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Kenneth Minogue: Die demokratische Sklavenmentalität

Cover Kenneth Minogue: Die demokratische Sklavenmentalität. Wie der Überstaat die Alltagsmoral zerstört. Manuscriptum Verlagsbuchhandlung (Waltrop) 2013. 458 Seiten. ISBN 978-3-937801-74-2. D: 34,80 EUR, A: 35,80 EUR, CH: 46,90 sFr.

Reihe: Edition Sonderwege bei Manuscriptum.
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Demokratie? Demokratie!

Es ist nicht überliefert, ob Winston Churchill seine Aussage – „Democracy is the worst form of government except for all those others that have been tried“ („Demokratie ist die schlechteste Form von Regierung, mit Ausnahme all der anderen, die ausprobiert wurden“) – von Aristoteles abschaute, der „dêmokratia“ als abweichende und verfehlte Verfassung bezeichnet hat, weil in ihr „die oberste Gewalt von einer Mehrheit ausgeübt wird, die sich nicht am Allgemeinwohl, sondern nur am eigenen Nutzen orientiert“ (R.Geiger, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Kröner-Verlag, Stuttgart 2005, S.111). Die philosophischen, soziologischen und politischen Auseinandersetzungen über die Bedeutung und den Wert der „Volksherrschaft“ füllt ganze Bibliotheken. Und sie stellen sich meist als Kontroversen dar. Die Juckepunkte zeigen sich vor allem in den Begrifflichkeiten und Wertevorstellungen, wie etwa: Individualität, Autonomie, Selbstbestimmung, Selbstherrschaft… Die Spannweite der Auffassungen reicht dabei von der Überzeugung, dass der Mensch des Menschen Freund sei, bis hin zu der Zuschreibung, der Mensch wäre des Menschen Wolf.

Es ist der Momentanismus der Existenz, der die Individualität und die Fähigkeit des Menschen, selbst zu denken, und die auf der Vernunftbegabung gründende Ich- und Weltanschauung vernachlässigt. Unabhängiges Denken setzt Individualität, also die subjektorientierte Eigenschaft voraus, nämlich „ein Denken, das aufgrund sehr individueller Impulse seine innovatorische Qualität hat oder den Mut besitzt, dominierenden Denkmotiven zu widersprechen – und diesen Widerspruch in Neuem zu begründen“ (Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011,www.socialnet.de/rezensionen/12903.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Betrachten wir den Diskurs um die Vor- und Nachteile der Demokratie, so zeigt sich (hier nicht berücksichtigt und beachtet die fundamentalistischen, nationalistischen, rassistischen oder nihilistischen Forderungen nach deren Abschaffung) eine Spannweite, die von der System- und Kapitalismuskritik (siehe hierzu die zahlreichen Literaturhinweise bei Socialnet.de), bis hin zur Einrichtung von neuen Baustellen reichen (Serge Embacher, Baustelle Demokratie, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12783.php). Die Tendenzen dabei jedoch lassen sich unisono so formulieren: Demokratiereformen haben zum Ziel, eine bessere Demokratie zu schaffen! Im Dilemma freilich werden die Schwierigkeiten deutlich: Während auf der einen Seite der Skandal der Ungleichheit in der Welt sich in der Form eines Champagnerglases darstellt – „Auf die 900 Millionen Menschen, privilegiert durch die Gnade der westlichen Geburt, entfallen 86 Prozent des Weltkonsums, sie verbrauchen 58 Prozent der Weltenergie und verfügen über 79 Prozent des Welteinkommens… Auf das ärmste Fünftel, 1,2 Milliarden der Weltbevölkerung, entfallen 1,3 Prozent des globalen Konsums, 4 Prozent der Energie…“ (Ulrich Beck, Die Neuvermessung der Ungleichheit unter den Menschen. Soziologische Aufklärung im 21. Jahrhundert, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/7197.php) - bildet sich andererseits durch die wohlfahrsstaatlichen Entwicklungen eine „Tendenz zur Entmündigung des autonomen Individuums“ (vgl. dazu auch: Christopher Schmidt, Bestimmt selbst!, in: Hohe Luft, 2/2014, S. 23ff).

Der 1930 geborene und am 28. 3. 2013 gestorbene australische Politikwissenschaftler Kenneth Minogue war ein liberaler und konservativer Denker. Er lehrte an der London School of Economics und mischte sich über die Jahrzehnte hinweg immer wieder in den europäischen und globalen Demokratisierungs- und Liberalisierungsprozess ein. Er beriet die britischen Regierungen bei ihrem „Weg nach Europa“, und er war kritischer Beobachter bei der Bildung der Europäischen Union. In seinem 2010 in New York und London erschienenem Buch „The Servile Mind. How Democracy Erodes the Moral Life“, das 2013 vom Manuscriptum-Verlag in deutscher Sprache herausgebracht wurde, warnt er davor, dass die modernen Demokratien sich immer weiter in die individuellen, freiheitlichen Einzelheiten des menschlichen Lebens einmischten und damit das Individuum am Gängelband führten und bevormundeten.

Aufbau und Inhalt

Die Analyse wird in fünf Kapitel gegliedert. Im ersten Teil setzt sich der Autor mit den sprachlichen und faktischen Mehrdeutigkeiten auseinander, mit denen die Verfassungsform sich darstellt. Die Idealform der Demokratie ist „eine Version der Hoffnung, dass eine radikale Transformation der modernen Staaten sie in Übereinstimmung mit diesem Ideal bringen würde“. Aber Hoffnungen, wie „kollektive Erlösung (und) das Streben nach einer weltweiten Harmonie“ seien, so Minogue, einer Frage wert: „Weist dieses Engagement für diese sanften Tugenden der Welt zu einer besseren Welt? Oder verwandelt sich unsere Zivilisation bloß in einen Vogel mit nur einem Flügel, der ewig hilflos umherflattert, indem er versucht, uns in einer äußerst gefährlichen Welt weiter durch die Luft zu tragen?“.

Im zweiten Kapitel setzt sich der Autor mit dem (demokratischen) „Projekt der Egalisierung der Welt“ auseinander. Dabei ist nicht zu übersehen, dass seine Vorstellungen von Wertefundamenten korrelieren mit den zwangsläufig und logisch sich vollziehendem Wertewandel. Ob allerdings Minogue dabei die Ursachen meint, die sich durch die (kapitalistische) „Umdeutung einer Rechtsordnung in eine Wertordnung“ vollzogen haben (Eberhard Straub, Zur Tyrannei der Werte, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10807.php), erschließt sich dem Rezensenten nicht eindeutig. Minogues Hadern mit den transnationalen Autoritäten und Gesetzgebungsverfahren gründet interessanterweise in der Klage, „dass die Politiker die wesentlichen Teile demokratischer Souveränität dieser fremden Macht aushändigen“, wobei er insbesondere auf die beanspruchten Souveränitätsrechte britischer Politiker rekurriert.

Seine Frage – „Wo findet sich die Realität?“ – öffnet die Tür einen Spalt breit, indem der Autor im dritten Kapitel „die moralische Lebensführung und ihre Voraussetzungen“ diskutiert. Der unbestrittene Zusammenhang von Moral und Politik würde, so der Autor, im demokratischen Diskurs völlig außer Acht gelassen: „Die moralische Frage… wurde umgewandelt in den bemerkenswerten Ehrgeiz, die Art von Gesellschaft, die wir wollen oder zu wollen glauben, zu dekretieren“. Die von Aristoteles in das abendländische Denken eingebrachte Sinngebung, dass der Mensch nach einem guten, gelingenden Leben strebt (Hellmut Flashar, Aristoteles. Lehrer des Abendlandes, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/16033.php) hat ja zuvorderst die Bedeutung und den Forderungscharakter, „unsere Pflichten gegenüber uns selbst als Individuen“ zu erfüllen und damit unsere moralische Lebensführung als „kontinuierliche(n) Erfahrungsprozess von Selbstverständigung und Selbstfindung“ zu regulieren. Minogues Konsequenz: Ein „individualistischer Staat“, dem das Gebot der Selbständigkeit und individuellen Selbstbestimmung zugrunde liegt und dem jede Form von „sklavischer Unterwürfigkeit“ fremd ist.

Die Begründung dieser individualistischen Auffassung wird im vierten Kapitel gegeben: In der „politisch-moralischen Welt“ verbinden sich die beiden Typen des politischen Lebens und der moralischen Lebensführung miteinander: „Die Idee von Gesellschaft als einer Assoziierung von Individuen, die sich der Befriedigung ihrer Bedürfnisse widmen, postuliert eine Gesellschaft und letztlich eine Menschheit, in deren Schuld wir unrettbar stehen und der wir alles verdanken, was wir sind“.

Im fünften Kapitel „Ambivalenz und westliche Zivilisation“ kartografiert der Autor seine Vorstellungen vom „Politisch-Moralischen“. Dabei entgeht er freilich nicht der Falle, die er anprangert, nämlich dabei nicht der „Links-Rechts-Unterscheidung“ zu unterliegen; etwa wenn er bei seinen Versuchen, politische Stilrichtungen auf die Begrifflichkeiten „radikal“ und „konservativ“ zu extremieren, und zudem Radikalismus mit Sentimentalität und Konservatismus mit Realismus gleichsetzt: „Konservative sind sicher in dem Sinne Realisten, dass sie Politik vor dem Hintergrund dessen zu verstehen versuchen, was sie als historische und menschliche Realitäten begreifen“, während „im Rahmen der politisch-moralischen Denkweise alle Radikalen sentimentale Menschen sind“.

Fazit

Die Einschätzung, dass wir „uns von einer Moral der Ehrbarkeit hin zu einer Moral der Wohltätigkeit bewegt“ hätten, sagt erst einmal gar nichts über die Grundeinstellung von der „Herrschaft des Volkes“. Dass die idealistischen Vorstellungen und Forderungen nach Gleichheit, vor allem auf ökonomischem Gebiet, sich nie vollständig realisieren lassen, ist Bestandteil des politischen Denkens und der Wirklichkeit. In keiner echten demokratischen Zielsetzung und Vision wird ein „radikaler Egalitarismus“ gefordert; vielmehr geht es doch darum, soziale Gerechtigkeit zu schaffen! Das allerdings ist eine zutiefst individuelle wie kollektive Voraussetzung, die sich in der unverzichtbaren, unteilbaren und nicht relativierbaren Würde des Menschen artikuliert. Staatliche, demokratische Werte- und Normensetzungen freilich sind dann unzulässige Übergriffe auf die Individualität und Freiheit des Menschen, wenn sie per ordre mufti erfolgen und den gesellschaftlichen Diskurs ausschließen. Minogues Warnungen vom „Überstaat“ sind ohne Zweifel der Habacht wert. Mit der Radikalität jedoch, mit der er dem „autonomen Individuum“ alle Macht zuspricht und die kollektiven Mächte als „demokratische Sklavenmentalität“ diffamiert, wechselt er nur die Maßstäbe aus, dringt aber nicht zu den Symptomen vor. Diese lassen sich nicht im „politischen Perfektionismus“ finden (und von daher ist seine Kritik an der Regelungs- und Wohlfahrtswut des demokratischen Staates berechtigt); aber eben auch nicht im „konservativen Realismus“. Eine „geschlossene Gesellschaft“, wie sie in der Argumentation Minogues durchscheint, kann „Servilität“ nicht verhindern, sondern nur verlagern. Es käme in der Tat darauf an, unsere individuellen, gesellschaftlichen und politischen Erfahrungen als zôon politikon (Aristoteles) zu begreifen und daraus unsere Wertvorstellungen für eine „moralische Lebensführung“ zu entwickeln. Es ist richtig, dass wir damit individuell und in unserer Lebensumgebung, also lokal, beginnen müssen, um daraus unsere Weltsicht und Weltanschauung, also global, bilden zu können.

Es lohnt, Kenneth Minogues „Vermächtnis“ zu lesen, mit dem kritischen Blick auf die (liberalen und konservativen) Ideologien und der Bereitschaft, dem allzu oft und allzu pragmatisch formulierten Idealvorstellungen ein Kollektivitätsverständnis entgegen setzen zu können, das ausgeht von der Solidarität mit anderen Menschen, die wiederum beruht auf der Erkenntnis der gemeinsamen Verletzlichkeit und der Begrenztheit des Wissens, sowie der Suche nach Einsichten und Möglichkeiten, wie die strukturellen Ungleichheiten beseitigt werden können (Gabriele Jähnert, Hrsg., Kollektivität nach der Subjektkritik. Geschlechtertheoretische Positionierungen, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15958.php).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.03.2014 zu: Kenneth Minogue: Die demokratische Sklavenmentalität. Wie der Überstaat die Alltagsmoral zerstört. Manuscriptum Verlagsbuchhandlung (Waltrop) 2013. ISBN 978-3-937801-74-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16608.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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