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Lars Bruhn, Jürgen Homann (Hrsg.): UniVision 2020 (barriere- und diskriminierungsfreie Hochschule)

Cover Lars Bruhn, Jürgen Homann (Hrsg.): UniVision 2020. Ein Lehrhaus für alle. Perspektiven für eine barriere- und diskriminierungsfreie Hochschule. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2013. 166 Seiten. ISBN 978-3-86226-235-9. D: 24,80 EUR, A: 24,80 EUR, CH: 28,00 sFr.

Reihe: Disability studies - Band 1.
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Thema

Es geht um eine Hochschule, in der sich alle Menschen beheimatet fühlen können. Das Lehrhaus für Alle wird aus juristischer, architektonischer, gleichstellungs- und hochschulpolitischer Perspektive betrachtet.

Herausgeber

Lars Bruhn und Jürgen Homann sind studierte Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogen und Evangelische Theologen. Seit 2005 arbeiten sie als wissenschaftliche Mitarbeiter im Hamburger Zentrum für Disability Studies.

Entstehungshintergrund

Die Publikation basiert auf einer Tagung des Zentrums für Disability Studies, die im März 2012 in der Universität Hamburg stattgefunden hat.

Aufbau

1. Barrierefreieit und Partizipation

  • 1. Oliver Tolmein: Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und ihre Erfordernisse in Bezug auf die deutsche Hochschul(bau)landschaft
  • 2. Lars Bruhn/Jürgen Homann: Architektur der Gleichstellung – Barrierefreiheit und Partizipation
  • 3. Joachim Becker/Christian Judith: Ein Lehrhaus für Alle, Part 1
  • 4. Bernd Kritzmann: Ein Lehrhaus für Alle, Part 2
  • 5. Susan Henderson: Building Independence from the Ground Up – Entwicklung und Konzeption des Ed Roberts Campus in Berkeley, USA

2. Gleichstellung und Vielfalt

  • 6. Michael Spörke: Disability Mainstreaming
  • 7. Barbara Neukirchinger: Gleichstellungspolitik im Lichte von Diversity – das Ende der Teilhabe?
  • 8. AG Queer Studies: Queere Kritik zu Diversity und Gleichstellung – und was sich sonst noch ändern muss
  • 9. Jürgen Homann/Lars Bruhn: Differenz und Vielfalt
  • 10. Martina Spirgatis: Gleistellungspolitik 2020: Standpunkt inclusive
  • 11. AG Queer Studies/Zentrum GenderWissen/Zentrum für Disability Studies: Intersectional Studies – Eine Praxis des „für Alle“

Inhalt

Nach dem Vorwort der Hamburger Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen Ingrid Körner eröffnen die Herausgeber die Publikation mit einer Einführung über das Lehrhaus für Alle. Hierfür bemühen sie u. a. den interreligiösen Dialog, der in dem 1926 in Stuttgart entstandenen Jüdischen Lehrhaus als jüdisch-christlicher Dialog geführt wurde.

Universitäten und Hochschule, so Bruhn/Homann, sind seit jeher Orte des Ausschlusses, die eine Selektions- und Legitimationsfunktion innehaben.

Oliver Tolmein hat den juristischen Aspekt im Blick. Er betrachtet die gegenwärtige Bildungsdiskussion, die in Bezug auf Teilhabemöglichkeiten sämtlicher marginalisierter Gruppen nicht großartig geführt wird. Es fallen Stichworte, wie Bologna und Exzellenzcluster, die Diversity und die Hochschule für Alle als exotische Begriffe betrachten.

Ein weiter Aspekt befasst sich mit den Beschlüssen der Hochschulrektorenkonferenz zu einer Hochschule für Alle aus dem Jahre 2009, wo die Inklusion verstärkt unter die Lupe genommen wurde. Einen gesonderten Fokus richtet Tolmein auf das Bibliotheksgebäude und das Gebäude der Rechtswissenschaften der Universität Hamburg und ebenso auf das barrierefreie Internetangebot letztgenannter Universität. Schließlich werden Passagen des Hamburger Hochschulgesetzes und der UN-Behindertenrechtskonvention in Richtung Hochschule für Alle ausgelegt und mit einem Beispiel zur Pflegeassistenz, für welches Tolmeins Kanzlei ein Mandat hat, belegt.

Die Herausgeber beginnen ihren Beitrag zur Architektur der Gleichstellung mit einem Blick in die Geschichte, wonach sich das Verständnis von Behinderung als gesellschaftlich begründetes Phänomen in den 1960er Jahren in den USA entwickelte. Sie befassen sich mit den Begriffen Behindertengerechtigkeit, Barrierefreiheit und Universellem Design, was dann zur Analyse der Partizipation führt.

Als Beispiel für Partizipation führen Joachim Becker und Christian Judith in ihren Beitrag über die Hörfunkendungen eines Krankenhauses in Buenos Aires ein, die ausschließlich von psychisch Kranken produziert werden, die z. T. über eine langjährige Psychiatrieerfahrung verfügen. Dieses Beispiel ist der Aufhänger für das Folgende, dass sich mit der Planung eines Lehrhauses für Alle befasst und hierbei die nicht unerheblichen Barrieren in der Partizipation aufzeigt. Es wird – u. a. unter Vorführung von Negativbeispielen der Tagung zur Verschiedenheit des Centrums für Hochschulentwicklung an der Universität Köln – der Frage nachgegangen, wie barrierefrei geplant werden kann und muss.

Bernd Kritzmann stellt vor, wie Architekturstudierende aus dem Masterprogramm der HafenCity Universität ein Hochschulgebäude als Lehr- und Forschungsgebäude auf dem Hamburger Uni-Campus entworfen haben, das von behinderten und nicht behinderten Studierenden genutzt werden kann.

Timo Kohorst hat den Artikel von Susan Henderson in die deutsche Sprache übersetzt. Henderson berichtet von der Entstehung der weltweit ersten Anlaufstelle für selbstbestimmtes Leben Behinderter, dessen Idee in das Jahr 1995 zurückreicht. 1995 verstarb mit 56 Jahren einer der führenden Köpfe der amerikanischen Behindertenrechts- und Selbstbestimmt-Leben-Bewegung und mit 14 Jahre an Kinderlähmung erkrankte Ed Roberts.

Was Disability Mainstreaming bedeutet schreibt Michael Spörke. Disability Mainstreaming hat den Anspruch, jede politische, administrative, juristische oder privatwirtschaftliche Handlung auf Gleichstellung und Teilhabe behinderter Menschen hin zu überprüfen und darzulegen, wie sie dazu beiträgt bzw. dieselbe verhindert. Hierfür bedient sich der Autor der Erläuterung von Disability, der Interpretation des Strukturfunktionalismus, des Symbolischen Interaktionismus, des historischen Materialismus und der Poststrukturalistischen Theorie. Zum Mainstreaming führt der Verfasser aus, dass es sich hierbei um die Sorge dafür handelt, marginalisierte Themen zurück in den zentralen Fokus zu holen. Disability Mainstreaming ist der Weg zur dauerhaften Partizipation.

Die Einführung des Diversity Managements an deutschen Hochschulen wird von Barbara Neukirchinger kritisch betrachtet. Die Autorin befasst sich mit der Entstehung und Entwicklung des Konzepts. Weiter werden die Möglichkeiten von Diversity Management auf der Basis ökonomisch geprägter Bildungsreformen der letzten Jahre betrachtet. Schließlich wird die fortwährend existierende soziale Ungleichheit von Behinderten untersucht.

Mit der queeren Kritik zu Diversity und Gleichstellung befasst sich nun die AG Queer Studies. „Als AG Queer Studies stoßen wir uns sehr an Diversity Management als marktwirtschaftlich orientierten Umgang mit Vielfalt und Differenz und halten sowohl die Ausgangspunkte als auch die meisten Programme unter diesem Etikett für falsch“ (S. 111). Aus Sicht der AG Queer Studies ist die Methode der Intersektionalität das Konzept der Wahl, welches einen herrschaftskritischen Umgang mit Differenzen erlaubt. Bei der Intersektionalität geht es um die Analyse und Beseitigung der sozialen Ungleichheiten und der strukturellen und alltäglichen Benachteiligung Behinderter.

In ihrem Beitrag zu Differenz und Vielfalt bemühen die Herausgeber einführend die Kritische Theorie, die auf Adorno fußt, um dann die Dialektik der Aufklärung zu bedenken. Beispielhaft und bezogen auf Behinderung machen die Autoren Ausführungen zum Umschlagen von der Aufklärung in einen Mythos, wie:

  • dem ungebrochene Vorherrschen des eugenischen Denkens über 70 Jahre nach Hadamar;
  • die Pathologisierung von Gehörlosigkeit;
  • der in der Inklusion innewohnenden Exklusion.

Bezogen auf die Benachteiligungsverbote im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und der UN-Behindertenrechtskonvention wird Differenz und Vielfalt hinsichtlich Behinderung aus identitätspolitischer und medizinscher Perspektive betrachtet.

Ein Exkurs untersucht das Diversity Management exemplarisch für die Universität Hamburg. Als essentielle Kategorie wird im Zusammenhang von Behinderung die Intersektionalität betrachtet.

Zu Beginn ihrer Ausführungen berichtet Martina Spirgatis von zwei Gesprächsepisoden, die sich auf einer Mitgliederversammlung eines Ortsverbandes von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und auf einem Arbeitstreffen der Arbeitsgemeinschaft Bildung letztgenannter Partei zugetragen haben In beiden Episoden geht es um die Inklusion Behinderter. Am Ende stellt die Autorin fest: „Ihr Reden über von Behinderung betroffene Menschen bleibt – nach aller Aufklärung und trotz aller Redlichkeit – auch im Kontext der Inklusionsdebatte tendenziell vereinnahmend […] oder bevormundend“ (S. 151).

Am Beispiel der UN-Frauenrechtskonvention führt die Spirgatis kritisch die Lage der aktuellen Gleichstellungspolitiken auf.

Die Verfasserin diskutiert das Spannungsfeld, in dem die theoretische Gleichstellungspolitik zwischen Diversity-Ansätzen und Intersektionalitäts-Ansätzen eingeklemmt ist. Der Leser wird in den Terminus Gruppismus eingeführt, worunter Individuen verstanden werden, „die entlang eines Merkmals oder weniger Merkmale gleichsam zwangsvereinheitlicht werden“. Der Schluss aus diesem Gruppismus liegt der Schreiberin nach in einem Perspektivenwechsel und das ist:

  • Solidarität und die Überwindung des Besitzstandsdenkens;
  • ein Disability Counselling, welches in dem Studiengang Disability Studies ausgebildet wird;
  • eine postkategoriale Antidiskriminierungspolitik
  • die Negierung eines utilitaristischen Denkmusters.

Aus den Intersectional Studies resultiert das Hamburger Manifest, das in eine Praxis des für Alle mündet. Gefordert wird am Ende dieses Schlussbeitrags:

  • die Einrichtung einer Professur für Intersectional Studies;
  • die Einführung von hochschulübergreifenden Studienprogrammen;
  • die Verbindung von Theorie und Praxis im Wissenschaftsverständnis;
  • eine auf Antidiskriminierung fußende hochschulische Personalpolitik;
  • ein verbesserter Zugang zum Studium;
  • ein Lehrhaus für Alle.

Diskussion

Die Publikation ist etwas m. E. bisher in der Weise noch nicht Dagewesenes. Es ist ein Werk das sich hervorragend auf alle anderen Hochschulen übertragen lässt. Es ist somit auch eine Handreichung und Hilfe für neue Hochschulkonzeptionen und das nicht erst für 2020, sondern sofort nach der Lektüre.

Fazit

Ge- und benutzt werden soll die besprochene Publikation von den Menschen, die im akademischen Feld tätig sind und hierfür eine Landschaft planen, die letztlich eine inklusive Landschaft ergeben soll.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 11.04.2014 zu: Lars Bruhn, Jürgen Homann (Hrsg.): UniVision 2020. Ein Lehrhaus für alle. Perspektiven für eine barriere- und diskriminierungsfreie Hochschule. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2013. ISBN 978-3-86226-235-9. Reihe: Disability studies - Band 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16603.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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