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Sabine Hering, Richard Münchmeier: Geschichte der Sozialen Arbeit

Cover Sabine Hering, Richard Münchmeier: Geschichte der Sozialen Arbeit. Eine Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 5. Auflage. 288 Seiten. ISBN 978-3-7799-1446-4. D: 23,95 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 34,50 sFr.

Reihe: Grundlagentexte Sozialpädagogik /Sozialarbeit.
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Autorin und Autor

Die beiden emeritierten Professoren lehrten an der Fakultät für Bildung-Architektur-Künste an der Universität Siegen (Sabine Hering) und am Fachbereich für Erziehung und Psychologie an der freien Universität in Berlin (Richard Münchmeier).

Aufbau

Das Buch enthält acht Kapitel zur Geschichte der Sozialen Arbeit.

Inhalt

Das erste Kapitel befasst sich mit „Problemen und Nutzen einer Geschichte der Sozialen Arbeit“. Dabei werden die Schwierigkeiten, den Gegenstand der Sozialen Arbeit und seine Unschärfe in Abgrenzung zu anderen gesellschaftlichen Hilfebereichen thematisiert, z.B. Psychotherapie, Strafvollzug, Jugendhilfe, Selbsthilfe. Benannt werden auch gleich einige Begrenzungen der Darstellung der Geschichte der Sozialen Arbeit. Die Themen beleuchten die deutsche Geschichte, die auch noch Berlinorientiert ausfällt. Neben dem geschichtlichen Kontext werden in den folgenden Kapiteln immer wieder auch Personen als Ideenträger genauer vorgestellt.

Die Kapitel zwei: Die Vorgeschichte (1800-1871), setzt sich mit der Industrialisierung und deren sozialen Folgen auseinander. Die Massenarmut wird zunächst nicht sozialpolitisch, sondern repressiv beantwortet. Ab 1850 wird die kommunale Armenfürsorge reformiert (vgl. Elberfelder System). Neben dieser sind es vor allem die Wohltätigkeit der Kirchen und von Privatpersonen, die die soziale Unterstützung im 19. Jahrhundert ausmachen.

Kapitel drei: Das Kaiserreich (1871-1914). In diese Zeit fällt das Erstarken der Frauenbewegung, die sich im Feld der Sozialen Arbeit engagieren. Sie sind verknüpft mit den Namen Alice Salomon, Hedwig Heyl und Marie Baum. Ein Endpunkt der Aktivitäten der Frauenbewegungen sind die Gründung von Sozialen Frauenschulen (1908 die erste in Berlin). Charakteristisch für diese Ausbildungsstätten ist, dass sie „nicht von pädagogischen oder wissenschaftlichen Kreisen ausging, … nicht von den Universitäten oder anderen Anstalten mit sozialwissenschaftlichen Bildungszielen,… sondern von Männern und Frauen aus der sozialen Praxis.“ (S. 60)
Die Einführung der Sozialversicherungssysteme löst nicht alle sozialen Probleme. Parallel dazu entstehen neue Formen der kommunalen Armenpflege und es existiert weiterhin die „freie Liebestätigkeit“ (S. 65), auf die kein Rechtsanspruch besteht und die nicht frei ist von Diskriminierungen. Kinder und junge Menschen werden als Zielgruppe der Fürsorge definiert. Hintergrund ist zum einen, die Aufrechterhaltung der Gesundheit der jungen Männer (Wehrdiensttauglichkeit) und die Betreuungssituation der Kinder von arbeitenden Müttern.

Kapitel vier: Soziale Arbeit im ersten Weltkrieg. Die Umstellung auf den Krieg wird politisch so konsequent vollzogen, dass sich die Frage stellt, ob nicht der Krieg als Modernisierer für die Entwicklung der Profession sorgt. Die Wohlfahrtspflege zählt zu den Gewinnern. Überfällige Reformen wurden durchgeführt. Die Zunahme der durch den Krieg bedingten Problemfälle seit Kriegsbeginn sorgt für eine Differenzierung der Hilfeleistung (S.92). Die Kriegsfürsorgeämter bieten einen Rechtsanspruch auf Hilfe, die die Diskriminierung verringert.
In diese Zeit fallen die Bekämpfung von Massenelend und die Gründung der Wohlfahrtsorganisationen, sowie die Entwicklung der Handlungsfelder (Jugend- und Gesundheitsfürsorge, Wohnungs- und Betriebsfürsorge und der Familienfürsorge).

Das fünfte Kapitel: Konsolidierung und Krise der Sozialen Arbeit. Die Weimarer Zeit. Die Weimarer Zeit ist eine geschichtliche Epoche, in der die Republik um die Etablierung neuer politischer Rechte ringt. Die Gewerkschaften erstarken, der Blütezeit der frühen 20er Jahre folgt die Inflation. Dies hat Auswirkungen auf die Soziale Arbeit. „Not ist um uns, dringlicher und bitterer denn je.“ Hertha Kraus (S.126). Die Entwicklung der Profession ist geprägt vom Einbruch der Männer in ein bis dato von Frauen dominiertes Arbeitsfeld. Dies führt dazu, dass sich neben den sozialen Frauenschulen nun auch Schulen für Männer gründen. Die Frauen werden mehr und mehr aus verantwortlichen Positionen zurückgedrängt. Der Verband der Sozialbeamtinnen kämpft für ethische Standards.
Den Wohlfahrtsverbänden gelingt es, den zunehmenden staatlichen Einfluss durch das Festschreiben des Subsidiaritätsprinzips zu begrenzen. Der staatliche Einfluss zeigt sich im Reichsjugendwohlfahrts-gesetz (RJWG), das Jugendgerichtsgesetz (JGG) und die Reichsfürsorgepflichtverordnung (RFV), die die Soziale Arbeit verrechtlichen.

Das sechste Kapitel: Von der Fürsorge zur Volkspflege. Die Machtübernahme durch die NSDAP verändert das soziale und politische Leben in ganz Deutschland. Vor allem die Rassenhygiene mit der systematischen Verfolgung und Tötung von Juden ist zu Beginn kaum vorstellbar. Mit der Parole „Du bist nichts, dein Volk ist alles!“ verändert sich auch die Soziale Arbeit. Sie wird für den Staat im Sinne der Volkspflege funktionalisiert. Soziale Arbeit wird dadurch überflüssig, indem der „Volkskörper“ gestärkt wird und das Entartete und nicht Lebenswerte ausgemerzt wird (S. 177). Die Ausbildung wird reformiert, Schulen z.T. geschlossen und Lehrbeauftragte eingestellt, die nicht in Sozialer Arbeit ausgebildet sind. Dies wirft die Qualität der Ausbildung hinter den Stand von 1920 zurück. Dagegen bildet sich vereinzelt Widerstand und es emigrieren vor allem die jüdischen Lehrkräfte ins Ausland.
Die Soziale Arbeit wird in der Nationalsozialistischen Wohlfahrt (NSV) geregelt, eine Massenorganisation, in der 12 Mio. Menschen organisiert sind. Sowohl die Jugendpflege als auch die Gesundheitsfürsorge wurden an die Bedürfnisse der nationalsozialistischen Propaganda angepasst. Der Paritätische Wohlfahrtsverband wird in den NSV integriert, die AWO aufgelöst. Soziale Arbeit wirkt zunehmend kontrollierend (Wohnungsfürsorge) und selektierend (Euthanasie-Programm). Die Selektion durchdringt auch die Jugendhilfe, in der die erbgesunden Jugendlichen „in Erziehungsheimen … zu nützlichen Mitgliedern der Volksgemeinschaft erzogen werden, die nichtgemeinschaftsfähigen, minderwertigen, erbkranken und asozialen sollen in ‚Bewahrungsanstalten‘ untergebracht und festgesetzt werden.“ (S. 201)

Kapitel sieben widmet sich der Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg: Restauration und Reform. Die Soziale Arbeit nach dem Kriege. Dem Wiederaufbau der Strukturen mit der Hilfe für 11 Mio. Flüchtlinge folgt die Akademisierung der Ausbildung. Kurz dargestellt wird auch die Soziale Arbeit in der DDR. 1961 wird das BSHG verabschiedet, die 70er Jahre sind geprägt vom Erstarken der Bürgerbewegungen und die Auseinandersetzung um die ‚neue Armut‘. Vor allem bei der Novellierung des JWG wird wegen der Kosten, die der Jugendhilfe zur Verfügung gestellt werden soll, heftig gestritten.

Das letzte Kapitel: Aus der Geschichte lernen. Ein Ausblick. Die Autoren betonen, dass die Soziale Arbeit nicht ausschließlich als eine Erfolgsgeschichte verstanden werden kann. Vielmehr weisen sie auch auf die Widersprüche hin, mit denen sich die Soziale Arbeit auseinandersetzen muss: zwischen Hilfe und Kontrolle, staatlicher Hilfe oder privat-partikularer Praxisorganisation, zwischen fachlichen Erfordernissen und den finanziellen Rahmenbedingungen.

Den Band vervollständigen ein Glossar und eine Zeittafel.

Diskussion

Am Ende des Buches fragt man sich, was man aus der Lektüre oder wie die Autoren im letzten Kapitel schreiben, aus der Geschichte gelernt hat. Ist es das Eingebettetsein der sozialen Frage in den geschichtlichen Kontext, der in dem von den Autoren beschriebenen Zeitraum ab 1800 zwei Weltkriege mit einschließt? Oder die Erkenntnis, dass die soziale Frage immer auch eine Frage des Umgangs mit sozialer Not ist und die rechtlichen Rahmenbedingungen vom Ziel der Hilfe gesteuert sind? Oder das Wissen, wie sich die Soziale Arbeit im Laufe der Jahrzehnte professionalisiert hat? Um dieses Wissen einordnen zu können hätte es zu Beginn des Buches einer Einführung bedurft, wie die Autoren Soziale Arbeit verstehen, welchen Gegenstand und welche Funktion sie hat. Das wird leider an keiner Stelle deutlich. So bleibt es bei einer historischen Rekonstruktion der Herausforderungen der Sozialen Arbeit in unterschiedlichen Epochen. Was Soziale Arbeit als Profession, nicht in Form von Einzelpersonen, gestaltend zur Lösung der sozialen Fragen beigetragen hat bleibt an vielen Stellen offen. Aber vielleicht gibt es diesbezüglich auch gar nicht so viel Substanzielles zu berichten. Mit mehr Enthusiasmus habe ich das Buch von C.W. Müller zur Methodengeschichte der Sozialen Arbeit gelesen (siehe meine Rezension), die in diesem Punkt deutlich anschaulicher ist.

Die Zeittafel am Ende des Buches endet mit dem Jahr 1991, sprich mit dem Zeitkontext, in dem die erste Auflage erscheint. Als Leser kann man bei der fünften Auflage im Jahr 2014 eine Aktualisierung der Zeittafel über die Jahrtausendwende hinaus berechtigt erwarten. Wie macht eine Neuauflage Sinn, wenn die Geschichte der Sozialen Arbeit vor allem nach der Jahrtausendwende gar nicht mehr vorkommt? Dann lieber gleich einen unveränderten Neudruck der ersten Auflage. Dann weiß man als Leser_in woran man ist und was man erwarten kann. Daran ändert auch nichts das letzte Kapitel, das in seinem Resümee über das Jahr 2000 hinausblickt.

Fazit

Ein Buch, das Studierenden einen Einblick in die neuere Geschichte liefert und das den Umgang mit den sozialen Fragen nachzeichnet. Für die Kollegen in der Praxis ein eher uninteressantes Metier, es sei denn, man ist an der geschichtlichen Entwicklung des eigenen Handlungsfeldes z.B. der Jugendhilfe interessiert.


Rezension von
Dr. Winfried Leisgang
Dipl. Soz.-Päd., Master of Social Work (M.S.W.)
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Zitiervorschlag
Winfried Leisgang. Rezension vom 28.07.2014 zu: Sabine Hering, Richard Münchmeier: Geschichte der Sozialen Arbeit. Eine Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 5. Auflage. ISBN 978-3-7799-1446-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16493.php, Datum des Zugriffs 21.01.2022.


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