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Nina Kölsch-Bunzen: Bildung ins Spiel bringen

Cover Nina Kölsch-Bunzen: Bildung ins Spiel bringen. Das Ratingverfahren IPK U3 zur Einschätzung der Interaktionsqualität zwischen einer pädagogischen Fachkraft und einem Kind unter 3 Jahren in einer dyadisch strukturierten Spielsituation. Dohrmann Verlag (Berlin) 2013. 168 Seiten. ISBN 978-3-938620-29-8. D: 19,50 EUR, A: 20,10 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Bildung kann nicht früh genug beginnen

Die im pädagogischen Diskurs diskutierte Forderung, bereits in der Früherziehung von Kleinkindern familiale und institutionalisierte Formen der Bildung zu praktizieren, dürfte mittlerweile Bestandteil eines gesellschaftlichen Bewusstseins sein. Die Erkenntnis, dass bereits Säuglinge hochkommunikative Lebewesen sind, führt in der gesellschaftlichen Erziehungs- und Bildungsdiskussion zwangsläufig dazu, dieser Tatsache durch Konzepte und Methoden zu unterstützen, um die körperliche und geistige Entwicklung des Kindes zu fördern. Diese Ansprüche rufen Initiativen auf den Plan, um zwischen den beteiligten Eltern und Familienangehörigen einerseits und den in den Einrichtungen der Früherziehung tätigen Erzieherinnen und Erziehern andererseits eine „Erziehungs- und Bildungspartnerschaft“ zu initiieren (Petra Völkel / Anne Wihstutz, Hrsg., Erziehungs- und Bildungspartnerschaft im Elementarbereich, www.socialnet.de/rezensionen/17201.php). In diesem Zusammenhang wird auch – zu Recht – die Forderung nach „Elternbildung“ erhoben (Diemut König, Die pädagogische Konstruktion von Elternautorität. Eine Ethnographie der Familienhilfe, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18097.php).

Entstehungshintergrund und Autorin

Eine gelingende, nonverbale und verbale Kommunikation zwischen Menschen ist Voraussetzung dafür, dass eine friedliche und humane Verständigung möglich wird. Sie im Entwicklungsprozess der Menschen zu beachten, zu stimulieren und einzuüben, gehört zu den grundlegendsten Bildungs- und Erziehungszielen: „Diese Fähigkeit, eine passende Kommunikationsform mit dem Kleinkind zu erreichen, ist die wichtigste Voraussetzung dafür, dass sich Bindung einstellen kann“. In der Früherziehung geschieht dies meist dyadisch, also von Person zu Person in der Familie und in der institutionalisierten Einrichtung. Nach dem Kinderförderungsgesetz wird seit dem 1. August 2013 jedem Kind mit der Vollendung des ersten Lebensjahres bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres ein Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz zugesprochen. Auch wenn dies noch nicht in allen Bundesländern vollständig realisiert werden kann, entstehen doch für Erzieherinnen und Erzieher in den Kitas neue Herausforderungen, mit den ihnen anvertrauten Kleinkindern frühkindliche Bildungsprozesse durchzuführen. Dies aber kann nur von qualitativ gut aus- und -weitergebildeten pädagogischen Fachkräften geleistet werden. Hier sind Theorie und Praxis der (Sozial-)Pädagogik gefordert So gibt es Konzepte, wie z. B. das aus der anglophonen Forschung übernommene KRIPS-R-Ratingsystem (2005), mit dem die Orientierungs-, Struktur- und Prozessqualität bei der Arbeit mit Kleinkindern ermittelt werden kann.

Die Ars legendi-Preisträgerin 2012 und Sozialwissenschaftlerin der Hochschule Esslingen, Nina Kölsch-Bunzen, nimmt sich den im KRIPS-R-Ratingsystem vernachlässigten Aspekt der „Interaktionsqualität zwischen pädagogischer Fachkraft und Kind in einer dyadisch strukturierten Situation“ vor und entwickelt das Rating-Instrument IPK U3 als Beobachtungs- und Einschätzungsmethode für die Praxis.

Aufbau und Inhalt

Das Messverfahren wurde von der Autorin und ihrem Team im Rahmen der Praxisforschung am Kinder- und Familienzentrum St. Josef in Stuttgart entwickelt und erprobt. Im Handbuch wird die theoretische Fundierung des Instrumentes IPK U3 dargelegt und dabei insbesondere auf die Theorie- und Forschungsansätze zu Peerbeziehungen Bezug genommen. Hervorgehoben dabei wird die Erkenntnis, „das Kind als kompetent von Anfang an wahrzunehmen und somit als Subjekt im Bildungsprozess anzuerkennen“.

Als Grundlage des Theorie-Praxis-Bezugs zur Bedeutung der frühkindlichen Kommunikationsakte und -fähigkeiten werden die Erkenntnisse aus der Spieltheorie und -forschung angewandt. Diese neuen (alten) entwicklungs- und lernpsychologischen Zugänge zum Lernen machen deutlich, dass „im Spiel ( ) das Kind seine menschliche und gegenständliche Umwelt und … sich selbst (erfährt)“.

Ein besonderes Gewicht bei dieser Betrachtung des Kleinkindes und seiner Umwelt wird dabei auf die Bedeutung der Bindungsfähigkeit und -erfahrung, und im Zusammenhang dazu, zu den Kommunikations- und Erziehungsstilen gelegt, mit denen Erwachsene mit Kindern umgehen. Mit dem Beobachtungssystem werden drei wichtige Komponenten berücksichtigt: Da ist zum einen die Frage, mit welchen Erziehungsstilen die pädagogischen Fachkräfte agieren, zum zweiten die Aufmerksamkeit darüber, ob es dem Kleinkind gelingt, die für die Spielsituationen notwendigen Regulierungsleistungen zu erbringen, und zum dritten die Balance zwischen Bindung und Exploration so herzustellen, dass das Kind „im Spiel bleibt“. Dazu sind Beobachtungskriterien gefordert, die eine alters- und situationsangemessene Bildungsqualität zwischen der pädagogischen Fachkraft und dem Kleinkind fördern oder auch verhindern können, wie: Blickkontakt / Mimik, Vokalisation / Diskurs, Gestik, Position, Spielinitiative, Spielaktion und Kooperation in der Zone der nächsten Entwicklung.

Das Ratingsystem IPK U3 beruht darauf, dass Aktionen und Reaktionen zwischen einer pädagogischen Fachkraft und einem Kleinkind in einer bestimmten dyadischen Situation mit einer wenige Minuten dauernden Videoaufnahme dokumentiert werden, die als Grundlage für ein Analyse- und Beratungsgespräch mit der Fachkraft dienen. Mit dem verschriftlichten Beobachtungsbogen werden auf der Grundlage der Vier-Felder-Klassifikation der Erziehungsstilforschung die Erziehungsstile der Fachkraft – autoritär, autoritativ, permissiv, vernachlässigend – und die Verhaltensmerkmale – Dominanz, Aushandeln, Subordination, Distanz – festgehalten. Die Autorin erläutert an zwei Filmsequenzen den möglichen Umgang mit den Beobachtungsmaterialien und führt Transkriptionszeichen ein, die für eine Charakterisierung der beobachteten Situationen der Kommunikationspartner Fachkraft – Kind hilfreich sind und eine Einschätzung der Aktionen mit den Kriterien – Opposition, Kooperation, Passivität – erlauben. Die im Handbuch vorgestellten Listungen können für die konkreten Beobachtungssituationen direkt übernommen werden.

Fazit

Das in der Praxisbegleitung und -forschung entwickelte spielerische Instrument der Beobachtung, Einschätzung und Analyse bei dyadisch strukturierten Kommunikationen zwischen einer pädagogischen Fachkraft und einem Kleinkind zur Realisierung von Bildungs- und Erziehungsaufgaben in Krippen, Kindertagesstätten, Tagespflege und frühkindlichen pädagogischen Angeboten füllt eine Lücke in der bisherigen diagnostischen, praxisbezogenen Schulung und Beratung von pädagogischen Fachkräften. Die von der Autorin eingängig und nachvollziehbar erläuterten Instrumentarien zur Anwendung des Ratingverfahrens IPK U3 sollten für die Ausbildung von pädagogischen Fachkräften in den Fachschulen, Fachhochschulen und Universitäten Anwendung finden und für die Fortbildung von Praktikern eingesetzt werden.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 16.02.2015 zu: Nina Kölsch-Bunzen: Bildung ins Spiel bringen. Das Ratingverfahren IPK U3 zur Einschätzung der Interaktionsqualität zwischen einer pädagogischen Fachkraft und einem Kind unter 3 Jahren in einer dyadisch strukturierten Spielsituation. Dohrmann Verlag (Berlin) 2013. ISBN 978-3-938620-29-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16497.php, Datum des Zugriffs 26.03.2019.


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