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Ralph Fischer: Walking Artists

Cover Ralph Fischer: Walking Artists. Über die Entdeckung des Gehens in den performativen Künsten. transcript (Bielefeld) 2011. 311 Seiten. ISBN 978-3-8376-1821-1. 32,80 EUR.

Reihe: Theater - Band 35.
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Autor

Seit Oktober 2010 arbeitet Ralph Fischer als Studienleiter für Kulturwissenschaft und Stadtgesellschaft an der Evangelischen Stadtakademie Römer 9 in Frankfurt am Main. Er studierte Theaterwissenschaft, Germanistik, Kunstgeschichte und Gender Studies in Mainz sowie Wien. „Walking Artists: Über die Entdeckung des Gehens in den performativen Künsten“ ist die Veröffentlichung seiner Dissertation.

Aufbau und Inhalt

Fischer beschreibt zu Beginn des Buches die Kunstinstallation „Live/Taped Video Corridor“ von Bruce Nauman aus dem Jahr 1970. Darin beschreibt er die ungewohnte Rezeptionsweise, die nicht im Betrachten aus einer sicheren Distanz bestand, sondern durch die Nähe zum Kunstgegenstand. Besucher und Besucherinnen der Ausstellung mussten den Kunstgegenstand nämlich betreten und durchschreiten. Somit steht das Gehen im Vordergrund und ist notwendig, um sich auf das Kunstwerk einlassen zu können. Genrebezeichnungen wie Walking Art, Pedestrian Dance oder Walking Performance wurden kreiert. Das Entdecken des Gehens in der Kunst kann als Reaktion der wandelnden Lebenswirklichkeiten gesehen werden. „Gehen als Kunstform begreife ich als Beispiel einer dezidiert postmodernen Ästhetik, einer Ästhetik, die als Reaktion auf die Emergenz einer heterochronischen und heterotopischen Lebenswirklichkeit betrachtet werden muß, in deren komplexen Netzwerken die Kategorien Präsenz und Absenz, Realität und Virtualität permanent miteinander interagieren, interferieren und kollidieren.“ (22) Für Fischer beschreibt dieser Vorgang eine Transformation von Rezipierenden zu Partizipierenden bzw. vom Werk zur Aufführung (24). Im Zentrum seiner Arbeit stehen also keine Kunstwerke, die sich mit dem Gehen beschäftigen, sondern Werke, die man erst durch das Gehen erfahren kann. Dass Gehen einen so großen Stellenwert erfährt, ist zum einen dem Exodus der Kunst aus konventionellen Insitutionen zuzuschreiben, wie zum Beispiel der Galerie, zum anderen dem Paradigmenwechsel der Kunst, wie zum Beispiel das veränderte Verhältnis zwischen Zuschauenden und Kunstschaffenden (25). Im Fokus der Arbeit stehen insbesondere Richard Long, Guy Debord, Wrights & Sites, Love Twin, Francis Alÿs, Marina Abramović und Ullay, Vito Acconci, Sophie Calle, Samuel Beckett, Bruce Nauman, Trisha Brown, Yvonne Rainer, Steve Paxton, William Pope und Janet Cardiff. Alle verbindet das Interesse am langsamen und umherschweifenden Gehen und die Beschäftigung mit einer pedestrischen Ästhetik.

An Hand der „Walking Sculptures“ von Richard Long zeigt der Autor auf, dass die „Kunst zu Gehen“ flüchtig ist. Long arbeitet mit Vorliebe in weiten Räumen bzw. Gebieten. So faszinieren ihn Gegenden wie die Sahara oder die Hochebenen Perus. In seiner Arbeit geht er dezidiert mit der Natur einen Dialog ein. Das heißt, dass er durch das Gehen und den damit entstehenden Fußabdrücken oder durch eine Neustrukturierung bzw. Umgestaltung der Umwelt, beispielsweise durch ein Verstellen von Steinen, der künstlerische Prozess entsteht und gleichzeitig verschwindet. Deshalb überprüft Fischer, inwiefern „Walking Art“ nach Long als eine „performative Ästhetik der Abwesenheit gedeutet werden kann.“ (51) Longs Arbeiten gehen immer einen Dialog mit der Natur ein indem er ihr einen Abdruck verpasst. Darüber hinaus zeigt er anhand seiner Markierungen die Vergänglichkeit, die auch immer in seinen dokumentierenden Fotografien, die etwas festhalten, das nicht mehr existiert, enthalten ist. Im Fokus des künstlerischen Schaffens steht also viel „weniger seine Präsenz, als vielmehr sein Verschwinden, sein Ver-Gehen, seinen Übergang in die Absenz.“ (85).

An Hand Überlegungen von Guy Debord und Michel de Certeau beschreibt der Verfasser die Basis für künstlerische Praktiken, die sich mit dem Gehen beschäftigen. Bei de Certeau handelt es sich beim Gehen um eine Praktik, die den Ausführenden erlaubt, Terrain für sich zurück zu erobern. Die Menschen „gehen in der Stadt“ auf den Straßen, die ihnen gehören und auf denen sie ihre Wege einschreiben können. Sie vollziehen aktive performative Akte, die die Gesetze und Normen der Topografie der Stadt herausfordern. Mit der Art und Weise des Gehens wird die Stadt zurück gewonnen. Debord stärkt die Idee des Herumschweifens und das Flanieren. Für die Situationistische Internationale die Veränderung der aktuellen Strukturen enorm wichtig. Ihre Vertreter interessieren sich für die „kleinsten Einheiten des menschlichen Handelns: Dem experimentellen Unherschweifen (sic) im sozialen Raum der Stadt, dem Erspüren und Erforschen psychogeographischer Stimmungen und dem programmatischen Bruch mit den Normen und Konventionen des topographischen Systems. Zu gehen bedeutet aktiv zu sein.“ (116f)

An Hand seiner Beispiele zeigt der Autor auf, dass das Gehen nie von Grenzen und vorgegebenen Räumen gelöst, betrachtet werden kann. „A Mis-Guide to anywhere“ von Wriths & Sites, „Walk with Me“ von Love Twin, Grenzgänge von Francis Alÿs oder „Great Wall Walk“ von Ullay und Marina Abramović zeigen „künstlerische Spaziergänge“ und ihr politisches Potential.

Weiterhin wird als Teil des Gehens, das Phänomen des Beschattens beschrieben. Dafür beschäftigt sich Fischer mit Edgar Allan Poes Text „Mann der Menge“ sowie mit den Performanceprojekten Vito Acconcis „Following Piece“ und Sophie Calles „Suite Vénitienne“. Im Vordergrund steht dabei der Mensch der Moderne, der, obwohl sie oder er in der Großstadt laufend anderen Menschen über den Weg läuft, doch isoliert und einsam scheint. Der moderne Mensch ist gezwungen umherzuschweifen, da man keine Bezugspunkte hat. Deshalb passt sich dieser Mensch dem Tempo der anderen an und versucht zum Anderen zu werden. Dabei steht der Versuch im Vordergrund zum Anderen zu werden, um am Leben von anderen teilnehmen zu können.

Im Abschnitt „Die Kinetik des Hinkens“ befasst sich Fischer nicht nur mit einer Variation des Gehens, sondern bekräftigt auch das Gewöhnliche als Thema der Kunst seit ungefähr den 60er Jahren. Als Beispiele dienen ihm Bruce Naumans „Becket Walk“, Trisha Browns „Walking Down The Side Of A Building“ und William Pope.Ls „Great White Way“. Ausgehend von Samuel Becketts „Watt“ wird eine analytische Vorlage entwickelt, eine „Bewegungsästhetik des Hinkens“, die in den genannten Performance- und Tanzprojekten helfen soll, den Bezug zur Wirklichkeit herauszuarbeiten. Der eigene Körper wird darin immer entfremdet, sodass ihm das Vertraute genommen wird und das Erstaunen darüber in Vorschein tritt. Durch den Körper wird die Beziehung zur Umwelt und Wirklichkeit neu überdacht und problematisiert. Dabei wird der Körper selbst misstrauisch betrachtet, da auch dieser ein Produkt des normativen Diskurses ist.

Im letzten großen Kapitel geht Ralph Fischer auf einen Walk von Janet Cardiff im New Yorker Central Park ein. Aus der ersten Person lässt Fischer den Leser bzw. die Leserin am Geschehen teilhaben und vermittelt so aus erster Instanz die ästhetische Erfahrung, der Menschen, die den Walk ausprobieren. Dabei geht er auch auf die theoretische Einordnungsproblematik eines solchen walks ein, da dieser weder als Performance noch als Aufführung bezeichnet werden kann. Im walk „Her Long Black Hair“ treten keine Performer bzw. Performerinnen in Erscheinung, sondern man wird mit einer „[a]kustische[n] Markierung von Abwesenheit“ (255) konfrontiert. „Die Materialität des performativen Kunstaktes wird nicht durch eine Interaktion zwischen Performern und Zuschauern erzeugt, sondern vielmehr durch die Interaktion zwischen der virtuellen Stimme auf der Tonspur und der physischen Präsenz des Rezipienten.“ (255f) Für die Gehenden entsteht dadurch auch eine paradoxe Wahrnehmung vom Anwesenden und Abwesenden. Dabei verweist der Autor kurz auf Roland Barthes „Die helle Kammer“, ausführlicher jedoch auf Jacques Derridas „Marx Gespenster“. Nach dessen Hantologie, ist das Gespenstische durch die Anwesenheit ohne Anwesenheit bzw. Sichtbarkeit des Unsichtbaren zu erkennen. Fischer setzt dieses geisterhafte Erscheinen der Frau mit dem langen schwarzen Haar ins Zentrum des walks. Mittels vier Fotografien, die Cardiff auf einem Flohmarkt erstanden hat, erweckt die Geherin oder der Geher nicht nur die Frau und ihre Geschichte zum Leben, sondern auch eine vergangene Zeit, die durch die auf den Fotos ersichtliche veränderte Umwelt wieder in Erscheinung tritt. Die Stimme, die das Gehen begleitet, ist mit keinem Körper verbunden, sondern davon durch die Audioaufzeichnung entkoppelt. Diese ambulatorische Ästhetik, so Fischer, lässt eine Wanderung mit einem Gespenst entstehen.

Diskussion

Ab den 60er Jahren scheint die Kunst die Zusehenden in bestimmten künstlerischen Genres stärker einzubinden und fördert dadurch ein aktives Erfahren. Denn beim Gehen bleibt immer etwas zurück, das uns nachdenken, reflektieren lässt. „Walking Art ist eine Kunst des Ver-Gehens, die Verschwinden produziert, Abwesenheit erzeugt und allenfalls Spuren in der Oberfläche des Untergrunds hinterlässt.“ (39) In einer anderen Arbeit von Jacques Derrida, auf die Fischer nicht eingeht, beschreibt Derrida ebenfalls einen walk. Allerdings reist er dazu in „Bleibe Athen“ nach Griechenland, um mit Fotografien von Jean-François Bonhomme nach Athen zu reisen, damit er sich auf dessen Spuren begeben kann. Dabei begleitet ihn der Satz „Nous nous devons à la mort“, der ihn antreibt, den Fotografien nachzuspüren. Derrida setzt damit auch den Versuch Barthes „Die helle Kammer“ fortzusetzen und das Geisterhafte, zwar nicht einzufangen, ihm jedoch stärker entgegenzutreten. Der Tod, der ihn als Wanderer auf Schritt und Tritt begleitet, steht bei Derrida noch stärker im Vordergrund. Das Verschwundene oder Abwesende bestimmt ihn nämlich, wie er anmerkt, viel stärker als die gegenwärtige Umwelt. Auch ein Schluss zu dem Fischer in seinem Buch gelangt, wenn dieser die ambulatorische Ästhetik von Cardiffs walk beschreibt. Erwähnenswert ist ebenso die autobiografische Beschreibung dieses walks. Durch das explizipte Beschreiben der eigenen Erfahrung stellt der Autor überzeugend dar, wie aus modernem Sehen postmodernes Erfahren werden kann. (44)

Fazit

Das Buch „Walking Artists: Über die Entdeckung des Gehens in den performativen Künsten“ legt den Fokus auf eine Selbstverständlichkeit innerhalb der künstlerischen Bandbreite von (Theater)Aufführungen über Perfomances bis Konzeptkunst: Das Gehen. „Gehen wurde als Signatur einer Kunst gedeutet, die ihre konventionellen Grenzen und Kontexte überschreitet und nach alternativen Schaffensräumen, Handlungs- und Wahrnehmungsmöglichkeiten sucht.“ (287) Dies zeigt Fischer anhand von unterschiedlichen Kunstschaffenden. Die Bewegung ist dabei immer wesentlich. In seinen Analysen, am genauesten befasst er sich mit Janet Cardiffs „Her Long Black Hair“, zeigt er, wie das Gehen unsere Wahrnehmung bestimmen und somit auch erweitern kann. Die Lektüre der ungefähr 300 Seiten ist kurzweilig und ist nicht nur für Kunstinteressierte spannend, sondern auch für alle, die sich mit der Frage beschäftigen, wie es den Teilnehmenden von Kunstprojekten ergeht.


Rezension von
Andreas Hudelist
Schwerpunkte: Ästhetik, Cultural Studies, Film- und Fernsehforschung, Kunst sowie kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung
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Zitiervorschlag
Andreas Hudelist. Rezension vom 12.05.2014 zu: Ralph Fischer: Walking Artists. Über die Entdeckung des Gehens in den performativen Künsten. transcript (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-8376-1821-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16605.php, Datum des Zugriffs 09.03.2021.


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