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Marcus Damm: Von der selbstbestimmten bis zur misstrauischen Beziehungsgestaltung

Rezensiert von Michael Lehmann-Pape, 24.04.2014

Cover Marcus Damm: Von der selbstbestimmten bis zur misstrauischen Beziehungsgestaltung ISBN 978-3-8382-0550-2

Marcus Damm: Von der selbstbestimmten bis zur misstrauischen Beziehungsgestaltung. ibidem-Verlag (Hannover) 2014. 250 Seiten. ISBN 978-3-8382-0550-2. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
Die pädagogische Fachkraft und Professionalität. Wie mit Hilfe der Schemapädagogik extreme Erziehungsstile identifiziert und überwunden werden können (1). Reihe: Schemapädagogik kompakt - 15.

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Thema

Aus seiner Praxiserfahrung als Lehrer und Fortbilder für Lehrer/innen und damit auch aus seinen vielfältigen Erfahrungen mit Jugendlichen mit „herausfordernden Persönlichkeitsstörungen“, wie Marcus Damm es benennt, heraus, wendet sich Damm sehr grundsätzlich der Bearbeitung der „dahinter liegenden“ Erziehungsstile zu. Ein Werk, welches Damm in zwei Bänden anlegt und mit dem vorliegenden Band eröffnet.

Zentral in den Blick nimmt Damm auf diesem Wege das „pädagogische Fachpersonal“. Als Dozent im Rahmen der Lehrerfortbildung ist dies Damms ureigenstes Klientel und, was den Umgang mit Jugendlichen und deren „Erziehung“ angeht, eine wichtige Gruppe „Hauptamtlicher“, zu deren professionellen Pflichten die ständige Reflexion der eigenen Haltung und des eigenen, erzieherischen Handelns ist.

So dient diese Auseinandersetzung Damms auf der Basis der schematherapeutischen Pädagogik grundlegend den in der Erziehung hauptamtlich Tätigen.

„Allzu oft nehmen die pädagogischen Fachrichtungen und Fachbücher „immer die anderen“ in den Fokus der Auffälligkeiten und Schwierigkeiten“. Hier setzt Damm die „Ganzheitlichkeit“ des schematherapeutischen Ansatzes entgegen und legt im Buch die Rolle „aller am Prozess Beteiligten“ in den Mittelpunkt.

Thematisiert werden im Buch Hintergründe, grundlegende Haltungen und eigenes Verhalten, mithin die Möglichkeit, die „eigenen Schemata“ zu erkennen und „neue Erkenntnisse von sich selbst“ damit zu gewinnen.

Autor

Dr. Marcus Dammunterrichtet als Lehrer an der Berufsbildenden Schule für Hauswirtschaft/Sozialpädagogik in Ludwigshafen die Fächer Pädagogik, Psychologie und Ethik und arbeitet ebenso in der Lehrerfortbildung. Die Konzeption, Ausarbeitung und Übertragung der Schematherapie auf den schulischen/jugendlichen Bereich ist sein Arbeitsschwerpunkt.

Aufbau und Inhalt

Zunächst führt Damm sehr kurz und komprimiert im Rahmen einer Begriffserklärung in die von ihm in den Blick genommenen Persönlichkeitsstörungen ein und eröffnet schon hier assoziativ mit Stichworten, woran Fachkräfte den Erziehungs- und Bildungsauftrag trotz guter Vorsätze vielleicht aufgrund eigener „Störungen“ gar nicht erfüllen können.

Es ist so. Die eigene Beziehungsgestaltung, die im Arbeitsfeld (als eine der wichtigsten und tragenden Komponenten) installiert wird, hängt zentral von der eigenen Persönlichkeit ab. Ohne Beziehung aber „geht nichts“, sprich, wenn die Fachkraft nicht zur konstruktiven Beziehungsgestaltung offen ist, durch eigene „Schemata“ vielleicht in „extremen (eigenen) Erziehungsstilen“ be- und gefangen verbleibt, entfällt die wichtigste Komponente einer möglichen, erfolgreichen Arbeit.

Der erste „Kompetenzort“ der eigenen pädagogischen Profession ist somit nicht „der andere“, der Klient, „das Problem des oder der anderen“, sondern die eigene Person in ihren Merkmalen und inne liegenden Strukturen, den „Modi und Schemata“.

Wobei die größte Crux dieser Problematik darin besteht, dass vielfach die eigenen Schemata unbewusst vorliegen, sprich, die Fachkräfte die mangelhafte und nicht gelingende Umsetzung ihres Erziehungs- und Bildungsauftrages „noch nicht einmal merken“.

Hier steuert Damm profunde gegen, in dem er im Folgenden von der „selbstbestimmten bis zur misstrauischen Beziehungsgestaltung“ die Persönlichkeitsstile im Sinne der Schemapädagogik differenziert darstellt und diese in ihrem Wechselspiel mit der pädagogischen Fachkraft und der „Wirkung“ im Rahmen der Arbeit mit Jugendlichen offen legt.

„Antisozial strukturierte Fachkräfte“, „Narzisstisch strukturierte Fachkräfte“ treten so ebenso in den Blick, wie histonische, emotional-instabil strukturierte und paranoide „Schemata“.

Nicht nur für einen „Außenblick“, auch für die eigene Wahrnehmung gedacht, bietet Damm für jede der vorgestellten „Schemata“ Verhaltensauffälligkeiten (auf die von außen dann zumindest hingewiesen werden kann), dahinter liegende Schemata und Kognition, durchgeführte „Spiele“ der Persönlichkeit, Manipulationen, regelmäßige Abwehrmechanismen und die ausgelöste Psychodynamik verständlich erläutert dar.

Im dann letzten Hauptteil des Bandes wendet sich Damm den konstruktiven (und notwendigen) Möglichkeiten zu.

Für jeden der aufgeführten Persönlichkeitsstile bietet er, strukturiert schematisch vorgehend, „Interventionen zur Förderung der Sozial- und Selbstkompetenz“.

Anhand eines einführenden Fragebogens, einer je dem Schema entsprechenden praktischen „Stühlearbeit“, einem Textblatt zur Vertiefung und einem Besinnungstext zur regelmäßigen Vergegenwärtigung und damit einhergehenden langsamen Veränderung wird dem Leser Material zur Eigenarbeit an die Hand gegeben, den eigenen (störenden) „Schemata“ konstruktiv zu begegnen und „mit sich selbst“ (und dann auch mit dem beruflichen Umfeld) in einen offenen, konstruktiven Entwicklungsprozess zur eigenen „professionellen Beziehungsfähigkeit“ einzutreten.

Diskussion

Für im Bereich Arbeitende mit Vorkenntnissen zum schematherapeutischen Ansatz und mit Erfahrungen im schemapädagogischen Arbeiten (hier vor allem im sensiblen Bereich der Diagnostik) bietet das Arbeitsheft umgehend nutzbares Material zur Reflexion.

Gerade in den einzelnen Darstellungen der Persönlichkeitsstile bietet Damm kurz, knackig und „ins Schwarze treffend“ so klare Beschreibungen, dass der Leser kaum umhin kann, sich zu „erkennen“, so er zu einem der beschriebenen Stile zugehörig ist.

Dennoch verbleibt zunächst die zu überwindenden „Grundschwierigkeit“ des „sich selbst Sehens“.

Da die eigenen Stile und damit auch die eigenen Barrieren in der pädagogischen Arbeit und vor allem in der Beziehungsaufnahme meist unbewusst gestaltet werden, führt kein Weg für den Leser daran vorbei, einen „Blick in den Spiegel“, wie Damm es nennt, zu wagen, vor allem, wagen zu wollen.

Das Buch motiviert aber sehr stark zu diesem Blick. Auch, indem tunlichst vermieden wird, den erhobenen Zeigefinger nun Pädagogen/innen gegenüber aufzurichten. „Persönlichkeiten sind“, und das ist zunächst wertfrei anzuerkennen. Müssen aber nicht so bleiben und dafür bietet Damm im Buch durchaus sehr kompetent seine Hilfe an.

Sowohl im eigentlichen „Blick in den Spiegel“ (der fundierten Darstellung von Schemata und der daraus resultierenden, meist noch unbewussten) Erziehungsstile öffnet Damm gute Wege für den Leser, in Ruhe und ohne Schuldgefühle die eigene Person näher betrachten zu können, als dass er auch in den Übungen einfache und leicht in der eigenen Praxi umsetzbare Wege anbietet, die eigenen Schemata und Modi einer Bearbeitung zuzuführen.

Sicher immer im begrenzten Rahmen zunächst der Eigenarbeit, ein daran anschließender Austausch und ein Hinzuziehen professioneller Begleitung ist sicherlich ein weiterer, dann folgender wichtiger Schritt über die Lektüre des Buches hinaus.

Gut gelungen aber ist vor allem, den Blick auf die Fachkräfte an sich zur richten, die entscheidende Bedeutung der Beziehungsmöglichkeiten der Fachkräfte zu betonen, das „System als Ganzes“ immer im Blick zu halten und damit die oft zu einseitige Ausrichtung auf „den oder die andere“ als „Problem“ ad acta zu legen.

Es bleibt zu wünschen, dass möglichst viele Fachkräfte in Erziehung und Bildung diesen „Blick in den Spiegel“ anhand dieses Buches wagen und die eigenen Beziehungsstile und möglichen Beziehungskompetenzen intensiv angehen.

Fazit

Auch ohne fundierte Vorkenntnisse des Ansatzes der Schematherapie bietet das Buch Schritt für Schritt eine Anleitung zunächst zur eigenen Reflexion und im Folgenden konstruktive Methoden und Möglichkeiten der Eigenarbeit an, wie es ebenso die agierende Persönlichkeit der Fachkraft vor allem in ihrem individuellen Erziehungsstil in den Mittelpunkt der Betrachtung rückt und damit eine der wesentlichsten Komponenten der pädagogischen Arbeit in ihrer zentralen Bedeutung herausstellt: Die Beziehungsgestaltung.

Ein wichtiges Buch für die wirkliche und bestmögliche Umsetzung des Erziehungs- und Bildungsauftrages pädagogischer Fachkräfte.

Rezension von
Michael Lehmann-Pape
Pfarrer

Es gibt 23 Rezensionen von Michael Lehmann-Pape.

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ISSN 2190-9245