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Julika Rosenstock: Vom Anspruch auf Ungleichheit

Cover Julika Rosenstock: Vom Anspruch auf Ungleichheit. Vom Anspruch auf Ungleichheit Über die Kritik am Grundsatz bedingungsloser Menschengleichheit. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2015. 360 Seiten. ISBN 978-3-942393-86-7. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Thema

Die Rosenstock kürzlich vorgelegte Veröffentlichung „Vom Anspruch auf Ungleichheit. Über die Kritik am Grundsatz bedingungsloser Menschengleichheit“ lässt sich an der Schnittstelle zwischen Rechtsphilosophie einerseits und Soziologie bzw. Politikwissenschaften andererseits einordnen. Sie wurde als Promotionsschrift an der Humboldt-Universität zu Berlin verfasst.

Thema der Studie ist die Kritik am Grundsatz der bedingungslosen Menschengleichheit. Auf der konzeptuellen Ebene bearbeitet die Autorin dazu Argumente von Philosophen wie Platon, Fichte, Honegger, Tocqueville oder Nietzsche aber auch von Soziologen und Politologen wie Stöss, Wagner, Rucht, Heitmeyer, Berger und Weber.

Methodisch knüpft die Studie von Rosenstock bei hermeneutischen Ansätzen von Oevermann, Bohnsack und Wolhrab-Sahr an (allerdings fehlen konkretere Hinweise auf die Wahl von Erhebungs- und Auswertungsmethoden oder auf Überlegungen zur Samplingstrategie). Damit will sie „objektive Sinnstrukturen [identifizieren], die in dem Untersuchungsmaterial in kontextbestimmten Einzelvarianten auftreten“ (S.25).

Als Untersuchungsbasis dient ein „Materialquerschnitt schriftlicher Primärtexte aus Zeitungen, Zeitschriften, Büchern, aber auch Internetseiten“ (S.28), in denen sich (rechte) Einzelpersonen, Autoren oder Politiker zu (Un-)Gleichheitsfragen äußern.

Inhalt und Diskussion

Im Zentrum des Buches stellt Rosenstock Kernargumente des rechtsradikalen Denkens (S.75ff.) der Gleichheitskritik von konservativen Staatsrechtsdenkern (S.161ff.) gegenüber. Beide Kapitel stehen allerdings mehr oder weniger unverbunden nebeneinander, zu unterschiedlich scheint dem Verfasser der Rezension der Charakter des empirischen Ausgangsmaterials. Zum einen werden Parteiprogramme und Propagandamaterialien der NPD und des Kampfbunds deutscher Sozialisten betrachtet, zum anderen Kommentare und Aufsätze von Staatsrechtlern. Den rechtsradikalen Gegenentwurf zur bedingungslosen Menschengleichheit beschreibt Rosenstock als ein kulturell-identitäres Konzept, die eine seinsgebundene Gleichheit/Verschiedenartigkeit der Geschlechter und Nationen/Rassen ins Zentrum stellt. In diesem zentralen Kapitel der Studie argumentiert Rosenstock sehr überzeugend. Schlussfolgernd schreibt sie dazu: „Radikal rechtes Denken über Menschen, Staat und Gesellschaft wendet sich (…) grundsätzlich von der Idee der Gleichheit als dem Kern der Gerechtigkeit ab (…) und stellt ihr ein Menschsein auf der Basis seinsgebundener Verschiedenartigkeit entgegen“ (S. 151), basierend auf Merkmalen wie der Geschlechtszugehörigkeit, der ethnischen Zugehörigkeit, der Staatsangehörigkeit oder basierend auf kulturellen Codes („Deutsch sein“).

Aus einer Analyse des zeitgenössischen Staatsrechtsdiskurs zur „Rettungsfolter“ (S.176ff.) und zum Umgang mit sogenannten „Renegade-Flugzeugen“ (S. 193ff.) (Abschuss ja/nein, unter welchen Bedingungen?), die nach einer Entführung potentiell als Waffe eingesetzt werden könnten, zieht Rosenstock ebenfalls weitergehende Schlussfolgerungen. Über lange Passagen werden von ihr mit großer Sorgfalt juristisch-normative Kernargumente zu Persönlichkeitsrechten, der Unantastbarkeit der Würde des Einzelnen und den Verpflichtungen des Staates zum Schutze der Allgemeinheit und zur Aufrechterhaltung der staatlichen Ordnung gegeneinander abgewogen. Aus Sicht der Autorin wird inzwischen vor allem im Staatsrechtsdiskurs zum Umgang mit „Renegade-Flugzeugen“ der Gleichheitsgrundsatz aller Menschen zumindest partiell aufgehoben. „Ein Staat, der zum Zwecke der Gefahrenabwehr Unschuldige zugunsten Unschuldiger tötet, behandelt diese nicht mehr als gleichberechtigte Mitglieder der Rechtsgemeinschaft (…), er legt andere Maßstäbe der Gleichberechtigung an (S. 229).“

Letztlich attestiert Rosenstock der (rechten) Gleichheitskritik in einer stärker denn je durch ein allgemeines Gleichheitsideal geprägten Gesellschaft eine „überraschende Renaissance“ (S. 323). Als Grund für diese Renaissance identifiziert sie ideologische und weltanschauliche Gründe, die ihre Kraft aus dem allgemein menschlichen Bedürfnis nach Anerkennung gewinnen. Für die intellektuellen Vordenkern der (rechten) Gleichheitskritik und ihren Anhängern stellt dies eine „legitime Quelle von Wollen, Begehren und Handeln“ dar. Welche fundamentalen Folgen solches Denken entfalten kann und wie relevant damit die Studie von Rosenstock ist, zeigt sich in den aktuellen Auseinandersetzungen um die Ausgestaltung der Demokratie in europäischen Gesellschaften wie Ungarn und Polen aber auch in den USA.

Fazit

Insgesamt hat Rosenstock eine sehr ambitionierte und detailliert argumentierende Schrift zu Grundstrukturen der (rechten) Kritik am universellen Gleichheitsparadigma vorgelegt. Sowohl die eher soziologischen und politikwissenschaftlichen als auch die eher rechtsphilosophisch orientierten Abschnitte der Arbeit stellen eine lohnende Lektüre dar. Aufgrund der Aktualität der Analyse kann man der Autorin ausdrücklich wünschen, dass ihr Buch über den engeren akademischen Diskurs hinausgehend eine breite Leserschaft finden wird.

Für weitere Veröffentlichungen kann man vielleicht anregen, dass die Autorin eine noch konsequentere Rückbindung ihrer rechtsphilosophischen Argumentation an die öffentliche und wissenschaftliche Debatte um die wachsende Ungleichheit und Marginalisierung in Deutschland sucht. Dies würde unter Umständen die Relevanz ihrer Überlegungen noch weiter erhöhen.


Rezensent
Prof. Dr. Roland Verwiebe
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Zitiervorschlag
Roland Verwiebe. Rezension vom 09.02.2017 zu: Julika Rosenstock: Vom Anspruch auf Ungleichheit. Vom Anspruch auf Ungleichheit Über die Kritik am Grundsatz bedingungsloser Menschengleichheit. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2015. ISBN 978-3-942393-86-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16536.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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