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Thorsten Franz: Einführung in die Verwaltungswissenschaft

Cover Thorsten Franz: Einführung in die Verwaltungswissenschaft. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. 555 Seiten. ISBN 978-3-531-19493-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 37,50 sFr.

Reihe: Lehrbuch.
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Thema

Ohne Zweifel sind die Anforderungen an die öffentliche Verwaltung und ihre Interaktionspartner in den letzten Jahrzehnten gewachsen. Zwar erfordert die zunehmend kooperative Aufgabenerfüllung eine Spezialisierung der Akteure, was aber ohne ein gemeinsames Grundverständnis nicht gelingen kann. Dieses Grundverständnis muss mehr als Erfahrungswissen sein: Verwaltung umfasst viele Lebensbereiche und zur gemeinsamen Lösung gesellschaftlicher Probleme wird mehr als ein einziger wissenschaftlicher Zugang benötigt. Die theoriegeleitete Reflexion über Verwaltungshandeln ist daher interdisziplinär. Mit einem gemeinsamen Grundverständnis könnte sogar eine integrierte Wissenschaft entstehen und der nur vorsichtige Austausch der Disziplinen verstärkt werden.

Diese Integration wird zwar von den Akteuren vor Ort täglich praktiziert, aber abstrakte Darstellungen zur Weitervermittlung sind bisher selten gelungen. In diesem einführenden Lehrbuch wird erstmals ein umfassender, interdisziplinärer Zugriff auf die Verwaltung gewagt und ein gemeinsames Grundverständnis umrissen.

Autor

Dr. Thorsten Franz lehrt als Professor Verwaltungswissenschaften an der Hochschule Harz und ist außerplanmäßiger Professor der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Thorsten Franz hat Rechtswissenschaften studiert, als Rechtsanwalt gearbeitet und sich an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg promoviert und habilitiert.

Aufbau

Das Lehrbuch ist in drei Teile gegliedert.

  1. Der umfangreichste, erste Teil ist die Einführung in die Verwaltungswissenschaft. Wissenschaftliche Zugänge zur Verwaltung werden dort u.a. aus der Perspektive der Verwaltungspolitik, der Verwaltungsrechtswissenschaft, der Verwaltungsökonomie, der Verwaltungssoziologie und -psychologie sowie der Verwaltungsevaluation und -reform erschlossen.
  2. Der zweite Teil enthält Prüfungsfragen,
  3. der dritte Teil eine Fachterminologie Deutsch-Englisch.

Detaillierte Literaturangaben sind in den Text eingebunden, so dass sich das Literaturverzeichnis auf allgemeine Darstellungen des 21. und 20. Jahrhunderts beschränkt. Außerdem enthält das Buch ein Personen- und ein Stichwortregister.

Das Lehrbuch richtet sich insbesondere an Studierende, die die Laufbahnbefähigung für den gehobenen Dienst anstreben. Weiter ist es eine kompakte Einführung für alle Interessierten an den Verwaltungswissenschaften und den entsprechenden Vertiefungen der Politikwissenschaft, der Rechtswissenschaft, der Betriebswirtschaft und der Soziologie.

Inhalt

Die Grundfragen der Verwaltungswissenschaft werden auf 116 Seiten dargestellt. In diesem Kapitel wird disziplinübergreifend beschrieben, was die öffentliche Verwaltung ist und wie sie – aus verschiedenen Perspektiven betrachtet – organisiert ist. In einem eigenen Abschnitt wird u.a. mit Organisationstheorien erörtert, wie Verwaltung organisiert sein sollte.

Kurz wird die deutsche Verwaltungsgeschichtswissenschaft insb. seit Preußen nachgezeichnet sowie ihre überdauernden Entwicklungslinien hervorgehoben.

Zur Verwaltungspolitologie zählt neben den Grundlagen der Politikwissenschaft die Steuerung von Verwaltungssystemen. Zur Steuerung werden politsche Werthaltungen, die handelnden Akteure, eine Typologie der Instrumente sowie Grenzen der Steuerung von Verwaltungssystemen thematisiert. Nachdem ausführlicher verschiedene Ansätze zur Bestimmung öffentlicher Aufgaben diskutiert worden sind, werden kurz Zukunftsfragen wie z.B. Demografie und Klimawandel aufgegriffen.

Auf 138 Seiten beschränkt sich die Verwaltungsrechtswissenschaft auf juristische Arbeitstechniken, Quellen des Verwaltungsrechts, Folgen der Rechtsbindung der Verwaltung für das Verwaltungsverfahren sowie unterschiedliche rechtliche Handlungsformen der Verwaltung und den Rechtsschutz.

Zu den Grundlagen der Verwaltungsökonomie gehören ein geeigneter Wirtschaftlichkeitsbegriff sowie Überlegungen zur Messung der Wirtschaftlichkeit. Weiter wird auf den 74 Seiten dieses Abschnitts kurz auf das Leitbild der Ökonomisierung und seine Konkretisierung eingegangen (u.a. Kosten- und Ergebnisorientierung). Zur Bewirtschaftung von Verwaltungsressourcen zählt der Autor Fragen der Personal- und Finanzwirtschaft.

In einem Abschnitt werden Verwaltungssoziologie und -psychologie behandelt. Nach einer knappen Einführung in soziologische Begriffe werden die bürokratische Sozialisation und Phänomene wie das Wachstum von Verwaltungen, Fehlbesetzungen sowie problematische Entscheidungssituationen thematisiert. Aus der Perspektive der Psychologie werden insb. der Eintritt in den öffentlichen Dienst, Motivation und individuelle Handlungsstrategien sowie verzerrte Umweltwahrnehmungen besprochen.

Verwaltungskommunikation und -kultur werden in einem eigenen, 16seitigen Kapitel behandelt. Zur Kommunikation werden auch der Umgang mit Konflikten und die Öffentlichkeitsarbeit gezählt. Knapp wird auf das uneinheitliche Verständnis der Verwaltungsorganisationskultur sowie die Verwaltungsethik eingegangen.

Abschließend wird ein kurzer Abschnitt der Verwaltungsevaluation und -reform gewidmet: Neben Wirksamkeitsbedingungen und Wirkungsanalysen wird schlaglichtartig auf die bisherigen Erfahrungen mit Verwaltungsreformen und Problemen der Evaluation eingegangen.

In keinem dieser Kapitel wird eine umfassende Darstellung der jeweiligen Disziplin versucht: Der Autor will das für die Verwaltung relevante Grundwissen fokussieren. Hervorhebungen erleichtern den Lesefluss. Die Relevanz der ausgewählten Themen wird durch viele Beispiele unterstrichen. Ergänzendes Wissen wird konsequent vom restlichen Text abgesetzt. Zahlreiche Literaturangaben laden zur selbstständigen Vertiefung ein.

Diskussion

Diesem Lehrbuch gelingt es nicht nur, Grundwissen zu fokussieren, sondern es macht einen respektablen Vorschlag, was das gemeinsame Grundverständnis der Verwaltungswissenschaften sein könnte. Der Autor schreibt sehr kenntnisreich und sehr ausgewogen über mehrere Disziplinen, die für die Verwaltungssteuerung wichtig sind. Wenige andere Werke verlassen die Grenze einer Disziplin und bleiben dabei auf die relevanten Dinge konzentriert. So wird deutlich, dass die juristische Herangehensweise nur eine mögliche Perspektive auf die Verwaltung ist. Gleichzeitig gelingt es selbst wenig anderen Fachautoren, einen für die Verwaltung verwendbaren Wirtschaftlichkeitsbegriff zu entwickeln.

An wenigen Stellen lässt sich nicht sofort nachvollziehen, wie dann die Fokussierung erfolgt: Dazu zählen die identifizierten Entwicklungslinien der Verwaltungsgeschichte, die Konzentration auf ausgewählte Zukunftsfragen in der Verwaltungspolitologie sowie die den Grundfragen zugeschlagenen Organisationsgrundsätze. Bei den Organisationsformen könnte außerdem stärker zwischen Kooperationsmodellen und den relevanten öffentlich-rechtlichen sowie privatrechtlichen Rechtspersönlichkeiten unterschieden werden.

Der in dem Abschnitt Verwaltungsökonomie unternommene Versuch, ökonomisch geprägte Verwaltungsreformen der letzten Jahrzehnte zu einem Leitbild der Ökonomisierung zusammenzufassen und in Teilelementen zu skizzieren, sollte etwas vertieft werden. Auch der abschließende Abschnitt zur Verwaltungsevaluation und insb. zur Wirkungsorientierung fällt im Lichte der wachsenden Bedeutung etwas knapp aus.

Mehr Zusammenfassungen wie der „Kleine Staatsbaukasten“ (S. 217) würden die zentralen Beiträge einzelner Disziplinen zum gemeinsamen Grundverständnis der Verwaltungswissenschaft immer wieder auf den Punkt bringen. Gerade bei der Gewichtung und Gliederung der Themen Verwaltungssoziologie, -psychologie, -kommunikation und -kultur könnte zudem noch stärker das Integrationsziel eines gemeinsamen Grundverständnisses der Verwaltungswissenschaft betont werden.

Fazit

Das Lehrbuch schafft eine hervorragende Einführung in die Verwaltungswissenschaft und ermöglicht im Anschluss ein leichtes Erschließen der Spezialgebiete in Eigenregie. Damit ist es nicht nur ein Begleiter durch verwaltungsbezogene Studiengänge, sondern für jeden, der sich professionell mit Verwaltung befassen möchte. Darüber hinaus entsteht ein Entwurf einer interdisziplinären Verwaltungswissenschaft, die nicht nur praktiziert sondern auch vermittelt werden kann.


Rezensent
Prof. Dr. Elmar Hinz
Dipl.-Kfm.
Professor für Verwaltungswissenschaften an der FH Nordhausen
Homepage www.hs-nordhausen.de/studium/wiso/lehrpersonal/prof ...
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Zitiervorschlag
Elmar Hinz. Rezension vom 14.01.2015 zu: Thorsten Franz: Einführung in die Verwaltungswissenschaft. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-531-19493-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16499.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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