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Henrike Terhart: Körper und Migration

Cover Henrike Terhart: Körper und Migration. Eine Studie zu Körperinszenierungen junger Frauen in Text und Bild. transcript (Bielefeld) 2014. 457 Seiten. ISBN 978-3-8376-2618-6. D: 34,99 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 45,90 sFr.

Reihe: Kultur und soziale Praxis.
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Körper im Kontext Migration

„Die sinnliche Exotin“ und die „verschleierte Unterdrückte“ repräsentieren zwei typische Bilder von Migrantinnen in den Medien. Der Körper der „anderen Frau“ wird zum oft gezeigten Symbol in der Integrationsdebatte und damit zum sichtbaren Zeichen von Zugehörigkeit und deren Infragestellung. Das Buch Körper und Migration nimmt diese öffentlichen Auseinandersetzungen um den Körper von Migrantinnen zum Ausgangspunkt und möchte ihr die Sicht von jungen Frauen gegenüberstellen. In einer empirischen, qualitativ angelegten Studie untersucht Henrike Terhart mittels Fotografien und Interviews die Körperinszenierungen von zwölf Frauen mit Migrationshintergrund. Sie zeigt, dass die Befragten kaum darum herumkommen auf Zuschreibungen und Kulturvergleiche Bezug zu nehmen. Körperlichkeit wird damit wesentlich durch Migration (als Erfahrung und Zuschreibung) mitbestimmt. Körperbilder werden im Zuge dessen auf vielfältige Weise übernommen, aber auch hinterfragt und bearbeitet.

Entstehungshintergrund und Autorin

Die dem Buch zugrunde liegende Studie ist das Dissertationsprojekt von Henrike Terhart. Sie wurde ein Jahr vor der Publikation von der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln angenommen. Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften an der Universität zu Köln. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen interkulturelle Erziehungswissenschaften, qualitative Methoden und Körpertheorien.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit der Einleitung und ist dann in acht Kapitel gegliedert.

Kapitel eins stellt die gegenwärtige sozialwissenschaftliche Körperdebatte vor. Die Autorin versteht Körperlichkeit nicht ausschließlich als soziales Konstrukt, sondern zugleich als materielle Gegebenheit.

Kapitel zwei vertieft ausgewählte Theorien rund um die Sozialität des Körperlichen. Aufgenommen werden Helmuth Plessner zu Körper, Leib und exzentrischer Positionalität, die Arbeiten von George H.Mead zu Gesten und symbolischer Interaktion, Pierre Bourdieus Habitus- und Inkorporierungskonzept und Erving Goffman mit seinen Studien zu Inszenierung, Image und Stigma. Ein weiteres Unterkapitel ist den Inszenierungs- und Performanceansätzen gewidmet. Auf diesen Theorien aufbauend entwickelt Henrike Terhart ein mehrdimensionales Konzept von Körperlichkeit. Über und mit Körper werden in Interaktionen gesellschaftliche Strukturen erschaffen, hergestellt und verschoben. Körper ist damit wichtiger Bedeutungsträger und -produzent und dient u.a. der sozialen Distinktion. Das „Körperhafte“, Körper als physische Entität, fasst die Autorin mit den Begriffen spürende Wahrnehmung, Umgang mit dem eigenen Körper sowie dessen Präsentation.

Kapitel drei verknüpft Körper und Migration und belegt den vorherrschenden Fokus auf „andere Frauenkörper“. Grund ist die besondere Bedeutung des weiblichen Körpers als Träger einer Gemeinschaftsidentität und als Arena zur Verhandlung von Zugehörigkeiten im Kontext von Migration. Damit bestimmt er die Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe und den Zugang zu Ressourcen mit.

Kapitel vier bis sechs widmen sich dem methodologischen und methodischen Vorgehen der Studie. Biografisch-narrative Interviews zum Thema Körper werden mit fotografischen Selbstporträts verknüpft. Die Autorin diskutiert die Chancen und Kritikpunkte an diesem Vorgehen und zeigt auf, dass eine visuelle Migrationsforschung noch in den Anfängen steht.

Kapitel sieben legt die Analyse der zwölf Fallbeispiele dar und schließt mit einem theoretischen Modell. Die Darstellung der Fallbeispiele folgt der Logik des Auswertungsprozesses und macht die Überlegungen und Interpretationen Schritt für Schritt nachvollziehbar. Jedes Fallbeispiel enthält ein Kurzporträt, die Fotoanalyse, die Interviewanalyse mit der Darstellung von zentralen Themen und schließt mit der Verbindung von Bild- und Textanalyse. Darin enthalten ist ein Schaubild mit den zentralen Themen (Codes resp. Kategorien) nach dem Kodierparadigma der Grounded Theory. Ergebnis der Fallanalysen ist ein theoretisches Modell von Körperlichkeit als Möglichkeitsraum. Migration als Erfahrung und Zuschreibung prägt diesen Raum mit, determiniert ihn aber nicht auf eine einzige „migrationstypische“ Weise. So zeigt sich die Verwobenheit mit anderen sozialen Differenzlinien als relevant. Zentral ist auch die jeweils „eigene Vorstellung von sozial ausgehandelten Optionen von Zugehörigkeit(en) als einem Bezugspunkt für das eigene Leben und somit auch für die eigene Körperlichkeit“ (S. 394). Durch das Ausarbeiten von verschiedenen Dimensionen fasst die Autorin die Körperinszenierungen systematisch zusammen. Zu den Dimensionen zählen etwa Thematisierung und Relevanz: Für die einen ist Körper eine Erfahrung von Fremdbestimmung, für die anderen eine individuelle Sicht und beinhaltet auch eine Abwehr von Zuschreibungen. Eine weitere Dimension sind Vergleiche, d.h. Körper-Kultur-Vergleiche, die sowohl hierarchisch als auch nichthierarchisch vorgenommen werden.

Das Fazit rundet die Erkenntnisse ab und weist neben den gesellschaftlich dominanten Diskursen als wichtigem Einflussfaktor auf die Familie als wichtigem Bezugspunkt für die eigene Körperlichkeit hin, die ebenfalls natio-ethno-kulturell aufgeladen werden kann.

Diskussion

Das Buch Körper und Migration ist verständlich geschrieben und erlaubt auch Fachfremden Zugang zur Thematik. Die Leserin wird anschaulich durch das Buch und den Forschungsprozess geführt. Das Buch ist sehr umfassend, Personen ohne Vorkenntnisse erhalten die nötigen Hintergrundinformationen zu den verwendeten Methoden oder Theorien. Die einzelnen Kapitel lassen sich auch problemlos einzeln lesen – wer nicht die Zeit für das ganze doch über 400 seitige Buch hat.

Die Fallbeispiele sind gut analysiert und schön zu lesen. Die Autorin schafft es mit Fragen zum Schluss jedes Fallbeispiels eine Spannung aufzubauen und zum forschenden Weiterlesen anzuregen. Das theoretische Modell bietet Anknüpfungspunkte für weitere Arbeiten. Hilfreich wäre hier eine Visualisierung wie bei den einzelnen Fällen gewesen. Aus Sicht der Forschung scheint die Studienanlage, die Verknüpfung von Bild und Text, innovativ und erkenntnisführend.

Fazit

Das Buch von Henrike Terhart ist für alle, die sich vertieft mit Migration oder sozialwissenschaftlichen Körperfragen auseinandersetzen unbedingt zu empfehlen. Auch Personen, die sich für Methodentriangulation im Bereich Text und Bild interessieren, können sich inspirieren lassen. Das Buch eignet sich außerdem für alle Interessierten, die gerne gut analysierte Fallbeispiele lesen. Und schließlich kann das Buch auch anregen über die eigenen Körperkonzepte nachzudenken.


Rezensentin
Nadia Baghdadi
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Zitiervorschlag
Nadia Baghdadi. Rezension vom 04.07.2014 zu: Henrike Terhart: Körper und Migration. Eine Studie zu Körperinszenierungen junger Frauen in Text und Bild. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8376-2618-6. Reihe: Kultur und soziale Praxis. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16512.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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