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Joachim Detjen: Reden können in der Demokratie

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 03.03.2014

Cover Joachim Detjen: Reden können in der Demokratie ISBN 978-3-89974-945-8

Joachim Detjen: Reden können in der Demokratie. Studien- und Übungsbuch zur politischen Rhetorik. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2014. 368 Seiten. ISBN 978-3-89974-945-8. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR, CH: 42,90 sFr.
2 Bände.

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Die Fähigkeit, bei jeder Sache das Überzeugende auszudrücken

Rhêtorikê, die Redekunst, ist, so formuliert es bereits Aristoteles, eine Methode;. Und er weist darauf hin, dass Rhetorik immer in Beziehung zum Adressaten und zur jeweiligen Situation betrachtet werden muss, also weder Dialektik noch Demagogie sein kann (siehe dazu z. B.: Ch.Rapp, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Kröner-Verlag, Stuttgart 2005, S. 516ff). Diese Unterscheidung ist wichtig, um nicht dem Missverständnis aufzusitzen, dass Reden ein Mittel sein könnte, letzte und einzig richtige Wahrheiten zu erkunden. Die Rhetorik ist somit eine Technik, die es dem zôon politikon, dem politischen Lebewesen Mensch ermöglicht, sich kommunikativ in gesellschaftliches Leben einzubringen und am öffentlichen Dasein Anteil zu nehmen. Die Frage, ob das Reden lernbar ist, haben Rednerlehrer und Rednerschulen zu allen Zeiten zu erkunden versucht; und es sind ernsthafte und kuriose Werke entstanden, wie etwa „Kral´s Praktische Rednerschule“ als (Selbst-)Lehrgang in 14 Heften (Verlagsdruckerei E. Senn, Abensberg, 5., erweiterte Auflage 1938), in der in den einleitenden Bemerkungen darauf hingewiesen wird, dass „vom grauen Altertum bis herauf in unsere Zeit der Ozeanflüge und modernen Volkswirtschaft ( ) das Bibelwort (gilt): Am Reden erkennt man den Mann… Großes wurde in der Welt oft geschaffen durch die Redegewalt, die zur restlosen Hingabe an erhabene Ideale die Menschen entflammt, zu unsterblichen Tagen begeistert“.

Entstehungshintergrund und Autor

Dieser Überschwang und die ideologische Entgleisung ist es nicht, die den Politikwissenschaftler Joachim Detjen dazu bringen, ein Studien- und Übungsbuch zur politischen Rhetorik vorzulegen. Detjen kennen wir als seriösen, kundigen Theoretiker und Didaktiker der politischen Bildung (u. a.: Joachim Detjen, Hrsg., Politik in Wissenschaft, Didaktik und Unterricht, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12419.php). Er will dem weit verbreiteten Mangel abhelfen, dass viele Menschen nicht über die individuelle und gesellschaftliche Fähigkeit verfügen, sich politisch sachgerecht zu artikulieren. Dabei hat er sowohl die bekannten und gängigen „Ohne-mich“ – Standpunkte, als auch die alltagssprachlichen „Biertisch“- und „Hast-du-gehört“ – Meinungen im Blick. Politische Rhetorik ist für ihn deshalb überzeugungsgerichtete, wissenschaftliche Kommunikation, und deshalb Bestandteil der politischen Bildung und Aufklärung. Es geht darum, die Gesprächs- und Redefähigkeit zu fördern. Der didaktische und methodische Ansatz ist dabei: Politische Kommunikation ist lernbar, und eine verantwortungsvolle, sachgerechte und demokratische Kompetenz muss geübt werden! Dass in einer zivilgesellschaftlichen Verfasstheit die Fähigkeit, „gemeinsame Überzeugungen zum Zwecke politischen Handelns“ aufzubauen, nicht nur rhetorisch geschulten Berufspolitikern überlassen werden darf, sondern als Allgemeinbildung verstanden werden muss, ist selbstverständlich; doch in der gesellschaftlichen Realität, in der Erziehung und Ausbildung in der Familie, Schule, Hochschule und Beruf, kommt diese demokratische Kompetenzvermittlung viel zu kurz.

Joachim Detjen zielt mit seinem Studien- und Übungsbuch zum einen auf Schülerinnen und Schüler der allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen in den oberen Jahrgängen. Dabei verweist er darauf, dass die beiden Bände sowohl im Fachunterricht Politik und Deutsch, wie auch fächerübergreifend und projektorientiert eingesetzt werden können. Sie richten sich auch an Adressaten in der außerschulischen Jugend- Erwachsenenbildung, und eigentlich an jeden Staatsbürger in einer demokratischen Gesellschaft.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Band werden Grundlagen der rhetorischen Kommunikation gelegt und die Förderung der Beredsamkeit als Aufgabe der politischen Bildung ausgewiesen. Es geht ganz konkret los: Wie kann man mit Lampenfieber umgehen, wenn es um eine öffentliche Rede geht? Wie gelingt es, anregend und abwechslungsreich zu sprechen? Wie kann ein Bewusstsein entwickelt und erfahren werden, dass beim Sprechen verbale und körperbetonte Signale ausgesendet werden? Was ist notwendig, um sich als Redner auf die Gegenüber einzustellen? Natürlich ist unverzichtbar, verständlich und rhetorisch wirksam zu sprechen; ebenso in der Rede eine überzeugende Argumentationsstruktur aufzubauen und sie sachlogisch, psychologisch und gegliedert vorzutragen. Jede der genannten Stationen wird mit Sach- und Hintergrundinformationen versehen, und es werden dazu Übungssequenzen angeboten. Mit „Beobachtungsleitfaden“ und „Feedback“ vermittelt der Autor dem Leser, dass es sich bei den Informationen, Analysen und Übungsmaterialien nicht um Rezepte handeln kann, sondern um Lehr- und Lernangebote, die Lernen im echten Sinne von Verhaltensänderung bewirken kann. Die Literaturliste zu antiken und zeitgenössischen Werken bietet darüber hinaus den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit zu weiterführenden Auseinandersetzungen mit der Thematik.

Der zweite Band stellt politische Rede- und Kommunikationssituationen in den Mittelpunkt. Sie basieren auf der Überzeugung, dass das Training von politisch-rhetorischen Fähigkeiten Bestandteil des politischen Denkens und Handelns der Menschen sein muss, weil „Politik durch Sprache konstituiert wird“. Diesen Aspekt in das Blick- und Analysefeld der politischen Bildung zu richten, sollte Auswirkungen auch auf die Didaktik und Methodik der Politikvermittlung haben: „Politik hört auf, Politik zu sein, wenn sie aufhört, ‚sprechende Politik‘ zu sein“. Hier wird ein Paradigma erkennbar, das auf Herrschaftssysteme, -strukturen und -ordnungen verweist. Politische Rede wird parteilich, wenn sie einseitig, unkritisch und einsprüchig verläuft; und sie ist demokratisch, wenn sie dialogisch strukturiert ist.

Das zweite Buch ist als Handlungsband konzipiert; und zwar mit Blick auf den eher zurückhaltenden Zuschauer und „Normalbürger“ einerseits, der als zeitweiliger aktiver „Interventionsbürger“ in das lokale und globale politische Geschehen einmischt, wie auch andererseits auf den politisch engagierten „Aktivbürger“. Beiden ist anzuraten, die politische Rede zu lernen und zu vervollkommnen. In fünf Teilen wird politische Beredsamkeit in der Demokratie thematisiert: Im ersten Teil werden die unterschiedlichen politischen Redegattungen verdeutlicht, die bei verschiedenen Redeanlässen gefordert werden. Im zweiten Kapitel werden einzelne politische Redeformen und ihre Merkmale vorgestellt. Im dritten Teil geht es um „Lob- und Gelegenheitsreden als Mittel der Weitergabe politischer Botschaften“. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der Kompetenz, politische Reden verstehen und analysieren zu können. Im fünften Teil wird gelernt, wie es gelingen kann, sich an politischen Diskussionen kompetent zu beteiligen. Wie im ersten Band werden die einzelnen Themenbereiche mit Sach- und Hintergrundinformationen versehen, und mit kurzgefassten Übungssequenzen ausgestattet. Auch hier bietet die differenziert ausgewiesene Literaturliste weitere Auseinandersetzung an.

Fazit

Joachim Detjen hat den Finger in ein in der Politischen Bildung bisher eher vernachlässigtes Gebiet gelegt: Die politische Rhetorik als immanenter und unverzichtbarer Bestandteil der politischen Bildung bedarf in der sich (hoffentlich) humaner und demokratischer entwickelnden (Einen?) Welt einer besonderen Aufmerksamkeit. Es ist das Bewusstsein, dass politisches Reden und Handeln als allgemeinbildende Herausforderung gelernt und gefördert werden muss, damit die Bedeutung von Demokratie, nämlich als Herrschaft des Volkes, Wirklichkeit werden kann. Es gilt zu lernen, selbst denken und nicht denken zu lassen (vgl. dazu auch: Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php), selbst und mitreden können in den politischen Prozessen, die die eigenen sein müssen, sollen sie nicht fremdgesteuert und -genutzt werden!

Die Bände „Reden können in der Demokratie“, 1 + 2, als Grundlagen rhetorischer Kommunikation und über politische Rede- und Kommunikationssituationen, sind ein wichtiger Beitrag zur demokratischen, politischen Bildung in Schule und Erwachsenenbildung für Heute und für Morgen!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1564 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.03.2014 zu: Joachim Detjen: Reden können in der Demokratie. Studien- und Übungsbuch zur politischen Rhetorik. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2014. ISBN 978-3-89974-945-8. 2 Bände. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16527.php, Datum des Zugriffs 28.01.2023.


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