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Heike Binne, Jörn Dummann et al. (Hrsg.): Handbuch Intergeneratives Arbeiten

Rezensiert von Prof. Dr. Hans Günther Homfeldt, 30.04.2014

Cover Heike Binne, Jörn Dummann et al. (Hrsg.): Handbuch Intergeneratives Arbeiten ISBN 978-3-8474-0132-2

Heike Binne, Jörn Dummann, Annemarie Gerzer-Sass, Andreas Lange, Irmgard Teske (Hrsg.): Handbuch Intergeneratives Arbeiten. Perspektiven zum Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. 445 Seiten. ISBN 978-3-8474-0132-2. D: 39,90 EUR, A: 51,30 EUR, CH: 66,90 sFr.

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HerausgeberInnen

Heike Binne ist Leiterin des Mehrgenerationenhauses „Haus der Zukunft“ in Bremen; Jörn Dummann ist seit 2009 Professor für Handlungskompetenz in der Sozialen Arbeit, u. a. für intergenerative Arbeit, tätig an der Fachhochschule Münster; Annemarie Gerner-Sass, ist über 25 Jahre am DJI als Familienforscherin tätig gewesen, nunmehr beurlaubt für die Leitung der Serviceagentur Mehrgenerationenhäuser im pme Familienservice; Andreas Lange ist Professor an der Hochschule Ravensburg-Weingarten mit den Schwerpunkten Soziologie der Familie und Kindheit und Irmgard Teske ist Professorin ebenfalls an der Fachhochschule Ravensburg-Weingarten mit den Schwerpunkten Familie und Methoden.

Das breite Fachprofil der fünf HerausgeberInnen insgesamt ist ein Spiegelbild für die fünf Teile des Handbuches. Es reicht von Analysen und Problemdimensionen einer Gesellschaft des langen Lebens bis zu den konkreten Facetten des Aktionsprogramms der Mehrgenerationenhäuser.

Entstehungshintergrund

Die längere Lebenserwartung für die jetzigen, aber auch für die nächsten Generationen, erfordert nicht nur ein Umdenken hinsichtlich der Verschiebungen der Lebensalter, sondern darüber hinaus der institutionellen Strukturen. Darauf verweisen Familien- und Altenberichte aus dem zurückliegenden Jahrzehnt. Intensiver werdende Debatten zum bürgerschaftlichen Engagement und neue Formen der Partizipation bei Familienselbsthilfeinitiativen haben in den zurückliegenden Jahren zwar die Akteursperspektive verstärkt, aber noch nicht die Aktivierung der verschiedenen Lebensalter einbezogen. Erst das in den Vordergrund gerückte lebenslange Lernen lenkte den Blick auf das Lernen der Generationen voneinander und das Entstehen von Mehrgenerationenhäusern in öffentlichen Kontexten in Gestalt des Aktionsprogramms Mehrgenerationenhäuser des BMFSFJ. Eine in 2012 vorgelegte Evaluation des Aktionsprogramms belegt den familienpolitischen Erfolg der Mehrgenerationenhäuser. Das in den Mehrgenerationenhäusern zugrundeliegende Wissen intergenerationalen Arbeitens liefert außerdem einen Beitrag zur Entsäulung lebensaltersspezifischen Arbeitens.

Das Handbuch geht auf die gesellschaftliche Relevanz intergenerationalen Arbeitens ein, stellt seine theoretischen Grundlagen dar und geht auf ermutigende Praxiserfahrungen mit Mehrgenerationenhäusern ein.

Aufbau

Die ersten beiden Teile des aus fünf Teilen bestehenden Handbuches liefern Basisinformationen über demografische und (inter-)generationale Aspekte und sind spezifischen Lernmustern gewidmet. In den weiteren drei Teilen werden ökonomische Aspekte generationenbezogener Interventionen diskutiert, die intergenerationale Arbeit in die Traditionslinien der Gemeinwesenarbeit eingebettet und schließlich das Aktionsprogramm Mehrgenerationenhaus facettenreich vorgestellt.

Inhalt

Im ersten Teil („Gesellschaft des langen Lebens“) stellt Andreas Lange in zwei Beiträgen die mit einem langen Leben verknüpften Anforderungen, u. a. die Generationenenbeziehungen, heraus. Barbara Thiessen hebt die Genderthematik hervor und betont ihre Relevanz z. B. anhand der Care-Arbeit, die nach wie vor hauptsächlich durch Frauen erfolgt. Nicht zuletzt durch die wachsende Einbindung von Frauen in die Erwerbstätigkeit ist jene problematisch geworden. Die Autorin plädiert für Neuvermessungen intergenerationaler Hilfeleistungen. Das immer stärker in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit wahrgenommene Thema der Migration reflektieren Josef Strasser und Leonie Herwartz-Emden im Blick auf Intergenerationalität in Familien. Zu berücksichtigen seien in der Sicht der beiden AutorInnen die innere Heterogenität der MigrantInnen und die mit ihr verknüpfte Bandbreite an Integrationsbemühungen. Andreas Kruse hebt die Selbstgestaltungspotentiale, auch im hohen Alter nicht zuletzt durch den Wegfall von Rollenverpflichtungen, hervor. Nötige Voraussetzung dazu ist die Entdeckerfreude an Neuem im Alter. Als Beispiel führt Andreas Kruse die Produktivität des trotz vieler Krankheiten hoch produktiven Johann Sebastian Bach an. Dass Intergenerationalität die Identitätsbildung befördert, zeigt Kurt Lüscher. In der Sicht des Autors wird intergenerationales Lernen das Gesicht der Gesellschaft zunehmend prägen, auch im Hinblick auf Ökonomie und Gesellschaft. Wie der demografische Wandel Produkt- und Personalmärkte beeinflusst, stellt Cornelia Seitz anhand betrieblicher intergenerativer Dialoge und altersgerechten Personalmanagements dar. Insgesamt geben alle Beiträge einen differenzierten Eindruck von der theoretischen Auseinandersetzung mit Fragen intergenerationaler Beziehungen und Kooperationen.

Der zweite Teil („Intergenerative Bildung und intergenerative Arbeit“) vermittelt einen Einblick in die Vielfalt der Bemühungen um intergenerationale Bildung und Arbeit: in informeller, nonformaler, formaler Hinsicht. So betrachtet Insa Fooken den Gewinn intergenerationaler Lebenszusammenhänge für die Gesamtgesellschaft wie auch für die Familien selbst. Die Autorin stellt gleichzeitig dar, wie schwierig sich z. T. Prozesse der Annäherung zwischen den Generationen gestalten. Den „Kampf zwischen den Generationen“ sehen Julia Frantz und Annette Scheunpflug empirisch als nicht gegeben. Vielmehr sollte die Frage im Zentrum stehen, wie die unterschiedlichen Generationen voneinander lernen und miteinander leben können. Mehrgenerationenhäuser können vor diesem Hintergrund geeignete Begegnungsstätten der Generationen sein. Anja Klimsa zeigt in ihrem Artikel, dass auch digitale Medien, die oftmals als generationenspaltend etikettiert werden, ein großes Potential zwischen Alt und Jung in sich bergen können, indem sie bereits existierende Projekte intergenerationaler Medienarbeit vorstellt. Mehrgenerationenhäuser können geeignete Träger einer solchen Medienarbeit sein. In einem zweiten Beitrag reflektieren Annette Scheunpflug und Julia Frantz strukturelle Herausforderungen intergenerationeller Bildung. Diese können in unterschiedlichen Lebens- und Erfahrungswelten sowie unterschiedlichen generationalen Interessen zwischen den Generationen begründet sein. Wichtig erscheint den AutorInnen u. a. die Reflexion überkommener Rollenzuschreibungen zwischen den Generationen. Nicht nur didaktische Grundorientierungen, sondern auch Methoden zur Vermittlung intergenerationalen Arbeitens sind für die Gestaltung intergenerationaler Bildung vonnöten. Jörn Dummann konkretisiert die „Notwendigkeit professioneller Ausbildung“ im hochschulischen Studium, indem er skizziert, wie eine Studien-Eingangsphase, ein Praxisprojekt und auch eine Vertiefungsphase aussehen können. Wie ein Mehrgenerationenhaus Dienstleistungen für einen Stadtteil leisten kann, zeigt Heike Binne anhand des Mehrgenerationenhauses „Haus der Zukunft“ in Bremen. Dabei wird sichtbar, dass Arbeit eine wesentliche Grundlage zur Entwicklung kooperativer Fähigkeiten darstellt. Erik Flügge und Udo Wenzl stellen dar, dass die Planspielmethode ein geeignetes Verfahren ist, Beziehungen und Zusammenhänge zwischen Personen, Gruppen und Organisationen zu durchleuchten und zu verstehen und auf diesem Wege auch Generationendialoge initiieren kann.

Im dritten Teil beziehen sich Stefan Ross und Hille Tries darauf, dass nicht nur der Bund, sondern auch Bundesländer mit Modellprogrammen auf den demografischen Wandel reagiert haben. Am Praxisbeispiel „Humor verbindet Generationen“, einem bürgerschaftlichen Viergenerationenprojekt, zeigen die AutorInnen Grenzen lokaler intergenerationaler Aktivitäten, aber auch Perspektiven, auf. Grenzen sind gesetzt durch knappe Kassen. Dies entwickelt Karl Bronke, wobei er verdeutlicht, dass das Geld nicht weg ist, sondern einzig woanders. Nicht zuletzt deshalb sind perspektivisch sozialwirtschaftliche Überlegungen als wichtige sozialpolitische Aufgabenstellung der Zukunft einzubauen, so Nicolas Albrecht-Bindseil.

Um Neues zu schaffen, sollten Erfahrungen genutzt werden. Darum geht es im vierten Teil, in dem Traditionslinien der Gemeinwesenarbeit und Gemeinwesenpsychologie entwickelt werden. Kann das Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser des BMFSFJ auf die Traditionslinien der Gemeinwesenarbeit zurückgeführt werden? Dies fragen Heike Binne und Irmgard Teske. Ihr Beitrag spannt einen Bogen von Toynbee Hall im Armenviertel in London und Hull House in Chicago, über das Hamburger Volksheim als Brücke zwischen Bürgertum und rebellierender Arbeiterschaft, das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ bis hin zum Aktionsprogramm Mehrgenerationenhaus. Die AutorInnen gelangen zu dem Ergebnis, dass sich viele Inhalte des Bund-Länder-Programms und auch des Aktionsprogramms Mehrgenerationenhaus mit Arbeitsprinzipien der Gemeinwesenarbeit decken. Die Bedeutung des sozialen Nahraumes in Zeiten „virtueller Nachbarschaften“ thematisiert Dieter Oelschlägel. Er zeigt, dass Mehrgenerationenhäuser im Sinne einer Gegenwirkung zu Knotenpunkten einer aktiven Nachbarschaft werden können. Dass Mehrgenerationenhäuser ein innovatives Setting sein können, zeigen aus dem Blickwinkel der Gemeindepsychologie Bernd Röhrle, Heiner Keupp und Mike Seckinger. Settings seien Orte der Begegnung, die Bindung und Wohlbefinden ermöglichen können. Anhand neuester Studien stellt Bernd Röhrle Gelingensvoraussetzungen dar. Von eigenen Erfahrungen mit Mehrgenerationenhäusern ausgehend („Salzgitter“), zeigt Heiner Keupp insbesondere ihre Bedeutung als Anlaufstelle für arme Familien auf. Schließlich erörtert Mike Seckinger die Notwendigkeit, Möglichkeiten und förderliche Bedingungen von Partizipation in Mehrgenerationenhäusern.

Im abschließenden fünften Teil werden Facetten des Aktionsprogramms Mehrgenerationenhäuser (Förderzeitpunkt I) erörtert. Mit über 500 Häusern ist das Aktionsprogramm bemüht, Generationenbezügen, die überwiegend familial verortet sind, einen öffentlichen Raum anzubieten. Drei Agenturen haben das Aktionsprogramm begleitet und unterstützt: in Gestalt von Wirkungsforschung, Öffentlichkeitsarbeit und als Serviceagentur. Ergebnisse zur Wirkungsforschung stellt Christopher Gess dar, zur Öffentlichkeitsarbeit Inga Draeger. Thematische Fachgruppen im Sinne eines Expertennetzwerkes haben Beiträge zu unterschiedlichen wichtigen Feldern der Mehrgenerationenhäuser erstellt: zum ländlichen Raum, zum Finanzierungsmix, zur offenen Begegnung von Jung und Alt, zu Mehrgenerationenhäusern als Impulsgeber für die Kommune, zu Qualifizierungen von freiwilligen SeniorInnen und DemenzbegleiterInnen. Insgesamt werden auf diesem Hintergrund Bausteine für eine strategische Sozialpolitik sichtbar.

Am Schluss des Handbuches wird ein Ausblick auf „Familie 2030“ geliefert. In einzelnen Abschnitten werden blitzlichtartig u. a. neue und alte Leistungen im Verbund, eine neue Balance zwischen privatem Eigensinn und öffentlicher Fürsorge und schlussendlich ein bis 2030 wachsendes „doing“ bei noch weniger „Selbstverständlichkeit“ erörtert.

Diskussion und Fazit

Dass generationenübergreifende Projekte Konjunktur haben, belegt das vorliegende Handbuch in seinen Beiträgen auf den verschiedenen Anforderungsebenen. Sie reichen von Beiträgen mit inhaltlich-konzeptionellen bis zu ökonomischen, von theoretisch-grundsätzlichen bis zu beispielbezogenen Reflexionen. Je nach disziplinärer bzw. professioneller Verortung sind die Beiträge geleitet von Fachstandards der Sozialen Arbeit, der Gemeindepsychologie, den Erziehungswissenschaften und der Soziologie.

Der rote Faden des Aufbaus des Bandes ist für den Rezensenten gut nachvollziehbar. Der Anspruch eines Handbuches zu intergenerationalem Arbeiten wird diesbezüglich uneingeschränkt umgesetzt. Denkbar wäre sicherlich auch ein Aufbau vom Konkreten zum theoretisch-Allgemeinen gewesen. Aufgrund des dichten Informationsgehaltes der grundlegenden Beiträge zu intergenerationaler Bildung und Arbeit aus unterschiedlicher fachdisziplinärer Perspektive habe ich Beispielbezüge ausführlicherer Art nicht vermisst, zumal in einzelnen Beiträgen bereits in den ersten Teilen Mehrgenerationenhäuser beispielhaft angedeutet auffindbar sind.

Alles gut soweit? Fast! Erheblich störend sind die vielen zuhauf auffindbaren kleinen formalen Mängel: Sie reichen von fehlenden Leerzeichen zwischen einzelnen Wörtern bis zu Rechtschreibfehlern. Dem Rezensenten ist diesbezüglich unverständlich, wie es angehen kann, dass die vielen „kleinen Fehler“ von den HerausgeberInnen nicht behebbar gewesen sind und auch der Verlag offenbar unbesehen „grünes Licht“ für den Druck geben konnte. Bei einer zweiten Auflage, was dem Band in inhaltlicher Sicht zu wünschen ist, sollte eine intensive Redaktion vorgeschaltet werden.

Rezension von
Prof. Dr. Hans Günther Homfeldt
Prof. em. an der Universität Trier, Fach Sozialpädagogik/ Sozialarbeit
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Es gibt 56 Rezensionen von Hans Günther Homfeldt.

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Zitiervorschlag
Hans Günther Homfeldt. Rezension vom 30.04.2014 zu: Heike Binne, Jörn Dummann, Annemarie Gerzer-Sass, Andreas Lange, Irmgard Teske (Hrsg.): Handbuch Intergeneratives Arbeiten. Perspektiven zum Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. ISBN 978-3-8474-0132-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16593.php, Datum des Zugriffs 25.05.2024.


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