Manuel Barthelmess: Systemische Beratung
Rezensiert von Dipl. Soz.-Arb. Annegret Sirringhaus-Bünder, 21.08.2014
Manuel Barthelmess: Systemische Beratung. Eine Einführung für psychosoziale Berufe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 4. Auflage. 192 Seiten. ISBN 978-3-7799-3159-1. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
Reihe: Edition Sozial.
Thema
Dem Vorwort zur dritten Auflage folgend soll das Buch “ einen prägnanten Überblick über systemische Beratung (bieten) und (…) Theorie und Praxis als zwei Seiten der gleichen Medaille (verbinden)“.
Autor
Manuel Barthelmess, Dr. phil., Dipl. Päd. (Univ.), Dipl. Soz. Päd. (FH), Jg. 1970, ist Leiter des Instituts für Systemische Beratung und Bildung (INSYS) in Regensburg. Er arbeitet als Systemtherapeut, Coach und Supervisor sowie als Ausbilder für Berater, Therapeuten und Coaches.
Aufbau und Inhalt
Das Buch ist in fünf Kapitel mit zahlreichen Unterabschnitten gegliedert. Im Vorwort zur 3. Auflage im Jahr 2005 betont der Autor, dass der Leser gleichsam zwei Bücher in einem in der Hand halte: Das „Erste“ habe die für den Berater relevante Systemtheorie zum Thema (Kap. I – III). Im „zweiten Buch“ (Kap III -V) stehe die systemische Beratungspraxis im Mittelpunkt. Mit der männlichen Form im Singular und Plural will der Autor sich auf beide Geschlechter beziehen.
In der Einleitung vermerkt Barthelmess, dass die Lektüre seines Buches Grundkenntnisse der Systemtheorie und der systemischen Beratung vermittelt. Er gibt folgenden Überblick über die inhaltliche Struktur und Vorgehensweise:
Unter dem Aspekt der „Problemstellung“ erfolgt eine Hinführung zum Thema der Systemtheorie, wobei erläutert wird, warum lineares Denken durch die systemische Orientierung erweitert werden soll.
Im 1. Kapitel werden unter der Überschrift „Soziale Systeme“ die Grundzüge der Systemtheorie mit der Beschreibung sozialer Systeme verbunden. Diese werden als Kommunikationssysteme theoretisch dargelegt und in ihren Strukturmerkmalen dargestellt.
Im 2. Kapitel werden unter dem Begriff „psychische Systeme“ Einzelpersonen subsumiert und als Bewusstseinssysteme theoretisch beschrieben. Für die praktische Beratertätigkeit relevante Strukturmerkmale werden erläutert
Im 3. Kapitel wird unter dem Begriff “ der psychosozialen Einheit“ das Zusammenwirken von sozialen und psychischen Systemen dargelegt.
Im 4.Kapitel geht es um „Systemische Beratung“. In diesem Kapitel werden die vorhergehenden theoretischen Ausführungen explizit auf die Beratung verschiedener Klientensysteme bezogen. Insbesondere werden Probleme systemisch definiert und der Frage nach den Interventionsmöglichkeiten nachgegangen. Ferner werden das Rollenverständnis, die Ziele und die handlungsleitenden Prinzipien eines systemischen Beraters diskutiert.
Im 5. und letzten Kapitel werden unter dem Aspekt systemischer Interventionen konkrete Verfahrensweisen systemischer Beratung mit Praxisbeispielen veranschaulicht.
Kurze Schlussbemerkungen und ein Literaturverzeichnis schließen das Buch ab.
Diskussion
In Anbetracht dessen, dass die große Mehrzahl der in der sozialen Beratung Tätigen weiblich sind, mutet es seltsam an, dass der Autor selbst im Jahr 2014 ganz selbstverständlich beide Geschlechter in der männlichen Form anspricht. Erstaunlich ist auch – vorsichtig ausgedrückt – dass dieses Buch, 1999 in der 1. Auflage erschienen, im Jahr 2014 (nur mit kleinen Korrekturen zur 3. Auflage 2005), fast unverändert erscheint. Selbst wenn keine inhaltlichen Veränderungen für notwendig erachtet wurden, wäre zu erwarten gewesen, dass zumindest das Literaturverzeichnis dem aktuellen Stand entspricht, was aber im vorliegenden Band nicht gegeben ist. Fast alle Quellenangaben stammen aus den 1980er und 1990er Jahren. Die jüngsten Quellen – immerhin drei an der Zahl – sind aus den Jahren 2002 - 2003!
Inhaltlich könnte man das Buch auch als eine Ansammlung etwas ausführlicherer Definitionen systemischer Begrifflichkeiten verstehen. Das ist am Anfang noch ganz interessant, weil wesentliche theoretische Begriffe gut erklärt werden, wirkt aber fortfahrend ermüdend und verdirbt recht schnell die Lust, weiterzulesen.
Im 1. Kapitel „Soziale Systeme“ erläutert der Autor in den Unterpunkten 1-14 zunächst Begriffe der Systemtheorie Luhmanns, um dann unvermittelt im Konzept der strukturellen Familientherapie zu landen, ohne jedoch auf die historischen und intentionalen Unterschiede bei der Entwicklung dieser Konzepte hinzuweisen. Erst 12 Seiten später (S. 59) verweist er auf Autoren wie König und Vomer (1996), die das unterschiedliche theoretische Verständnis sozialer Systeme als zwei Seiten der gleichen Medaille dargestellt haben: „Kommunikation und Handlung erscheinen dann als zwei Seiten der gleichen Medaille.“
Auch im 2. und 3. Kapitel „Psychische Systeme“ und „Psychosoziale Einheiten: Das Zusammenwirken von psychischen und sozialen Systemen“ werden Begrifflichkeiten aus ganz unterschiedlichen Konzepten systemischer Beratung und Therapie, der Individualtherapie, Entwicklungspsychologie u.a. munter gemischt. Begründet wird das Ganze mit dem Beibehalten einer „integrativen Sichtweise“ (S. 83). Mit dem sog. Drei-Komponentenmodell geht es beispielsweise von Luhmann über Becker (Gruppendynamik und Organisationsentwicklung), Weber und Stierlin (Heidelberger Therapie der Magersucht), Ludewig (Mitglied-Konzept) schließlich zu Hellingers Grundmechanismen in Beziehungen. Diese wiederum verbindet er mit den familiären Interaktionsmustern nach Stierlin: Delegation, Bindung und Ausstoßung, um dann unter dem Aspekt von Psyche und Kommunikation beim kommunikations-theoretischen Konzept von Schulz von Thun und schließlich unter dem Aspekt der Sprache bei Maturana und Bandler / Grinder (Neurolinguistisches Programmieren) zu landen.
Im so genannten Praxisteil, Kapitel 4: „Systemische Beratung“ geht es überwiegend weiter mit Theorie, nämlich der Erörterung von Begrifflichkeiten wie Interaktionsprozess, Ratsuchende, Ziele, Probleme, Problemsystem oder dem systemtheoretischen Verständnis von Intervention. Unter den Überschriften „Rolle und Ziele“ sowie den „handlungsleitenden Prinzipien des systemischen Beraters“ werden diesmal unterschiedlichste Praxiskonzepte fröhlich kombiniert, ohne den jeweiligen historischen Hintergrund und Entstehungskontext zu benennen. Der naive, unbefangene Leser bzw. Leserin könnte meinen, alle besprochenen Begriffe seien Teil dessystemischen Konzeptes. Barthelmess verliert kein Wort darüber, dass es nicht nur durchaus unterschiedliche Theorieansätze, sondern ebenfalls unterschiedliche systemische Praxiskonzepte gibt, deren Entwicklung – hochspannend – sich aus ihrem Entstehungskontext ableiten und erklären lässt! Spätestens hier verliert die nicht mehr naive Leserin die Lust, sich weiter mit diesem Buch zu beschäftigen! Im gleichen Stil geht es nämlich unter der Überschrift „systemische Interventionen“ weiter. Die wenigen Praxisbeispiele stammen anscheinend alle aus dem gleichen Praxisfeld einer Beratungsstelle für Paare und Familien. Die Vielfalt systemischer Beratung in den sehr unterschiedlichen ambulanten und stationären Beratungskontexten spiegeln sie in keiner Weise in diesem Buch wieder. Mit einer kurzen Zusammenfassung in den „Schlussbemerkungen“ endet das Buch.
Zielgruppen
Interessant könnte das Buch für Menschen sein, die Begriffe aus der Terminologie systemischer Beratung und Therapie nachschlagen wollen – wobei es hier deutlich bessere Nachschlagewerke auf dem Markt gibt.
Fazit
Aus fachlicher Sicht ist es wenig verständlich, warum Autor und Verlag dieses Buch ohne Überarbeitung in einer weiteren Auflage herausgegeben haben. Die gesamte Weiterentwicklung der systemischen Beratung und die Literatur seit der Jahrtausendwende werden praktisch ignoriert, als wenn es seitdem keine Entwicklung systemischer Therapie und Beratung gegeben hätte. Das Bemühen um eine so genannte integrative Sichtweise führt in der Verkürzung der Darstellungen zu einem völlig undifferenzierten Bild systemischer Theorie und Praxis. Das macht das Buch m. E. weder für Praktiker/innen noch Studierende zu einer empfehlenswerten Lektüre. Es gibt für Menschen, die sich für eine Einführung in die systemische Beratung interessieren, weitaus bessere Alternativen auf dem Markt.
Rezension von
Dipl. Soz.-Arb. Annegret Sirringhaus-Bünder
Dpl. Sozialarbeiterin, Supervisorin (DGSF), Lehrende für systemische Beratung und –Therapie (DGSF), MarteMeo-Licensed Supervisor, freie Praxis für Fort- und Weiterbildung, Supervision und Coaching, Einzel-, Paar-, und Familienberatung in Brühl /Rhld.
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