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Corinna Fischer, Bob Fischer: Ich liebe einen Asperger!

Cover Corinna Fischer, Bob Fischer: Ich liebe einen Asperger! Unsere Ehe, unsere Kinder - und das Asperger-Syndrom. Trias (Stuttgart) 2014. 192 Seiten. ISBN 978-3-8304-6880-6. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,00 sFr.
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Thema

Die Autorin berichtet von ihrem Familienleben von 2001 bis 2010. Gemeinsam mit ihrem Mann bekommt sie 8 Kinder. Bei ihm wird Jahre nach der Hochzeit Asperger Autismus diagnostiziert, der erstgeborene Sohn Sven zeigt autistische Züge und die zweitgeborene Tochter Laura ist auch Aspergerautistin. Das Leben ist bestimmt von der Suche nach der Ursache und nach Lösungen für die Probleme, die den Alltag ausmachen.

Autorin und Autor

Corinna und Bob Fischer sind Pseudonyme, um den Schutz für sich und ihre Kinder sicherzustellen. Corinna Fischer ist gelernte Kinderkrankenschwester, Bob Fischer arbeitet im IT- Bereich. Corinna Fischer hat das Buch hauptsächlich aus ihrer Sicht geschrieben, Bob Fischer hat nur einige Beiträge beigetragen, aber alles gelesen und der Veröffentlichung zugestimmt. Auch die Kinder (Sven, Jg. 2001 und Laura Jg. 2002) haben ausdrücklich zugestimmt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 192 Seiten. Es gliedert sich in fünf Teile. Die erste Seite jedes dieser Kapitel hebt sich farblich vom Fließtext ab. Der Fließtext ist teilweise in Tabellenform gedruckt. Überschriften, Einschübe und Fotos lockern auf. Farbliche Markierungen erleichtern die Lesbarkeit und zahlreiche Zwischenüberschriften geben Orientierung, die O-Töne des Ehemanns Bob beginnen stets mit großen Anführungszeichen und enden mit einem Balken in Orange, passend zum Inhalt sind markante Sätze eingeflochten, viele stammen von der Tochter Laura. Das Buch endet mit einer „Dankschreibung“, dem Serviceteil, hilfreichen Adressen, empfehlenswerten Büchern und einem Stichwortverzeichnis.

  1. Mein Mann ist unsichtbar autistisch
  2. Kindersegen und neue Fragezeichen
  3. Viel Tränen und eine leise Hoffnung
  4. Einfinden und aushalten
  5. Unser Leben in zwei Welten

Schon allein aus den Kapitelüberschriften kann man ablesen, wie die zehn Jahren, die hier aus der Retrospektive beschrieben werden, verlaufen sind.

Die Autorin beginnt damit zu erklären, dass sie eigentlich kein Buch schreiben wollte. Sie gibt diesen Entschluss auf und schreibt über die Jahre von 2001 bis 2010. Corinna Fischer lernt ihrem Mann Bob in der kirchlichen Jugendarbeit kennen. Er ist ihre große Liebe, sie heiraten, bekommen in dieser Zeit acht Kinder. Mit dem Kindersegen kommen auch die Probleme. Corinna Fischer stellt zunehmend fest, dass sie und ihr Mann scheinbar unterschiedliche Sprachen der Liebe sprechen. Sie versteht nicht, reagiert mit viel Tränen, Enttäuschung und Wut. 2006 zieht die Familie endlich in ein eigenes Haus ein, aber die Probleme verschwinden trotz anfänglicher Hoffnung nicht. Frau Fischer hat zunehmend das Gefühl, dass sie und ihr Mann in zwei Welten leben und sie stellt sich die Frage: Ist es Autismus, der unserer Leben schwer macht? Sie kommt an ihre Grenzen und sucht lange nach Hilfe. Als sie das Buch schreibt, ist vieles leichter geworden. Der Autismus bleibt aber oft unsichtbar. Das Buches endet im sog. „Serviceteil“ mit einer Tabelle, die chronologisch den „Diagnose-, Therapie-und Unterstützungsmarathon“ der Kinder Laura und Sven darstellt.

Diskussion

Laut Klappentext sind die Eheleute Fischer Autoren. Das Buch beginnt ungewöhnlich damit, dass Corinna Fischer offenbart, dass sie kein Buch schreiben wollte, weil sie niemanden kränken wollte. Sie fragt sich:

  • Ist es richtig, über die „Andersartigkeit“ meiner autistischen Tochter öffentlich zu schreiben?
  • Darf ich über die Probleme in meiner Ehe mit einem Autisten berichten?
  • Darf ich darüber schreiben, welches Verhalten meines Mannes mich verletzt, belastet oder traurig gemacht hat?

Trotz dieser Fragen wurde das Buch geschrieben. Im Mittelpunkt steht die Sichtweise von Corinna Fischer. Es geht ihr wie sie sagt, nicht darum nach einem Schuldigen zu suchen, sondern darum offen zu legen, wie es ihr in der Ehe mit einem Menschen, der scheinbar in einer anderen Welt lebt, ergangen ist. Am Ende ihres Rückblicks steht die lang gereifte Erkenntnis, dass es keinen „Schuldigen“ gibt, da der Grund für die Lasten, die die Familie zu tragen hat, im Asperger-Syndrom liegt.

Sie berichtet von der Zeit von 2000 bis 2010, erzählt davon, dass der Ehemann Bob und ihre Tochter Laura lange Zeit so gut „funktionierten“, dass andere Menschen (sie auch) und selbst Ärzte den Autismus und damit die Gründe für die steigende Überforderung nicht erkannten. An vielen Stellen gehen die geschilderten Erfahrungen weit über den Status einer Beschreibung hinaus, was für den Leser leider nicht von vorneherein zu erkennen ist. Dabei wird er mit Inhalten konfrontiert, die aus einem sehr persönlichen Tagebuch stammen könnten. Die Autorin schüttet ihr Herz aus, schreibt sich ihre Verzweiflung und Wut von der Seele, sieht, was Mann und Kinder nicht können. Diese Stimmung wechselt unvermittelt und sie berichtet davon, wie viel Verständnis sie für das Handeln des Mannes und der Kinder hat. Da dieser Wechsel für mich an vielen Stellen nicht nachzuvollziehen war, blieb ich beim Lesen oft mit negativen Gefühlen allein, was ich als sehr unangenehm empfunden habe.

Ein großer Teil des Buches ist aus der Perspektive einer Ehefrau und Mutter geschrieben, deren Bedürfnisse und Erwartungen nicht erfüllt wurden. Nur langsam wird das Bemühen erkennbar, Verständnis zu haben und zu ihrem Mann und seiner Persönlichkeit zu stehen. Das Buch hat die Intention aufzuklären. Dafür wäre es spannend gewesen mehr über die Erfahrungen aus beiden Perspektiven zu erfahren, z.B. indem Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Beziehungs- und Erziehungsalltag reflektiert worden wären.

Das Layout, der Aufbau und der Umfang dieses Buches passen in die Reihe der Veröffentlichungen, die der Trias Verlag in den letzten Jahren zum Autismus-Spektrum herausgebracht hat z.B. 2012 das Buch von Tony Attwood: Ein Leben mit dem Asperger-Syndrom. von Kindheit bis Erwachsensein, alles was weiterhilft www.socialnet.de/rezensionen/16375.php und 2013 zwei Bücher von und mit Christine Preißmann: Überraschend anders. Mädchen & Frauen mit Asperger. Trias (Stuttgart) 2013 www.socialnet.de/rezensionen/15195.php oder Asperger. Leben in zwei Welten: Betroffene berichten: Das hilft mir in Beruf, Partnerschaft & Alltag. Trias (Stuttgart) 2013 www.socialnet.de/rezensionen/15994.php. In diesen Büchern ist es dem Triasverlag in Abstimmung mit den Autoren aus dem Autismusspektrum sehr gut gelungen, sachliche Informationen durch O-Töne mehrerer Betroffener zu ergänzen und damit einen fachlich fundierten Einblick in das Erleben und die Probleme von Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, zu geben.

Sollte der Leser so wie ich – aufgrund dieser vorher gelesenen Bücher aus diesem Themenspektrum erwarten, dass dieses Buch eine Fortsetzung dieser gut gemachten Sachbuchreihe ist – so könnte er enttäuscht werden. Das vorliegende Buch ist überwiegend aus der Perspektive der Ehefrau geschrieben, die Sicht des Ehemannes kommt etwas kurz und andere Paare kommen nicht zu Wort.

Fazit

Das hier vorliegende Buch „Ich liebe einen Asperger“ handelt von dem Leben einer großen Familie, in der drei Mitglieder (der Ehemann und Vater, Tochter und Sohn) eine Autismusdiagnose erhalten haben. Der größte Teil des Buches bezieht sich nicht auf die Partnerschaft der Autoren Corinna und Bob Fischer, sondern (einzig aus der Perspektive der Mutter) auf die Entwicklung der erstgeborenen Kinder Sven (2001) und Laura (2002). Ausgehend vom Titel hatte ich erwartet, dass die Partnerschaft zwischen einem Autisten und einer Nichtautistin im Mittelpunkt des Buches stehen würde.

Am Ende des Buches findet der Leser eine chronologische Tabelle, welchen „Diagnose-, Therapie-und Unterstützungsmarathon“ (S. 182 – 184) die Mutter mit den Kindern absolviert hat, um den Problemen auf den Grund zu gehen. Diese umfassende Tabelle zeigt erschreckend eindrucksvoll, wie lang die Wege sein können, bis man eine stimmige Diagnose findet und wie viel Zeit vergehen kann, bis man passende Hilfe annehmen kann.

Die Autorin beschreibt ein Leben mit Höhen und Tiefen. Sie ist verzweifelt und kommt an Grenzen. Nicht selten hat sie das Gefühl, in zwei Welten zu leben, lange Zeit ohne sich die Ursache erklären zu können. Am Ende ist klar, es ist das Asperger-Syndrom, das das Leben der Familie prägt.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 30.05.2014 zu: Corinna Fischer, Bob Fischer: Ich liebe einen Asperger! Unsere Ehe, unsere Kinder - und das Asperger-Syndrom. Trias (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-8304-6880-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16529.php, Datum des Zugriffs 23.05.2019.


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