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Baldo Blinkert: Chancen und Herausforderungen des demografischen Wandels

Cover Baldo Blinkert: Chancen und Herausforderungen des demografischen Wandels. Aktives Altern und Pflegebedürftigkeit in europäischen Kommunen und Ländern der EU ; Ergebnisse und Methoden des von der EU geförderten Projektes "Werkzeuge für die Entwicklung vergl. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2013. 270 Seiten. ISBN 978-3-643-12421-0.

Freiburger Institut für Angewandte Sozialwissenschaft: Schriftenreihe des Freiburger Instituts für Angewandte Sozialwissenschaft e.V. (FIFAS) - Band 11.
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Thema

Dieses Buch hat einen sehr langen Titel. Im Kern wird ein Projekt vorgestellt, bei dem es um die Entwicklung von Methoden geht, von dem gleichwohl die Inhalte in den Fokus der Darstellung gerückt werden. Aktives Altern und Pflegebedürftigkeit sind zwei Komponenten im fortgeschrittenen Lebensverlauf der Menschen. Eine davon tangiert auch die staatliche Fürsorgepflicht und besitzt insofern auch eine politische Relevanz. In allen Ländern, die in den Prozess des Demografischen Wandels eingetreten sind, nimmt das Potenzial jener Menschen zu, die zu den betroffenen Altersgruppen zählen. Insofern führt der Demografische Wandel zu einem quantitativen Bedeutungsgewinn von altenspezifischen kommunalen Aktivitäten.

Autoren

Die Autoren dieses Buches waren zugleich Mitarbeiter des u. g. Projektkonsortiums, zwei von ihnen (Blinkert, Spiegel) sind vom Freiburger Institut für Angewandte Sozialwissenschaft, Schiffert und Willmann sind Mitarbeiter der KOSIS-Gemeinschaft DUVA und Trutzel ist Mitarbeiter der KOSIS-Gemeinschaft Urban Audit.

Entstehungshintergrund

Die Europäische Union fördert Informationssysteme, die den Kommunen als europaweites Netzwerk aus Methodenwissen und Datenverfügbarkeit dienen sollen. Eines dieser geförderten Projekte befasst sich mit ‚Werkzeugen für die Entwicklung vergleichbarer Erhebungen auf lokaler Ebene‘. Als Bearbeiter fungierte ein internationales Projektkonsortium, dessen fünf Partner sich (a) mit Informationen auf lokaler Ebene bestens auskennen (das Kommunale Statistische Informationssystem KOSIS mit seinen beiden Gemeinschaften ‚DUVA‘ und ‚Urban Audit‘; die Statistischen Ämter der beiden Städte Amsterdam und Helsinki) und die (b) Methodenkenntnisse im sozialwissenschaftlichen Bereich bereitstellen (das FIFAS = Freiburger Institut für angewandte Sozialwissenschaft). Hinzu kamen ein ganzes Netzwerk an Pilotstädten – in Deutschland, in den Niederlanden, in Finnland – sowie der Verband Deutscher Städtestatistiker mit verschiedenen Arbeitsgruppen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch stellt einerseits eine Dokumentation dar für Durchführung und Ergebnisse des EU-Projektes. Es will andererseits dafür werben, dass weitere Städte die dokumentierten Werkzeuge aufgreifen und nutzen und somit das Netzwerk stärken und weiter entwickeln. Gleichwohl soll in dem Buch der inhaltliche Aspekt den Schwerpunkt bilden, genau definierte Herausforderungen und Chancen im späteren Lebensabschnitt von Menschen.

Das Buch besteht aus vier Kapiteln und vier Anhängen.

In Kapitel I wird das TooLS-Projekt vorgestellt: Ziele und Komponenten, das Bearbeiterkonsortium und die Informationsquellen. Besonderes Augenmerk gilt einer eigens für das Projekt durchgeführten Umfrage (kommunales Bürgersurvey), deren Methoden und deren Inhalten. Aus den Themenschwerpunkten von TooLS (das sind die Herausforderungen und die Chancen des demografischen Wandels) ergeben sich die beiden nächsten Teile des Buches.

Kapitel II (Chancen) befasst sich mit dem Begriff des ‚aktiven Alterns‘ und mit der Erfassung eines Mobilisierungspotenzials in der Generation der ab 50Jährigen. Das ‚aktive Altern‘ wird durch Komponentenzerlegung operationalisiert, durch Indikatoren in den fünf Teilbereichen Erwerbstätigkeit, Fortbildung, zivilgesellschaftliches Engagement, soziale Netzwerke und Wertewandel gemessen und hernach wieder zu einem Gesamtindikator (‚Aktivierungsgrad‘) zusammengefasst. Diese Quantifizierung erlaubt regionale Vergleiche, zwar (noch) nicht auf lokaler Ebene, aber doch zwischen den Staaten der EU. Auch wird ein Ausblick gewagt auf die künftige Bedeutung dieses Lebensentwurfes. In Kapitel II findet sich auch das Unterkapitel ‚Strukturmodelle – Vorschläge für Erklärungen‘, das aufgrund seines methodisch-analytischen Schwerpunktes einen engen Bezug zu Kapitel I aufweist.

In Kapitel III (Herausforderungen) geht es um den Kompetenzverlust im Alter, um Pflegebedürftigkeit, um den Bedarf an altenspezifischen Pflegeeinrichtungen und Versorgungsleistungen. Der Begriff der Pflegebedürftigkeit wird problematisiert bezüglich Definition, Erfassung/Messung und räumlicher Vergleichbarkeit. Auch hier wird ein Mobilisierungspotenzial angesprochen, dessen Existenz, Erreichbarkeit, Stabilität und subjektive Wertschätzung werden in der Umfrage ermittelt. Als Gesamtindikator wird eine ‚subjektive Versorgungssicherheit‘ ermittelt, die jedoch nur einen Teilaspekt der Herausforderungen abbilden kann. Gleichwohl wird auch hier eine Abschätzung der künftigen Entwicklung versucht. Ein weiteres Unterkapitel widmet sich der ‚Pflegekultur‘, den Einstellungen und Orientierungen zur Pflege, zu der Bereitschaft, Verpflichtungen zu übernehmen und zur sozialen Infrastruktur, mit der die zumeist familiale Hilfe ergänzt oder substituiert wird.

Kapitel IV zieht im weitesten Sinne ein Resümee, bei dem

  • als wichtig eingeschätzte Ergebnisse noch einmal zusammengefasst werden;
  • die Bedeutung von TooLS als Instrument für die Dauerbeobachtung in den Kommunen unterstrichen wird;
  • die Verwertung der Ergebnisse in der kommunalen Politikberatung anempfohlen wird.

Genau diese strategische Bedeutung der Projektergebnisse für die Kommunen wird in Anhang II, einem Beitrag der DUVA-Mitarbeiter weiter akzentuiert. Dort und in Anhang IV (von Urban Audit) wird die Vernetzung von Informationsquellen, insbesondere die Verknüpfung von Umfrageergebnissen mit objektiven Daten empfohlen und eine weitere Kooperationsbereitschaft der Städtestatistiker über das Projekt hinaus signalisiert.

Diskussion und Fazit

Den größten Wert des Projekts sehe ich darin, dass eine Verknüpfung von Informationsquellen vorgenommen wird und dadurch das Ganze mehr als die Summe der Einzelteile ergibt. Inhaltlich bleiben einige Fragen offen, deren Diskussion durchaus nützlich gewesen wäre. Dies beginnt mit der Festlegung der Altersgruppe 50+, die für viele Fragestellungen recht heterogen ist. Auch die Indikatoren zur Operationalisierung von aktivem Altern und Pflegebedürftigkeit könnten hinterfragt werden. Altersarmut und der Zwang zur Erwerbstätigkeit können die Erwerbsbeteiligung in höherem Alter auch in etwas weniger positivem Licht erscheinen lassen.

Obwohl sich das Projekt inhaltlich mit demografischen Themenstellungen befasste, war offensichtlich kein Demograf oder zumindest ein demografischer Experte an der Abfassung dieses Buches beteiligt. Deshalb konzentriert sich der Inhalt auf den sozialen und auf den kulturellen Wandel im Rahmen des Modernisierungsprozesses, speziell auf die Veränderung von Lebensentwürfen älterer Menschen. Zwar werden zahlreiche Bevölkerungsstatistiken präsentiert, doch handelt es sich um eine soziologische und keine demografische Arbeit. Das Buch ist eine Fundgrube für empirische Informationen. Die Suche nach dem roten Faden des inneren Aufbaus dieses Buches fiel mir allerdings gelegentlich schwer.


Rezensent
Dr. rer. pol. Hansjörg Bucher
Jg. 1946, Diplom-Volkswirt (Universität Mannheim), Dr. rer. pol. (Westfälische Wilhelms-Universität Münster) war bis 2011 mehr als dreißig Jahre lang in der Politikberatung tätig als Mitarbeiter des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) bzw. dessen Vorgängerinstitutionen BfLR und BBR in Bonn-Bad Godesberg. Er war dort verantwortlich für den Aufbau des Prognosesystems ‚Raumordnungsprognose‘ zur Einschätzung von Eckwerten der künftigen räumlichen Entwicklung – als prospektiver Teil des räumlichen Beobachtungssystems ‚Laufende Raumbeobachtung‘. Seine inhaltlichen Schwerpunkte lagen im regionaldemographischen Bereich, betrafen aber auch die Wohnungsmärkte und die Arbeitsmärkte. Er war langjähriges Vorstandsmitglied in der Deutschen Gesellschaft für Demographie und auch deren Vorgängerin Deutsche Gesellschaft für Bevölkerungswissenschaft
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Zitiervorschlag
Hansjörg Bucher. Rezension vom 16.07.2014 zu: Baldo Blinkert: Chancen und Herausforderungen des demografischen Wandels. Aktives Altern und Pflegebedürftigkeit in europäischen Kommunen und Ländern der EU ; Ergebnisse und Methoden des von der EU geförderten Projektes "Werkzeuge für die Entwicklung vergl. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2013. ISBN 978-3-643-12421-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16586.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


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