Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft (Hrsg.): Freispieler - Theater im Gefängnis
Rezensiert von F. Sigrid Grün, 08.01.2015
Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft (Hrsg.): Freispieler - Theater im Gefängnis. Projektdokumentation "Gefängnis - Kunst - Gesellschaft". transcript (Bielefeld) 2012. 97 Seiten. ISBN 978-3-8376-2349-9. D: 22,80 EUR, A: 23,50 EUR, CH: 30,90 sFr.
Thema
Theater im Gefängnis ermöglicht Häftlingen sowohl eine soziale als auch eine kulturelle Partizipation und trägt bei jedem Einzelnen dazu bei, soziale und künstlerische Kompetenzen zu entdecken und viel über sich selbst herauszufinden. In diesem Band zeigen die Autoren auf, wie konstruktive Theaterarbeit im Strafvollzug aussehen und was sie bewirken kann.
Herausgeber
Die Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft fördert Projekte, die sich für „Toleranz, Demokratie und Chancengleichheit“ einsetzen. Im November 2011 zeichnete die Stiftung ein „Projekt mit besonderem Modellcharakter“ gleich in zweifacher Hinsicht aus: Neben der mit 10.000 Euro dotierten Auszeichnung erhielt der Verein Minor e.V. zusätzlich eine Förderung für das Jahr 2012. Damit wurde die Initiative „Gefängnis – Kunst – Gesellschaft“ unterstützt, um die es im vorliegenden Band geht, in dem verschiedene Akteure dieser Initiative und auch beteiligte Häftlinge zu Wort kommen.
Entstehungshintergrund
Der Verein „Minor – Projektkontor für Bildung und Forschung e.V.“ arbeitete im Rahmen des Projektes „Gefängnis – Kunst – Gesellschaft“ mit Häftlingen verschiedener Berliner Haftanstalten. Elf AkteurInnen aus dem Theater- und Filmbereich erarbeiteten über neun Monate hinweg mit den Inhaftierten Theaterstücke und den Film „Dornenkronen“. Dabei wurde nicht auf bereits bestehende Stücke zurückgegriffen, wie dies bei Theaterprojekten in Gefängnissen meist der Fall ist, viel eher wurde gemeinsam mit den Häftlingen ein Stück bzw. ein Film erarbeitet, in dem der eigene biografische Hintergrund und existenzielle Themen, wie etwa der Begriff „Würde“, maßgeblich waren. Auf diese Weise konnten sich die Teilnehmer in verschiedenen Bereichen einbringen. Nicht alle Stücke kamen zur Aufführung, da den Beteiligten vor allem wichtige individuelle Erfahrungen in einem geschützten Rahmen ermöglicht werden sollten. Ein Theaterstück und ein Film wurden allerdings im September 2012 im Berliner Kino BABYLON der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Resonanz war enorm, die Veranstaltung ausverkauft. In „Freispieler“ berichten beteiligte Akteure und Inhaftierte von ihren Erfahrungen mit der Theaterarbeit hinter Gittern.
Aufbau und Inhalt
Der Band umfasst elf Texte, in denen vorwiegend Theatermacher, aber auch Häftlinge zu Wort kommen, die an Theaterprojekten in Gefängnissen beteiligt waren.
Zunächst erläutert Ingrid Raschke-Stuwe (Vorstand der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft, die als Herausgeber fungiert) die Arbeit ihrer Stiftung und die Möglichkeiten, die künstlerische Partizipation bietet. Sie würdigt die Arbeit aller am Projekt „Gefängnis – Kunst – Gesellschaft“ Beteiligten und zeigt auf, warum die Stiftung dieses Projekt besonders gefördert hat.
Schließlich kommt Elisabeth Hoffmann, die Projektleiterin zu Wort, die sowohl Ziele als auch Umsetzung der Trainingswerkstätten erklärt.
Die Schauspielerin Sabine Winterfeldt berichtet davon, wie die Arbeit mit den Inhaftierten, ihr eigenes Leben bereichert hat. Bevor sie die Arbeit mit den Gefangenen aufnahm, war sie kurz davor, ihren Beruf an den Nagel zu hängen – doch die Erfahrungen mit den Häftlingen haben ihr „Feuer wieder entzündet“. Hier wird der bereichernde Effekt für alle Beteiligten klar.
In einem Gespräch mit Astrid Hannemann (Sozialdienst) und Melanie Friebe (Mitarbeiterin der Vollzugsleitung) von der JVAF Berlin-Reinickendorf werden schließlich Chancen und auch Risiken der Theaterarbeit im geschlossenen und offenen Zug erörtert. Und es geht um die Unterschiede in der Arbeit mit männlichen und weiblichen Häftlingen.
In einem Gespräch äußert sich Projektleiterin Elisabeth Hoffmann u.a. zu einer Veränderung ihres persönlichen Blicks auf die Inhaftierten, aber auch zu ähnlichen Projekten in anderen Ländern sowie zu den eigenen Erfahrungen mit der Initiative und neuen Zielen.
Einen sehr interessanten Einblick in die Umsetzung des Projektes gibt der Probenbericht „Geschenkte Schuhe und Würde, die man nicht sieht“. Hier wird von einer Probe berichtet, zu der nur zwei Inhaftierte Frauen erschienen sind, mit denen die Trainer dann besonders intensiv arbeiten können.
Anschließend kommen die beteiligten Häftlinge selbst zu Wort. Poetische und kraftvolle Texte zeigen, worüber die Häftlinge in ihrem Alltag nachdenken und wie sehr sie unter dem Freiheitsentzug leiden. In „Moussas Rap“ wird zum Beispiel die Sehnsucht nach der Mutter besungen.
In einem kurzen Text und mit vielen Bildern wird die Projektpräsentation im Berliner Kino BABYLON gewürdigt. Dort wurden am 25. September 2012 die Premiere des Films „Dornenkronen“ und das Stück „Let´s dance“ gezeigt. Diesem Film widmet sich der Kulturjournalist Stefan Keim ausführlich in seiner Kritik „Sechs Königinnen trotzen dem Weltuntergang“. Darin wird die Geschichte von sechs Frauen erzählt, die nach einem Endzeitszenario die Aufgabe bekommen haben, die Welt zu retten. Jede von ihnen versucht dies als Herrscherin auf eine andere Weise – und geht mit dieser natürlichen Überforderung auch jeweils unterschiedlich um. Mal mutig, mal humorvoll. Das Besondere: Der Film wurde in einem 40 qm großen Raum in der Haftanstalt vor einem Green Screen aufgenommen und mit Bildern von draußen hinterlegt. So agieren die Schauspielerinnen in der Freiheit, befinden sich aber doch im Gefängnis.
Ein Gespräch über Gefängnistheater zwischen den Kontinenten, das Mirella Galbiatti und Till Baumann führen, erzählt von Erfahrungen in Europa und Südamerika. Insbesondere Boals Theater der Unterdrückten ist hier Vorbild für Projekte.
Die Psychotherapeutin Dr. Sabine Sandberger beschließt den Textteil schließlich mit einem Plädoyer für das Theater im Gefängnis.
Die Biografien der beteiligten AkteurInnen schließen den Band ab.
Diskussion
Der Textband informiert ausführlich über ein engagiertes Projekt mit Vorbildcharakter. Besonders positiv ist die Vielseitigkeit der Texte zu bewerten. Die Tatsache, dass nicht nur die Akteure, sondern auch die Häftlinge zu Wort kommen, macht aus dem Buch viel mehr als einen herkömmlichen Aufsatzband, in dem es nur um die Ansätze geht, aber keine Ergebnisse aufgezeigt werden. Die Poesie und Reife der Gefangenentexte ist zutiefst berührend. Auch die Bebilderung fällt sofort auf. Viele aussagekräftige Farb- und Schwarzweißfotografien vermitteln Einblicke in die Probenarbeit und die Präsentation der Ergebnisse.
Positiv ist auch die ungeglättete Darstellung des Alltags. Zu den Proben erscheinen manchmal nur zwei Teilnehmer und es kommt auch mal zu Konflikten. Hier wird nicht von einem Projekt berichtet, bei dem alles glatt läuft, sondern auch von den Schwierigkeiten, die sich naturgemäß (nicht nur bei der Arbeit mit Häftlingen) ergeben.
Natürlich wäre der Film „Dornenkronen“, von dem sehr viel die Rede ist interessant gewesen. Eigentlich hätte er dem Buch beiliegen sollen – eine entsprechende Plastikhülle für eine DVD ist auch im hinteren Einbanddeckel angebracht. Rechtliche Bestimmungen des Strafvollzugs verbieten allerdings einen kommerziellen Vertrieb. Selbstverständlich ist es wichtig die Persönlichkeitsrechte der Inhaftierten zu wahren, aber dann sollte der Dokumentationsband auch nicht mehr als „Buch mit DVD“ beworben werden.
Fazit
„Freispieler. Theater im Gefängnis“ ist eine facettenreiche Dokumentation eines äußerst spannenden Gefängnistheaterprojektes. Der Leser bekommt Einblicke in Ablauf, Ziele und Ergebnisse. Für Theaterschaffende, die mit Inhaftierten arbeiten ist es eine inspirierende Quelle für ihre Tätigkeit.
Rezension von
F. Sigrid Grün
Sigrid Grün, M.A., freischaffende Künstlerin und Lehrbeauftragte, www.kultur-ostbayern.de
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