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Saskia Schuppener, Nora Bernhardt u.a. (Hrsg.): Inklusion und Chancengleichheit

Cover Saskia Schuppener, Nora Bernhardt, Mandy Hauser, Frederik Poppe (Hrsg.): Inklusion und Chancengleichheit. Diversity im Spiegel von Bildung und Didaktik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. 356 Seiten. ISBN 978-3-7815-1962-6. D: 21,90 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 31,50 sFr.
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Thema

Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 soll auch in Deutschland ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen auf der Grundlage der Chancengleichheit für alle Bürgerinnen und Bürger verwirklicht werden. Dabei sind Differenzen und Ungleichheiten der Menschen im Rahmen ihrer Sozialisations- und Entwicklungsbedingungen zu berücksichtigen. Die Herausgeber dieses Buches heben einführend auch hervor, dass derzeit in Deutschland „ca. ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen erhebliche Nachteile im Hinblick auf Bildungschancen und qualifizierende Schulabschlüsse“ haben und wir deshalb von Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit „nach wie vor weit entfernt“ sind (S. 12). Die Forschungslücke im Bereich inklusiver Unterrichtsgestaltung ist noch groß. „Der vorliegende Band soll dazu beitragen, diese Lücke etwas zu verringern und sammelt aktuelle Theorie-, Forschungs- und Praxisansätze, welche sich den Gelingenheitsbedingungen für inklusive Bildung in differenten Settings widmen“ (a. a. O.).

Herausgeberinnen und Herausgeber

Die HerausgeberInnen sind nach Internetangaben vom 27.05.2014 an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig (Institut für Förderpädagogik im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung) tätig: als Lehrstuhlinhaberin Prof. Dr. Saski Schuppener mit ihren Mitarbeiterinnen Nora Bernhardt und Mandy Hause sowie ihrem Mitarbeiter Dr. Frederik Poppe.

Entstehungshintergrund

Viele Beiträgen stammen von Tagungen, die vor allem 2013 stattgefunden haben.

Aufbau

Das Buch besteht neben einer Einführung der Herausgeber (11 ff.) und einer Liste der Autorinnen und Autoren (349 ff.) aus 42 Beiträgen von 63 Autorinnen und Autoren aus dem Hochschulbereich oder Schulbereich in Deutschland, Österreich und der Schweiz (von denen in der Liste zwei Autoren namentlich nicht genannt sind). Diese übersichtlich untergliederten Beiträge sind folgenden Kapiteln zugeordnet:

  1. Diversity (17 ff.)
  2. Frühe Bildung (67 ff.)
  3. Schulentwicklung (95 ff.)
  4. Didaktik und Gemeinsamer Unterricht (185 ff.)
  5. Hochschulentwicklung und -didaktik (253 ff.)
  6. Bildung in außerschulischen Kontexten (295 ff.)

Inhalt

Es ist sicherlich verständlich, dass hier nur ein exemplarischer Einblick in die jeweils angesprochenen theoretischen Themenaspekte im Kontext neuester Literatur und die aktuellen Praxisberichte gegeben werden kann. Auf die namentliche Angabe der jeweiligen Autoren wird verzichtet.

Zum Themenakzent des 1. Kapitels „Diversität und Behinderung“ (25 ff.) wird u. a. die These aufgestellt, dass Diversität ein komplexes System darstellt, „das pädagogische Ansprüche von Bildungschancen grundlegend in Frage stellt.“ Zum Umgang damit sind Wissen und Verstehen sowie Verständigung angesichts vielfältiger Differenzen notwendig (30). Im „Spiegel von Bildungsberichtserstattung, -begutachtung und -statistik“ (33 ff.) wird konstatiert, dass die Behauptung, Inklusion sei bereits heute „nahezu vollständig in Kindergärten und Kinderbetreuungseinrichtungen realisiert“, „nachweislich falsch bzw. sehr undifferenziert ist“ (35). In der „Skizze einer chinesischen Philosophie der Inklusion“ (55 ff.) wird die Erkenntnis geschlussfolgert, wie weitreichend die (westlichen) „Konsequenzen individualistischer Konzeptionen von Inklusion sind und was eine der möglichen Alternativen zum Individualismus ist“ (60).

Aus dem 2. Kapitel: Ein Forschungsprojekt zur „Integration in Elterninitiativen“ (75 ff.) ergibt u. a. die Notwendigkeit einer multiprofessionellen Zusammenarbeit und die Erkenntnis, dass diese „ein wichtiger Baustein auf dem Weg von der Integration zur Inklusion“ ist (80). 2012 initiierte die Hochschule Osnabrück den Forschungsschwerpunkt „Inklusive Bildung – Teilhabe als Handlungs- und Organisationsprinzip in niedersächsischen Kindertageseinrichtungen“ (81 ff.). Ein Ergebnis: Wichtig ist die „Verzahnung mit anderen Bildungsbereichen sowie eine gesamtgesellschaftliche Verortung“ (88). Von diesem Projekt wird auch noch einmal im 6. Kapitel berichtet.

Im 3. Kapitel „Schulentwicklung“ sind die Lesenden „Auf dem Pfad zur inklusiven Bildung?“ (97 ff.). Die Darstellung der divergierenden Entwicklungspfade des Sonderschulwesens in Schleswig-Holstein und Bayern (109 ff.) führt zu dem Ergebnis, dass es eindeutig vom politischen Willen und der Entscheidungskraft der Verantwortlichen im jeweiligen Bundesland abhängt, „die durch die UN-Konvention entstandenen Spielräume“ zu nutzen, inklusive Schulreformen zur „Umsetzung der sich aus der Konvention ergebenden menschrechtlichen Verpflichtungen“ durchzuführen (104), was in Schleswig-Holstein „von der Landesregierung bereits Ende der 1980er Jahre offiziell als schulpolitisches Ziel postuliert“ wurde (102). Schulentwicklung kann aus der Organisationsentwicklung in der Sozialwirtschaft lernen (105 ff.), dass sie für den notwendigen radikalen Veränderungsprozess auf dem Weg zur Inklusion u. a. Projektmanagement braucht (111). Auf den Punkt wird dies im nächsten Beitrag gebracht: „Inklusion beginnt im Kopf – Als gute gesunde Schule eine Schule für ALLE schaffen?“ (117 ff.). Theoretisch wird ein Forschungsdesign diskutiert: „Die Umsetzung von Chancengleichheit und Diversität im spanischen Schulsystem“ (162 ff.). Eine Auseinandersetzung mit dem diesbezüglich vorbildlichen Schulsystem in Alberta/Kanada, in dem bereits seit 1972 inklusive Bildung praktiziert wird, „verspricht Hinweise auf die Lösung der gegenwärtigen schulstrukturellen und schulkulturellen Herausforderungen in Deutschland“ (168). Titel: Vor der „Heterogenität als Problem“ zu „Diversität als Gewinn“ (168 ff.). Dort gibt es übrigens eine sechsjährige Grundschule (wie seit Jahrzehnten auch in West-Berlin – konstatiert der Rezensent).

In das 4. Kapitel wird eingeführt mit der Lernkunst durch die aktiv Lernenden, der „Mathetik – die für die Inklusion bedeutsame Schwester der Didaktik“ im Sinne von Comenius (187 ff.) – ein interessantes Rückbesinnen auf die Zeit um 1680 sowie ein anregendes Blicken auf heutiges spielerisches Gestalten des Lernens. In mehreren Beiträgen wird über Erfahrungen aus integrativen Grundschulen in Berlin (193 ff.), Gesamtschulen (202 ff.), Primarschulen im Kanton Zürich (209 ff.), Sekundarschulen I in Berlin (216 ff.) berichtet. Im letztgenannten Bericht werden fachdidaktischen Problemstellungen für einen inklusiven Geschichtsunterricht gezogen (222). „Schreibanregungen im inklusiven Deutschunterricht“ (224 ff.) der Grundschule werden im nächsten Beitrag gegeben. In einem der dann folgenden Beiträge wird anhand von zwei Fallbeispielen aufgezeigt, wie in Luxemburg Lehrende und Lernende einer staatlichen inklusiven Forschungsschule „durch Portfolioarbeit gemeinsam Wege hin zum inklusiven Unterricht entwickeln“ (244 ff.); dabei wird Lernen „als Gemeinschaftsprozess, eingebettet in eine Partizipationsstruktur“, verstanden (145).

Der erste Beitrag des 5. Kapitels fußt auf Überlegungen aus einer Internationalen Jahrestagung der Integrations-/Inklusionsforscher/-innen in Leipzig 2013: „Hochschule für Alle – Anforderungen an eine inklusionsorientierte Hochschulentwicklung und -didaktik“ (255 ff.). Für die dabei „in Wechselbeziehung stehende Ebenen des Veränderungsprozesses“ werden Konturen erläutert (Kulturen, Strukturen, Praktiken) sowie Grenzen aufgezeigt (259 ff). Zur „Lehrer_innenbildung für Inklusion“ (266 ff.) erfolgt in acht Thesen ein „Thesenanschlag“ gegen das bestehende Schulsystem in Deutschland – insbesondere die Sonderschulen –. Die Erläuterungen münden in den Satz: „Die Ausführungen zeigen deutlich, dass es bei Lehrer_innenbildung für Inklusion um weit mehr gehen muss, als darum, die alten Strukturen mit neuen Inhalten zu füttern“ (276). Der Beitrag (286 ff.) von der Universität Hannover „Inklusive Hochschulbildung durch gemeinsame Universitätsseminare für behinderte Menschen und Studierende“ bezieht sich auf die seit dem SS 2012 durchgeführten Seminare und endet mit dem Hinweis auf die gemachten Erfahrungen, die dazu auffordern, „nicht nur die Gemeinsamkeiten zu suchen, sondern auch die Differenzen zu benennen, zu bearbeiten und auszuhalten“ (293).

Die Themenaspekte der sieben Beiträge des 6. Kapitels sind:

  • Nach der Schule: inklusive Sozialraumorientierung als Aufgabe der Sozialen
    (Anti-Bias-)Arbeit (297 ff.).
  • Soziale Arbeit als Kooperationspartner und Motor für schulische Inklusionsprozesse – wie z. B. an der Gemeinschaftsgrundschule Pannesheide in NRW – (305 ff.).
  • Kinder- und Jugendhilfe als Kooperationspartner von Schulen für inklusive Bildung – ein Forschungsschwerpunkt für Niedersachsen an der Hochschule Osnabrück – (312 ff.)
  • „Inklusive Schulkinowochen NRW“ mit Förder- und Regelschüler_innen zu den Themen Behinderung und Inklusion (320 ff.).
  • In überwiegend theoretischer Entfaltung wird gezeigt, dass und wie inklusive Pädagogik „ein Thema für sportorientierte Projekte“ sein kann (326 ff.).
  • Es wird über ein in Österreich begonnenes Forschungsprojekt der Pädagogischen Hochschule Wien zur integrativen Berufs(aus)bildung an kaufmännischen und gewerblichen Berufsschulen und anderen Ausbildungseinrichtungen berichtet (333 ff.).
  • Rahmenbedingungen für eine Kultur der Inklusion in der außerschulischen Behindertenhilfe werden aufgezeigt (340 ff.).

Diskussion

  1. Wird das hier eingangs zum „Thema“ genannte Ziel der Herausgeber erreicht, durch dieses Buch die bestehende Forschungslücke im Bereich inklusiver Unterrichtsgestaltung zu verringern?
  2. Wird nicht noch zu sehr über das Thema theoretisiert (z. B. im Bericht S. 286 ff. aus dem Hochschulbereich – s. o. –, in dessen Titel bereits die Tradition manifestiert wird)?
  3. Die unübliche Schreibweise von personenbezogenen Begriffen (z. B. Schüler_innen, Lehrer_innen, welche_r, eine_r) erschweren das flüssige Lesen. Nur beim Rezensenten oder auch bei anderen Lesern/Leserinnen?

Fazit

Das Buch gibt zum gewählten Thema einen breiten und auch kritischen Überblick über den aktuellen Entwicklungs- und Forschungsstand des traditionell gegliederten allgemeinbildenden Schulwesens in Deutschland und einigen Nachbarländern; die sich im Sekundarbereich II in berufsbildenden Schulen dann wieder bündelnde Problematik des Themas wird kaum gestreift. Erfahrungsbezogen und zum Teil beispielhaft erläutert (auch aus nichteuropäischen Ländern!) werden Vorschläge für ein inklusives Schulsystem und die dazu notwendige Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer gemacht. Sie gipfeln in der These, dass alle Lehrenden Kompetenzen im Umgang mit Heterogenität und zur Gestaltung inklusiver Lernprozesse benötigen (S. 272)! Das Buch ist auch drucktechnisch gut und anschaulich gestaltet. Es regt aufgrund der vielfältigen Informationen zu Diskussionen und zum Aufgreifen von erfolgreich gemachten Erfahrungen an.


Rezensent
Dipl.-Hdl. Dr. phil. Klaus Halfpap
Ltd. Regierungsschuldirektor a. D.


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Zitiervorschlag
Klaus Halfpap. Rezension vom 05.06.2014 zu: Saskia Schuppener, Nora Bernhardt, Mandy Hauser, Frederik Poppe (Hrsg.): Inklusion und Chancengleichheit. Diversity im Spiegel von Bildung und Didaktik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. ISBN 978-3-7815-1962-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16545.php, Datum des Zugriffs 20.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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