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Jens Bucksch, Sven Schneider (Hrsg.): Walkability (Bewegungsförderung in der Kommune)

Rezensiert von Prof. em. Bernhard Meyer, 13.10.2014

Cover Jens Bucksch, Sven Schneider (Hrsg.): Walkability (Bewegungsförderung in der Kommune) ISBN 978-3-456-85351-2

Jens Bucksch, Sven Schneider (Hrsg.): Walkability. Das Handbuch zur Bewegungsförderung in der Kommune. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2014. 352 Seiten. ISBN 978-3-456-85351-2. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 66,90 sFr.
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Thema

Vor über zehn Jahren wurde in den USA der Forschungszweig Active Living Research begründet. Er durchbrach den bisherigen Ansatz, lediglich individuelle Verhaltensänderungen in den Blick zu nehmen, wenn es um körperliche Aktivitäten ging. Jetzt wird auch die unmittelbare Wohnumgebung einbezogen. Zentraler Begriff dafür ist „Walkability“. Es geht dabei nicht nur um die Begehbarkeit, sondern um die gesamte Bewegungsfreundlichkeit von urbanen Räumen. Die Herausgeber J. Bucksch und S. Schneider haben davon abgesehen, die Weite des Begriffes im Deutschen etwa durch Fußgängerfreundlichkeit oder Begehbarkeit einzuschränken. Mit diesem Buch liegt erstmals eine deutschsprachige Einführung in den Walkability-Ansatz vor.

Aufbau

Nach einem einleitenden ersten Teil werden die Perspektiven unterschiedlicher Disziplinen zu einer Konzeptsicht verdichtet. Gegenüber der amerikanischen Literatur sind dabei die Medizinische Geographie und die Politikwissenschaft neu einbezogen worden. Wie schwierig die Erfassung der Walkability ist, zeigt das dritte Kapitel, bei dem es um methodische Aspekte geht. Im viertel werden unterschiedliche Bevölkerungsgruppe im Kontext der Wohnumgebung in den Blick genommen. Der vorletzte Teil ist Praxisbeispielen aus Stadtentwicklung und Verkehrsplanung gewidmet. Ein differenziertes Fazit der Herausgeber beschließt diesen Sammelband.

Inhalt

Die Autoren geben eine Einführung und Überblick über den Themenkomplex Bewegung und Gesundheit. Von dort leiten sie über zu einem engen und weiten Walkability-Verständnis. Während die enge Sicht ihren Ursprung in der Verkehrs- und Städteplanung hat und sich vor allem auf Flächennutzung und Konnektivität bezieht, entwickelt sich der weitere Ansatz aus der Public Health und orientiert sich am Erscheinungsbild und den freizeitbezogenen Ressourcen.

Als Kenngrößen werden die sogenannten fünf „D“ von Ewing und Cervero angeführt:

  • Density als Verdichtungsgrad in Bezug auf einen spezifischen geografischen Raum
  • Diversity als Ausdruck der Nutzungsmischung
  • Design umfasst die Verfügbarkeit, die Gestaltung und Vernetzung der Straßen
  • Destination accessibility meint die Entfernung zu wichtigen Zielpunkten
  • Distance to transit betont die Erreichbarkeit des ÖPNV

Nach einer terminologischen Klärung zum Verhältnis von Wohnumgebung und Gesundheit werden die verschiedenen konzeptionellen Perspektiven entfaltet. Schon die Übersicht zeigt die Komplexität des Walabilityansatzes, was auch gleichzeitig seine Stärke ist. Es werden die Sichtweisen folgender Disziplinen dargestellt

  • Public Health
  • Stadt- und Verkehrsplanung
  • Psychologie
  • Sportwissenschaft
  • Medizinische Geographie
  • Umweltwissenschaft
  • Politikwissenschaft

J. Busch und S. Schneider fokussieren diese komplexe Betrachtung in fünf aussagen über Walkability. Es sei nämlich mehr als Fußgängerfreundlichkeit. Vielmehr sei es ein Schlüssel zu alltagsnaher Bewegungsförderung. Dieser Zugang ist theoretisch und praktisch erweiterbar, sowie anschlussfähig. So kommen sie nachvollziehbar zu der Einschätzung, dass Walkability ein innovativer und multidisziplinärer Ansatz sei.

Methodisch werden subjektive Erfahrungsverfahren und Auditinstrumente vorgestellt, die jeweils ihre Chancen aber Grenzen offenbaren. Spätestens bei den geografischen oder satellitengestützten Informationssystemen werden traditionelle Wege verlassen.

Bezogen auf vorliegende empirische Ergebnisse wird nicht das Fehlen von Ergebnissen beklagt, wohl aber deren mangelnde Vergleichbarkeit. Dies gilt für Kinder und Jugendliche, Erwachsene und Senioren. Der geschlechtsspezifische Aspekt wird allerdings nicht aufgeführt.

Eine Konkretisierung erhalten die bisherigen Ausführungen durch Beispiele von walkabilitybasierten Anwendungen und Interventionen. Dazu wird ein anschauliches Beispiel aus der Schweiz (mit Fotos!) vorgestellt. In München/Göttingen geht es um Partizipation. Und fußgängerorientierte Verkehrsplanung steht im Mittelpunkt in Bielefeld/Wuppertal.

Das Fazit aller Beiträge wird in einem Werkstattgespräch gezogen, bei dem es um die definitorische Klärung geht. Was ist das optimale Forschungsdesign? Wie kann sich das Forschungsfeld entwickeln? Das sind ebenso die Teilnehmer bewegende Fragen als auch die Nutzbarmachung der Ergebnisse für die Praxis.

Diskussion

Was soll man bei einem solchen mehrdimensionalen Buch diskutieren? Es benennt selbst alle möglichen und unmöglichen Aspekte, es führt die Stärken wie Schwächen, die Chancen wie Gefahren gleich selbst auf. Hilfreich sind dabei die vielen Grafiken und vor allem die von den Herausgebern gefüllten Infoboxen am Ende jedes Beitrages. So bleibt es dem Lesenden überlassen, wo Vertiefung oder wo summarisches Lesen angezeigt ist. Dafür dass es einen Ansatz im europäischen Raum populär machen will, ist es dezent didaktisch aufgebaut, ohne in bekannte Wissenschaftsattitüden zu verfallen. So ist der Lesende am Schluss auch bereit, das Fazit der Herausgeber anzunehmen, das Handlungsansätze und Empfehlungen für ein Transferkonzept vorstellt. Walkability bringt Bewegung in die kommunale Praxis.

Fazit

Walkability: ein relativ neuer Ansatz für den deutschsprachigen Raum wird in allen Facetten entfaltet und dem Leser zur Urteilsbildung und zur Praxishilfe angeboten. In seiner didaktischen Struktur unterstützend, aber ansonsten zurückhaltend, kann dieser Sammelband als gelungener Versuch der Implementation eines neuen Forschungs- und Handlungsansatz bezeichnet werden, der in die Bibliothek vieler Teildisziplinen und in die Hand der Kommunalverwaltung gehört.

Rezension von
Prof. em. Bernhard Meyer
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Es gibt 7 Rezensionen von Bernhard Meyer.

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Zitiervorschlag
Bernhard Meyer. Rezension vom 13.10.2014 zu: Jens Bucksch, Sven Schneider (Hrsg.): Walkability. Das Handbuch zur Bewegungsförderung in der Kommune. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2014. ISBN 978-3-456-85351-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16503.php, Datum des Zugriffs 29.09.2022.


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