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Kurt Lüscher, Ludwig Liegle: Generationenbeziehungen in Familie und Gesellschaft

Cover Kurt Lüscher, Ludwig Liegle: Generationenbeziehungen in Familie und Gesellschaft. Eine Einführung. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2003. 371 Seiten. ISBN 978-3-8252-2425-7. 19,90 EUR, CH: 30,50 sFr.

Reihe: UTB - 2425.
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Die Autoren

Kurt Lüscher, Schweizer Staatsbürger, ist emeritierter Ordinarius für Soziologie der Universität Konstanz. Prof. Dr. Lüscher lebt in Bern (Schweiz) und zählt innerhalb der Soziologie zu den herausragenden Generationenforschern. Ludwig Liegle ist emeritierter Ordinarius für allgemeine Pädagogik der Universität Tübingen. Beide Autoren waren Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen beim Bundesfamilienministerium.

Thema

Die Abhandlung untersucht das Thema der Generationenbeziehung als ein soziologischer Ansatz zum Verständnis moderner Gesellschaften (S. 11).

Aufbau

  1. Im 1. Kapitel wird anhand von vier Beispielen gezeigt, wo und in welcher Weise Generationenzugehörigkeit und Generationenbeziehungen erlebt werden.
  2. Das 2. Kapitel ist der Frage nach den Generationenkonzepten gewidmet. In diesem Zusammenhang werden skizziert Phasen der Begriffsgeschichte.
  3. Im 3. Kapitel werden die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Generationenbeziehungen behandelt. Hierbei wird vor allem Rücksicht genommen auf die demographischen Sachverhalte und Entwicklungstendenzen. Diskutiert wird ferner die Frage, inwiefern politische und kulturelle Gegebenheiten für die Entstehung von Generationen und die Erfahrung von Generationenbeziehungen bedeutsam sind.
  4. Im 4. Kapitel wird der Frage nach der Dynamik gelebter Generationenbeziehungen nachgegangen. Konkret geht es um die Kontakte, die Transfers unter Familienangehörigen, Pflegeleistungen sowie die Prozesse von Vererben und Erben: es kommen die Mannigfaltigkeit der gelebten Beziehungen, aber auch ihre Widersprüchlichkeit zur Sprache.
  5. Das 5. Kapitel fragen die Autoren nach der Bedeutung von Generationenbeziehungen und ihrer Eigendynamik für die Individuen und für die Gesellschaft. Ausgegangen wird von der These, dass die Gestaltung von Generationenbeziehungen einen doppelten Beitrag zur Vermittlung und Aneignung von Kultur einerseits wie zur Konstitution der Person andererseits leisten kann. Hierbei führen Lüscher und Liegle den Begriff des "Generationenlernens" ein.
  6. Im 6. Kapitel werden etablierte Modelle sowie zukünftige Möglichkeiten einer gesellschaftlichen Regulierung der Lebensbedingungen der Generationen untersucht. In diesem Zusammenhang entwickeln die beiden Autoren ein Konzept der "Generationenpolitik". Ausgangslage ist die Leitidee der Gerechtigkeit und Verantwortung, wobei ausdifferenzierte Politikbereiche wie Alters-, Familien-, Bildungs- und Kinderpolitik integriert werden.
  7. Im 7. Kapitel werden Bausteine und Eckdaten für eine Generationentheorie zusammengetragen. Eckdaten dieser Theorie sind: die Genese von Generationen, Generationenkonflikte und die Generationensolidarität. Die Lüscher-Liegle-Generationentheorie focusiert in der Botschaft, dass der Umgang mit Ambivalenzen eine Meta-Aufgabe der Gestaltung des Verhältnisses und der Beziehungen zwischen "Alt und Jung" ausmachen.

Abgeschlossen wird das Werk mit einer umfangreichen Bibliographie zur Generationenforschung und mit wichtigen Informationsquellen zur Demographie in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zur leichteren Erschließung des Buches haben die Autoren ein Sachregister erstellt und in den laufenden Text Querverweise eingefügt. Am Ende jedes Kapitels finden sich Anmerkungen; sie enthalten Hinweise auf weiterführende Literatur. Dabei versuchen die Autoren in einen "imaginären Dialog" mit der Leserschaft zu treten (S. 12).

Die Ziele, Zielgruppe und die Einordnung in Literatur zum Thema

Mit dem vorliegenden Werk verfolgen die Autoren mehrere Ziele. In einem 1. Schritt geht es darum, die Vielzahl der Informationen zum Thema zu bündeln und zu ordnen. In einem 2. Schritt werden Vorschläge einer interdisziplinären begrifflichen Klärung des Generationenbegriffs formuliert. In einem 3. Schritt wird eine übergreifende theoretische Orientierung vorgelegt.

Zusammengefasst beabsichtigen Lüscher und Liegle Grundzüge einer sozialwissenschaftlich fundierten, jedoch interdisziplinär ausgerichteten Generationentheorie zu entwickeln. Dabei, so die Autoren, soll diese Theorie in der Lage sein, die Diskussion zum aktuellen "Problem der Generationen" voranzubringen (S. 10).

Hinsichtlich der empirischen Sachverhalte, beziehen sich die Verfasser weitgehend auf die Situation in Deutschland. Zur wissenschaftlichen Erhellung der Konzepte und theoretischen Ansätze werden auch Studien aus USA berücksichtigt.

Zum 1. Kapitel

Im 1. Kapitel (S. 13-32), dem Praxiskapitel, beschreiben Lüscher und Liegle Generationenerfahrungen. Es ist das Ziel, Plastizität zum  Thema herzustellen Untersucht wird die Frage, wie und wo Generationenbeziehungen erlebt werden. Beispiele sind:

  • Die Sandwich-Generation
  • Die 68er Generation
  • Die Beat Generation
  • Die Generation X
  • Die stumme Generation
  • The lost generation
  • Die Internet-Generation
  • Die Medien-Generation
  • Die Generation Golf
  • Die Cybergeneration
  • Die geschwisterlose Generation
  • Die Generation Ally
  • Die skeptische Generation
  • The selfish generations

Zum 2. Kapitel

Im 2. Kapitel (S. 33-63), dem Begriffs- und Konzeptionskapitel, wird die Begriffsgeschichte vom Altertum bis zum neuzeitlichen Verständnis aufgearbeitet. Im Mittelpunkt stehen Generationendiskurse, -metaphern, -rhetorik und -stereotypen. Auch werden Schlüsselbegriffe, Basiskonzepte und Definitionsraster vorgelegt.

Zum 3. Kapitel

Im 3. Kapitel (S. 65-123), dem Sozialstrukturkapitel, wird die Frage nach den gesellschaftlichen Bedingungen für Generationenbeziehungen untersucht. Dabei geht es um die Dynamik der demographischen Bedingungen, der Verlängerung der Lebenserwartung und die Gestaltung des Alterns, Geburtenrückgang und Lebensphase Kindheit wie die Erfahrung und Thematisierung gehäufter Verpflichtungen (sprich: die mittlere Lebensphase). Zum Verständnis des Altersaufbau und der gemeinsamen Lebensspanne der Generationen als ein Schlüssel zur Analyse von Generationenbeziehungen beziehen die Autoren historisch-kulturelle und politische Bedingungen in ihre Analyse ein.

Zum 4. Kapitel

Im 4. Kapitel (S. 125-170), dem Kapitel über Generationendynamik, wird die Frage untersucht, wie Generationenbeziehungen gelebt werden. Drei Schwerpunkte kommen zur Sprache: Erstens geht es um die die Häufigkeit der Kontakte, Nähe und Distanz und die Frage nach dem Auszug aus dem Elternhaus. Zweitens geht es um die Transferleistungen zwischen den Generationen unter dem theoretischen Aspekt allgemeiner Austauschbeziehungen und mit Blick auf die empirische Situation der Pflege und der besonderen Lage ausländischer Familien. Drittens wird die zunehmende Bedeutung von Vererben und Erben untersucht.

Zum 5. Kapitel

Im 5. Kapitel (S. 171-199), dem Pädagogikkapitel zum Generationenlernen, wird die Frage erörtert nach der Bedeutung der Generationenbeziehungen für die Entwicklung und Förderung der Kultur und Person. Im Kern geht es um das Lernen in Mehrgenerationenbeziehungen (Großeltern - Eltern - Kinder). Dabei ist die Spezifik des Generationenlernens: Verlässlichkeit, Dauerhaftigkeit und Reziprozität.

Zum 6. Kapitel

Im 6. Kapitel (S. 201-236), dem Kapitel zur Generationenpolitik, geht es um die Frage, wie sich die Lebensbedingungen für die Generationen gesellschaftlich regeln lassen. Geprägt ist die Leitidee einer Generationenpolitik durch die Phänomene der Gerechtigkeit und Verantwortung. Handlungsfelder der Generationenpolitik reichen von der Alten-, Familien-, Bildungs- bis zur Kinderpolitik.

Zum 7. Kapitel

Im 7. Kapitel (S. 237-311), dem Kapitel zur Generationentheorie,  wird die Frage nach den Entstehungsbedingungen von Generationen durchleuchtet. Ausgangspunkt zur Generationengenese ist Karl Mannheim. Weitere Themenstellungen betreffen Generationenkonflikte, die Generationensolidarität, die Spezifik der Generationenbeziehungen mit Blick auf Variablen wie die Verpflichtung, Unterstützung vs. Verschuldung, Reziprozität vs. Rationalität und die Beziehungtypologien. Dabei stellen die Autoren fest, dass der Umgang mit Generationenambivalenzen als eine Meta-Aufgabe angesehen werden kann. Abgeschlossen wird das Werk von den Autoren mit einem Resümee (S. 313-316).

Diskussion

Die Darstellungsart, der Schwierigkeitsgrad und bibliographische Kriterien

Die Autoren verfügen über eine umfangreiche Erfahrung in der Erstellung wissenschaftlicher Bücher. Die Sprache wie der didaktische Aufbau dieses Werkes ist sehr ansprechend; hier sind "Profis" am Werk. Aus Lesersicht kann die Begegnung mit diesem Buch wie folgt umschrieben werden: "Man nimmt es gerne in die Hand um zu blättern, zu stöbern oder intensiv zu studieren". Es ist ein anregendes Buch und macht Freude darin zu lesen.

Fazit

Die Publikation ist ein Gewinn für Studierende und Interessenten der Analyse von Generationenbeziehungen in Familie und Gesellschaft. Auch für Dozenten, Wissenschaftler und Praktiker liegt eine wertvolle Analyse der Generationenbeziehung vor. Zweifelsfrei ist es den Autoren gelungen, die interdisziplinäre Vielfalt dieses Themas lebensnah, empirisch und theoretisch darzulegen. Vor allem die Fokussierung auf eine Theorie der Generationenbeziehungen mit dem Schwerpunkt der Generationenambivalenz vermittelt ein vertieftes Verständnis für die Bedeutung der Generationen als Gestaltungselement moderner Gesellschaften. Insgesamt ist das Werk eine Bereicherung zum Verständnis des sozialen Wandels in modernen Gesellschaften. Prädikat: sehr empfehlenswert.


Rezensent
Prof. Dr. Bernhard Mann
MPH Dipl.-Sozialwirt. Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz


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Zitiervorschlag
Bernhard Mann. Rezension vom 30.05.2007 zu: Kurt Lüscher, Ludwig Liegle: Generationenbeziehungen in Familie und Gesellschaft. Eine Einführung. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2003. ISBN 978-3-8252-2425-7. Reihe: UTB - 2425. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1653.php, Datum des Zugriffs 17.01.2019.


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