricht und Lernkultur, Förderung und Lernchancen, Freizeit, erweiterte Lerngelegenheiten. Letztlich gibt es nicht die Ganztagsschule, sondern eine diversifizierte Ganztagsschullandschaft.

„Kooperation zwischen Ganztagsschulen und außerschulischen Organisationen“ von Thomas Coelen schließt als zweites Kapitel den ersten Teil ab. Dargestellt werden Partner sowie die Gründe der Zusammenarbeit, einschließlich der dazu gehörenden empirischen Befunde. Diese Befunde verweisen auch auf Schwachstellen in Ganztagsschulen: Fehlende Konzeptionen, zu wenig Verbindung zwischen Unterricht und außerunterrichtlichen Angeboten, häufig zu geringe Kooperationsdichte zwischen den Partnern. Eine positive Ausnahme bezüglich der Kooperationsdichte stellt die Jugendhilfe dar. Die häufigsten Inhalte der Kooperation sind Freizeit, Betreuung und Sport. Insgesamt kommt es zu einer Erweiterung des Bildungsbegriffes durch die Ergänzung des Bildungsortes Schule durch weitere Bildungsorte und Lernwelten. Ausbildung einerseits und Identitätsbildung andererseits finden so zu einander und Schulwelt sowie subjektive Lebenswelt können sich auf diese Weise ergänzen und damit, so Coelen, findet durch die Prinzipien der Freiwilligkeit, der Niedrigschwelligkeit und der Mitbestimmung seitens der Jugendhilfe, aber auch anderer Kooperationspartner, eine Demokratiebelebung statt. Demokratiebildung wird dann ein gemeinsames Ziel von Schule und den Kooperationspartnern.

Zu Teil II: Konzepte

Das 3. Kapitel „Historische Entwicklungen und Zielsetzungen von Ganztagsschulen in Deutschland“ von Janina Stötzel und Anna Lena Wagner stellen die Entwicklung der Ganztagsschulen vom 19. Jahrhundert bis zum durchschlagenden „Investitionsprogramm Zukunft, Bildung und Betreuung“ (2003-20009). Daraus ableitbare Ziele der Ganztagsschule sind Vereinbarkeit von Familie und Beruf, individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern, verbesserte Bildungsgerechtigkeit sowie erweiterte Partizipation und Demokratiebildung. Allerdings warnen die Autorinnen angesichts dieses anspruchsvollen Zielspektrums auch vor einer konzeptionellen und strukturellen Überforderung.

Andrea Hopf und Ludwig Stecher beschreiben im 4. Kapitel „Außerunterrichtliche Angebote an Ganztagsschulen“ die Ganztagsschule als eine Schulform, die sich auszeichnet durch die Hinzunahme von Lernformaten, die das übliche Unterrichtscurriculum überschreiten. Merkmale dieser außerunterrichtlichen Angebote sind: Professionsniveau, Leistung und Bewertung, Inhalte, Gruppen und Teilnahme. So befinden sich z.B. unter dem Aspekt der Profession nur gut zehn Prozent Sozialpädagoginnen/Sozialpädagogen. Knapp 50 Prozent des außerunterrichtlichen Personals haben keine akademische Ausbildung. Des Weiteren werden die Teilnahmequoten für die Primarstufe und Sekundarstufe I dargestellt und auf Hausaufgabenhilfe, fachbezogene Lernangebote, fachübergreifende Angebote und Freizeitangebote bezogen. Das Verhältnis von Unterricht und außerunterrichtlichen Angeboten zeigt erstaunliche Parallelen: Aktivierende Arbeitsformen, Einsatz neuer Medien und Anteil von Gruppenarbeit sind nach Einschätzung der Schülerinnen und Schüler in beiden Bereichen vorhanden. Unterschiede ergeben sich beim Einsatz von Büchern, Arbeitsblättern und Vortrag.

Das 5. Kapitel „Ganztagsschulen in Bildungslandschaften“ von Thomas Coelen und Pia Rother beschreibt Bildungsorte außerhalb des Unterrichts, z.B. in Vereinen oder in Betrieben. Damit wird der klassische Bildungsbegriff erweitert. Der Begriff Bildungslandschaft verweist auf die Notwendigkeit lokaler Netzwerkbildung und damit wird Bildung zu einem Handlungsfeld auch für Kommunen. Lernen vor Ort, Gemeinwesenorientierung und community education sind Elemente einer gemeinwesenorientierten Ganztagsschule und führen insgesamt zu einer kommunalen Kinder- und Jugendbildung.

Zu Teil III: Personal

Unter dem Titel „Lehrer/innen an Ganztagsschulen“ beschreiben Stephan Kielblock und Ludwig Stecher im 6. Kapitel die Aufgabenerweiterung für die genannte Berufsgruppe, die sich u.a. aus dem engen Zusammenhang mit dem weiteren pädagogischen Personal ergibt. In der offenen Ganztagsschule führen 31 Prozent der Lehrkräfte zumeist Nachmittagsangebote durch, bei den gebundenen Ganztagsschule sind es 41 Prozent. Die entstehenden Belastungen sind erheblich. Die Autoren verweisen sodann darauf, dass sich in der neuen Rolle der Lehrkräfte Qualifikationslücken und Verhaltensdefizite zeigen und Veränderungen in der Aus- und Weiterbildung erforderlich sind. So wird z.B. vorgeschlagen, bereits in der Ausbildung Tandems aus unterschiedlichen pädagogischen Berufen zu bilden. Insgesamt wird deutlich, dass ein die Professionen übergreifendes Arbeitsverständnis entwickelt werden muss.

„Weiteres pädagogisch tätiges Personal an Ganztagsschulen“, das 7. Kapitel von Thomas Coelen und Pia Rother, gibt einen Überblick über dieses Personal. So sind an Ganztagsschulen z.B. Erzieherinnen mit 31 Prozent die stärkste Berufsgruppe, Sozialpädagogen stellen 11 Prozent des Personals. Aber fast zwei Fünftel des weiteren pädagogischen Personals habe keine pädagogische Ausbildung. In Nordrhein-Westfalen ist in 78 Prozent der Schulen in der Sekundarstufe I Schulsozialarbeit vertreten. Die Anstellungsverhältnisse, Wochenstunden und Qualifikationen variieren bei dem Ganztagspersonal beträchtlich. Diese Gemengelage, einhergehend mit unterschiedlichen Bildungsverständnissen, erschwert auch die Ganztagsschulentwicklung. Als konstruktiv herausgestellt hat sich die Einbindung unterschiedlicher Berufe in Gremien und andere Mitbestimmungsmöglichkeiten. Eine partiell gemeinsame Ausbildung des weiteren pädagogischen Personals mit Lehrkräften wird als unabdingbar herausgestellt.

Zu Teil IV: Adressaten

Im 8. Kapitel „Familie, soziale Herkunft und Bildungsungleichheit“ von Pia Rother und Janina Stötzel werden u.a. die Effekte des Ganztagsschulbesuchs auf die Familie dargestellt. Diese Effekte sind positiv, die verlässliche Betreuung, die Hausaufgabenhilfe und die erzieherische Unterstützung wird geschätzt, zumal die Berufstätigkeit beider Elternteile durch diese Angebote ermöglicht wird. Bezüglich der Reduzierung von Chancenungleichheit ergeben sich keine überwältigende Ergebnisse. Eltern mit Migrationshintergrund nutzen aber das Angebot der offenen Ganztagsschule. Bei der Nutzung des Ganztagsbereiches lässt sich eine leichte erhöhte Zahl von sozial privilegierteren Schülerinnen und Schüler feststellen. Eine positive Wirkung auf das Sozialverhalten ist ebenso festzustellen. Positive Wirkungen stehen in engem Zusammenhang mit der Qualifikation des Personals.

Das 9. Kapitel „Peerkulturformen von Ganztagsschüler/innen“ von Jochen Lange geht auf Peergruppen ein, zumal diese Form jugendlicher Aktivität für den Lebensort Schule zentral ist. Der soziale Kompetenzerwerb in diesen Gruppen und Netzen steht außer Frage. Die Schulform, Halbtags- oder Ganztagsschule, scheint nicht auf Peerbeziehungen messbare Auswirkungen zu haben, z.B. nimmt die Vereinszugehörigkeit in der Ganztagsschülerschaft nicht ab. Trotzdem scheint die Ganztagsschule, das vorhandene Potenzial von Peergruppen zu verschenken. Es werden z.B. Möglichkeiten des peer-learning nicht hinreichend genutzt. Erörtert wird ebenso eine stärkere Verzahnung von Peer- und Lernkultur. Hier könnten Kindheits-, Peer- und Lernforschung gemeinsam Forschungsperspektiven entwickeln, die sich auf hybride Strukturen zwischen Schule und Nichtschule konzentrieren.

Zu Teil V: Politik

Im 11. Kapitel „Internationaler Vergleich ganztägiger Systeme“ analysiert Thomas Coelen Frankreich, Finnland und die Niederlande. Vergleichsmerkmale sind Struktur, Organisation, Personal, Kooperation sowie außerunterrichtliche und außerschulische Angebote. Ein Ergebnis dieses Vergleichs der Länderportraits ist u.a. das offensichtliche Ansteigen non-formeller Bildung. Einen Zusammenhang der beschrieben Ganztagsschulsysteme hinsichtlich von Lernleistungszunahme findet Coelen nicht, wohl aber eine verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Im letzten Kapitel des Bandes „Bildungs- und Gesellschaftspolitik“ von Sebastian Dippelhofer und Bernd Dollinger werden die Positionen der politischen Akteure in Deutschland vorgestellt. Im Wohlfahrtsstaat ist Bildungspolitik gekennzeichnet durch Konflikthaftigkeit, Öffentlichkeit und Differenzierungen. Der letztgenannte Begriff verweist z.B. auf unterschiedliche Politikfelder die von der Entwicklung des Schulsystems tangiert sind: Bildung, Soziales, Wirtschaft, Wissenschaft. Den Abschluss diese Kapitels bildet die Erörterung, ob die Herstellung von Bildungsungleichheit auf der Leistungsfähigkeit von Schülerinnen und Schülern beruhen (Meritokratiethese) oder ob andre Faktoren entscheidend sind (herkunftsbedingte Ungleichheiten). Plädiert wird von den Autoren für eine Politik, die Bildung und soziale Rahmenbedingungen gleichermaßen fördert. Gleichwohl werden Erwartungen gedämpft, die z.B. durch die Ganztagsschule eine schnelle Reduktion von Bildungsungleichheiten für gegeben halten.

Diskussion

Ganz zweifelsfrei wird mit dieser Veröffentlichung insofern ein Lücke in der Fachliteratur zur Ganztagsschule gefüllt, als die vorgelegte Gesamtschau in zwölf Kapitel auch einen Gesamteindruck zum aktuellen, zum pädagogischen und zum forschungsbezogenen Entwicklungsstand der Ganztagsschulen in Deutschland gibt. Sicherlich wäre hier und da eine Präzisierung oder auch höhere Anschaulichkeit notwendig gewesen (Was passiert genau innerhalb der außerunterrichtlichen Aktivitäten? Wie sieht informelle Bildung aus?); vermisst wird auch, dass kein Verweis zur Inklusion zu finden ist. Gleichwohl ist der sehr informative und gut lesbare Band ein Gewinn für die Institution Ganztagsschule und die dortigen multiprofessionell agierenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Fazit

Ein ausgezeichnetes und umfassendes Fachbuch zum Thema Ganztagsschule, sowohl für die dortigen Akteure, als auch für Lehrende und Lernende an Hochschulen und weiteren Ausbildungsstätten, die Personal für Ganztagsschulen bereitstellen.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 09.05.2014 zu: Thomas Coelen, Ludwig Stecher (Hrsg.): Die Ganztagsschule. Eine Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-2179-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16481.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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ISSN 2190-9245

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