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Patrick Delaney: Gouvernementalität in der alternden Gesellschaft

Cover Patrick Delaney: Gouvernementalität in der alternden Gesellschaft. Gemeinschaftliches Wohnen im Alter zwischen Neoliberalismus und Solidarität. edition sigma in der Nomos Verlagsgesellschaft (Berlin) 2014. 163 Seiten. ISBN 978-3-8360-1110-5. D: 36,90 EUR, A: 38,00 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: E-lab.
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Thema

Der zahlenmäßig ansteigende Anteil alter Menschen an den Bevölkerungen der europäischen Wohlstandsländer wird zuweilen als Bedrohung für das Wohlergehen aller empfunden. In jüngster Zeit schwächt sich dieser mitunter zum Generationenkrieg hochstilisierte Pessimismus ab. Auf der Seite der Altenpopulationen werden steigende Selbsthilfepotentiale erblickt. Und für die europäischen Gesellschaften als Ganze werden deren steigende Produktivitäten und Einfütterung von Zuwanderern ins Feld geführt. Selbsthilfepotentiale alter Menschen entwickeln sich und erhalten sich aufrecht im Gegensatz zur passivierenden Heim-Versorgung in gemeinschaftlichen, selbstorganisierten Wohnprojekten. Nach welchen politischen Rationalitäten sich solche selbst initiierten Wohnformen für alte Menschen (Wohngemeinschaften, Hausgemeinschaften, Mehrgenerationswohnen, Frauenwohngruppen, Betreutes Wohnen) bilden, untersucht Patrick Delaney in seiner neuen, bei Sigma Berlin erschienenen, 163seitigen Schrift „Gouvernementalität in der alternden Gesellschaft. Wohnen im Alter zwischen Neoliberalismus und Solidarität“. Der Untertitel des auf vielen Selbstzeugnissen von Wohnprojekten und auf Ratgeberliteratur fußenden Untersuchung gibt bereits einen Fingerzeig auf die beiden grundlegenden politischen Leitvorstellungen: Die Kräftefreisetzung im Neoliberalismus und den Stimulus durch die Theorie der Gemeingüter.

Autor

Dipl.-Politologe Patrick Delaney ist als Referent am Hamburger Institut für Sozialforschung tätig.

Aufbau und Inhalte

Der Autor erblickt in den von staatlicher und parastaatlicher Bürokratie unabhängigen Wohnprojekten Beispiele für von bürgerschaftlichen Bündnissen angeregte Werke, in denen sich die Bürger verwirklichen.

Der Staat ist für Delaney etwas im Sinn des französischen Politologen Michel Foucault immerfort Herzustellendes. Gefragt werden muss in freien Systemen stets nach der jeweils zutreffenden Rationalität für die Entscheidungsbildung.

Für die politische Gouvernementalität zur Bildung gemeinschaftlicher Altenwohnprojekte sieht Delaney die gegenläufigen Vorstellungen des Neoliberalismus und der Gemeingütertheorie. Beide Ideen setzen auf die Unabhängigkeit und Selbstständigkeit der Akteure. Nach dem Neoliberalismus ist jeder jederzeit für seine Lebensumstände verantwortlich. Jeder soll immerfort schlank, fit und flexibel bleiben. Der Markt steuert die Beiträge der einzelnen, deren Antrieb zur Aktivität darin besteht, den Fall in die Prekarität zu vermeiden. Die hierzu alternative Mobilisierung von Gemeingut-Ressourcen in einem Setting von Eigentumsbildung, Suche nach einem gemeinsamen Prozedere und staatlichen Regeln geht auf die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom zurück. In solch Neuem Institutionalismus Tätige betrachten das Geschaffene „als ihre Sache“. Der solcherart geschaffene gesellschaftliche Reichtum kommt allen Beteiligten zugute. Sie betätigen sich auch ohne die Peitsche des Profits, weil sie es gerne tun.

Die Altenwohnprojekte überantworten Wohlfahrt und Gesundheit der Beteiligten der Nachbarschaft. Es entsteht zwischen Staat und Markt ein dritter Versorgungsweg. In neoliberaler Lesart werden die Aktivitäten und Flexibilitäten der Beteiligten aus Angst vor Absturz über Märkte gestärkt. In am Gemeingut orientierten Initiativen entwickelt sich bei der Bewohnerschaft eine altruistische Gesinnung. Die neoliberalen wie die gemeingut-orientierten Projekte entgehen indes beide nicht der Gefahr, Problemfälle zu exkludieren. Um dies zu vermeiden, empfiehlt der Verfasser die Einbindung ins Quartier und die Einstellung professioneller Pflegekräfte.

Der Vergleich des englischen, eher am liberalen Modell ausgerichteten, und des deutschen, konservativ-korporatistischen Wohlfahrtsstaatsmodells zeigte keine besonderen Präferenzen oder Sperren für das Entstehen von selbstorganisierten Altenwohnprojekten. Beiderseits sind lokal greifbare verbandliche Strukturen wie auch zum Ehrenamt bereite Volunteers verfügbar.

Diskussion

Die politischen Implikationen für selbst initiierte Altenwohnprojekte werden im Band „Gouvernementalität in der alternden Gesellschaft“ beredt und zeitgerecht aufgezeigt. Als förderlich vorgestellt werden eine möglichst große, befreite Aktivität und voraus schauende Bereitschaft zum Engagement an der Basis. Diese Initiativhaltung ist sowohl vom Neoliberalismus wie von der gemeingut-basierten Beteiligung aus generierbar. Unterschiede in der Tragfähigkeit der Projekte sind von diesen unterschiedlichen Ausgangsbasen eher wenig durchschlagend und wohl mehr zufällig und von anderen lokalen Bedingungen her verursacht. Dennoch scheinen Ausgrenzungen und Exklusionen von defizitären Mitstreitern in neoliberal fundierten Projekten größer zu sein als bei gemeingut-induzierten Gebilden. Dass die Motivation zum Aktivwerden durch neoliberale Profiterwartungen größer werde, ist eher eine Legende. Denn die Freude am Mittun ist gerade auch in gemeingut-orientierten Initiativen unerwartet hoch.

Neoliberalismus wie Gemeingut-Orientierung laufen andererseits beide Gefahr, weniger flexible und weniger initiative Beteiligte an den Rand zu drängen. Insofern stellt sich am Ende der Untersuchung die Frage, ob die dualistische Fragestellung überhaupt griffig genug gewesen ist oder doch zu konstruiert war. Ein Manko der Untersuchung ist es auch, dass anstelle von objektiven empirischen Daten zuviel Ratgebertexte und Projektberichte dafür heran gezogen wurden, die doch naturgemäß sehr subjektiv ausgerichtet sind. Darauf ist es auch zurück zu führen, dass den Achilles-Fersen solcher Projekte wie Beteiligten-Konflikten und dem ausufernden Zeit-Faktor nur sehr sporadisch nachgegangen wird. Die Rechtsformen für Wohnprojekte sind zwar reichhaltig aufgezählt, jedoch zu wenig bewertet.

Die einzelnen Teile der Untersuchung wie die politischen Grundlegungen, die länderspezifischen sozialpolitischen Darstellungen (neben dem deutsch-englischen Vergleich ist an anderer Stelle noch von Dänemark die Rede) und die projektbezogenen Berichte stehen zu isoliert und wenig verknüpft nebeneinander. So hat man eher den Eindruck, einen Sammelband relativ unverbunden nebeneinander stehender Einzelbeiträge als eine konzise Gesamtdarstellung zu lesen.

Für die Erhärtung der Entstehung des „Dritten Weges“ durch die gemeingut-bezogenen Initiativen hätte der Verfasser auch auf die Arbeiten Klaus Dörners zurück greifen können.

Fazit

Die Zukunft der Altenhilfe gehört eher den selbst initiierten und selbst verantworteten Altenwohn-Projekten als den bürokratisch verwalteten Heim-Institutionen. Hier gibt der Band „Gouvernementalität in der alternden Gesellschaft“ wichtige Fingerzeige, indem er die politologischen Voraussetzungen für die Initiierung solcher Projekte abklärt.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 05.03.2014 zu: Patrick Delaney: Gouvernementalität in der alternden Gesellschaft. Gemeinschaftliches Wohnen im Alter zwischen Neoliberalismus und Solidarität. edition sigma in der Nomos Verlagsgesellschaft (Berlin) 2014. ISBN 978-3-8360-1110-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16517.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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