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Werner Lindner: Arrangieren

Cover Werner Lindner: Arrangieren. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2014. 150 Seiten. ISBN 978-3-17-022469-8. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR, CH: 27,50 sFr.
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Thema

Das Spektrum pädagogischer Felder habe sich in den zurückliegenden Jahren erheblich ausdifferenziert und entsprechend vielfältig hätten sich auch die pädagogischen Praktiken entwickelt, heißt es im Vorwort der Herausgeber des vorliegenden Bandes: „Trotzdem lassen sich diese auf eine begrenzte Zahl von Grundformen pädagogischen Handelns zurückführen (die so etwas wie die operative pädagogische Matrix bilden)“ (S. 5). Es ist daher kaum eine pädagogische Situation denkbar, in der das Arrangieren (neben anderen pädagogischen Praktiken wie z. B. dem Animieren, Erproben oder Erkunden) nicht zum Tragen kommt. Arrangieren lässt sich als Versuch bestimmen, eine Lernsituation herzustellen, die eine gewisse Offenheit der Lernprozesse kennzeichnet. Angesichts gesteigerter und gewandelter Lern-, Bildungs- und Qualifikationsansprüche und -erwartungen, bei denen es immer mehr um Selbstbildung und -organisation geht, erfährt das Arrangieren eine wachsende Bedeutung.

Autor

Dr. phil. Werner Lindner lehrt seit 2007 als Professor am Fachbereich Sozialwesen der Ernst-Abbé-Fachhochschule Jena. Seine Schwerpunkte sind – neben dem originären Berufungsgebiet Jugendarbeit, jugendliche Ausländer und Jugendkultur – unter anderen Politikfeldanalyse Kinder- und Jugendarbeit/Strategien und Analysen reflexiver Politikberatung, Jugend und Jugendarbeit im demografischen Wandel, Qualitätsentwicklung und Professionalisierung der Kinder- und Jugendarbeit sowie Evaluation (in) der Kinder- und Jugendarbeit. Beispielhaft hier sind für diese Schwerpunktsetzung unter anderem der von ihm editierten Bände „Kinder- und Jugendarbeit wirkt“, Wiesbaden 2007 (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/5305.php) und „Political (Re-)Turn? Impulse zu einem neuen Verhältnis von Jugendarbeit und Jugendpolitik“, Wiesbaden 2012, oder der zusammen mit Birgit Bütow und Karl August Chassé herausgebrachte Band „Das Politische im Sozialen“, Opladen u. a. 2012 (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/16448.php), zu nennen.

Aufbau und Inhalt

Die vorliegende Veröffentlichung (die in der von Birte Egloff und anderen herausgegebenen Reihe „Pädagogische Praktiken“ erschienen ist) lässt drei Teile erkennen:

  1. Im Mittelpunkt stehen zunächst die Grundsätze des Arrangierens (1. Kapitel, S. 13 – 33) sowie Konkretisierungen und Praxisbezüge am Beispiel Jean-Jacques Rousseaus „Emile“ bzw. der Münchner Kinderstadt, was damit in den Modi von „negativer“ oder indirekter Pädagogik, Selbsttätigkeit/-regulation und Aneignung einführt (2. Kapitel, S. 34 – 43).
  2. Anschließend differenziert der Verfasser pädagogische Arrangements im Kontext der Frühpädagogik Maria Montessoris (3. Kapitel, S. 44 – 59), der (Ganztags-) Schule (4. Kapitel, S. 60 – 77), der Sozialpädagogischen Familienhilfe (5. Kapitel, S. 78 – 98) und der Erwachsenenbildung (6. Kapitel, S. 99 – 118).
  3. Im „Fazit“ (7. Kapitel, S. 119 – 132) bilanziert der Verfasser vor dem Hintergrund der Ausführungen insbesondere des zweiten Teils vier Aspekte, wonach erstens die Qualität der Vermittlungs- und Aneignungsprozesse mit der Qualität des Verstehens von Standpunkten und Horizonten der Lernendes stehe oder falle. Zweitens drohe eine zu dichte Ausrichtung an den Lernbedürfnissen „zu Lasten einer kritischen und reflexiven Distanz“ zu gehen, „die erst in dem Maße ermöglicht wird, wie das Lernen in handlungsentlasteteten Moratorien stattfindet kann“ (S. 123). Drittens sei eine gründliche Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand sowie den darauf bezogenen Lernzielen erforderlich sei, um das pädagogische Arrangement gelingend ausgestalten zu können. Und viertens sei selbstreguliertes Lernen als pädagogisches Arrangement nicht an sich (sozusagen) „gelingenssicher“, sondern es müsse auf die Adressat/inn/en jeweils spezifisch abgestimmt sein, zum Beispiel indem den besonderen Unterstützungsanforderungen leistungsschwächerer Schüler/innen Rechnung getragen werde (S. 122ff). Auch vor diesem Hintergrund verfüge die pädagogische Praktik des Arrangierens „zweifellos über Vorzüge, die sich jedoch stets dezidiert auszuweisen haben in der Orientierung an ernst gemeinter Aneignung und einem gehaltsvollen Verständnis von lernen, welches nicht aufgeht in der technologielastigen Anpassung an beliebige Unhalte, sondern sich zu beziehen hat auf individuelle Erfahrungen und deren Reflexion“ (S. 132).

Der Band wird mit 16 Seiten Literatur bis 2011 umfassend vervollständigt.

Zielgruppen

Die kompakten Einführungsbände seien, so die Herausgeber der Reihe „Pädagogische Praktiken“, so formuliert, „dass sie Studierenden eine Erweiterung und theoretische Fundierung ihres Erfahrungshorizontes ermöglichen“. Die Reihe wende sich aber auch an Praktiker/innen, „die hier zur Reflexion, Differenzierung und Erweiterung ihres Handlungsrepertoires angeleitet werden“ (S. 5). Diesem Anspruch wird die vorliegende Publikation sicher gerecht.

Diskussion

Auf den ersten Blick scheint die im vorliegenden Band aufgearbeitete Thematik selbstverständlich, ja, fast banal. Natürlich ist, mit Werner Lindner, auch das Arrangieren „stets mit anderen pädagogischen Praxen verbunden“, so wie „jegliches pädagogische Handeln als absichtsvolles Herstellen bzw. Anbahnen von Situationen des Lernens, mit irgendeiner Form des Arrangierens verbunden“ sei (S. 11). Zugleich stellt der Autor aber auch fest, dass lediglich in den Arbeiten von Hermann Giesecke (1992) und Klaus Prange und Gabriele Strobel-Eisele (2006) eine ausführlichere Auseinandersetzung mit dem Begriff des Arrangierens stattgefunden habe (S. 13). Die Publikation spürt damit einer erstaunlichen „Blindstelle“ nach: „Im Arrangieren ist beabsichtigt, Aneignungen zu initiieren bzw., in Gang zu halten, sodass Prozesse der Vermittlung … zwischen Individuum und Welt möglich bzw. wahrscheinlicher werden“ (S. 16). Es gestaltet sich in der „doppelte(n) Verfasstheit“ als Angebot und Zumutung zugleich, auf die sich Lernende einlassen oder durch Verweigerung reagieren können; darin bestehe Chance und Risiko des Arrangierens (S. 14f). Die sich als Chance ergebenden Anschlüsse an Subjektorientierung, Aneignung und Partizipation (S. 21) sind es, die, als „Moment der Selbstermächtigung von Subjekten“ (Michael Winkler 2004) verstanden, die Argumentation und das Arrangieren als pädagogische Praktik interessant machen. Für Werner Lindner wird dabei auch deutlich, dass hierbei nicht in erster Linie die Funktion des Pädagogen/der Pädagogin entscheidend sein müsse, sondern im Akt des Arrangierens eher deren/dessen Zurückhaltung bzw. die Balance zwischen Unter- und Überforderung oder die Intensität und der Zeitpunkt von Impulsen. Partizipation, Aushandlung und Prozessorientierung sind von Belang sowie (mit Johann Friedrich Herbart) der pädagogische Takt als das Vermögen, zwischen Theorie und Praxis angemessen zu vermitteln (S. 30ff).

Fazit

Bilanzierend kann gesagt werden, dass mit „Arrangieren“ eine niveauvolle Präsentation vorliegt, die charakterisiert, dass Aspekte eines spezifischen Bildungsverständnisses im Anschluss an Kant, Hegel und die „Klassiker“ der Pädagogik (Schleiermacher, Herbart, Pestalozzi und andere) einerseits grundlegend entwickelt werden (S. 22ff), insofern Bildungstheorie formuliert wird, und andererseits Überlegungen formuliert werden, pädagogisches Arrangieren reflektiert betreiben zu können, also Anregung zu entfalteter pädagogischer Praxis sind, ohne damit doch schon Praxisanleitung zu sein. Diese Übersetzung muss der/die Leser/in selbst leisten.

Sicher wäre es hilfreich (und wünschenswert) gewesen, wenn der Verfasser einen weiteren Zugang seiner Argumentation beigefügt hätte, für den er als ausgewiesener Experte gilt: das pädagogische Arrangieren in der Kinder- und Jugendarbeit; dies ist an anderer Stelle geschehen (vgl. dazu seinen Beitrag: Arrangieren: der didaktische Kern der Jugendarbeit; in: deutsche jugend 1/2014: 10-18), macht also das Lesen an zwei Orten erforderlich. Aber auch so liegt ein Band vor, der durch seine gehaltvolle theoretische Argumentation zu überzeugen weiß.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 22.12.2014 zu: Werner Lindner: Arrangieren. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-17-022469-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16617.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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