socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Stuart Hall: Populismus, Hegemonie, Globalisierung

Cover Stuart Hall: Populismus, Hegemonie, Globalisierung. Argument Verlag (Hamburg) 2014. 240 Seiten. ISBN 978-3-88619-323-3. 19,00 EUR.

Ausgewählte Schriften 5. Herausgegeben von Victor Rego Diaz, Juha Koivisto u. Ingo Lauggas.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Autor

Stuart Hall, britischer Soziologe karibischer Herkunft, den meisten bekannt als wichtigster Vertreter des Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) und Mitbegründer dieses Forschungsfeldes, ist im Februar 2014 verstorben. Einleitend zu einem Interview, das im vorliegenden Band abgedruckt ist, wird er als „jamaikanisch-britischer Kulturtheoretiker“ vorgestellt (166). Er selbst sieht sich in der Tradition und Rolle europäischer Intellektueller, der die Gesellschaft über sich selbst aufklärt bzw. dem Publikum die geistigen Werkzeuge liefert, damit es sich selbst besser verstehen lernt (169).

Herausgeber und Hintergrund

Der erste Band der Reihe ausgewählter Schriften Stuart Halls, dessen fünfter Band jetzt vorgelegt wird, ist 1989 erschienen. Um die Herausgabe der Reihe haben sich Sozialwissenschaftler/innen im Umkreis der Zeitschrift „Das Argument“ verdient gemacht. In den Heften dieser Zeitschrift sind dem deutschsprachigen Publikum schon seit den frühen 1980er Jahren Publikationen Halls zugänglich gemacht worden, was durch die Nähe der theoretischen Ansätze verständlich wird. Denn ebenso wie Hall waren die Herausgeber/innen und Redakteure des „Argument“, allen voran Wolfgang Fritz Haug, bemüht, ökonomistische und deterministische, politisch lähmende Verzerrungen des Marxismus zu überwinden, und zwar durch eine Neukonzeption des Ideologischen oder des Kulturellen, durch Rückgriff auf die Diskurstheorie und innerhalb der marxistischen Tradition auf Antonio Gramsci. Denn nach ihrer Überzeugung wirken die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht mechanisch auf das Bewusstsein, sondern die Menschen verstehen und leben die Verhältnisse je unterschiedlich. Und es gilt zu begreifen, wie sie sich dazu ins Verhältnis setzen und warum.

Thema

Anders als in den vorherigen Bänden der Reihe kommt in den Texten dieses Bandes weniger der Kulturtheoretiker Hall zu Wort als der politische Intellektuelle, wobei Kultur für ihn eine Dimension des Politischen ist (203). Die Entdeckung dieses Zusammenhangs führt er selbst auf den Sieg des Thatcherismus zurück, der die Linke in Großbritannien Ende der 1970er Jahre überraschte und für orthodoxe Marxisten schwer verständlich war (übrigens wie der Sieg des Faschismus im Italien der 1920er Jahre). Die Forschungsarbeit am CCCS über Alltagskulturen machte für Hall den Umbruch der politischen Kultur leichter begreiflich (198).

Aufbau und Inhalt

Die hier versammelten Schriften haben die Herausgeber teils thematisch, teils chronologisch geordnet, beginnend mit einem Beitrag zu einem Sammelband über den modernen Staat aus 1984. Titel: Der strittige Staat, im Original „The State in Question“. Hall arbeitet die Merkmale des modernen Staates im historischen Vergleich mit dem Feudalwesen und dem Absolutismus heraus. Er behandelt fundamentale Aspekte wie die Differenz zwischen Staat und Zivilgesellschaft und deren Beziehung zueinander, die Entstehung des Staatsapparats und des Wohlfahrtsstaates. Der „moderne“ Staat, selbst der „‚liberale kapitalistische‘ Staat“ der ersten Phase bürgerlicher Herrschaft, der noch keine Demokratie war (22), braucht Legitimation. Zentrale Begriffe sind „Repräsentation“ und „Konsens“, die in den späteren Texten immer wieder argumentativ leitend sind. Staatstheorien werden dahingehend kategorisiert, „wie sie gesellschaftliche Interessen und den Staat begreifen“ (41). Ergänzend zu diesem Text hat Hall in einem anderen Sammelband desselben Jahres „Die Entstehung des repräsentativen/interventionistischen Staates“ in der Phase von den 1880er bis zu den 1920er Jahren charakterisiert. Zentral für den Umbruch ist für ihn „die Verschiebung im Wesen der Repräsentation“ gesellschaftlicher Kräfte, speziell der Klassen im Staat (43). Das in jener Phase erkämpfte allgemeine Wahlrecht veränderte die Politik grundlegend, weil Mobilisierung, Organisation und Kontrolle der öffentlichen Meinung bestimmend wurden (53). Das und die damit verbundende Durchsetzung wohlfahrtsstaatlicher Maßnahmen zeigt der Vf. am Beispiel der Entwicklung in Großbritannien auf. Der staatliche Interventionismus ist seines Erachtens sowohl eine Antwort auf die Arbeiterbewegung im Inneren wie auf die internationale Konkurrenz im Äußeren. Die Rezension eines Buches von Nikos Poulantzas von 1980, in der sich Hall mit dessen Staatstheorie auseinandersetzt, schließt die Beiträge zu diesem Thema ab.

Die folgenden fünf Texte, darunter ein Interview, haben die kritische Analyse des Thatcherismus und von New Labour zum Inhalt, konkreter: die Analyse sich verschiebender Kräfteverhältnisse. Eine solche Verschiebung werde in einer Situation möglich, wo „das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann“, so Hall mit einem Zitat von Antonio Gramsci (102). Der Thatcher-Regierung sei „die ideologische Transformation im Feld des praktischen Alltagsverstands“ gelungen (111), indem erstens das Feld popularer Moral um Themen wie Verbrechen und soziale Ordnung re-artikuliert worden sei (110) und es zweitens gelungen sei, sich als die Partei des kleinen Mannes darzustellen, „die archetypische kleinbürgerliche ‚Ladenbesitzer-Figur‘“ als Subjekt anzurufen (114). Das Instrumentarium der Analyse stammt, wie der Kundige bemerken wird, außer von Gramsci von Louis Althusser und Ernesto Laclau. Das Thatcher-Regime charakterisiert Hall als „autoritären Populismus“ mit einer spezifischen Verbindung von Zwang und Zustimmung im Unterschied zu „popularer Demokratie“. Dem Thatcherismus sei das Kunststück gelungen, sich in der ideologischen Selbstdarstellung anti-staatlich zu geben und zugleich dirigistisch zu verfahren (124). Den Erfolg führt Hall auf die Besetzung nicht nur unmittelbar politischer Themen, sondern vielfältiger gesellschaftlicher Arenen zurück. Ob von ideologischer Hegemonie gesprochen werden kann, lässt Hall in einer Replik auf Kritiker seines Ansatzes (Bob Jessop u.a.) offen. In den folgenden drei Aufsätzen über die Politik von New Labour, einer neoliberal gewandelten Labour Party, die das Erbe von 18 Jahren Thatcherismus antrat, findet man das Projekt in neuer Verkleidung fortgeführt. „Unternehmerisches Regieren“ unterstützt nun den Wettbewerb der Dienstleistungsanbieter (137). Staatliche Verwaltung selbst wird zur Dienstleistung. Die Bürger werden Kunden oder Konsumenten, denen die neue Wahlfreiheit angepriesen wird (139, 166). Das unternehmerische Selbst unterwirft sich freiwillig. „Verhalten und Resultate werden nicht durch direkte Zwänge kontrolliert, sondern durch die Zustimmung und die ‚Freiheit‘ der Individuen“, so Hall unter Bezugnahme auf den Gouvernementalitäts-Ansatz von Michel Foucault (140).

In dem Aufsatz „Die Stadt zwischen kosmopolitischen Versprechungen und multikulturellen Realitäten“ von 2003 richtet Hall den Blick auf die Folgen der Globalisierung im urbanen Raum, wobei sein Augenmerk besonders „auf der neuen gesellschaftlichen und räumlichen Gliederung“ liegt (172), die auch Konsequenzen für den Umgang mit der migrationsbedingten Multikulturalität hat. In der globalen Stadt wird die globale Differenz zwischen kapitalistischem Zentrum und Peripherie mit ihren Ungleichheiten reproduziert. In den Städten, die immer „trennen und vereinen“ (176), in denen immer schon verschiedene Zonen sozialen Lebens unterscheidbar waren, werden die Spaltungen einschneidender, was sich im architektonischen Erscheinungsbild der Global City und in den differenten Lebensstilen widerspiegelt. Die Stadt lässt sich nach Hall als „Repräsentationsmaschinerie“ verstehen (175). Die Entwicklung der Städte wirft verschärft „die multikulturelle Frage“ auf: „Wie stehen die Chancen, in unseren Städten einvernehmliche, vielfältige, gerechte, stärker integrative und egalitäre Formen des Zusammenlebens hervorzubringen… (174)? Hall geht ein auf die Globalisierung unter der Dominanz des Finanzkapitals, Geopolitik unter der Hegemonie der USA, auf die Entwicklung des städtischen Raumes, postmoderne Lebensstile und neue Formen des begrenzten Kosmopolitismus und des Rassismus.

Der letzte Abschnitt wird nach zwei Interviews von einem Aufsatz aus 2011 abgeschlossen, in dem sich Hall noch einmal dem Thema zugewandt hat, das ihn seit Jahrzehnten umtrieb, nämlich der „lange Marsch der neoliberalen Revolution“ (228, von ihm in Anführungszeichen gesetzt). In dem ersten Interview, etwas irreführend mit dem Zitat „Jeder muss ein bisschen aussehen wie ein Amerikaner“ überschrieben, wird zwar auch die kulturelle Homogenisierung angesprochen. Aufschlussreicher sind aber Halls Bemerkungen über Differenz, deren soziale Konstruiertheit er einerseits stets betont hat, ohne sie aber als bodenlos irreal zu sehen. Denn: „Was uns voneinander abhebt sind in der Tat die Eigenheiten, die Besonderheiten unserer historischen und anderer Erfahrungen“ (203). Das zweite Interview von 2010 liefert eine gute Überleitung zum abschließenden Aufsatz; denn dort werden zentrale analytische Konzepte zur Sprache gebracht, nämlich Konjunktur, Krise, Ideologie, Hegemonie und Globalisierung. „Konjunktur“, nicht im ökonomischen Sinn verstanden, fasst Hall „als Möglichkeit, bedeutsame Übergänge zwischen verschiedenen politischen Momenten sichtbar zu machen“ (210). „Eine Konjunktur ist ein Zeitabschnitt, in dem die verschiedenen… Widersprüche zusammenlaufen, die in einer Gesellschaft wirksam sind“ (209). Übergänge zwischen Konjunkturen werden durch „Krisen“ ausgelöst, „Augenblicken eines potenziellen Wandels, dessen Verlauf nicht vorgegeben ist“ (ebd.). Wenn es politischen Kräften nicht gelingt, die Krise „beim Schopf zu fassen“ (102), dann ist das Feld dem Gegner überlassen. Hegemonial wird eine Ideologie nur, wenn sie „den Alltagsverstand ergreift“ (215), was durch Sprachregelungen, aber auch politische Veränderungen des Alltagslebens erreicht wird. Der Neoliberalismus scheint dies erreicht zu haben, muss sich aber immer neu erfinden. So könnte man den Titel des abschließenden Aufsatzes verstehen: „Eine permanente neoliberale Revolution?“ Der Begriff Neoliberalismus wird vorläufig unter Verweis auf seine verschiedenen Varianten definiert und dann im historischen Vergleich mit dem klassischen Liberalismus am Beispiel Großbritanniens konkret bestimmt. Anschließend wird noch einmal rückblickend der Wandel der neoliberalen Politik seit Thatcher rekonstruiert. Die Logik aktueller Kürzungsmaßnahmen wird zu verstehen versucht. Unter der Frage „Ist der Neoliberalismus hegemonial?“ skizziert der Vf. verschiedene kulturelle Milieus und Praktiken, die alle der Kommodifizierung der sozialen Verhältnisse unterliegen, und registriert die zunehmende Polarisierung von Reichtum und Armut, deren Hinnahme nur mit der Fiktion zu erklären ist, irgendwann könne man selbst dazugehören.

Diskussion

In den im vorliegenden Band versammelten Aufsätzen und Interviews werden zumeist politische Entwicklungen in Großbritannien analysiert. Aber das analytische Instrumentarium lässt sich problemlos auf Deutschland und andere Länder anwenden. Außerdem wird in den jüngeren Beiträgen wiederholt die Globalisierung zum Thema gemacht. Am Begriffsapparat von Stuart Hall bleibt allenfalls unbestimmt, wie sich Ideologie, Diskurs und Kultur bei aller Gemeinsamkeit der Wirkungsweisen unterscheiden ließen. Ein Effekt der Lektüre von Halls Aufsätzen über die Politik von New Labour dürfte ein Deja-vu bei der deutschen Leserin/ beim deutschen Leser sein. Denn was in Großbritannien von New Labour initiiert wurde, erinnert an die „Reformen“ und Diskurse hierzulande, zum Beispiel „der Diskurs vom ‚verschwenderischen Staat‘“ (117) und die Verwandlung des Bürgers in den Kunden staatlicher Dienstleistungen.

Fazit

Für alle politisch Interessierten und vor allem politisch Aktiven, von wissenschaftlich mit Politik befassten ganz zu schweigen, eine wichtige Lektüre, empfehlenswert auch für professionelle Pädagoginnen und Pädagogen, die an der Analyse der sozialstaatlichen Rahmenbedingungen ihrer Arbeit interessiert sind.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
E-Mail Mailformular


Alle 62 Rezensionen von Georg Auernheimer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 01.07.2014 zu: Stuart Hall: Populismus, Hegemonie, Globalisierung. Argument Verlag (Hamburg) 2014. ISBN 978-3-88619-323-3. Ausgewählte Schriften 5. Herausgegeben von Victor Rego Diaz, Juha Koivisto u. Ingo Lauggas. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16587.php, Datum des Zugriffs 18.10.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Geschäftsführer/in, München

Stellvertretende/r Geschäftsführer/in, Siegen

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!