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Ursula Bylinski (Hrsg.): Gestaltung individueller Wege in den Beruf

Cover Ursula Bylinski (Hrsg.): Gestaltung individueller Wege in den Beruf. Eine Herausforderung an die pädagogische Professionalität. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2014. 170 Seiten. ISBN 978-3-7639-1165-3. 29,90 EUR.
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Thema

Die Gestaltung des Übergangsprozesses von der allgemeinbildenden Schule in eine berufliche Arbeitstätigkeit über eine Berufsvorbereitung, eine Berufsausbildung und eine „Begleitung“ der Jugendlichen bis zur betrieblichen Integration ist eine entscheidende politische, wissenschaftliche und praxisrelevante Aufgabe der Gesellschaft. Für das Gelingen sind die Menschen entscheidend, die diese Prozesse gestalten sollen und wollen, d. h. die pädagogischen Fachkräfte in den Bildungsinstitutionen mit den dort auch von Menschen gesetzten Rahmenbedingungen. Die hier vorgelegte qualitative Studie beschreibt den Istzustand und die sich ergebenden Anforderungen an die Professionalität des Bildungspersonals bei diesem Übergangsprozess im Rahmen eines entsprechenden Forschungsprojekts des Bundesinstituts für Berufsbildung in Deutschland.

Autorin

Dr. phil. Ursula Bylinski ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundesinstitut für Berufsbildung mit dem Arbeits- und Forschungsbereich: Übergang Schule-Beruf, Professionalisierung sowie berufliche Integrationsförderung/Inklusion.

Entstehungshintergrund

ist ein thematisch entsprechendes BIBB-Forschungsprojekt in mehreren Bundesländern von 2009 bis 2013. Befragt wurden 57 pädagogische Fachkräfte: 11 Lehrkräfte allgemeinbildender Schulen, 14 Lehrkräfte berufsbildender Schulen, 13 sozialpädagogische Fachkräfte, 13 Ausbilder/-innen sowie 6 „sonstige“ Personen (z. B. Geschäftsführer, Schulleiter, Ausbildungsberater). Es wurden Standorte ausgewählt, an denen bereits ein Regionales Übergangsmanagement existiert: Hamburg, Lübeck, Nürnberg, Freiburg, Fürstenwalde sowie die Landkreise Lippe, Offenbach und der Kammerbezirk Südthüringen (27).

Aufbau

Hauptgliederung der Studie nach „Das Wichtigste in Kürze“ (9 ff.):

  1. Individuelle Berufswege und Übergangsgestaltung (15 ff.)
  2. Wandel der Professionalität und Kompetenzen für pädagogisches Übergangshandeln (21 ff.)
  3. Professionalität im Handlungs- und Anforderungskontext der pädagogischen Fachkräfte (35 ff.)
  4. Entwicklung von Kompetenzprofilen (127 ff.)
  5. Handlungsempfehlungen für die Aus-, Fort- und Weiterbildung (139 ff.)
  6. Übergangsgestaltung braucht die Professionalität der pädagogischen Fachkräfte! (145 ff.)

Neben einem ausführlichen Literaturverzeichnis (151 ff.) und einem Anhang (161 ff.) mit fünf Anlagen sowie einem Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen (169) fehlt leider ein Sachregister.

Inhalt

Die Kapitelüberschriften sind die o. g. Hauptgliederungspunkte des Buches (und werden hier nicht noch einmal wiederholt).

Kapitel 1. Die Übergangsgestaltung ist eine bildungspolitische und eine pädagogische Herausforderung. Bildungspolitisch brachten in den letzten Jahren strukturbildende Initiativen durch Programme des Bundes und der Länder „notwendige Veränderungen am Übergang von der Schule in den Beruf und die Arbeitswelt auf den Weg“ (17). Zunehmend wurde deutlich, dass professionelles Handeln aller Akteure der Schlüssel in diesen Veränderungsprozessen ist. Dieser pädagogischen Herausforderung widmet sich daher diese Studie, was kurz erläutert wird. Vor allem ergibt sich die Schlussfolgerung, dass eine Abstimmung des pädagogischen Handelns und eine ressortübergreifende Planung erforderlich sind (19).

Kapitel 2. Die hier beim Entstehungshintergrund der Studie bereits genannten (ersten) vier ausgewählten Gruppen von pädagogischen Fachkräften werden ausführlich analysiert (31 ff.), und zwar im Kontext einer vorher gegebenen Darstellung der Projektziele und Forschungsfragen, der zentralen forschungsleitenden Annahmen sowie der theoretischen Basis der Studie (24 ff.). „Das forschungsmethodische Vorgehen sah qualitative Verfahren der empirischen Sozialforschung vor“ (26, zitiert ohne Hervorhegung). Bei der Beschreibung des methodischen Vorgehens und der Datenauswertung (26 ff.) fällt u. a. auf, wie unpräzise mit dem Begriff „Beruf“ gearbeitet wurde. So können z. B. Lehrkräfte der allgemeinbildenden Schule „am wenigsten auf Erfahrungen einer Berufsausbildung rekurrieren“, andererseits werden berufliche Lehrkräfte als solche mit weitgehend „Doppelqualifikationen … und Erfahrungen in berufsfremden Tätigkeiten“ bezeichnet (33).

Kapitel 3. In diesem umfangsreichsten Kapitel (und in Kapitel 4) werden die Ergebnisse des Projekts vorgestellt – gebündelt in vier Aussagebereichen (so das Planungskonzept – 35 -):

  1. im regionalen Bedingungsgefüge als Handlungsrahmen insbesondere im Netzwerk und der Zusammenarbeit im jeweiligen Netzwerkverständnis der vier Berufsgruppen (35 ff.) und gut zusammengefasst (53): die Eltern haben beim Berufswahlprozess eine bedeutende Rolle, was und wessen Zuständigkeit von den pädagogischen Fachkräften „unterschiedlich eingeschätzt“ wird (45);
  2. in den berufsgruppenspezifischen Perspektiven und der multiprofessionellen Zusammenarbeit der pädagogischen Fachkräfte (53 ff.), wobei das berufliche Handlungskonzept und Selbstverständnis der vier Berufsgruppen noch einmal vertieft dargestellt wird, was wegen der geringen Population in teilweise verallgemeinernden Aussagen damit teilweise zu möglichen Falschbeurteilungen (bei den Lesenden!) führen kann (so z.B. beim Abschnitt zu den Lehrkräften der beruflichen Schulen – 69 ff. – oder bei der Feststellung, dass bei der Zusammenarbeit von allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen „Neuland“ betreten werde – 89 -);
  3. zu den notwendigen Kompetenzen aus Sicht der Befragten, die für eine berufliche Handlungskompetenz in die drei Dimensionen pädagogischer Professionalität Wissen, Können und Reflektieren kategorisiert werden (103 ff.) und nach Arnold/Tutor acht Kompetenzbündel umfassen: Fachwissen, didaktische Kompetenzen, methodische Kompetenzen, Diagnosekompetenz, kommunikative Kompetenz, personale Kompetenzen, emotionale Kompetenzen, soziale Kompetenzen (105), was ausführlich erläutert wird;
  4. in der Entwicklung eines Kompetenzprofils für jeden Tätigkeits- und Aufgabenbereich der Fachkräfte, was sich aber nicht realisieren ließ, da sich die Aufgabenbereiche „nicht exakt voneinander abgrenzen lassen“, was die Autorin im 4. Kapitel feststellt (127) und im 3. Kapitel bereits von der „Entwicklung eines Gesamttableaus an Kompetenzen für pädagogisches Übergangshandeln“ spricht (35), das dann als 4. Kapitel in der „Entwicklung von Kompetenzprofilen“ vorgestellt wird. (Die Lesenden erkennen sicherlich die diesbezügliche Verworrenheit der Darstellung, wie sie vom Rezensenten wahrgenommen wurde.)

Kapitel 4. Dieses Gesamttableau an Kompetenzen für pädagogisches Übergangshandeln gilt als Prototyp somit für alle Akteure, „jedoch mit unterschiedlicher Gewichtung und Intensität“ (127) bei der reflexiven Bearbeitung des Wissens beim Agieren in reflexiver Bearbeitung und „Auseinandersetzung mit der eigenen Person“ in den beiden Anforderungsbereichen:

  • individuelle Begleitung und Unterstützung sowie
  • Vernetzung und Kooperation der Institutionen und Akteure in der multiprofessionellen Zusammenarbeit (128).

Dies wird ausführlich erläutert und auch tabellarisch veranschaulicht.

Kapitel 5 entfaltet die Handlungsempfehlungen als „Eckpunkte für die Ausbildung und Professionalisierung der pädagogischen Fachkräfte“ in der Fort- und Weiterbildung „auf Grundlage der Befunde“ (139) in schlussfolgender Zusammenfassung der gewonnenen Erkenntnisse. So wird u. a. gefordert, „dass neue Formen von multiprofessioneller Zusammenarbeit entwickelt werden müssen, damit Kooperation gelingen kann“ – z. B. in einem gemeinsamen Handlungsrahmen aller Beteiligten (142).

Kapitel 6 endet mit der Erkenntnis, „dass nicht eine Addition von Wissen und nicht die Handhabung von Instrumenten für pädagogische Professionalität ausreicht, sondern in allen Teilbereichen die reflexive Bearbeitung notwendig wird und eine Auseinandersetzung mit der eigenen Person jeweils einzubeziehen ist“ (149, zitiert ohne Hervorhebungen).

Diskussion

  1. Zeugen die hier zum 2. Kapitel zitierten Aussagen zum Berufsverständnis und die der Analyse davor (im Buch gemachten) von unzureichender terminologischer Präzision und Kenntnis der Interpreten von der diesbezüglichen Realität der Berufsausbildung der pädagogischen Fachkräfte?
  2. Wird den Lesenden ausreichend bewusst gemacht, dass die im 3. Kapitel berichteten Ergebnisse der Befragungen auf einer sehr kleinen Untersuchungspopulation beruhen und nicht zu verallgemeinern sind? Ist z. B. die Zusammenarbeit von allgemeinbildender und berufsbildender Schule heute wirklich noch „Neuland“?!

Fazit

Die mit diesem Buch in drucktechnisch hervorragender Gestaltung vorgelegte Studie gibt einen Einblick in ein Forschungsprojekt des Bundesinstituts für Berufsbildung zum angegebenen Thema, das in fünf Städten und drei Landkreisen Deutschlands von 2009 bis 2013 durchgeführt wurde. Es wird ein hier somit regional ausgewählter Überblick über die Realität in diesem (Aus-)Bildungsbereich gegeben – konkret, anschaulich und interpretiert. Die teils neuen und meist großen Herausforderungen an die Akteure werden herausgearbeitet, obwohl sie für die berufsbildenden Schulen der letzten 50 Jahre nicht neu sind, jedoch durch das beginnende Zusammenwirken mit den anderen Akteuren im so genannten allgemeinbildenden Schulbereich und vor allem beim zunehmenden Zusammenarbeiten mit sozialpädagogischen Fachkräften neue – herausfordernde – Dimensionen erhalten (haben). Trotz Schwächen in einer stringenten Bearbeitung und vor allem Präsentation der Erhebung erwartet die Lesenden eine anregende, teils aufregende und nachdenklich stimmende Lektüre.


Rezension von
Dipl.-Hdl. Dr. phil. Klaus Halfpap
Ltd. Regierungsschuldirektor a. D.


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Zitiervorschlag
Klaus Halfpap. Rezension vom 22.10.2014 zu: Ursula Bylinski (Hrsg.): Gestaltung individueller Wege in den Beruf. Eine Herausforderung an die pädagogische Professionalität. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-7639-1165-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16569.php, Datum des Zugriffs 21.02.2020.


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