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Karin Wolf-Ostermann, Johannes Gräske (Hrsg.): Ambulant betreute Wohngemeinschaften

Cover Karin Wolf-Ostermann, Johannes Gräske (Hrsg.): Ambulant betreute Wohngemeinschaften. Praxisleitfaden zur Qualitätsentwicklung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2014. 144 Seiten. ISBN 978-3-17-023362-1. 39,90 EUR.

Reihe: Pflegemanagement.
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Autorinnen und Autoren

Insgesamt 14 Autorinnen und Autoren haben Beiträge für diese Publikation geliefert. Die Beiträge stammen von Christian Berges, Tamara Constable, Katja Dierich, Ingrid Fröhlich, Johannes Gräske, Sabine Jansen, Günter Meyer, Saskia Meyer, Torsten Sambale, Andrea von der Heydt, Hans-Joachim Wasel, Karin Wolf-Ostermann, Andreas Wroch und Brigitte Wrede.

Herausgeberin und Herausgeber

Die beiden Herausgeber stammen von der Alice Salomon Hochschule Berlin, Frau Prof. Dr. Karin Wolf-Ostermann lehrt insbesondere Forschungsmethoden in der sozialen Arbeit und hat zahlreiche Forschungsprojekte realisiert. Johannes Gräske ist wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Entstehungshintergrund

Die prognostizierten demografischen Entwicklungen zeigen einen starken Anteil älterer Menschen in der Bevölkerung in den nächsten Jahren und einen damit verbundenen Anstieg des Anteils pflegebedürftiger Menschen auf. Dieses wird insbesondere auch Menschen mit Demenzerkrankungen betreffen. Gerade aber diese Menschen haben einen Wunsch nach Selbständigkeit während ihrer Erkrankung: „Ich will so lange, wie´s geht, will ich das selbst machen.“ Dieses Zitat einer demenzkranken Dame steht am Beginn der Publikation. Nach Schätzungen gab es 2012 rund 1.500 Wohngemeinschaften mit 11.000 Betreuungsplätzen für diese Menschen. Mit dem Anfang 2013 in Kraft getretenen Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz soll diese Wohn- und Betreuungsform explizit gefördert werden, was aber auch bedeutet, dass fundierte Qualitätskriterien und -indikatoren hierfür entwickelt werden müssen. Dieser Zielsetzung widmet sich das Buch.

Aufbau

In dem Buch werden speziell für ambulant betreute WGs entwickelte Qualitätsindikatoren evaluiert und ihre Erprobung in der Praxis geschildert. Hierzu wird ein kurzer Überblick über die Konzepte und Entwicklungen gegeben. Danach wird das multiprofessionelle Versorgungsnetzwerk ambulant betreuter WGs mit seinen inhaltlichen als auch rechtlichen Aspekten beleuchtet. Es folgt eine Beschreibung von spezifischen Qualifikationsindikatoren, ihrer Entwicklung, Umsetzung und Evaluation. Den Abschluss bilden Empfehlungen zur Verbesserung der pflegerischen Versorgungsqualität, zu Maßnahmen der individuellen Qualitätsentwicklung einzelner WGs sowie zu Maßnahmen zur direkten Umsetzung der entwickelten Qualitätsindikatoren.

Inhalte

Das Buch besteht aus fünf Kapiteln sowie einem allgemeinen Fazit. Im Einzelnen:

1. Hintergrund. Hier wird ein sehr kurzer Abriss der Versorgungsberufe und -strukturen sowie der ambulant betreuten Wohngemeinschaften gegeben.

2. Multiprofessionelles Versorgungsnetzwerk ambulant betreute Wohngemeinschaften – das Säulenmodell. Dieses ausführlichste Kapitel im Buch beschreibt alle relevanten Institutionen ambulanter Wohngemeinschaften. Es beginnt mit den rechtlichen Rahmenbedingungen, geht auf die handelnden Personen Angehörige, Betreuer und Bewohner ein und klärt die Fragen zu Wohnen und Vermietung. Die pflegerischen Aspekte, die behandlungspflegerischen und therapeutischen Versorgungsmaßnahmen sowie die medizinische Versorgung bilden die drei folgenden Unterkapitel.

3. Entwicklung und Evaluation von Qualitätsindikatoren. Nur kurz wird der Begriff definiert und dann das WGQual-Projekt beschrieben.

4. Qualitätsindikatoren für ambulant betreute Wohngemeinschaften. In diesem Kapitel werden die verschiedenen Bereiche von Kapitel 2 wiederholt und einzelne Qualitätsindikatoren entwickelt. Indikatoren gibt es für Wohnen und Zusammenleben, die pflegerische Versorgung, die medizinische und therapeutische Versorgung sowie Bewohner und Angehörige. Hierzu werden Grafiken im Sinne einer Ampel sowie Empfehlungen abgegeben. Etwas problematisch erweist es sich, Indikatoren im eigentlichen Sinne dort zu finden, da weitgehend auf die Ergebnisse der Studie Bezug genommen wird, ohne jetzt wirkliche Indikatoren hieraus zu entwickeln. Es handelt sich eher um Vergleichsdaten und Prozesse, an denen sich orientiert werden kann.

5. Empfehlungen. In diesem Kapitel werden verschiedene Prozesse und Empfehlungen gegeben, wie die Indikatoren in der Praxis umzusetzen sind. In der Struktur ähnelt es Kapitel 4.

Diskussion

Zweifelsohne handelt es sich um ein aktuelles, man könnte sagen „brennendes“, Thema. Neben den immer wieder angeführten demografischen Herausforderungen werden hiermit grundsätzliche Fragen unserer Gesellschaft tangiert: die Würde des Menschen, auch und gerade des dementen Menschen, und die mögliche Be-, vielleicht sogar Überlastung der Sozialkassen. In dieser Gemengelage berührt das Buch weit mehr als die operative Gestaltung der ambulanten Pflege in Wohngemeinschaften. Es werden die Grundfragen eines würdevollen Alterns, einer letzten Lebensphase in Würde, angesprochen.

Die Autoren weisen in ihrem Fazit darauf hin, dass sich ambulant betreute WGs in den letzten zehn Jahren verzehnfacht haben. Es ist daher richtig und nachvollziehbar, auch für diese Form der Betreuung Qualitätsindikatoren zu entwickeln und zu erproben. Dieses ist jedoch regional sehr unterschiedlich und ein Drittel der WGs entfällt auf Berlin. Allerdings zeigen die Erfahrungsberichte auch, dass eine hohe Versorgungs- und Betreuungsqualität in ambulanten WGs nicht nur mit Indikatoren zu gewährleisten ist. Die Autoren führen selbst aus, dass diese Qualität nur gelingen kann, wenn sich alle Beteiligten – Angehörige, professionelle Leistungserbringer wie Pflegedienste, Ärzte und Therapeuten, Vermieter und Ehrenamtliche – der gemeinsamen Verantwortung bewusst werden.

Leider wird auf die hiermit verbundenen Gefahren nicht ausreichend eingegangen. Sind solche Wohnformen für Demenzkranke auch in ländlichen Regionen unter Einhaltung der Qualitätsnormen zu realisieren? Entbindet die vermeintliche Einhaltung von Qualitätsnormen oft nicht von der moralischen Verantwortung für den demenzkranken Verwandten? Ab wann und bis zu welcher Pflegestufe ist das Konzept überhaupt realisierbar? Jeder, der schon einmal einen demenzkranken Angehörigen gepflegt hat weiß, dass dieses oft an und über die Grenzen der eigenen Belastbarkeit geht. Da kann man leicht der Versuchung erliegen, diese Person in eine qualitativ hochwertige WG zu geben, obwohl es möglicherweise gar nicht sinnvoll ist.

Fazit

Das Buch ist wichtig und notwendig zu einem mehr als aktuellen Thema – dies steht außer Frage. Es werden viele wichtige und hilfreiche Möglichkeiten aufgezeigt, wie auch in Wohngemeinschaften für Demente ambulante Pflege qualitativ hochwertig zu realisieren ist. Leider, und dies ist ein Wermutstropfen, wird nicht grundsätzlich auf die Gefahren und Probleme, die hiermit verbunden sind, hingewiesen. Aber auch in der Pragmatik wird erkenntlich, dass Würde und Teilhabe am sozialen Leben so lange wie irgend möglich aufrecht erhalten werden sollten. Und hierzu geben die Autoren viele Anstöße.


Rezensent
Prof. Dr. Rüdiger Falk
em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Human Resource Management, an der Hochschule Koblenz
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 14.05.2014 zu: Karin Wolf-Ostermann, Johannes Gräske (Hrsg.): Ambulant betreute Wohngemeinschaften. Praxisleitfaden zur Qualitätsentwicklung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-17-023362-1. Reihe: Pflegemanagement. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16514.php, Datum des Zugriffs 22.09.2017.


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