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Steffen Brockmann: Diversitätsbewusstes Denken und Handeln [...] (KiTa)

Cover Steffen Brockmann: Diversitätsbewusstes Denken und Handeln von Pädagogischen Fachkräften in Kindertagesstätten. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2013. 188 Seiten. ISBN 978-3-8309-2974-1. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,50 sFr.

Reihe: Internationale Hochschulschriften - 602.
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Thema

Wie gehen Kindertagesstätten mit Vielfalt um? Wie können Erzieherinnen und Erzieher den Kindergarten als eine Umwelt gestalten, die es den Kindern leicht macht, Unterschiede wahrzunehmen und zu respektieren?

Autor

Der Autor war in verschiedenen Ländern mit frühkindlicher Bildung befasst, dann in der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern tätig, seit einigen Jahren an einer privaten, der Diakonie verbundenen Hochschule in Düsseldorf.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Veröffentlichung geht auf die Doktorarbeit des Autors zurück.

Aufbau

Der vorliegende Band hat im Grunde vier Teile.

Im ersten Viertel stellt der Autor Konzepte von Diversity und Diversity Management vor. Es folgt eine – darauf bezogene – kurze Übersicht über die Bildungspläne und Ausbildungsstätten in einzelnen Bundesländern. Nach dem methodologischen und forschungsethischen Teil (25 Seiten) stellt der Autor ausführlich, auf etwa 70 Seiten, die Daten vor und kommentiert sie gründlich.

Inhalt

Diversity Management ist eine unternehmerische Strategie, die Vielfalt des Aktionsfeldes, also bei Produktion und Verkauf in der globalen Wirtschaft und multikulturellen Gesellschaften abzubilden. Dies bedeutet, die Tatsache anzuerkennen, dass sich Menschen nach Hautfarbe, Geschlecht, Alter, Staatsangehörigkeit, sozialer Herkunft, Religion, sexueller Orientierung, und körperlich-geistiger Kapazität unterscheiden. Damit trifft sie sich mit den Diskriminierungsverboten und Gleichstellungsgesetzen. Die Differenzlinien, nach denen Menschen sortiert werden, sind dabei keineswegs naturwüchsig, sondern gesellschaftlich gemacht bzw. verursacht (s. Schicht/Klasse). Sie sind, wie z.B. im Falle von Altersarmut, durchaus miteinander verbunden, auch verschärfend (sog. Intersektionalität).

Dass Bildungseinrichtungen womöglich Wahrnehmungen und Einstellungen, nicht jedoch die realen Verhältnisse (niedrige Einkommen, politische Unterdrückung) bearbeiten können, ist offensichtlich. Die Frage stellt sich aber, ob und wie Bildung, insbesondere die frühkindliche Bildung, dazu beitragen kann, dass Menschen die gesellschaftliche Vielfalt wahrnehmen, anerkennen und „Andere“ respektieren. Sind sich die Akteure im Elementarbereich der Diversität bewusst?

Die Bildungspläne für die Kindertageseinrichtungen wie auch die Lehrpläne der Fachschulen für Frühpädagogik geben nach der vorliegenden Recherche dazu kaum etwas her, zumal die Integration oder Inklusion von behinderten Menschen üblicherweise separat geregelt wird.

Der Autor befragt (im Frühsommer 2011) das pädagogische Personal (fünf Erzieher/innen) einer Kita. auch sechs Eltern und fünf Kinder; hauptsächlich gewinnt er das Material vermittels teilnehmender Beobachtung. Er arbeitet Situationen heraus, in denen Diversität spürbar oder bewusst wird. Das ist häufig dann gegeben, wenn Kinder aus nicht-christlichen Familien mit Gebeten, Dogmen oder auch der drastischen Kreuzigungsdarstellung konfrontiert werden.

Andere Beispiele:

  • Als ein Mädchen mit Epilepsiehelm in die Kita kommt, sorgen die Erzieherinnen dafür, dass es den anderen Kindern dies selbst erklärt. Das Mädchen trägt sodann den Helm ganz stolz, das Thema ist damit erledigt.
  • Für das Puppenhaus haben die Erzieherinnen bewusst auch Figuren mit dunkler Hautfarbe oder im Rollstuhl angeschafft. Beobachtungen dazu, ob die Kinder diese anders behandeln oder bewerten, konnten nicht gemacht werden.
  • Da ein Junge, nach Einschätzung einer Pädagogin wegen seiner sozialen Herkunft, von einem Mädchen aus einer Akademikerfamilie ständig unterdrückt wird, ruft sie das Mädchen zu Fairness auf und ermutigt den Jungen, sich zu wehren.

Abschließend zeigt der Autor einige Dilemmata auf, die sich daraus ergeben, dass Differenzen zur Normalität gehören sollen. Dabei reicht der Hinweis weit, dass gute Erzieherinnen und Erzieher immer auf die Bedürfnis jedes Kindes mit Wertschätzung und Empathie eingehen. Insofern sind sie immer auch diversitätsbewusst. Wenn Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache in die Kita kommen, sollen sie einerseits gerade darin bestärkt werden, aber auch alle Gelegenheiten haben, Deutsch zu sprechen.

Diskussion

Der Autor legt eine Studie vor, die erfrischend anschaulich und konkret ist. So müsste es gelingen, jede Leserin/jeden Leser dafür zu gewinnen, (eigene) Kita-Praxis zu reflektieren, das Potential an Diversity zu sehen und auszuschöpfen.

Nicht immer ist so klar, wie die Erzieherinnen und Erzieher in kritischen Situationen handeln sollten. An manchen Stellen, etwa bei der Förderung zweisprachiger Kinder, wäre die aktuelle Forschung noch mehr zu berücksichtigen gewesen. Der Abschnitt „Geschichte der institutionellen Kinderbetreuung“ (22 Seiten) ist eine unergiebige Pflichtübung. Einige Kommas sind recht willkürlich gesetzt.

Fazit

Für die Praxis in den Kitas und die Ausbildung hierfür ein überaus anregender Fundus!


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 04.06.2014 zu: Steffen Brockmann: Diversitätsbewusstes Denken und Handeln von Pädagogischen Fachkräften in Kindertagesstätten. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2013. ISBN 978-3-8309-2974-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16614.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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