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Thomas Hoffmann: Wille und Entwicklung (Geistigbehindertenpädagogik)

Rezensiert von Prof. Dr. Kerstin Ziemen, 19.03.2014

Cover Thomas Hoffmann: Wille und Entwicklung (Geistigbehindertenpädagogik) ISBN 978-3-658-03040-7

Thomas Hoffmann: Wille und Entwicklung. Problemfelder - Konzepte - pädagogisch-psychologische Perspektiven. Springer VS (Wiesbaden) 2013. 434 Seiten. ISBN 978-3-658-03040-7.
Reihe: Research
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Thema

Der Autor geht dem Verhältnis von Denken und Wollen nach, indem „Willenskonzepte in der Geistigbehindertenpädagogik und deren Bezugswissenschaften“ (S.13) dargestellt, diskutiert und die Relevanz für das „pädagogische Verständnis der Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten von Menschen mit geistiger Behinderung“ (ebd.) ausgelotet werden.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel verdeutlicht Herr Hoffmann (1.1. Wollen und Können), dass „die Gleichsetzung geistiger Behinderung mit einer kognitiven Beeinträchtigung eine unangemessene Verkürzung darstellt“ (S.20). Mehrdeutigkeiten, Widersprüche und Doppelbindungen gehen mit dem Begriff „geistige Behinderung“ und der Geistigbehindertenpädagogik einher (1.2. Über das Problem geistiger Behinderung,). „Die zentrale These dieser Arbeit lautet, dass geistige Behinderung keine Ursache, sondern eine Folge von Bildungs- und Erziehungsschwierigkeiten ist“ (S.25) (vgl. 1.3. Die Schule für Geistigbehinderte – eine „Dummenschule“?). Sowohl aus historischer Perspektive als auch durch eine Skizze des gegenwärtigen Erkenntnisstands wird das Verhältnis von Freiheit und Selbstbestimmung diskutiert (vgl. 1.4. Freiheit und Selbstbestimmung).

Mit den ersten einleitenden Abschnitten wird der Leser/die Leserin vorbereitet darauf, den danach (1.5.) umrissenen Gegenstand, die Fragestellung und die Methode der Untersuchung zu erfassen. Dabei macht der Autor deutlich, wie schwierig es ist, dem Forschungsschwerpunkt (wie dem des „Willens“) nachzugehen und entscheidet sich schließlich für eine „Topographie des Willens“ (S.38) nach der Idee von Gregory Bateson.

Neben der Einleitung und dem „Prolog im Wohnheim“ beziehen sich weitere Abschnitte auf folgende Themenfelder:

  • „Eine kurze Geschichte des Willens“,
  • „Willenspraktiken“ und
  • „Pädagogisch-psychologische Perspektiven“.

Mit dem zweiten Kapitel, welches sich vor allem auf die philosophisch-historischen Erkenntnisse des Willens konzentriert, wird eindrücklich deutlich, wie differenziert und mehrdeutig sich der Begriff des Willens darstellt.

Weitere historische Analysen (Kapitel drei) zeigen, dass „Menschen mit geistiger Behinderung in ein komplexes Dispositiv des Macht-Wissens eingebettet“ (S.267) sind und über den Begriff des Wissens verschiedene Institutionen und Diskurse verbunden (ebd.) werden.

Die kulturhistorische Theorie des Denkens (Kapitel vier) tritt im Kontext pädagogisch-psychologischer Konsequenzen schließlich in den Mittelpunkt. Denken und Wollen haben Einfluss auf die Bildung und Erziehung von Menschen mit geistiger Behinderung. Ein Exkurs zur Neuropsychologie des Willens erfolgt und das Exempel Parkinson bzw. ein Unterrichtsprojekt komplettieren das Kapitel.

Diskussion

Der Autor wird mit dieser Veröffentlichung Bourdieus Forderung nach dem Bruch mit dem „common sense“ (Alltagsverstand) gerecht. Menschen mit geistiger Behinderung erscheinen nicht (ausschließlich) im Kontext kognitiver Beeinträchtigung. Zugleich leistet Herr Hoffmann einen Beitrag dazu, bestehende „Dualismen unschädlich zu machen“ (Bourdieu), indem er Denken und Wollen in ihrem Verhältnis zueinander diskutiert.

Fazit

Die mit dem vorliegenden Werk herausgearbeiteten Erkenntnisse sind für das Fach von größter Bedeutung. Zu empfehlen ist das Buch (wie auch auf dem Cover dargestellt) Lehrenden und Studierenden der Pädagogik und Psychologie ebenso wie (Sonderschul-)LehrerInnen, PsychologInnen und HeilpädagogInnen.

Rezension von
Prof. Dr. Kerstin Ziemen
Universität Köln
Humanwissenschaftliche Fakultät, Lehrstuhl „Pädagogik und Didaktik bei Menschen mit geistiger Behinderung“
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Es gibt 10 Rezensionen von Kerstin Ziemen.

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Zitiervorschlag
Kerstin Ziemen. Rezension vom 19.03.2014 zu: Thomas Hoffmann: Wille und Entwicklung. Problemfelder - Konzepte - pädagogisch-psychologische Perspektiven. Springer VS (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-658-03040-7. Reihe: Research. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16492.php, Datum des Zugriffs 28.05.2022.


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