socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Regina Münderlein: Erfolgreiche Schulkooperation

Cover Regina Münderlein: Erfolgreiche Schulkooperation. Eine doppelperspektivische Studie zur Zusammenarbeit von Schule und Jugendarbeit. Springer VS (Wiesbaden) 2014. 268 Seiten. ISBN 978-3-658-03969-1. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.

Reihe: Research.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Entstehungshintergrund

Die vorliegende empirische Studie von Regina Münderlein ist ihre Dissertation, die 2012 an der Ludwig-Maximilians- Universität München zugelassen wurde. Nicht zuletzt wegen des Universitätsstandortes bildet München bzw. Bayern die räumliche Rahmung des zu verhandelnden Gegenstandes.

Aufbau

Die Studie ist durch vier Kapitel strukturiert:

  1. Verortung der Kooperationsinstitutionen,
  2. Fallstudie: Verständnis von Schulkooperation,
  3. Fallanalysen,
  4. Zentrale Forschungsergebnisse.

Inhalt

Das erste Kapitel erörtert zunächst die Situation der prekären Haupt- und Mittelschule in Bayern. Die Entwicklungsdynamik in diesem Schultyp führt zu Unterstützungssystemen wie z.B. zur Schulsozialarbeit aber auch anderer Kooperationsformen. Damit kommt die Kinder- und Jugendarbeit in einen schulischen Kontext, der differenziert diskutiert wird. (z.B. Exkurs: Soziale Arbeit und kulturelle Bildung). Die Autorin untersucht dann die Jugendhilfe als dritte Sozialisationsinstanz und ihr Verhältnis zur Schule auch unter historischen Gesichtspunkten bis hin zur aktuellen und der damit intensivierten Zusammenarbeit. Dabei erscheint aber Kooperation als „ein bildungspolitisches Credo, welches man begründet als ideell aufgeladen und mit hohen Erwartungen belastet bezeichnen kann“ (44). Das Kapitel endet mit einem Überblick zum Forschungsstand der Schul- und Jugendhilfekooperationen.

Das zweite Kapitel verdeutlicht noch einmal das Anliegen der Studie, nämlich einen Abgleich von empirischen und normativen Interpretationen der jeweiligen Kooperationsakteure. Diese Interpretationen sind aber eher von subjektiven Alltagstheorien geprägt als von strukturellen Unterschieden der beteiligten Systeme. Um die Alltagstheorien zu erfassen wird der gewählte qualitative, dem interpretativen Paradigma folgende, Forschungszugang beschrieben. Auf diesem Hintergrund wird der Bezug zur Grounded Theory Methodology als für die Studie geeigneten Forschungsansatz hergestellt und das zum Einsatz kommende Forschungsdesign dargelegt.

Das umfangreiche dritte Kapitel stellt zunächst die ausgewählten Kooperationstandems vor: Eine offene Ganztagsklasse einer Haupt-/Mittelschule mit einer Kinder- und Jugendeinrichtung (ARA), die gebundene Ganztagsklasse einer Haupt-/Mittelschule mit einer Kinder- und Jugendeinrichtung (BUNTE) sowie eine weitere gebundene Ganztagsklasse mit einer weiteren Kinder- und Jugendeinrichtung (COX). In den beteiligten Einrichtungen wird das schulpädagogische und sozialpädagogische Personal befragt und alltagstheoretische Interpretation der Kooperationsakteure durch Interviews erhoben. Die jeweiligen Analyseinhalte werden gegenübergestellt und zwar zu den pädagogischen, den institutionellen Aspekten sowie zu den Arbeitsbeziehungen in der Kooperation. Ein weiterer Abschnitt befasst sich mit den Wechselwirkungen der unterschiedlichen Tätigkeiten der Akteure. Im Rahmen dieser Vorgehensweise wird z.B. festgestellt, das die Akteure keinen Bezug zur aktuellen Fachdiskussion der kooperativen Ganztagsformen haben und, so die Autorin, falsche Vorstellungen könne eine Kooperation behindern. Die vier genannten Kooperationsaspekte werden sodann systematisiert und verglichen, wobei der Vergleich auch unterschiedliche Handlungslogiken aufdeckt. So z.B. die Freiwilligkeit der Teilnahme bei der Jugendarbeit und die Leistungsbewertung im Kontext der Schule. Insgesamt erscheint das Erfolgs- und Nutzenerleben in den Kooperationsverläufen, eine ausschlaggebende „Gelingensdimension“ darzustellen. Ein Sachverhalt, der nach Münderlein in der Fachdiskussion um Schulkooperationen zu wenig Berücksichtigung findet. Anders formuliert: Kooperationsgewinne für beide Partner sind ausschlaggebend für eine gute und kontinuierliche Kooperation.

Im vierten Kapitel wird als ein Ergebnis festgehalten, dass der Mangel an empirisch-theoriebildenden Kenntnissen der Akteure eine programmatische Überladung von positiven Kooperationszusammenhängen gegenübersteht. Diese, unter Umständen sogar kontraproduktive, Differenz wird zumindest teilweise durch eine Erfolgs- und Nutzendynamik in der Kooperation überwunden. Auch professionsbezogene Anerkennungsimpulse folgen der Erfolgs-Nutzen-Logik: „Schulkooperation drückt sich als kontinuierliche, institutions- und individuumbezogene Erfolgs- und Nutzenwahrnehmung aus“ (241). Auf diesem Hintergrund wird auch die Doppelperspektive im Rahmen der Schulkooperation deutlich: Kooperation ist für Schulakteure eher eine Entlastung, für Akteure der Jugendhilfe eine Verdoppelung der Anforderungen. Dieses Kapitel schließt mit einer Checkliste für Schulkooperationen, sowohl für alle Beteiligten als auch getrennt für die beiden Akteursgruppen.

Diskussion

Die Autorin führt sicherlich die zu sehr im Hintergrund befindliche Nutzen- und Erfolgsdimension von Schulkooperationen erhöhter Aufmerksamkeit zu: „Durch Erfolg zur Kooperation“ (245) heißt einer der Schlusssätze der Studie. Diese Empfehlung zur pragmatischeren Einschätzung von solchen Kooperationen ist hilfreich wie auch der Hinweis, die empirische Durchdringung von Kooperationen aber auch von anderen Zielkomplexen innerhalb der Jugendhilfe auf die Agenda zu setzen. Auch ermöglicht die Spiegelung der Kooperationspraxis in den sogenannten alltagstheoretischen Interpretationen der jeweiligen Akteure, einen neuen Blick auf Kooperationsmodalitäten, die eben nicht nur auf strukturellen Systemunterschieden zwischen Jugendhilfe und Schule beruhen. Allerdings muss gesehen werden, dass das vorgestellte Kooperationsgeflecht der drei Tandems aus Bayern suboptimal ist und nicht geläufigen Kooperationsstandards entspricht. Der Leser erfährt nichts über eine notwendige Ganztagskonzeption, nichts über Kooperationsverträge, nichts über notwendigen und regelmäßigen Austausch der Akteure, nichts über eine ebenso notwendige Weiterbildung. Auch bleibt unklar über welchen Berufs- bzw. Studienabschluss das sozialpädagogische Personal verfügt. Dass Kooperationserfolg sich nur auf die institutionelle und professionelle Ebene bezieht und Schülerinnen und Schüler, für deren Wohlergehen ja letztlich kooperiert wird, gar keine Rolle spielen, bleibt verwunderlich.

Im aktuellen Jugendhilfediskurs treten ganz sicher normative Überladungen auf. Aber: Ohne normative Vorstellungskraft wären Kooperationen zwischen Jugendhilfe und Schule, wie z.B. die Schulsozialarbeit, gar nicht erst entstanden. Wahrscheinlich gäbe es dann auch nicht die vorliegende Studie bzw. Dissertation.

Fazit

Eine wissenschaftliche Arbeit, die sehr differenziert Kooperationsmodalitäten zwischen Jugendhilfe und Schule analysiert. Im Vordergrund stehen alltagstheoretische Interpretationen der jeweiligen Akteure und der Einfluss dieser Interpretationen auf den Kooperationserfolg. Ein Fachbuch für Fachleute.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
E-Mail Mailformular


Alle 89 Rezensionen von Erich Hollenstein anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 18.06.2014 zu: Regina Münderlein: Erfolgreiche Schulkooperation. Eine doppelperspektivische Studie zur Zusammenarbeit von Schule und Jugendarbeit. Springer VS (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-03969-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16613.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung