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Henriette Herwig (Hrsg.): Merkwürdige Alte. [...] Kultur des Alter(n)s

Cover Henriette Herwig (Hrsg.): Merkwürdige Alte. Zu einer literarischen und bildlichen Kultur des Alter(n)s. transcript (Bielefeld) 2014. 346 Seiten. ISBN 978-3-8376-2669-8. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,10 sFr.

Reihe: Alter(n)skulturen - 2.
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Thema

Wir haben gelernt, uns der Betrachtung von Altern und Alter als Querschnittsaufgabe von vielen Positionen aus zu nähern. Neben den geläufigen sozialwissenschaftlichen und medizinischen Disziplinen sind inzwischen selbst Ernährungswissenschaften, Stadt- und Raumplanung, Theologie und Mikroelektronik bedeutsame Bestandteile der Alterswissenschaften. Mit Kunst und Literatur hat dagegen die Gerontologie bisher noch weniger zu tun, obwohl das Schöngeistige in der Alterspädagogik ein wohlfeiles Terrain ist. Essentielle Zeugnisse aus der Literatur zum Alter trägt jetzt Henriette Herwig in einem umfangreichen, 346seitigen Sammelband unter dem Klärung heischenden Titel „Merkwürdige Alte“ bei Transcript/Bielefeld zusammen.

Herausgeberin

Professorin Dr. phil. Henriette Herwig lehrt Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Die von ihr zu Einzelbeiträgen herangezogenen Autorinnen und Autoren sind durchweg auch an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf tätig.

Aufbau und Inhalte

Die im Band „Merkwürdige Alte“ besprochenen literarischen Altersbilder geben einen heterogen-vielfältigen Einblick in Zeugnisse des Altwerdens und Altseins zu verschiedenen Epochen und in unterschiedlichen Situationen. Die Herausgeberin teilt einleitend ihre Absicht mit, vom Negativ-Bild des hohen Alters ein Stück weg zu kommen. Die Kunst könne als wertfreie Schöpfung in besonderer Weise zu einem erhellenden Zugang zum Alter verhelfen, da sie in ihrer emotionalen Ausdrucksfähigkeit dem alten Menschen dann noch verbunden bleibe, wenn diesem die kognitive Mitteilungsfähigkeit verloren gehe. Henriette Herwig hat die Einzelbeiträge in drei Abschnitte gegliedert.

Im Teil Figurentypen des Alters untersucht Andrea von Hülsen-Esch die mittelalterlichen Negativ-Figuren der Hexen, Zauberinnen und Kupplerinnen, als die vornehmlich ältere Frauen auftraten. Anhand Christian Fürchtegott Gellerts Erzählung „Jüngling und Greis“ hebt Guglielmo Gabbiadini den Dualismus von jugendlicher Vitalität und altersgemäßer Weisheit in eine fruchtbare Wechselwirkung auf, indem er beiden Altersgruppen Lebenslust und Abgeklärtheit zuspricht. Maike Rettmann findet in Agatha Christies Kriminalromanen an der Gestalt von Miss Marple eine konstruktive Einordnungsfähigkeit dargestellt, der sie die destruktive Figur Rosemarie in Ingrid Nolls Roman „Der Hahn ist tot“ gegenüber stellt. Miriam Seidler untersucht in ihrem Beitrag zur Alterssexualität neue, geglückte erotische Paarbeziehungen unter Hochbetagten, deren Bestrebungen in früheren Zeiten mit den Etiketten vom „alten Narren“ oder der „närrischen Alten“ versehen worden wären.

Den Themen Demenz und menschenwürdige Pflege ist der zweite Teil der Literaturaufarbeitung in „Merkwürdige Alte“ gewidmet. Hans-Georg Pott zeigt, wie auch bei krankhaften hirnorganischen Veränderungen im Alter kraft verbleibender emotionaler Ausdrucksformen kommunikative Zugänge erhalten bleiben können und Deutungen der Äußerungen der Dementen vorgenommen werden können. Statistisch ähnliche Versorgungsprobleme alter Pflegebedürftiger wie in Deutschland sieht Michiko Mae in Japan. Dort hätten erst autobiografische Berichte vom unwürdigen Objektstatus der Betroffenen die Problematik gesellschaftlich bewusst gemacht. Das Beziehungsgeschehen sehr alter und jüngerer alter Paare untersucht Henriette Herwig in ihrem Beitrag über die und anhand der Pflegeheim-Romane „Haus der Schildkröten“ von Annette Pehnt und „Haller und Helen“ von Jürg Schubiger. In der kommunikativen Teilhabe von Vater und Sohn Geiger in Arno Geigers Alzheimer-Narration „Der alte König in seinem Exil“ sieht Meike Dackweiler einen Status-Erhalt des dementen Vaters Geiger und eine Qualität von Menschenwürde.

Literarischen Alterswerken und poetischen Altersstilen ist der dritte Teil von „Merkwürdige Alte“ gewidmet. Dirk Rose schildert Theodor Fontanes seiner Zeit voraus gehenden, der Moderne zugewandten dichterischen Altersstil. Wie auch Literatur der naturalistischen Moderne von Endzeit-Stimmung geprägt ist, zeigt Sonja Klein in ihren Fin-de-siècle-Betrachtungen zu Eduard von Keyserlings baltischen Erzählungen. Henriette Herwig interpretiert Christa Wolfs Erzählung „Leibhaftig“ über ihre lebensbedrohliche Erkrankung vor dem Untergang der DDR als Verschränkung von privater mit politischer Geschichte.

Diskussion

Aufschlussreich kann die Beschäftigung mit schöngeistiger Literatur über alte Menschen werden, weil sie einen zweckfreieren, spontanen Zugang zu Altern und Alter ermöglicht als die rationale, auf Erkenntnisziele abhebende gerontologische Fachliteratur. Die Belletristik erlaubt informative Sprünge durch die historischen Gezeiten. So auch im Band „Merkwürdige Alte“. An Gellerts „Jüngling und Greis“ wird die Möglichkeit, die Gegensätze zwischen Vitalität und Weisheit aufzuheben, verdeutlicht. An Fontanes späten Gedichten ist die Neugier auf ein neues Zeitalter und an von Keyserlings baltischen Erzählungen Hoffnung auf Wandel heraus zu lesen.

Das ist aber noch nicht alles, was der Sammelband „Merkwürdige Alte“ für die Leserschaft, die seine Sprünge mitmacht, bereit hält. Um die Wende zum 21. Jahrhundert ist mit Literatur, die die Darstellung des Lebens im Altenpflegeheim an sich zum Ziel hat, ein ganz neues Genre entstanden. Auch daraus lässt Herausgeberin Henriette Herwig ausgiebig schöpfen. Somit ist der von ihr zusammen gestellte Band heterogen, aber doch reizvoll sowohl für die Gerontologen wie für die Literaturwissenschaftler.

Die etwas verstörende Heterogenität besteht zum einen darin, dass eigentliche Literaturinterpretationen bunt gereiht zwischen gezielten Themenarbeiten stehen wie derjenigen zur Alterssexualität oder der zu den pflegerischen Versorgungsproblemen in Japan, in die dann lediglich autobiografisch beschreibende Darstellungen hinein fließen.

Die andere Heterogenität des Bandes liegt darin, dass der Verschnitt von literarischen Interpretationsansätzen über Werke von Christian Fürchtegott Gellert, Theodor Fontane, Eduard von Keyserling und über Christa Wolf bis zu Agatha Christie reicht. So gelangt man von der Hochkultur über die Trivialliteratur flugs zu psychiatrischen Krankenbeobachtungen und wieder zurück. Es geht sozusagen von der Düsseldorfer Literaturwissenschaft frisch auf den Büchertisch.

Vielfach wird bei solcher Vielfalt gerade im ersten Band-Teil der „Figurentypen“ von noch nicht kalendarisch Alten gehandelt wie den unverheirateten „alten Jungfern“ oder „späten Mädchen“, die zunächst noch das Erwachsenenalter durchlaufen; wie es auch mehrheitlich die baltischen Adeligen von Keyserlings tun. Insofern behandeln verschiedene Beiträge einen Personenkreis abseits der eigentlichen Gerontologie.

Der Demenz-Beitrag von Hans-Georg Pott liest sich in seinen hirnphysiologischen und literaturhistorischen Explikationen nicht gerade leicht. Inhaltlich muten einige seiner referierten philologisch ausfüllenden Deutungen doch recht spekulativ an. Waghalsig erscheint es auch, die Demenz als Reaktion auf die sprachkommunikative Überfülle per Handy, Mail, Internet und Twitter zu begreifen. Das mutet an wie Peter Roseggers Befürchtung des Wahnsinns durch die Eisenbahngeschwindigkeit. Letztlich vermag auch dieser Beitrag Potts den Gegensatz zwischen Geist und Körper mit der bei Dementen störenden Dominanz des Körpers bis auf den sattsam bekannten, richtigen Appell an die Menschenwürde nicht aufzuheben.

Dennoch bleibt der Band „Merkwürdige Alte“ bei allen Vorbehalten eine aufschlussreiche Tiefenschau, die uns immerhin im unendlichen Meer des drohenden kognitiven Versinkens eine Zeitlang an ein Holzstück klammern lässt. Das ist vorerst nicht viel, aber immerhin aller Ehren wert.

Fazit

Hochbetagten und Dementen wird im Band „Merkwürdige Alte“ aus der Sicht der Kulturwissenschaften ein verständnisvoll empathisches Denkmal gesetzt. Wenn auch vorerst kein Königsweg zum Zugang zu Alzheimerkranken aufgetan wird, so gilt doch die alte Weisheit: Wer nicht sucht, kann auch nicht finden.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 28.04.2014 zu: Henriette Herwig (Hrsg.): Merkwürdige Alte. Zu einer literarischen und bildlichen Kultur des Alter(n)s. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8376-2669-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16511.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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