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E. James Lieberman: Otto Rank. Leben und Werk

Cover E. James Lieberman: Otto Rank. Leben und Werk. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2014. 620 Seiten. ISBN 978-3-8379-2362-9. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR, CH: 66,90 sFr.

Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.
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Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch, in zweiter Auflage im selben Jahr erschienen wie die deutschsprachige Erstausgabe des Freud-Rank-Briefwechsels (vgl. meine Rezension) ist auf Deutsch erstmals 1997 im Psychosozial-Verlag erschienen und basiert auf dem 1985 erschienenen US-amerikanischen Original. Wie Vieles hat sich seither in Sachen Rank diesseits und jenseits des Atlantiks verändert! Im Vorwort zur US-Taschenbuchausgabe von 1993 (im Buch wieder gegeben auf den Seiten 13 – 20) zählt James Lieberman auf, wie viele Neuübersetzungen, Neuauflagen und Taschenbuchausgaben zwischen 1985 und 1993 erschienen waren. Mit zeitlicher Verzögerung hat diese Publikationswelle auch den deutschsprachigen Raum erreicht. Ich liste nachstehend alle Rankschen Werke auf, die seit 1997 zumeist erstmals wieder seit den Jahren 1907 – 1933 in ihrem Originalwortlaut publiziert wurden. Man gewinnt dabei zugleich einen ersten Eindruck von der Breite und Tiefe des RankschenSchaffens. Es erschienen

  • 2000 „Kunst und Künstler“ (englischsprachige Erstausgabe 1932),
  • 2006 „Technik der Psychoanalyse Bde. 1 – 3“ (Erstausgaben 1926 – 1931),
  • 2007 „Das Trauma der Geburt“ (Erstausgabe 1924),
  • 2008 „Der Mythos von der Geburt des Helden“ (Erstausgabe 1909),
  • 2008 „Entwicklungsziele der Psychoanalyse“ (zusammen mit Sándor Ferenczi, Erstausgabe 1924),
  • 2010 „Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage“ (Erstausgabe 1912),
  • 2010 Die Don-Juan-Gestalt(Erstausgabe 1922),
  • 2010 „Erziehung und Weltanschauung“ (Erstausgaben 1932/1933),
  • 2010 „Sexualität und Schuldgefühl“ (Erstausgabe 1926; Studien aus den Jahren 1912 – 1923),
  • 2010 „Eine Neurosenanalyse in Träumen“ (Erstausgabe 1924),
  • 2010/2013 „Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforschung“ (Erstausgabe 1919; Studien aus den Jahren 1912 – 1914),
  • 2012 „Der Künstler“ (Erstausgabe 1907),
  • 2013/2014 „Der Doppelgänger“ (Erstausgaben 1914/1925),
  • 2013/2014 Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften (zusammen mit Hanns Sachs; Erstausgabe 1913) und
  • 2014 „Die Lohengrinsage“ (Erstausgabe 1911).

Als eine Kollegin und ich vor über einem Jahrzehnt unsere Artikel über Otto Rank als Inspirator für die Funktionale Schule der Sozialen Arbeit (Ohling & Heekerens, 2004) und Ahnherr der experienziellen Psychotherapie (Heekerens & Ohling, 2005) schrieben, waren mit Ausnahme von „Kunst und Künstler“ die meisten der o.g. Bücher nur als Erstausgaben und diese in speziellen Bibliotheken einzusehen. Das hatte aber auch zuvor schon Marina Leitner aus Salzburg nicht daran gehindert, eine kenntnisreiche und differenzierte Diplomarbeit in Psychologie über „Freud, Rank und die Folgen“ zu schreiben; die Arbeit ist 1998 als Buch erschienen, eine Kurzdarstellung aus dem Jahr 1997 ist im Internet einsehbar (http://www.werkblatt.at/archiv/38Leitner.html). Leitner war eine der Referent(innen) auf der Anfang November 1997 in Heidelberg stattfindenden Tagung „Die Wiederentdeckung Otto Ranks für die Psychoanalyse“, deren Beiträge 1998 als Themenheft der Zeitschrift psychosozial erschienen (Janus, 1998). Wie „normal“ Rank auch für die „offizielle“ Psychoanalyse geworden ist, zeigt folgende Begebenheit: Als am 26. April 2008, fast auf den Tag genau, die 100-Jahr-Feier des ersten internationalen psychoanalytischen Treffens in Salzburg – im selben Hotel wie damals (dem Bristol) – stattfand, da lagen auf dem Büchertisch im Foyer nebeneinander dicht an dicht die Werke von Sigmund Freud, Ferenczi und Rank. Zumindest auf dem Büchertisch war in Salzburg damals wahr geworden, was Lieberman sich bei seinem Heidelberger Vortrag 1997 für „Das Trauma der Geburt“ erhofft hatte: „dass sich dieses Buch nach über einem halben Jahrhundert den Werken von Freud und Ferenczi in der Suche nach dem Verständnis der menschlichen Seele und Gesellschaft wieder zugesellen wird“ (Lieberman, 1998, S. 12).

Autor

E. James Lieberman, Doktor der Medizin und Master of Mental Health war Klinischer Professor des Department of Psychiatry and Behavioral Sciences der George Washington University School of Medicine and Health Science, Washington sowie als Erwachsenen- und Familienpsychiater praktizierend in privater Praxis und am Family Institute, Washington.

Übersetzerin

Anni Pott hat viele Bücher zur Klinischen Psychologie und Psychotherapie aus dem (amerikanischen) Englisch ins Deutsche übersetzt (vgl. etwa http://buch.archinform.net/author/Anni_Pott.htm).

Aufbau und Inhalt

Das Vorwort zur deutschen Ausgabe von 1997 wurde von dem Düsseldorfer Diplom-Psychologen und Gestalttherapeuten Bertram Müller, damals Vorsitzender der von ihm mit begründeten Deutschen Otto Rank Gesellschaft (zwischenzeitlich aufgelöst) geschrieben.

Als Neues Vorwort (für die deutsche Ausgabe aktualisiert) wird das Vorwort des Autors für die US-Taschenbuchausgabe von 1993 wieder gegeben. Dort wird geschildert, dass sich in den USA seit 1984 eine Rank- Renaissance ereignet habe; der Autor fügt Informationen aus zwischenzeitlich verfügbaren Quellen hinzu und rechtfertigt seinen Ansatz, gerade bei einem Psychologen Leben und Werk als ein ineinander greifendes, unlösbares Ganzes anzusehen. Ich teile diese Ansicht und halte es daher für eine große Schwäche der unlängst erschienenen Abraham-Biographie, dass sie nur das Leben, nicht aber das Werk dieses großen deutschen Psychoanalytikers darstellt (vgl. meine Rezension).

Im 1984 verfassten Vorwort zur Originalausgabe beschreibt der Autor, wie er durch Kontakt mit der Washingtoner Otto Rank-Arbeitsgruppe (zwischenzeitlich aufgelöst) mit Ranks Denken und seiner Be- und Verurteilung durch andere bekannt wurde und den Entschluss fasste, zum 100. Geburtstag Ranks ein Buch vorzulegen, das sein Leben und Werk so umfassend, wie es die Datenlage erlaubt, darzustellen. Die Zeit dafür war reif, will ich anfügen. Denn auch im Mainstream der Psychoanalyse hatten sich nachdenkliche und mutige Frauen und Männer daran gemacht, die Geschichte der Psychoanalyse anders zu sehen als so, wie sie Ernest Jones in seiner gleichsam „amtlichen“ Freud-Biographie (1953 – 1957) gezeichnet hatte. Auf der Jahresversammlung der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung 1982 hatte Johannes Cremerius den von Jones ebenso wie Rank zum Psychopathen abgestempelten Ferenczi, Ranks langjährigen Weg- und Denkgenossen gleichsam rehabilitiert (vgl. meine Rezension)). Die 1980er waren in Sachen Rank und Ferenczi gleichermaßen eine Zeitenwende, die sich jenseits wie diesseits des Atlantiks ereignete.

Die Danksagung führt Bibliotheken, Organisationen und einzelne Personen (darunter viele, die Rank zu Lebzeiten kannten) auf, die mit Informationen, Ideen und konkreten Hilfestellungen das Buch ermöglichten. Genannt werden auch Schwierigkeiten und unüberwindbare Hindernisse beim Zugang zu bedeutsamen Quellen (darunter solchen in den Sigmund Freud Archives).

Die Einleitung: Jenseits der Freudschen Psychologie lässt wie in einer Opernouvertüre den Tenor des Buches, hervorstechende Merkmale darin vorkommender bedeutsamer Personen sowie wesentliche Elemente (Lesarten des Ödipus-Mythos, die Verleumdung Ranks und dessen Revival, seine Person und sein Werk als Einheit, sein Gang an und über Grenzen – psychotherapietheoretische, behandlungspraktische und auch geographische) anklingen.

In Kapitel 1: Ein jugendliches Tagebuch werden die ersten 20 Lebensjahre des 1884 in „kleine Verhältnisse“ hinein und in einem Wiener Außenbezirk jenseits des Donaukanals (nahe der Prater-Gegend) geborenen Otto Rosenfeld dargestellt. Da sehen wir einen Jungen, der, weil das Geld zur akademischen Ausbildung nicht reicht, eine Maschinenschlosserlehre macht, anschließend für einen Hungerlohn in einer Wiener Maschinenfabrik arbeitet, aber noch vor 20 ein Tagebuch voller tiefer Selbstreflexion schreibt, sich zunehmend als Künstler begreift, in Theater und Konzerte geht und Philosophen liest: Arthur Schopenhauer etwa („Wille zum Leben“) oder Friedrich Nietzsche („Wille zur Macht“) oder Otto Weiniger („Wille zum Wert“). Der Hausarzt der Familie ist ein gewisser Alfred Adler, der seit 1902 an Freuds Mittwochsgesellschaft (oder: Kleine Vereinigung) teilnimmt; Rank selbst aber muss sich erst noch auf dem Weg zu Freud machen.

Kapitel 2: Selbstgeschaffene Seele betrachtet die Jahre 1904/1905. In der Zeit hat Rank erstmals die fünf Jahre zuvor erschienene Freudsche „Traumdeutung“ (ein Exemplar hat er sich mal bei Adler ausgeliehen) und dessen soeben erschienenen „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ gelesen. Aber: Rank, der später der, weil ohne ärztliche Ausbildung, erste „Laien-Analytiker“ werden sollte, las beide Bücher mit anderen Augen als die meisten ersten Freud-Schüler; die waren in der Regel Ärzte. Und er las insbesondere die „Traumdeutung“ mit den Augen des jungen Mannes, der sich mit „Der Künstler“ (in durch Freudsche Gedanken veränderter Form publiziert 1907) einen eigenständigen Standpunkt geschaffen hatte; in der Rankschen Tradition wird die Arbeit mit Träumen anders aussehen als in der Freudschen – und das hat hier seinen Anfang.

Das 3. Kapitel: Sigmund Freud bietet eine Skizze der Entwicklung Freuds und der jungen Psychoanalyse bis zur Etablierung der Mittwochsgesellschaft“. In zwei Punkten unterscheidet sich diese Darstellung von den meisten Freud-Biographien (insb. der Jones´). Zum einen wird berichtet, dass und wie Rank Freud „analysierte“, d.h. deutete, und zum anderen hebt der Autor hervor, dass die später immer deutlicher zutage tretende Tendenz vieler Psychoanalytiker(innen), Andersdenkende mit psychopathologischen Etiketten zu versehen, auf Freud selbst zurück geht und von diesem schon früh praktiziert wurde.

Die in Kapitel 4 betrachtete „Kleine Vereinigung“, die schon mehrfach genannte Mittwochsgesellschaft wurde 1902 auf Anregung Wilhelm Stekels von Freud in seinem Haus eingerichtet und von ihm 1907 beendet, um einer Vereinigung mit stärkerer Verbindlichkeit und höherem Organisationsgrad Platz zu schaffen. Rank, seit 1905 Freuds Sekretär protokolliert ab 1906 die Gespräche der Mittwochsgesellschaft; sie sind die ersten Aufzeichnungen der psychoanalytischen Bewegung. Vollwertiges Mitglied der Mittwochsgesellschaft wird Rank aber erst durch eine Reifeprüfung: Vortrag vor der Mittwochsgesellschaft und Diskussion mit dessen Mitgliedern. Zu Ranks Schriften gibt es das durchaus zutreffende Urteil, es sei durchzogen von „darstellungsökonomischen Mängeln“ (Ungern-Sternberg, 1998, S. 14), die eine „beachtliche Rezeptionsblockade“ (ebd.) darstellten. Das ist dem scharfen Blick des Gastgebers der Mittwochsgesellschaft nicht entgangen. Zu einem Rankschen Vortrag merkt er an: „Zunächst einmal verstehen Sie es nicht, sich einzuschränken und das ganze Thema scharf zu begrenzen… Ein zweiter Fehler ist, daß Sie es nicht verstehen, Ihre Erkenntnisse und Resultate zu demonstrieren; es genügt Ihnen, wenn Sie die Sache selbst begreifen.“ (S. 129) In den hier betrachteten Zeitraum fällt die erste Begegnung zwischen Freud und Carl G. Jung sowie Ranks Arbeit an „Der Mythus von der Geburt des Helden“ (1909).

Im 5. Kapitel: Die psychoanalytische Bewegung werden die Jahre 1907 – 1911 betrachtet. Es sind Jahre der Institutionalisierung, Internationalisierung und Professionalisierung der Psychoanalyse. 1908, zwei Jahre vor der offiziellen Gründung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV) als Verein, wurde die „Kleine Vereinigung“ durch eine Organisation(sform) ersetzt, die wesentliche Züge der späteren WPV trug, weshalb als Gründungsjahr der WPV oft 1908 angegeben wird. Im selben Jahr fand in Salzburg der (heute so bezeichnete) 1. Internationale Psychoanalytische Kongress statt, 1909 wird Freud (neben Jung) an die junge, aber schon renommierte Clark University zu Vorträgen eingeladen und erhielt dort die Ehrendoktorwürde und 1910 wird die Internationale Psychoanalytische Vereinigung (IPV) gegründet. In deren erstem Präsidenten Jung, ein „offizieller Psychiater“ und „Nichtjude“, so sein Anforderungsprofil des Führers der IPV, sieht Freud den Mann, der der Psychoanalyse zu akademischem Ansehen verhelfen und sie vor dem Verdikt des „jüdischen Sektierertums“ bewahren soll. Hat die junge psychoanalytische Bewegung hier personalen Zugewinn, so auf der anderen Seite Verlust: Alfred Adler wird von Freud theoretischer Differenzen wegen aus der WPV gedrängt, zahlreiche Anhänger folgen ihm. In jenen Jahren werden in der WPV (ausweislich deren Protokolle, einer der wichtigsten Quellen für Ranks Wiener Jahre) Themen diskutiert, die Rank, der in dieser Periode erstmals als klinischer Psychoanalytiker in Erscheinung tritt, später in der für ihn typischen Art und Weise ausgestalten sollte: (Gegen-)Übertragung, Terminierung der Therapie („aktive Therapie“) und Bedeutung des Geburtsaktes.

Kapitel 6: Krieg und Heirat behandelt die Jahre 1911 – 1919. Es sind die Jahre der – auch hier wegen theoretischer Differenzen bedingten – Trennung von Freud und Jung, in deren Gefolge 1912/13 das (Geheime) Komitee gegründet wurde, eine neben den offiziellen und demokratisch legitimierten Institutionen der frühen psychoanalytischen Bewegung bestehende und einflussreiche Geheimorganisation (mit allen dafür typischen Merkmalen). Während des 1. Weltkriegs lief die psychoanalytische Druckpresse langsamer, kam aber nie zum Stillstand. Treffen des Komitees aber können nicht stattfinden: Jones (London) gehört zum „Feind“, Karl Abraham (Berlin) und Ferenczi (Budapest) dienen als Militärärzte, Rank ist zur Mitarbeit an einer Zeitschrift in Krakau verpflichtet – wo er seine erste Ehefrau Beate (geb. Mincer) kennen lernt, die er gegen Kriegsende (nach jüdischem! Ritus) heiratet und mit ihr schon 1919 eine Tochter Helene, sein einziges Kind, bekommt. Nach dem Krieg arbeitet Rank als Analytiker, Redakteur („Imago“, „Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse“), Verleger (Internationaler Psychoanalytischer Verlag) und „Ausbildungsleiter für angehende Analytiker, die nach Wien kamen, und zwar meistenteils aus den Vereinigten Staaten“ (S. 222). Als psychoanalytischer Schriftsteller tritt er 1911 mit „Die Lohengrinsage“ (damit wurde er 1912 von der Universität Wien promoviert), 1912 mit „Das Inzestmotiv in Sage und Dichtung“ sowie 1914 mit zwei Kapiteln in der vierten Auflage von Freuds „Traumdeutung“ in Erscheinung.

In diesem Abschnitt findet sich eine Tagebuchnotiz Lou Andreas-Salomés über ein Treffen der WPV, auf dem Rank über Königsmörder referierte und Freud ihr auf ein Blatt notiert haben soll: „R. erledigt den negativen Teil seiner Sohnesliebe durch dies Interesse für die Psychologie der Königmörder, darum ist er so anhänglich.“ (S. 206) Man darf diese Bemerkung wohl so verstehen, dass Freuds damalige Zuneigung zu Rank echt war – aber eben auch schon geprägt durch die Erfahrung von Adlers und Jungs „Abfall“.

In Kapitel 7: Das Komitee nimmt dessen Darstellung den größten Raum ein; seine Mitglieder werden vorgestellt und Konflikte im Komitee, die meist London und Berlin auf der einen sowie Wien (einschließlich Freud selbst) und Budapest auf der anderen Seite sowie als bedeutsamste Kontrahenten Jones und Rank sehen, skizziert. Die Darstellung des Kapitels endet mit dem Vorabend des Erscheinens von „Das Trauma der Geburt“ (Rank, 1924) und „Entwicklungsziele der Psychoanalyse“ (Ferenczi & Rank, 1924), beide noch 1923 erschienen (Korrespondenzblatt IZP / IX / 1923 / 553; http://www.luzifer-amor.de/fileadmin/bilder/Downloads/korrespondenzblatt_1910-1941.pdf, S. 523). Kurz vor deren Erscheinen war bei Freud eine (nicht nur) die Komitee-Mitglieder verwirrende lebensbedrohliche Gaumenkrebserkrankung, an der er 15 Jahre später denn auch sterben sollte, diagnostiziert und er deshalb operiert worden.

Ab 1913 korrespondierten die Mitglieder des Komitees in „Rundbriefen“ mit einander. Seit 2006 sind diese publiziert. In seiner Rezension führte der Psychoanalytiker und Psychoanalysehistoriker Bernd Nitzschke aus: „Das zentrale Thema der Rundbriefe stellen vielmehr die latenten – und oft auch manifesten – Eitelkeiten und die dadurch motivierten Streitigkeiten der Männer dar, die sich zusammengefunden haben der ‚Sache‘ zu dienen – und sich dabei anzudienen versuchten. Jeder ‚Sohn‘ hatte die Hoffnung, eines Tages vom ‚Vater‘ auserwählt und als dessen Nachfolger auf den Thron gesetzt zu werden. Daß dies schließlich keiner aus dem Männerbund, sondern eine Frau (Anna Freud) schaffte, kann man als Ironie der Geschichte verstehen – oder als Ausdruck eines ungenügend durchgearbeiteten und deshalb am Ende verwirklichten Kastrationswunschs des Erfinders der Psychoanalyse interpretieren.“ (http://www.werkblatt.at/nitzschke/rez/271.htm)

In einem Rundbrief vom November 1922, als der – über Verlagsangelegenheiten ausgetragene – Konflikt zwischen Jones und Rank auf dem Höhepunkt war, schrieb Freud in einem Rundbrief: „…ich kann es doch nicht unterstützen, wenn irgendwo eine Neigung bestehen sollte, Affekte, die mir gelten, an Rank zum Vorschein zu bringen…“ (S. 252-253). Kann, muss, ja soll man den Hass (das scheint mir eine angemessene Bezeichnung), mit dem Jones Rank selbst über dessen Tod hinaus verfolgte, nicht, nicht überwiegend oder zumindest nicht auch verstanden werden dürfen als Fortsetzung jener von Freud diagnostizierten Affektumleitung? Jones hatte allen Grund, Freud selbst nicht anzugreifen: Der zum Freud-Retter Stilisierte und als Freud-Biograph Autorisierte wäre ohne Freud nichts gewesen; da verhielt es sich mit Rank anders. Und Grund, Freud zu hassen, hatte Jones allemal: Freud hat ihn nicht nur in Sachpunkten wie der Laien-Analyse oder der Zulassung von Homosexuellen zum Analytiker öffentlich als Erzkonservativen entblößt, er hat ihn auch immer wieder persönlich zurück gesetzt – zuletzt, als alle männlichen Konkurrenten schon ausgeschieden, hinter seine Tochter Anna.

Kapitel 8: Aktive Therapie und „Das Trauma der Geburt“ betrachtet hauptsächlich die erste Hälfte des Jahres 1924. Zu der Zeit zeigen sich erste Risse in der Beziehung zwischen Freud und Rank und tiefe Gräben im Komitee. Beide Prozesse sind nicht unabhängig von einander und sie rühren von Kräften jenseits bloßer Auffassungs- und Meinungsunterschiede her; von den sonstigen Gründen seien nur die mit Ende des 1. Weltkriegs einsetzende und später in Kalifornien endende „Westdrift“ der Psychoanalyse und Freuds schwindende Gesundheit genannt. Deutlich wird, dass das „Trauma“, und damit zeigt es sich als echtes Geschwister der „Entwicklungsziele“, weniger in theoretischer Hinsicht wirkungsmächtig wurde als in behandlungspraktischer. Erst Anfang der 1920er, so sei an dieser Stelle angemerkt, wird über die psychoanalytische Behandlungstechnik öffentlich gesprochen (vgl. Leitner, 2001).

Kapitel 9, die Jahre 1924 – 1926 betrachtend, ist mit Der Bruch mit Freud nur zur Hälfte charakterisiert. Die andere – damit verwobene Hälfte – müsste man mit “Ranks Debüt in den USA“ überschreiben; 1924/25 unternahm er gleich drei USA-Reisen. Das Wort „Bruch“ ist eine irreführende Metapher; es suggeriert die Vorstellung von einer einzigen heftigen Krafteinwirkung und einem schlagartigen Resultat mit klaren Kanten. Die Trennung zwischen Rank und Freud war anders: langwierig, mit Hin-und-Her, mit allem Seelendrama, mit Trennung, Versöhnung und erneuter Trennung. Unter welchen seelischen Schmerzen sich ein anderer Freud-Jünger frei machte, ist in Ferenczis „Klinischem Tagebuch“ nachzulesen.

In Kapitel 10: Unabhängigkeit werden die Jahre 1926 – 1930 betrachtet, Jahre, in denen Rank mit seiner Frau und Tochter in Paris lebt, wichtige Bücher (fort)schreibt und als Psychotherapeut arbeitet, in denen er aber immer wieder in die USA fährt: zu Vorträgen, psychotherapeutischer Tätigkeit (v.a. in New York) und Lehrtätigkeit an der New York School of Social Work auf Einladung seiner früheren Analysandin Marion Kenworthy und der Pennsylvania School of Social and Health Work (ab 1934 Pennsylvania School of Social Work; künftig „Penn“) durch Vermittlung von Jessie Taft, einer früheren Analysandin, mit der er bald ein freundschaftliches und kollegiales Verhältnis entwickeln sollte, dem die Soziale Arbeit wichtige und bis heute bedeutsame Impulse verdankt (ausf. Müller, 2012; vgl. meine Rezension). Nicht erhalten konnte sich Ranks Einfluss auf die Psychiatrie; hier schob das psychoanalytische Establishment der USA 1930 einen eisernen Riegel vor. Zu den wesentlichen Werken, die in dieser Zeit geschrieben und veröffentlicht wurden, gehören die drei Bände „Technik der Psychoanalyse“ und die drei Bände „Grundzüge einer genetischen Psychologie auf Grund der Psychoanalyse der Ichstruktur“ (deren dritter Band erst 1931 veröffentlicht wurde). In jener Zeit vollendet wurde auch das Manuskript von „Kunst und Künstler“, das zuerst aber 1932 in englischer Übersetzung publiziert wurde (die Veröffentlichung des deutschen Originalmanuskripts erfolgte erst im Jahre 2000!).

Auch wenn Rank im Titel der „Grundzüge“ noch das Wort „Psychoanalyse“ verwendet, so hat er doch ein Verständnis von Psychoanalyse, wie es in den zwanziger und dreißiger Jahren vorherrschend und mit Herrschaftsanspruch auftretend war, bereits weit hinter sich gelassen. Er streift das Alte ab. Das geht bei ihm so weit, dass er im Mai 1930 auf einem großen internationalen Kongress für Psychohygiene öffentlich und angesichts seiner Gegner, die im Auditorium sitzen, erklärt: „Ich bin kein Psychiater, kein Sozialarbeiter, kein Psychoanalytiker, nicht einmal ein gewöhnlicher Psychologe, und, um Ihnen die Wahrheit zu sagen, ich bin froh darüber.“ (S. 373) Das macht es seinem mächtigsten Gegenspieler in den USA, dem Psychiater und Psychoanalytiker Abraham A. Brill leicht, seine Ausführungen als „ein Zeichen seiner gegenwärtigen Fehlanpassung“ (S. 377), als Symptom seiner psychischen Krankheit, zu verunglimpfen.

Kapitel 11: Die Lebenskunst betrachtet die Jahre 1931 – 1933, Jahre in Paris mit deutlich selteneren USA-Aufenthalten als zuvor. Es ist die Zeit, zu der ein viertel Jahrhundert nach „Der Künstler“ (1907) mit „Art and Artist“ (1932) das Buch erscheint, mit dem Rank einen alten Faden wieder aufnimmt, sich auf der Höhe seines denkerischen Könnens zeigt und weit über das Gebiet der Psychotherapie hinaus bekannt wird. Anais Nin (s.u.) lernt er nur kennen, weil sie das Buch gelesen und mit Henry Miller, der Ranks Patient wird, darüber diskutiert hat. Mit „Art und Artist“ ist nicht nur ein Höhepunkt erreicht, sondern auch eine Wende markiert: Ab jetzt schreibt Rank nur noch Weniges. Der Autor tritt zurück hinter dem Therapeuten und Lehrer. Und außerdem will er jetzt „mehr leben“, sich von Altem trennen (die Trennung von seiner Frau gehört dazu), „sich selbst finden“.

Beim Lesen von Kapitel 12:Anais Nin muss man sich vergegenwärtigen, dass Lieberman bei der Abfassung des Buches (Original: 1985) nicht die erst später „unzensiert“, d.h. vollständig veröffentlichten Pariser Tagebücher 1932 – 1934 von Nin (Original: „Incest“ von 1992) kennen konnte. Die von ihm nach damaligem Kenntnisstand geäußerte Vermutung, Rank und Nin hätten (auch) ein Liebesverhältnis gehabt, ist nach heutigem Kenntnisstand eine Tatsache. Und was für ein Liebesverhältnis es gewesen sein muss, ahnt man bei Nins Worten: „Der Liebhaber in ihm ist der feurigste und bewegendste, den ich jemals kennengelernt habe“ (Nin, 1997, S. 451).

Liest man Nins Tagebucheinträge vom Sommer 1934 parallel mit den zeitgleichen Angaben Tafts (1958) und Ranks („am Ende begeistert über den Erfolg des Sommerseminars„; S. 434) wird deutlich, zwischen welch verschiedenen Welten Rank damals hin und her pendelte. Von Mitte Juli bis Ende August 1934 leitete Rank in der Fondation des Etats Unis in der Cité Universitaire in Paris ein spezielles Seminar, das zum großen Teil von US-amerikanischen Sozialarbeiter(inne)n besucht wurde; auch Taft und ihre Lebenspartnerin und Kollegin Virginia Robinson waren dabei. Während diese eine weite Reise auf sich genommen hatten, weil sie sich weitere Professionalisierung vom Sommer-Institut erwarten durften (Taft, 1958), ging Nin widerwillig – „weil ich keine Analytikerin werden wollte“ – und nur „Rank zuliebe“ dort hin (Tagebucheintrag vom 16. Juli 1934; Nin, 1997, S. 411). Im Tagebucheintrag vom 23. Juli 1934 ist zu lesen: „Seminar bringt nichts ein“ (Nin, 1997, S. 414), und zuvor hatte sie am 16. Juli 1934 notiert: „Die Diskussionen sind pragmatisch, stumpfsinnig, wie alle amerikanischen Fachgespräche. Für Ideen interessieren sie sich nicht.“ (Nin, 1997, S. 412)

Von Nin, die Rank 1934 auch nach New York folgte, und dem Sommer-Seminar handeln lange Passagen des Buches. Daneben auch von seiner verstärkten Tätigkeit in der Ausbildung von Sozialarbeiter(inne)n an der US-amerikanischen Ostküste mit Schwerpunkt an der „Penn“. Rank versicherte auf An- und Nachfragen, „daß die Pennsylvania School keine Laienanalytiker ausbildete, sondern bestrebt war, die psychologischen Fertigkeiten der Sozialarbeiter zu verbessern“ (S. 437).

Kapitel 13: Der Wille behandelt die letzten Jahre Ranks. Es sind die Jahre mit Estelle Buel, die er in Paris kennen gelernt hatte, mit der er seine US-amerikanischen Jahre verbringt und im letzten viertel Jahr seines Lebens verheiratet war. Es ist die Zeit, in der Kalifornien das Ziel seiner langen (Lebens-)Reise wird, ohne dass er es je erreichen wird; seine „Erben im Geiste“, Carl Rogers und Fritz Perls werden dort ein viertel Jahrhundert später Psychotherapiegeschichte schreiben (vgl. Heekerens & Ohling, 2005). Und es sind die Jahre, in denen er seinen Einfluss auf die Soziale Arbeit, genauer: die Soziale Einzel(fall)hilfe (Social Casework) und die Erziehungsberatung (Child Guidance) festigt (vgl. Ohling & Heekerens, 2004). 1936 erscheinen die dreibändigen „Grundzüge“, von Taft übersetzt, in New York in einem Band unter dem Titel „Truth and Reality“ und die Bände II und III der „Technik der Psychoanalyse“ in dem Buch „Will Therapy“. Beide Titel bringen im Unterschied zu den Originaltiteln schlagwortartig zum Ausdruck, worin sich Rank von Freud grundlegend unterscheidet („Truth and Reality“) und was den Kern der Rankschen (Therapie-)Theorie ausmacht („Will Therapy“).

Der Epilog, Kapitel 14 zeigt an Hand der Nachrufe, wie gespalten die Einschätzung Ranks nach seinem Tod bleibt. Auch der weitere Verlauf der Nachgeschichte spiegelt die Verschiedenheit wieder. Deutlich wird aber auch, dass Rank, oft ohne dass sein Name genannt würde, in den Ideen vieler Psychotherapeut(inn)en, auch solchen, die als „offizielle“ Psychoanalytiker(innen) gelten, fortlebte und weiter entwickelt wurde.

Im Anhang finden sich Veröffentlichungsgenehmigungen, ein Verzeichnis der 35 Abbildungen in der Buchmitte, eine Rank-Genealogie, eine Darstellung der Freud-Familie im Jahr 1905, ein Stadtplan Wiens zu Freuds und Ranks Zeiten, eine bio-bibliographische Gegenüberstellung von Freud und Rank sowie eine Auflistung der psychoanalytischen Kongresse und Zeitschriften zu Ranks Zeiten.

Es folgen die nach Kapiteln nummerierten und für die deutsche Ausgabe modifizierten zahl- und umfangreichen Anmerkungen, eine für die deutsche (Erst-)Ausgabe aktualisierte zweiteilige Bibliographie (Ranks Werke sowie eine allgemeine Bibliographie) sowie ein umfangreiches und detailliertes Personen- und Sach-Register.

Diskussion

Zu der vom Autor im 14. Kapitel betrachteten Nachgeschichte gehört auch, wie Rank in der 1953 - 1957 veröffentlichten dreibändigen Freud-Biographie von Jones, dem damals mächtigsten Psychoanalytiker der Welt, charakterisiert wurde. Was Rank nach seiner Trennung von Freud anbelangt, so wird er zusammen mit seinem früheren Weggefährten Ferenczi postum in die Irrenanstalt eingewiesen: „Bei beiden entwickelten sich psychotische Erscheinungen, die sich unter anderem darin äußerten, daß sie sich von Freud und seinen Lehren abwandten.“ (Jones, 1984, S. 62; englischsprachiges Original 1957) So konnte man es 1984 in der dtv-Ausgabe von Jones´ Freud-Biographie lesen – und nur ein Jahr später erschien das amerikanische Original des vorliegenden Buches! Man ahnt, gegen welchen (Un-)Geist Lieberman damals anschrieb. Es ist sein bleibender Verdienst, Rank mit seinem Werk das Denkmal gesetzt zu haben, das diesem Mann gebührt.

Es gibt in diesem Buch Weniges, dem aus sachlichen Gründen zu widersprechen wäre, und selbst wenn man hie und da Fehler findet und anderer Meinung sein darf, so ändert das wenig an dem Gesamtbild, das hier von Ranks Leben und Werk gezeichnet wird, und schmälert nicht die Leistung, die Lieberman mit diesem Buch vollbracht hat. Mit diesen Worten im Hinterkopf möge man die nachfolgenden kritischen Anmerkungen lesen, deren Sinn und Zweck darin besteht, dem Buch noch mehr die Klarheit zu geben, die es verdient.

Da heißt es im Bericht über den Budapester Kongress von 1918 beispielsweise: „Angesichts des bevorstehenden Endes des Krieges und des österreichisch-ungarischen Reiches waren die Teilnehmer des Fünften Internationalen Psychoanalytischen Kongresses bester Stimmung.“ (219) Die Teilnehmer waren fast ausnahmslos Österreicher, Ungarn oder Deutsche! Es fällt schwer, dem Autor so viel Wirklichkeitsverkennung, wie sie aus dem Satz spricht, zu unterstellen; möglicherweise liegt hier ein Übersetzungsfehler oder ein Druckfehler vor. Sinnlos erscheint auch der Satz: „Biologische und soziale Ganzheit hingegen sei ohne ‚durch die positive Gefühlsbeziehung der Liebe‘ erreicht werden – das war für Rank die eigentliche Aufgabe der Psychotherapie.“ (S. 362)

Und dann gibt es sachlich Unzutreffendes. Als falsch muss man Brills Kennzeichnungs als „ungarisch-amerikanischer Psychiater“ (S. 163) ansehen. Brill, einer der frühesten und aktivsten Exponenten der Psychoanalyse in den USA, geboren 1874 im heute zu Polen, damals zu Österreich gehörenden Teil Galiziens, emigrierte von dort – wie viele andere – als Jugendlicher alleine und ohne Vermögen in die USA. Aus Galizien stammen viele Psychoanalytiker selbst oder deren Vorfahren. Auf S. 165 erklärt der Autor, der Begriff „Dementia präcox“ sei von Eugen Bleuler 1911 durch den der „Schizophrenie“ ersetzt worden. Diese Datierung ist falsch. Der Begriff „Schizophrenie“ wurde von Bleuler am 24. April 1908 in Berlin auf einer Sitzung des Deutschen Vereins für Psychiatrie erstmals öffentlich vorgestellt (http://ajp.psychiatryonline.org/article.aspx?articleID=100311). Im selben Jahr veröffentlichte Bleuler den Artikel „Die Prognose der Dementia praecox (Schizophreniegruppe)“ in der „Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie und psychischgerichtliche Medizin“. Tatsächlich aus dem Jahr 1911 stammt Bleulers Buch „Dementia praecox oder die Gruppe der Schizophrenien„; aber da war die deutschsprachige Psychiatrie – und auch viele USA-amerikanischen Psychiater konnten Deutsch – schon seit drei Jahren über „Schizophrenie“ informiert.

Auf S. 182 schreibt der Autor: „Der zweite Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) fand am 30. März 1910 in Nürnberg statt.“ Dieses Nürnberger Treffen vom 30./31.3.1910 kann man sicher als 2. Internationalen Psychoanalytischen Kongresses bezeichnen – nicht den der IPV. Die nämlich wurde, was der Autor nicht erwähnt, eben dort erst gegründet!

Im o. g. Bericht über den Budapester Kongress, der noch vor dem Zusammenbruch der k. u. k. Monarchie stattfand, findet sich die Notiz „Ferenczi erhielt einen Ruf, an der Universität Vorlesungen über Psychoanalyse zu halten“ (S. 219). Die Vorstellung, Ferenczi könnte zu k. u. k. Zeiten einen solchen Ruf erhalten haben, verkennt sowohl Ferenczi als auch das k. u. k. System. Erst als der Krieg zu Ende war, die k. u. k. Monarchie ihr (wohl verdientes) Ende gefunden hatte, Ungarn ein politisch eigenständiger Staat war und die „Asternrevolution“ vom Spätjahr 1918 eine linksliberale Regierung unter der Führung des „roten Grafen“ Mihály Károlyi an die Macht gebracht hatte, war es so weit. Jetzt wurde Ferenczi (wohl) Anfang 1919 über eine Studentenpetition zum Professor (bzw. zu einer der ordentlichen Professur gleichwertigen Stellung) für Psychoanalyse an der Universität Budapest berufen; die erste Professur für Psychoanalyse und für lange Jahre die einzige. Die im März 1919 an die Macht gekommene Räteregierung bestätigt die Berufung, die aber 1920 nach der Machtergreifung des präfaschistischen Regimes Miklós Horthys sogleich annulliert wurde.

Und da wir schon beim 1. Weltkrieg sind: Über die damalige geopolitische Lage Krakaus, wo Rank Dienst leisten musste, sagt der Autor, es habe „damals am östlichsten Zipfel des Habsburgerreiches“ (S. 216) gelegen. Oh nein, bis zum „östlichsten Zipfel“, noch hinter Lemberg (Lwiw, heute Ukraine) gelegen, waren es noch mehr als 400 km Luftlinie. Und dort, im östlichen Teil Galiziens fanden die für die k. u. k. Armeen mit schweren Verlusten verbundenen Kämpfen mit Russland statt. Lemberg war Front, Krakau Etappe.

Zu der noch vor Kriegsausbruch stattfindenden Gründung des Komitees liest man auf S. 208: „Jones hatte als erster die Idee, einen geheimen inneren Kreis zu bilden…“ Damit übernimmt der Autor die vom psychoanalytischen Mainstream unter Verweis auf eine dahin gehende Aussage Freuds lange unkritisch tradierte Darstellung. Die Wahrheit ist: Die Idee stammt von Ferenczi, Jones aber hat sie selbst später für sich reklamiert (vgl. Zienert-Eilts, 2013, S. 131). So baut man sich, wenn der eine Kronprinz (Jung) von der Erbfolge ausgeschlossen ist, als der nächster (auch Jones war „Nichtjude“ und „offizieller Psychiater“) auf. Und Jones´ Rechnung sollte aufgehen.

Um beim 6. Kapitel zu bleiben: Es verwundert bei einem Autor, der nicht müde wird aufzuzeigen, wie sehr Rank zumindest bis Ende des letzten Jahrhunderts verkannt, unterschätzt und totgeschwiegen wird, dass er zu Ranks (Dissertations-)Schrift „Die Lohengrinsage“ (1911) nicht anmerkt, (auch) bezüglich dieser Schrift würde Rank Unrecht getan. Bis heute wird die Ehre, auf dem Gebiet der psychoanalytischen Literaturwissenschaft Pionierarbeit geleistet zu haben nicht ihm, sondern – und zwar ohne dass er als möglicher „Mitpionier“ überhaupt genannt würde – Theodor Reik zuteil. Ich zitiere zur Demonstration aus den englisch- und deutschsprachigen Wikipedia-Artikeln beim Stand vom 1. August 2014: Da heißt es, Reik Dissertation „was the first psychoanalytic dissertation ever written“ (http://en.wikipedia.org/wiki/Theodor_Reik) und seine (Dissertations-)Schrift „Flaubert und seine ‚Versuchung der heiligen Antonius‘. Ein Beitrag zur Künstlerpsychologie“ sei „die erste auf psychoanalytischer Grundlage stehende literaturkritische Studie“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Reik). Rank wie Reik wurden 1912 an der Universität Wien promoviert, Ranks Buch wurde schon 1911 publiziert – und zwar als 13. Heft der von Freud herausgegebenen „Schriften zur Angewandten Seelenkunde“. Das von Reik aber erst 1912 - bei Bruns in Minden, damals bekannt für sein belletristisches Programm. Man kann sich über beide Bücher übrigens leicht sein eigenes Urteil bilden; die International Psychoanalytic University Berlin hat sie im Internet zugänglich gemacht (https://archive.org/details/SzaS_13_Rank_1911_Die_Lohengrinsage bzw. https://archive.org/details/Reik_1912_Flaubert_k).

In einem späteren Kapitel bezeichnet der Autor Carolin Newtons als „Laienanalytikerin“ (S. 357). Diese Bezeichnung ist zumindest fragwürdig. Miß Caroline Newton“, wie sie 1924 im Korrespondenzblatt (IZP / X / 1924 / 244; http://www.luzifer-amor.de/fileadmin/bilder/Downloads/korrespondenzblatt_1910-1941.pdf, S. 591) genannt wird, hatte Psychoanalytikerin werden wollen, aber die gänzlich gegen die Laien-Analyse, die Analyse Erwachsener durch Nicht-Ärzte, eingestellte New Yorker Psychoanalytische Vereinigung hatte ihr, die sie seit 1924 Mitglied der WPV war, 1925 die Mitgliedschaft verweigert, worauf hin sie ihren Plan aufgab (ausf. Fallend, 2012). Definitiv falsch ist die Angabe, ihr Vater sei „ein prominenter Psychologe“ (S. 357) gewesen; es gibt nichts, was A. Edward Newton, der als Buchsammler berühmt wurde (http://en.wikipedia.org/wiki/A._Edward_Newton), als „Psychologen“ zu bezeichnen rechtfertigen würde.

Schließlich gibt es Punkte, an denen ich zu anderer Einschätzung komme. Ungerechtfertigt scheint mir folgende Bewertung Nins: „Nin war eine wilde Verführerin, deren Affäre mit Rank ihrerseits durch Lug und Trug charakterisiert war.“ (S. 18) Zu „Lug und Trug“ trägt der Autor keine Belege bei, und angesichts der neuerdings zugänglichen „unzensierten“ Nin-Tagebücher erscheint der Vorwurf nur mehr absurd. Ein zweiter Punkt: Ranks in jungen Jahren erfolgter „Austritt aus dem Judentum“ in die Konfessionslosigkeit und seine Namensänderung von Rosenfeld zu Rank werden vom Autor so gewertet: „Er begann damit, ein anderes Selbst zu schaffen, eine neue Persönlichkeit, sein eigenes Schicksal zu gestalten.“ (S. 51) Diese Interpretation halte ich für übertrieben; eine soziologische Begründung ist der psychologischen vorzuziehen. Was der junge Rank tat, haben in der k. u. k. Monarchie Zehntausende von Juden getan; es ist Teil des Phänomens „Assimilation“. Man denke nur etwa an Freud, der seinen ersten Vornamen Sigismund in den „unauffälligeren“ Sigmund verwandelte und den zweiten, Schlomo, ganz wegließ; an dem konnte man nichts „verbessern“.

In Kapitel 5, wo die Jahre 1907 – 1911 behandelt werden, geschehen zwei Dinge, die nach meiner Meinung vom Autor in ihrer Bedeutung für Ranks späteres Weggehen von Freud und Wien unterschätzt werden. Da ist einmal das Hinausdrängen Adlers, des Hausarztes und väterlichen Freundes, der Rank zur Psychoanalyse gebracht hatte und mit dem er bedeutsame „dissidente“ Vorstellungen teilt; Rank hat hier zwar nicht am eigenen Leib, aber in Leibesnähe miterlebt, wie selbst ein verdienter und hochrangiger Psychoanalytiker von Freud verstoßen werden konnte, falls dessen eigenständiges Denken von Freud nicht als „Fortentwicklung“, sondern als „Abweichung“ gedeutet wurde. Ab jetzt konnte und musste Rank wissen, welches Risiko er selbst eingeht und in welche Gefahr er sich begibt. Und da ist dann zweitens Freuds Beziehung zu Jung, deren emotionale Tiefe und Intensität vom Autor unterschätzt wird - offensichtlich, weil er zu wenig von Freuds „homoerotischen Verstrickung mit Jung“ (Zienert-Eilts, 2013, S. 88) wusste. Stellt man diese in Rechnung, darf man annehmen, Rank habe damals die Erfahrung gemacht, er sei nicht der einzige „Lieblingsjünger“ Freuds, ja ein ersetzbarer.

Und auch in einem weiteren Punkte komme ich zu einer anderen Einschätzung. Drei Tage nach seinem Berliner „Schizophrenie„-Vortrag sitzt Bleuler im Auditorium des Salzburger Kongresses. Das kann schwerlich am „Ostersonntag 1908“ gewesen sein; der nämlich fiel damals nach römisch-katholischer Zählung – und für Salzburg zählt nur die – auf den 19.4. (http://www.maa.mhn.de/StarDate/feiertage.html), der Kongress aber fand ausweislich des „Programm(s) für die Zusammenkunft in Salzburg“ am 26. (Anreise) und 27. (Vorträge) statt. Wichtiger aber: Der Autor hat offenbar keine Vorstellung davon, dass auf dem damaligen Kongress für Freud Bleuler, dessen Anwesenheit vom Autor nicht einmal erwähnt wird, die wichtigste Person war. So aber sieht es der auch von Lieberman hoch geschätzte Psychoanalyse-Historiker Ernst Falzeder: „Für Freud war Bleuler von unschätzbarem Wert in seiner Absicht, in etablierten akademischen Kreisen anerkannt zu werden, einen Fuß in die Tür der deutschsprachigen Psychiatrie zu gewinnen, ja die Psychiatrie zu ‚erobern‘, wie er an Bleuler schrieb (…), sowie die ‚Gefahr‘ von der Psychoanalyse abzuwenden, ‚eine jüdisch nationale Angelegenheit zu werden‘ (…).“ (Falzeder, 2008)

Ein Letztes. Zu der Bemerkung „Sándor Ferenczi, der nach Rank sein (Freuds; d. Verf.) Lieblingsschüler war“ (S. 97) muss man fragen: Wer will dies mit der Gewissheit, die die historische Forschung einer Tatsachenbehauptung als Forderung auferlegt, denn eigentlich wissen? Freuds Äußerungen selbst bieten keinen festen Grund. Er hat doch, wie der Autor selbst an anderer Stelle schreibt, die Konkurrenz unter seinen Schülern fortlaufend geschürt (divide et impera!); eindrucksvoll hat das zuletzt Karin Zienert-Eilts (2013) in ihrer Abraham-Biographie gezeigt. Ist denn nicht eine „Rangreihung im Lieblingsschülerstatus“ – wenngleich unbeabsichtigt – die Fortsetzung jenes Freudschen Stils. Man sollte Rank und Ferenzci in ihrer Freundschaft und Verbundenheit sehen, in die Freud erst (1924/25) den Keil trieb, um sie später wieder darin zu vereinen, dass er sie beide, zuerst Rank, später Ferenczi verdammte. Zu Zeiten, als dieses Verdammungsurteil noch zum festen Bestandteil des psychoanalytischen Mainstreams gehörte charakterisierte Erich Fromm die beiden im Jahre 1955 als „die beiden einzigen produktiven und einfallsreichen Jünger aus der ursprünglichen Gruppe, die nach Adlers und Jungs Abfall geblieben waren (Fromm, 1984, S. 116). Und beide haben - gleichermaßen und ohne, dass ihre Spuren sauber zu unterscheiden wären -ihre Fußabdrücke hinterlassen sowohl in der modernen Psychoanalyse wie in der Experienziellen Psychotherapie (Heekerens & Ohling, 2005).

Fazit

Das vorliegende Buch empfiehlt sich allen zur Lektüre, die an Psychotherapie und ihrer Geschichte interessiert sind. In Bibliotheken hochschulischer Ausbildungsstätten in Klinischer Psychologie, Klinischer Sozialarbeit und Sozialer Arbeit sollte es nicht fehlen. Sozialarbeiter(innen), die verstehen wollen, was an psychologischem und psychotherapeutischem Erfahrungs- und Gedankengut hinter der „Funktionalen Schule“ des Sozialen Casework (ausf. Müller, 2012) steht, kommen ohne das vorliegende Buch nicht aus.

Ergänzende Literaturnachweise

  • Falland, K. (2012). Caroline Newton, Jessie Taft, Virginia Robinson: Spurensuche in der Geschichte der Psychoanalyse und Sozialarbeit. Wien: Löcker.
  • Falzeder, E. (2008). Die geplante Eroberung der Psychiatrie. Das Burghölzli und Freud. Vortrag, gehalten am Treffen „Aus den Anfängen der Institutionalisierung der Psychoanalyse“ aus Anlaß der 100-Jahr-Feier des ersten internationalen psychoanalytischen Treffens Salzburg, Hotel Bristol, 26. April 2008 (das Ms kann beim Rezensenten angefordert werden).
  • Fromm, E. (1984). Das Christusdogma und andere Essays. München: dtv (englischsprachiges Original: 1955).
  • Heekerens, H.-P. & Ohling, M. (2005). Am Anfang war Otto Rank: 80 Jahre Experienzielle Therapie. IntegrativeTherapie, 31, 276-293 (kann als pdf-Datei vom Rezensenten angefordert werden).
  • Janus, L. (Hrsg.) (1998). Die Wiederentdeckung Otto Ranks für die Psychoanalyse. psychosozial, 21(3).
  • Jones, E. (1984). Sigmund Freud: Leben und Werk Bd. III. München: dtv (englischsprachiges Original 1957).
  • Leitner, M. (1998). Freud, Rank und die Folgen. Ein Schlüsselkonflikt für die Psychoanalyse. Wien: Turia + Kant.
  • Leitner, M. (2001). Ein gut gehütetes Geheimnis. Die Geschichte der psychoanalytischen Behandlungs-Technik von den Anfängen in Wien bis zur Gründung der Berliner Poliklinik im Jahr 1920. Giessen: Psychosozial- Verlag.
  • Lieberman, E. J.(1998). Über „Das Trauma der Geburt“. In L. Janus (Hrsg.), Die Wiederentdeckung Otto Ranks für die Psychoanalyse. Psychosozial, 73, 9-12.
  • Müller, B. (2012). Professionell helfen: Was das ist und wie man das lernt. Die Aktualität einer vergessenen Tradition Sozialer Arbeit. Ibbenbüren: Münstermann.
  • Nin, A. (1997). Trunken vor Liebe – Intime Geständnisse, Bern – München – Wien: Scherz (Original 1992).
  • Ohling, M. & Heekerens, H.-P. (2004). Otto Rank und die Soziale Arbeit. neue praxis, 34, 355-370 (kann als pdf-Datei vom Rezensenten angefordert werden).
  • Taft, J. (1958). Otto Rank. New York: The Julian Press.
  • Ungern-Sternberg, W. v. (1998). Otto Rank in seiner Wiener Zeit zwischen Psychoanalyse und Philologie: Eine Problemskizze. In L. Janus (Hrsg.), Die Wiederentdeckung Otto Ranks für die Psychoanalyse. Psychosozial, 73, 13-37.
  • Zienert-Eilts, K. (2013). Karl Abraham. Eine Biografie im Kontext der psychoanalytischen Bewegung. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 10.09.2014 zu: E. James Lieberman: Otto Rank. Leben und Werk. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2014. ISBN 978-3-8379-2362-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16563.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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