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Charles A. Nelson, Nathan A. Fox u.a.: Romania´s Abandoned Children

Cover Charles A. Nelson, Nathan A. Fox, Charles H. Zeanah: Romania´s Abandoned Children. Harvard University Press (Cambridge, MA 02138) 2014. 360 Seiten. ISBN 978-0-674-72470-9.
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Thema

Vor 14 Jahren brachte DER SPIEGEL am 26.3.1990, vier Monate nach der Exekution Nicolae Ceaușescus, einen Artikel, der mit folgendem Abschnitt beginnt: „Der ellenlange Eisenriegel wird zurückgeschoben, und im ehemaligen Jagdschlößchen der Grafen Tissa öffnen sich die Flügeltüren zu einem Zimmer des Horrors: Es enthält nichts weiter als ein monumentales Bett aus zusammengeschobenen, verrosteten Gestellen mit Preßholz als Auflage. Darauf hocken zwischen Lumpen, inmitten von Kot und Kotze, Kinder wie die Tiere, die Körper eng aneinandergedrängt. Manche richten ihre kalkweißen Gesichter mit dunklen Augenhöhlen zur Tür, manche verkriechen sich im Gewimmel der Leiber, andere wiederum springen auf und vollführen mit blödsinnigem Grinsen unkoordinierte Bewegungen.“ (www.spiegel.de/spiegel/print/d-13499656.html) Es war der erste Bericht aus und in Deutschland über ein rumänisches Kinderheim; es ist unter dem Namen „Cighid“ in die Geschichte eingegangen.

Zur Vorgeschichte ist im Wikipedia-Artikel „Cighid“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Cighid) zu lesen: „Das kommunistische Regime Rumäniens unter Nicolae Ceaușescu strebte ab 1970 die mittelfristige Erhöhung der Einwohnerzahl des Landes an. Für Familien mit weniger als fünf Kindern wurde Empfängnisverhütung oder Schwangerschaftsabbruch unter Androhung von Freiheitsstrafen verboten. Notleidende oder kranke Mütter mussten gegen ihren Willen die Schwangerschaft austragen. Viele versuchten, mit Drähten oder Medikamenten einen Abort zu erreichen. Es kam zu einem gehäuften Auftreten der Geburt behinderter Kinder. Diese wurden daraufhin in Sozialwaisenhäuser abgeschoben, in die auch ungewollte Kinder eingeliefert wurden. Im staatlichen Auftrag begutachteten Ärzte die Kleinkinder im Alter von drei Jahren.

Die ‚Stärksten‘ nannte man ‚Sterne unserer Zukunft‘. Ceaușescu plante, sie für seine Präsidentengarde, die so genannten „Falken des Vaterlandes“, zu rekrutieren. Auch die Führer der Geheimpolizei Securitate trafen eine Vorauswahl für Rekruten. Kinder mit Geburtsschäden, Behinderungen, chronischen Krankheiten oder Entwicklungsverzögerungen wurden hingegen als ‚Unwiederbringliche‘ (rumänisch: irecuperabili) bezeichnet. Diese Kinder starben in den ‚Heimen‘ bereits nach wenigen Wochen an Hunger, Erfrierungen, Unterkühlung, an Krankheiten und an mangelnder Hygiene. Die Heime wurden auch als Kindergulag …, Todeslager oder Wartesaal zum Jenseits bezeichnet. In Cighid sollte gestorben werden, ohne getötet zu haben: durch grobe Vernachlässigung und Verwahrlosung. Einige Frauen aus der Umgebung hatten die Anweisung, Brei zu verabreichen und die Türen dann sofort wieder zu verschließen. Ärzte stellten vorsorglich Totenscheine aus, da sie nur selten das Heim besuchten.“

Mit Ceaușescus Tod hörte die oben beschriebene Bevölkerungspolitik auf und in der nachkommunistischen Zeit ab 1990 verloren Kinderheime ihren Charakter als (bewusst installierte) Todeslager. Aber auch im Jahre 2000 herrschten in rumänischen Kinderheimen noch immer Zustände zum Erschrecken. Erschrocken war auch der Erstautor des hier zu besprechenden Buches. Über seinen ersten Besuch in dem Bukarester Kinderheim St. Catherine, einem auch von Michael Jackson besuchten „Vorzeigeheim“ (Perlez, 1994), ist in DER SPIEGEL vom 17.2.2014 (S. 124-125) zu lesen: „Das Schlimmste, sagt Charles Nelson, sei die Stille gewesen. Diese unheimliche Stille in den Schlafsälen von St. Catherine, wo die Säuglinge in ihren Bettchen lagen und stumm an die Decke starten. ‚Keines der Babys schrie‘, erzählt Nelson. ‚Und warum auch. Es hätte ohnehin niemand darauf geachtet.‘ … Noch schwerer zu ertragen war das Elend auf den gewöhnlichen Stationen. Achtjährige mit dem Körper Dreijähriger kamen dort auf Nelson zu und griffen gierig nach seiner Hand. Fremde von ihren Pflegern zu unterscheiden, das hatten sie nicht gelernt. Andere hockten nur stumpfsinnig im kahlen Spielzimmer und wiegten den Oberkörper hin und zurück. Die Schwestern saßen im Fernsehzimmer, schwatzten und rauchten. ‚Es gab auch einen Medikamentenschrank‘, erzählt Nelson. Am häufigsten gefragt war Phenobarbital. In Deutschland unterliegt das Präparat dem Betäubungsmittelgesetz.“

Auch auf deutschem Boden hat es nach dem Ende des 2. Weltkriegs vergleichbare Einrichtungen gegeben: die Dauerheime für Säuglinge und Kleinstkinder – zunächst in der SBZ, später in der DDR; sie wurden hier wie in allen anderen Ländern des real existierenden Sozialismus von vergleichbaren Ideologien getragen. Diese Heime wurden im Zuge der (Wieder-)Vereinigung aufgelöst, und es wurde – spät, aber immerhin – ein Fonds („Heimerziehung in der DDR“) eingerichtet, dessen Angebote sich an ehemalige DDR-Heimkinder, die in den Jahren 1949 bis 1990 in einem Dauerheim für Säuglinge und Kleinstkinder oder in einem Heim der Jugendhilfe untergebracht waren und denen Unrecht und Leid zugefügt wurde, das ihnen bis heute Schmerz und Leid bereitet. In allen anderen europäischen Ländern des real existierenden Sozialismus hat aus nahe liegenden und gut verständlichen Gründen das staatliche System der Dauerheime für Säuglinge und Kleinkinder nicht schlagartig mit dem Fall des Eisernen Vorhangs aufgehört. So betreibt beispielsweise UNICEF derzeit in Bulgarien – wie Rumänien: NATO-Mitgliedschaft 2004, EU-Mitgliedschaft (unter Auflagen) 2007 – nach Bukarester Vorbild (s. u.) den Aufbau eines Pflegeelternsystems voran (nähere Infos unter: www.unicef.bg/en/projects/Foster-care/8); die Zustände in dortigen Heimen ist so erschreckend wie in jenen Rumäniens (vgl. die BBC-Dokumentation: www.youtube.com/watch?v=UQZ-ERQczj8).

Das Bucharest Early Intervention Project (BEIP)

Das BEIP, von dem das vorliegende Buch berichtet, ist ein Projekt, das in einer Umbruchzeit entstand: Die alten Verhältnisse herrschten noch weitgehend, aber für Neuerungen gab es Chancen. Ende der 1990er reifte in einem Netzwerk (überwiegend) US-amerikanischer Wissenschaftler(innen) mit dem Namen Early Experience and Brain Development die Idee, eine Chance zu nutzen, für die sich das Zeitfenster eben geöffnet hatte, während zugleich unklar war, wie lange es geöffnet bleiben würde. Das Ergebnis der Planungen war das BEIP, das 2000 gestartet wurde und – so der Plan- weiterhin verfolgt werden soll; über bisherige Aktivitäten (inkl. Publikationen) und zukünftig geplante informiert die Homepage des Projekts (http://www.bucharestearlyinterventionproject.org/). Die jüngste Datenerhebung endete im Dezember 2013; damals waren die untersuchten Kinder 12 Jahre alt.

Entstehungshintergrund des Buchs

Natürlich sind die Ergebnisse dieser letzten Datenerhebung im vorliegenden Buch noch nicht zu finden; insofern stellt es einen Zwischenbericht dar. Den ersten umfassenden in Buchform; das vorliegende ist das erste Buch über das BEIP. Die hier berichteten Ergebnisse spiegeln die Daten wieder, die bis zum Spätjahr 2009, damals war auch das jüngste Kind der Untersuchung acht Jahre alt, erhoben worden waren. Über Ergebnisse, die damals und zu einzelnen Erhebungszeitpunkten bis dahin gewonnen worden waren, wurde ab 2003 fortlaufend in zahlreichen Forschungsartikeln berichtet (vgl. die Auflistung unter www.bucharestearlyinterventionproject.org/) – vereinzelt auch in deutscher Sprache (etwa Nelson, Furtado, Fox & Zeanah, 2010a). Auch wer keinen Zugang zu speziellen Fachzeitschriften hat, konnte sich über das BEIP durch zahlreiche im Internet frei zugängliche Artikel informieren (vgl. etwa Nelson, Furtado, Fox & Zeanah, 2010b; sowie die hundertseitige Powerpoint-Präsentation des BEIP auf der Homepage von UNICEF Bulgarien: www.unicef.bg/public/images/).

Autoren

Charles A. Nelson ist Professor of Pediatrics and Neuroscience an der Harvard Medical School in Boston (ausf. Darstellung: www.childrenshospital.org/). Sein Forschungsinteresse als Neurowissenschaftler gilt dem Zusammenhang von kognitiver und Hirnentwicklung. Er ist Mitglied des National Scientific Council on the Developing Child, der beispielsweise 2012 ein Arbeitspapier zur Kindesvernachlässigung erstellt hat, das gesicherte Forschungsergebnisse zusammenfasst und Empfehlungen für evidenzbasierte psychosoziale Interventionen bei Kindesvernachlässigung enthält (als Download verfügbar unter http://developingchild.harvard.edu/index.php/resources/reports_and_working_papers/working_papers/wp12/).

Nathan A. Fox ist Distinguished University Professor im Department of Human Development and Quantitative Methodology an der University of Maryland in College Park (ausf. Darstellung: http://education.umd.edu/HDQM/labs/Fox/fox.php). Er ist Direktor des dortigen Child Development Laboratory, das darauf spezialisiert ist psychologische (kognitive, soziale und emotionale) Prozesse zu verknüpfen mit neuronalen Aktivitäten.

Charles H. Zeanah ist Sellars Polchow Professor of Psychiatry an der Tulane University in New Orleans (ausf. Darstellung: https://tulane.edu/som/departments/psychiatry/faculty/charles-zeanah-md.cfm). Er ist Herausgeber des als Standardwerk geltenden Handbook of Infant Mental Health (3. Aufl. 2009, New York: Guilford), sein wissenschaftliches Interesse gilt der Eltern-Kind-Beziehung, der Bindung und deren Entwicklung unter Hochrisikobedingungen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält nach einem einseitigen Inhaltsverzeichnis, wie es nachfolgend als Darstellungsraster dient, zunächst ein zweiseitiges Preface. Dort wird die Bedeutung des Projektes eingeordnet in die Perspektive staatlicher Hilfen für die weltweit steigende Zahl von Kindern, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen (können). Danach folgt die Darstellung des BEIP in 12 Kapiteln. Diese kann man drei Einheiten zuordnen: Die ersten sechs Kapitel beschreiben Entstehung und Etablierung des BEIP, die Kapitel 7 – 11 geben die (Kind-bezogenen) Ergebnisse des Forschungsprojektes wieder, und in Kapitel 12 wird eine Zusammenschau der Einzelergebnisse geboten.

Im 1. Kapitel, The Beginning of a Journey (18 Seiten) wird dargelegt, welche Ende der 1990er sich ergebenden politischen Umstände sowohl in den USA (das betrifft v. a. die Finanzierung) als auch in Rumänien (das betrifft die Zustimmung der Regierung) die Realisierung des BEIP ermöglichten, welche intellektuellen und organisatorischen Vorarbeiten dazu nötig waren und welches die auf früherer Forschung basierenden Ausgangsfragen und -hypothesen sind.

In Study Design and Launch (20 Seiten), dem 2. Kapitel, wird berichtet wie das BEIP organisatorisch und institutionell auf den Weg gebracht wurde. Ferner werden das Studiendesign und der Untersuchungsverlauf dargestellt. Beides zusammen lässt sich wie folgt skizzieren. Das BEIP hat neben einer Reihe von Begrenzungen folgende Stärken: Es ist die erste Wirksamkeitsstudie zur Pflegeelternschaft in Gestalt eines Feldexperimentes (zu den Kriterien vgl. Heekerens, 2005) mit mehreren Messzeitpunkten, es verwendet neurowissenschaftliche Untersuchungsmethoden, bringt modernste psychologische Messinstrumente und -verfahren zum Einsatz und hat eine „Normalpopulations“-Vergleichsgruppe (N = 72). Die Kinder sowohl der Experimentalgruppe (N = 68), der Gruppe, die bei gut geschulten Pflegeeltern untergebracht werden konnten (Intervention), als auch der Kontrollgruppe (N = 68), der Gruppe, für die das nicht möglich war, befanden sich vor dem Interventionsstart im April 2001 in einem von fünf Bukarester Heimen, waren zwischen 6 und 31 Monate alt (jüngere Kinder nicht in den Heimen) sowie mindestens zur Hälfte ihres Lebens in Institutionen aufgewachsen und hatten keine vererbten. angeborenen oder perinatal erworbenen Auffälligkeiten (wie etwa Down-Syndrom oder Fetales Alkholsyndrom). Die Zuteilung dieser Kinder zu Experimental- oder Kontrollgruppe geschah durch Losverfahren (Zufallszuteilung). Nach der Erhebung der Ausgangslage (Baseline) wurden die Kinder der Untersuchungsgruppen zu fünf späteren Zeitpunkten untersucht: als sie 2,5, 3,5, 4.5, 8 und 12 Jahre alt waren; die Untersuchungsergebnisse aus dem letzten Messzeitpunkt sind, wie schon gesagt, im Buch natürlich noch nicht einbezogen.

Kapitel 3, The History of Child Institutionalization in Romania (31 Seiten) skizziert zunächst die Historie von Findel- und Waisenhäusern und die (Vor-)Geschichte Rumäniens, um dann die Ceau?escu-Ära und das nachfolgende Jahrzehnt, an dessen Ende das BEIP entworfen wurde, näher unter folgenden Gesichtspunkten zu betrachten: Bevölkerungspolitik, Traditionen von Adoption und Pflegeelternschaft, gesetzliche Regelungen und verwaltungsmäßige Abwicklungen von Adoptions- und Pflegschaftsverfahren und deren Bewertungen (auch) durch das Ausland.

Zum 4. Kapitel, Ethical Considerations (24 Seiten) ist vorweg zu sagen: Die Autoren haben das BEIP erst gestartet, nachdem sie von den Ethikkommissionen ihrer jeweiligen Universitäten grünes Licht bekommen hatten. Im weiteren Verlauf haben sie sich fortlaufend mit Anfragen zu ethischen Aspekten des BEIP auseinandergesetzt; zuletzt haben sie es sogar als Case Study in the Ethics of Mental Health Research (Zeanah, Fox & Nelson, 2012) vor- und zur Diskussion gestellt. Im vorliegenden Kapitel werden alle relevant erscheinenden ethischen Aspekte des BEIP sorgfältig und bis ins Kleinste ausgeleuchtet.

Kapitel 5, Foster Care Intervention (30 Seiten) schildert den – aus vielerlei Gründen (politischen, rechtlichen, kulturellen) schwierigen, letztendlich aber erfolgreichen – Aufbau eines Systems für ein hochwertiges Pflegefamiliensystem in Bukarest, um die Kinder des BEIP für welches Pflegekindschaft als Alternative zum weiteren Verbleib im Heim vorgesehen werden konnte, überhaupt in verantwortungsvoller Weise unterbringen zu können.

In Developmental Hazards of Institutionalization (30 Seiten), dem 6. Kapitel, geben die Autoren einen gedrängten, aber dennoch sowohl detaillierten als auch umfassenden Bericht über die Forschung zu den Folgen (früh)kindlicher Institutionalisierung (und unterschiedlichen „Gegenmaßnahmen“ wie Adoption und Pflegekindschaft), beginnend mit den Arbeiten von John Bowlby, Anna Freud und René Spitz bis zu jüngsten Studien (die jüngste wurde 2010 veröffentlicht). Betrachtet werden die durchweg negativen Folgen von Institutionalisierung (und die ermutigenden von „Gegenmaßnahmen“) auf die körperliche und kognitive Entwicklung sowie die Entwicklung von exekutiven Funktionen, womit in der Hirnforschung und Neuropsychologie geistige Funktionen bezeichnet werden, mit denen Menschen ihr Verhalten unter Berücksichtigung der Bedingungen ihrer Umwelt steuern. Betrachtet werden ferner die Folgen von Institutionalisierung auf die sprachliche, soziale und emotionale Entwicklung. Unter einer psychopathologischen Betrachtungsweise fallen v. a. Störungen aus dem Formenkreis von ADHS auf, und Studien (durchweg neueren Datums), die mit Methoden des Brain-Imaging (zu den verschiedenen Möglichkeiten vgl. http://www.idw-online.de/pages/de/news72549) gearbeitet hatten, fanden Ergebnisse, die mit den oben aufgeführten medizinischen und psychologischen Ergebnissen in Übereinstimmung stehen und diese erklären helfen. Als ein wichtiges Resultat dieser Forschungsübersicht werden von der Forschung bislang nicht beantwortete Fragen festgehalten – mit der Absicht, sie im BEIP zu beantworten.

In den Kapiteln 7 – 11 werden unter den Überschriften Cognition and Language (28 Seiten), Early Institutionalization and Brain Development (29 Seiten), Growth, Motor, and Cellular Findings (16 Seiten), Socioemotional Development (39 Seiten) und Psychopathology (34 Seiten) eine solche Vielzahl von einzelnen Untersuchungsergebnissen referiert, dass jeder Versuch, sie in zusammen fassender Weise darzustellen, mit der Gefahr von Fehlgewichtungen, Auslassungen und Sinn zerstörenden Verkürzungen einher geht. Ich wähle daher den Weg, aus der von den Autoren selbst gefertigten und in deutscher Sprache vorliegenden Ergebniszusammenfassung (Nelson, Fox & Zeanah, 2014) die einschlägigen Passagen zu zitieren.

Zu Intelligenz wird ausgeführt: „Der Unterschied im Entwicklungsstand zwischen den Heim- und den Pflegekindern war geradezu erschreckend. Bei den Anstaltskindern betrug der IQ (genauer gesagt der ihm entsprechende Entwicklungsquotient) mit 30, 40 und 52 Monaten durchschnittlich lediglich etwas über 70. Kinder in Pflegefamilien erzielten immerhin um zehn Punkte höhere Werte. Erwartungsgemäß erreichten die Kinder der dritten Gruppe, die seit ihrer Geburt in ihrer Familie aufwuchsen, im Schnitt 100 Punkte, wie es der Definition entspricht. Entwicklungsdefizite holten die Waisen am stärksten auf, wenn sie das Heim früh verlassen konnten, aber spätestens bevor sie ungefähr zwei Jahre alt waren. Danach scheint die Empfänglichkeit für fördernde Eindrücke deutlich zurückzugehen, was für eine sensible Zeitphase spricht.“ (S. 36)

Zu Bindung heißt es: „Wie wir gleich zu Anfang feststellten, hatten die allermeisten der in Heimen untergebrachten Kinder zu ihren Betreuern keine normalen, tragenden Beziehungen ausgebildet. Wir prüften alle Kinder nochmals, als sie 42 Monate alt waren – und verzeichneten nun große emotionale Fortschritte bei Pflegefamilien: Fast die Hälfte der Kleinen hatte inzwischen eine sichere Bindung zu einer Bezugsperson aufgebaut – bei den Kindern ohne jede Heimerfahrung waren es 65 Prozent. Von den im Heim verbliebenen hatten das dagegen nur 18 Prozent geschafft. Wiederum zeigte sich, dass das Alter des Wechsels in eine Familie kritisch war. Jungen und Mädchen, die das Heim vor ihrem zweiten Geburtstag verlassen konnten, bildeten mit größerer Wahrscheinlichkeit eine sichere Bindung zu einem Erwachsenen aus als diejenigen, die ihn da schon hinter sich hatten.“ (S. 37)

Was die Sprachentwicklung betrifft: „Erwartungsgemäß war sie bei einer Heimunterbringung verzögert – sicherlich, weil die Kleinen zu wenig individuelle Zuwendung und Ansprache erhielten. In der Familiensituation verbesserte sich die sprachliche Reife. Allerdings gab es auch hier wieder Unterschiede: Ein normales Sprachvermögen bildeten nur solche Kinder aus, die noch nicht 15 oder 16 Monate alt gewesen waren, als sie zu Pflegeeltern kamen. Je später dieser Zeitpunkt lag, umso schlechter holten sie den Rückstand auf.“ (S. 37-38)

Zeigen sich bei institutionalisierten Kindern vermehrt psychische und Verhaltensstörungen? „Tatsächlich hatten mit viereinhalb Jahren 53 Prozent der Kinder mit Heimerfahrung eine entsprechende psychiatrische Diagnose. Unter den Kindern, die normal in ihrer Familie aufwuchsen, betrug der Anteil lediglich 20 Prozent. Betrachtete man allein jene Gruppe, die noch im fünften Lebensjahr nur die Anstalt kannte, waren sogar 62 Prozent psychisch auffällig. Unter anderem hatten 44 Prozent dieser Kinder Angststörungen und 23 Prozent ADHS (die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung). Ein Zeitfenster, also eine prägende sensible Phase, für die spätere psychische Gesundheit konnten wir hier nicht ausmachen, weder für Emotions- noch für Verhaltensstörungen. Aber die Unterbringung in einer Pflegefamilie wirkte sich zumindest emotional auf die Kinder günstig aus: Angstzustände und Depressionen traten in der Familiensituation nur halb so oft auf wie im Kinderheim. Wir konnten erkennen, dass eine gute Bindung zu den Pflegeeltern darauf großen Einfluss hatte. Je sicherer sie war, umso wahrscheinlicher würde sich diese Art Beschwerden bessern. Allerdings verringerte die Aufnahme in eine Familie nicht den Anteil an Verhaltensauffälligkeiten wie ADHS oder sozial unangepasstem Benehmen bei früheren Heimkindern.“ (S. 38)

Vernachlässigung im früh(st)en Kindesalter zeitigt Verkümmerungen im Gehirn. „Aber wieso war die Hirnaktivität insgesamt bei den Heimkindern dermaßen schwach ausgeprägt? Um das besser zu verstehen, wandten wir die Magnetresonanztomografie an, die Gehirnstrukturen sichtbar machen kann. Es erwies sich, dass diese Kinder wesentlich weniger ‚graue‘ und ‚weiße‘ Substanz besaßen, als in ihrem Alter normal ist, also weniger Neurone und andere Hirnzellen sowie ebenfalls weniger Nervenzellverbindungen, die Signale weiterleiten. Im Großen und Ganzen behielten auch die ehemaligen Heimkinder ein geringeres Gehirnvolumen als ihre normal aufgewachsenen Altersgenossen. Die Aufnahme in eine Pflegefamilie bewirkte keine Zunahme an grauer Substanz, sprich Hirnzellen. Aber sie wiesen nun mehr weiße Substanz – Nervenfasern – auf als die im Heim verbliebenen Kinder. Dies mag ihre normalere EEG-Aktivität erklären.“ (S. 39)

Schließlich führt Vernachlässigung im früh(st)en Kindesalter sogar zu Deformation im Erbgut.

„Sogar im Erbgut forderten die rumänischen Waisenhäuser ihren Tribut. Die Chromosomenenden, die Telomere, schützen die Chromosomen bei der Zellteilung. Normalerweise werden sie jedes Mal etwas kürzer, so dass die Zellen irgendwann altern und sterben. Besteht psychischer Stress, sind sie jedoch im Vergleich zum Durchschnitt verkürzt – die Zellen altern schneller. Wie wir entdeckten, hatten die Heimkinder, auch die ehemaligen, ebenfalls meist kürzere Chromosomenenden als ihre Altersgenossen.“ (S. 39)

Im 12. und letzten Kapitel, Putting the Pieces Together (33 Seiten) unternehmen es die Autoren, die einzelnen Untersuchungsbefunde zu gewichten und die schwergewichtigen unter ihnen in einen Zusammenhang zu bringen, der ein kohärentes und prägnantes Bild ergibt. An o. g. Ort skizzieren sie dieses Bild mit folgenden Worten: „In Pflegefamilien holten rumänische Heimkinder ihre Entwicklungsrückstände teilweise gut auf – am besten, wenn sie spätestens im zweiten Lebensjahr in eine Pflegefamilie kamen. Das gilt auch für ihre Gehirnreifung.“ (S. 34)

Unter References (34 Seiten) sind alle im Text verwendeten Quellen aufgeführt, die

Notes (21 Seiten) enthalten, nummeriert nach den 12 Kapiteln, Quellennachweise, Hinweise auf weiter führende Literatur und kurze An- und Bemerkungen, und in den Acknowledgments finden sich Danksagungen für die zahlreichen Institutionen und Personen in den USA und Rumänien, die durch materielle Hilfen und persönliches Engagement das Projekt ermöglicht haben. Der Index ist ein gemischter Personen- und Sachindex, kombiniert mit Verzeichnissen von Abbildungen und Tabellen.

Diskussion

Das vorliegende Buch wird ohne Zweifel (auch) in Deutschland von der Neurowissenschaft, der Medizin (insbesondere der Kinder- und Jugendpsychiatrie), der Psychologie (v. a. der Entwicklungspsychologie und Klinischen Psychologie) sowie der Psychotherapie (in erster Linie der für Kinder und Jugendliche) aufgenommen werden. In der Sozialen Arbeit gibt es ein Zur-Kenntnis-Nehmen des BEIP bislang nur vereinzelt und das auch nur im angelsächsischen Bereich (vgl. etwa Bilson, 2009). Das sollte sich ändern. Das vorliegende Buch bereichert, vertieft und präzisiert unser Wissen sowohl über die Folgen früh(st)kindliche Vernachlässigung als auch den Nutzen von qualifizierter Pflegeelternschaft. Ferner könnte das BEIP die deutsche Soziale Arbeit ermuntern, psychosoziale Interventionen mit Hilfe experimenteller oder zumindest kontrollierter quasi-experimenteller Forschungsdesigns zu evaluieren; das ist, wie das Beispiel zeigt, praktisch möglich, ethisch vertretbar und unumgänglich, will die Soziale Arbeit (nur) solche Hilfen anbieten, von denen wir mit hoher Sicherheit annehmen dürfen, sie seien für die Klient(inn)en auch wirklich nützlich.

Das Buch könnte schließlich die Aufmerksamkeit der deutschen Sozialen Arbeit verstärkt auf Menschen lenken, die hierzulande in Institutionen leben. Ich denke hier weniger an Kinder- und Jugendheime, obwohl auch dort nicht Alles zum Besten bestellt ist (Heekerens, 2009), sondern an die hiesigen Altersheime. Ich zitiere zur Veranschaulichung einfach kommentarlos aus einem ZEIT-Artikel vom April 2014 (Driescher, 2014): „Mehrere Hunderttausend Heimbewohner werden in Deutschland nicht ausreichend davor geschützt, sich in ihren Betten wundzuliegen. Mehr als zehntausend Patienten, die aus diesem Grund schmerzhafte Geschwüre entwickeln, werden unzureichend behandelt. Zehntausende von Pflegheimbewohnern bekommen zu wenig zu trinken. Mehr als zehntausend Pflegheimbewohner werden ohne ihre Einwilligung oder die Genehmigung eines Gerichts eingesperrt oder an ihre Betten gefesselt. Mehr als hunderttausend Patienten bekommen falsche Medikamente oder richtige Medikamente in falscher Dosierung. Mehr als hunderttausend Patienten mit chronischen Schmerzen werden falsch oder gar nicht behandelt.“

Fazit

Das vorliegende Buch gehört in die Bibliotheken von Hochschule und Universitäten, an denen in Sozialpädagogik oder Sozialer Arbeit ausgebildet wird. Ergebnisse des BEIP und seine Methodik sollten zu Lehrinhalten werden und bei Forschungsvorhaben bedacht werden.

Ergänzende Literaturnachweise

  • Bilson, A. (2009).Use of residential care in Europe for children aged under three: Some lessons from neurobiology. British Journal of Social Work, 39(7), 1381-1392.
  • Drieschner, F. (2014). Wen jucken schon Geschwüre? DIE ZEIT vom 30.4.2014, S. 8.
  • Heekerens, H.-P. (2005). Vom Labor ins Feld. Die Psychotherapieevaluation geht neue Wege. Psychotherapeut, 50, 357-366.
  • Heekerens, H.-P. (2009). Das Elend der Heimkinder. Unsere Jugend, 61, 477-489.
  • Nelson, C. A., Furtado, E. A., Fox, N. A. & Zeanah, C. H. (2010a). Die sensiblen Jahre. Gehirn und Geist 1-2/2010, 38 – 42.
  • Nelson, C. A., Furtado, E. A., Fox, N. A. & Zeanah, C. H. (2010b). Developmental deficits among institutionalized Romanian children – and later improvements – strengthen the case for individualized care. American Scientist, 97, 222-229
  • (http://www.bucharestearlyinterventionproject.org/Nelson_et_al___2009_.pdf).
  • Nelson, C. A., Fox, N. A. & Zeanah, C. H. (2014). Die entscheidenden zwei Jahre. Spektrum der Wissenschaft, Februar 2014, 34-39.
  • Perlez, J. (1994). Bucharest journal; little care and less love: Romania´s sad orphans. The New York Times vom 27.10.1994 (http://www.nytimes.com/1994/10/27/world/bucharest-journal-little-care-and-less-love-romania-s-sad-orphans.html).
  • Zeanah, C. H, Fox, N. A. & Nelson, C. A. (2012). The Bucharest Early Intervention Project.
  • Case study in the ethics of mental health research. Journal of Nervous and Mental Disease, 200, 243-247 (www.uclouvain.be)

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Kommentare

Anmerkung der Redaktion:

Vgl. auch www.erzieherin.de/fragwuerdige-kindheitsforschung.php


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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 04.06.2014 zu: Charles A. Nelson, Nathan A. Fox, Charles H. Zeanah: Romania´s Abandoned Children. Harvard University Press (Cambridge, MA 02138) 2014. ISBN 978-0-674-72470-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16583.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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