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Volker Hinnenkamp, Hans-Wolfgang Platzer (Hrsg.): Interkulturalität und europäische Integration

Cover Volker Hinnenkamp, Hans-Wolfgang Platzer (Hrsg.): Interkulturalität und europäische Integration. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2013. 231 Seiten. ISBN 978-3-8382-0573-1. D: 29,90 EUR, A: 30,00 EUR, CH: 35,00 sFr.

Reihe: Centrum für Interkulturelle und Europäische Studien: An interdisciplinary series of the Centre for Intercultural and European Studies - Vol. 10.
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Thema

Der Band befasst sich mit Europa als einem Raum, in dem Menschen miteinander kommunizieren und interagieren, wofür es institutionelle Voraussetzungen und kulturelle Bedingungen gibt, wobei aber vor allem auch Wirkungen auf diese zu beobachten und zu bewerten sind.

Herausgeber und AutorInnen

Herausgegeben wird der Band von zwei Vertretern des Fachbereichs Sozial- und Kulturwissenschaften der Hochschule Fulda, die KollegInnen aus anderen Hochschulen und Disziplinen für diesen Band gewonnen haben.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band geht auf eine Tagung zurück, die vor zwei Jahren in Fulda stattfand.

Aufbau

Die beiden Herausgeber führen mit einer (auf 40 Seiten) breit angelegten Einleitung in die Thematik des Bandes, die Europäisierung, und daraus ableitbare mögliche Forschungsinteressen ein, wobei sie auch schon die wesentlichen Inhalte der folgenden Beiträge zusammenfassen. Diese sind acht Beiträge im Umfang von jeweils etwas mehr als 20 Seiten. Alle Artikel bieten umfassende Bibliografien mit ganz wenigen Internetverweisen.

Inhalt

Gisela Werz gibt im ersten Beitrag einen Überblick über die „Forschungsansätze der Sozial- und Kulturanthropologie”. Europäisierung lässt sich dabei in den Abläufen innerhalb der europäischen Institutionen und im Kontakt mit diesen, unter anderem auch in den Auswirkungen der EU-Normen etwa auf Kleinbetriebe beobachten.

Kerstin Poehls beschreibt im Anschluss daran u.a das Europa-Kolleg in Brügge als interkulturelles Milieu; ebenso stellt sie das Museum als einen Ort vor, der Interkulturalität, vor allem Migration darstellen könne.

Aus politologischer Sicht referiert Viktoria Kaina den Forschungsstand zur „Europäischen Identität”. Während die Reichweite europäischer Regelungen wie auch die Umverteilung innerhalb der EU zunehmen, entwickelt sich das Gefühl der Zugehörigkeit oder gar Zusammengehörigkeit nicht notwendigerweise im gleichen Tempo.

Jürgen Endres befasst sich mit dem Konzept des interkulturellen Dialogs, der von EU und Europarat verschiedentlich, etwa nach Auflösung der UdSSR oder Jugoslawiens, insbesondere auch als Teil der Anti-Islamismus-Strategie propagiert worden ist. Kritisch sei dabei allein schon der theoretische Ansatz zu sehen: Kulturelle Zugehörigkeit werde überbetont, Homogenität und Statik behauptet.

Hier schließt Frank-Olaf Radtke an, wenn er eine „romantische Sehnsucht nach Vergemeinschaftung” konstatiert: Der Dialog-Ansatz verstärke noch die Überhöhung von partikularen Kulturen zu „Bekenntnisgemeinschaften”, während die mit dem Konfliktpartner gemeinsamen Voraussetzungen (Werte) fehlen; realistischer sei der Diskurs von Individuen mit unterschiedlichen Interessen und offengelegten kulturellen Differenzen, der zu einem Kompromiss führen könne; dazu gehören auch Mehrheitsentscheidungen, die Minderheiten „berücksichtigen”.

Die Vielfalt von Sprachen und Religionen zu achten, gehört zu den Grundlagen von Europarat und EU. Was aber bedeutet dies konkret? Nach Nicola Tietze ist damit die individuelle Entscheidung (Bekenntnisfreiheit) garantiert, aber auch die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft möglich, während mitunter auch die europäische Tradition und Moral daraus abgeleitet werden. Die Gleichbehandlung, das Diskriminierungsverbot und der Schutz von Minderheitensprachen passen jedoch mit den Privilegien der Nationalsprachen und überhaupt jeder Form von Sprachenpolitik nicht zusammen. Ähnlich argumentiert auch Peter S. Kraus, wenn er nicht das nationalstaatliche Erbe, sondern die traditionelle Sprachenvielfalt europäischer Städte wie Prag oder Vilnius zum Modell erhebt. Multilingualismus nach dem Schema „Muttersprache plus Englisch” (wie die Erasmus-Praxis aussehe) reiche nicht mehr.

Der Band schließt mit einem Beitrag von Hans-Jürgen Lüsebrink, der daran erinnert, dass interkulturelle Kommunikation und interkulturelles Lernen vielfach von Medien, konkret in Spielfilmen präsentiert werden, z.B. die Auseinandersetzung zwischen Besatzungsmacht und Widerstand oder in der Biografie von MigrantInnen.

Diskussion

Der vorliegende Band ist von aktuellen forschungstheoretischen und -politischen Fragen geprägt. Der programmatische Anspruch, den Alltag europäischer Praxis und interkultureller Kommunikation zu betrachten, ist nur zu begrüßen.

Mitunter werden aber Begriffe schlecht erklärt („Vernakularsprache”?) oder falsch angesetzt („Semantik” ist die Lehre von der Bedeutung, nicht die Bedeutung eines Wortes). Anschauliche Beispiele fehlen, sodass wir am Ende kaum wissen, WIE sich die Europäisierung auswirkt, WAS Menschen in einem bestimmten Raum voneinander lernen. Nicht jeder Kontakt hat eine Wirkung.Aus der Tatsache etwa, dass junge Menschen zusammen studieren oder dass ein Film Protagonisten aus verschiedenen Ländern (!) zeigt, wird noch nicht deutlich, wann und wie interkulturelle Kommunikation die Menschen verändert. So bleibt gerade „Interkulturalität” eine Leerformel. Mancher Beitrag ist eher Appell denn Handlungsanleitung (Diskurs statt Dialog?).

Fazit

Der Band ist allen LeserInnen zu empfehlen, die sich mit europawissenschaftlichen Fragen und dem Phänomen „Interkulturalität” befassen wollen und für die theoretischen Fragestellungen selbst anschauliche Praxis beisteuern können.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 12.05.2014 zu: Volker Hinnenkamp, Hans-Wolfgang Platzer (Hrsg.): Interkulturalität und europäische Integration. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-8382-0573-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16550.php, Datum des Zugriffs 22.11.2019.


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