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Michael Els: Übergriffe in der Kita

Cover Michael Els: Übergriffe in der Kita. Vorbeugen, erkennen und eingreifen : Ein Praxisleitfaden. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 176 Seiten. ISBN 978-3-7799-3152-2. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.

Reihe: Edition Sozial.
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Autor

Der Autor lehrt am Fachbereich Soziale Arbeit der Hochschule Niederrhein.

Aufbau

Das Buch gibt in elf Kapitel Auskunft zu Gefährdungslagen von Kindern und Interventions- wie Präventionsmöglichkeiten des Personals von Kindertageseinrichtungen.

  • Im ersten Kapitel wird sexuelle Gewalt an Kindern knapp dargestellt (S. 15-21).
  • Das zweite Kapitel informiert zum Auftrag (genauer, zum Erziehungsauftrag gemäß § 22SGB VIII) von Kindertageseinrichtungen (S. 22-32),
  • während das dritte Kapitel altersgemäße Bedürfnisse des Kindes und den fachlich adäquaten Umgang mit ihnen thematisiert (S. 33-55).
  • Im vierten Kapitel werden strafrechtliche Grenzen erläutert, d.h. § 176 StGB steht im Fokus (S. 56-70).
  • Das fünfte Kapitel erörtert Daten und Fakten zum sexuellen Missbrauch (S. 71-105).
  • Im sechsten Kapitel werden Strategien der Täter/innen analysiert und eine Erklärung sexuellen Missbrauchs versucht (S. 106-118).
  • Das dreistufige Verdachtsschema geht Anhaltspunkten für sexuelle Gewalt im siebenten Kapitel nach (S. 119-139).
  • Kapitel 8 dient zur Vertiefung (S. 140-159),
  • während das vorletzte Kapitel Verfahren bei gewichtigen Anhaltspunkten einer Kindeswohlgefährdung erläutert (S. 160-164).
  • Der Prävention vor sexueller Gewalt an Kindern ist das 10. Kapitel gewidmet (S. 165-191).
  • Hinweise zu Haftung und Sozialdatenschutz gibt das 11. Kapitel (S. 192-195).Im Anhang werden rechtliche Grundlagen als Auszüge aus den entsprechenden Gesetzesbüchern dargestellt.

Inhalt

Das erste Kapitel führt auf sieben Seiten in die Problematik ein. Els beginnt praxisnah mit Beispielen, sogenannten Einführungsfällen und führt mit Reflexionsfragen in die Differenzlinien sexueller Übergriff und sexueller Missbrauch ein. Ein weiterer Abschnitt beschäftigt sich mit Nähe und Distanz (in körperorientierten Interaktionen). Den Abschluss des Kapitels bildet ein kurzer Exkurs zum Missbrauchsdiskurs und seinen Auswirkungen.

Im zweiten Kapitel wird der Auftrag von Kindertagesstätten (Bildung, Betreuung und Erziehung) sowie dessen Grenzen thematisiert. Anhand von Einführungsfällen wird auf einschlägige Rechtsvorschriften verwiesen: In einem längeren Exkurs werden elterliche Sorge in den gesetzlichen Vorschriften von GG und BGB dargestellt, der Erziehungsvorrang der Eltern geklärt, der partnerschaftliche Erziehungsstil festgelegt und Grenzen elterlicher Handlungen dargestellt (hier insbesondere körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und entwürdigende Maßnahmen). Ebenso werden zulässige elterliche Erziehungsmittel erwähnt (wozu im Interesse des Kindeswohls ggf. auch Gewalt und Zwang gehören dürfen – Els definiert hier Gewalt als Wegnahme von Zündhölzern). Andererseits geht Els bereits hier auf unzureichende elterliche Fürsorge ein (und dementsprechend auf den Auftrag des päd. Personals in Kindertageseinrichtungen, diese Gefährdungen zu erkennen und entsprechend auf die Inanspruchnahme von Hilfen seitens der Erziehungsberechtigten einzuwirken). Der abgeleitete Erziehungsauftrag von Kindertageseinrichtungen als nachrangige Ergänzung zum elterlichen Erziehungsauftrag wird in einem nachfolgenden Exkurs dargestellt. Im letzten Abschnitt des Kapitels werden Schlussfolgerungen für Kindertagesstätten und die Lösungen der Eingangsfälle präsentiert.

Das dritte Kapitel ist altersgemäßen Bedürfnissen des Kindes und dem fachlich adäquaten Umgang mit ihnen widmet. Nach einer kurzen Darstellung von Einführungsfällen wird anhand einer Mischung verschiedener Fachtexte (Handreichungen und Bildungsplänen) auf die Berücksichtigung altersgemäßer Bedürfnisse von Kleinkindern rekurriert. Insbesondere wird dabei die Kultur der Wertschätzung und Eigenständigkeit in Grenzen am Beispiel der Schamentwicklung (genauer. Entwicklung der Körperscham) behandelt. Empfehlungen für das Kita-Team schließen diesen Bereich ab, bevor Fallaufgaben zu fachlich richtigem Umgang mit Nähe und Distanz und ein Exkurs zur Schulung der eigenen Beurteilungskompetenz das dritte Kapitel beenden.

Im vierten Kapitel werden die strafrechtlichen Grenzen (im einzelnen Sexueller Missbrauch von Kindern) in der Fassung des § 176 StGB diskutiert. Neben einer rechtlichen werden auch sozialwissenschaftliche Definitionen kurz vorgestellt, bevor im Einzelnen der Gesetzestext des § 176 StGB erläutert wird. Neben Beispielen erheblicher sexueller Handlungen werden auch Beispiele nicht erheblicher sexueller Handlungen zur Differenzierung herangezogen, bevor Varianten des § 176 StGB diskutiert werden. Ein Raster rechtlich zulässigen / unzulässigen Erziehungsverhaltens zeigt konkrete Beispiele in der Einordnung auf und bietet somit Orientierungshilfe. Anschließend werden auf 3 Seiten Anwendungsfälle vorgestellt, anhand derer die eigene Beurteilungskompetenz geschult werden kann.

Im fünften Kapitel werden Daten und Fakten zum sexuellen Missbrauch beleuchtet. Im Abschnitt zur Epidemiologie werden Hell- und Dunkelfeld getrennt dargestellt, wobei für die Häufigkeiten im Hellfeld die Statistiken der Polizeilichen Kriminalstatistik des BKA herangezogen wurden. Im Dunkelfeld wird vorrangig auf 2 Studien des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens rekurriert. In einem weiteren Exkurs wird zudem auf Missbrauch in Institutionen verwiesen. Els kritisiert hier zu Recht, dass die vom DJI veröffentlichten Expertisen ausgerechnet Verdachtsfälle in Kindertagesstätten außer acht ließen. Im Vertiefungsabschnitt zu geschlechtsspezifischen Schutzlücken und Wahrnehmungsverzerrungen wird auf genderbezogene Stereotypen eingegangen, die das Erkennen von Gefährdungen zum Tel verunmöglichen: so werden Mütter wie selbstverständlich für das Erkennen und Beheben von Phimosen verantwortlich gemacht, Väter hingegen äußerst argwöhnisch beäugt. Els verweist zudem auf die Genderunterschiede in der Debatte um Beschneidung, in der er zugleich linguistische Position bezieht: „Schon semantisch fällt auf, dass die Beschneidung bei Mädchen als Verstümmelung bezeichnet wird, bei Jungen als Beschneidung“ (S. 91). Gerade zu Zusammenhängen von Macht und Ohnmacht, Opferstatus und Geschlechtszugehörigkeit wird in einem eigenen Unterabschnitt vertiefend auf Männlichkeit, erlittene Gewalterfahrungen und Geschlechterstereotypen eingegangen. Els kritisiert hier die Ungleichbehandlung männlicher Opfer, denen zu wenig Hilfeangebote unterbreitet werden. Im Exkurs zum Generalverdacht, unter den Männer pauschal gestellt werden, die in einer Kita arbeiten, werden Fälle dargestellt, die die Absurdität des Generalverdachts exemplarisch beleuchten. Die negative Andrologie als unsere (deutsche, aber sicher auch darüber hinaus) Gesellschaft prägende Deutungsstruktur wird von Els als eine der möglichen Ursachen zitiert. Dessen mögliche Konsequenzen für den Kinderschutz sieht Els zum einen in der Gegensteuerung von Vorurteilen, zum anderen in der vermehrten Gewinnung männlicher Erzieher in Kindertageseinrichtungen: „Dafür aber muss den Männern die Möglichkeit gegeben werden, ihren Beruf professionell und in all seinen Facetten auszuüben… Männer in Kindertageseinrichtungen dürfen nicht dazu angehalten werden, bestimmte vermeintlich verdächtige Situationen … zu meiden. Dies würde sie in ihrem professionellen, pädagogischen Handeln einschränken und Kinder in hohem Maße irritieren“ (S. 105).

Im sechsten Kapitel werden Strategien der Täter/innen näher beleuchtet und eine Erklärung des sexuellen Missbrauchs dargestellt. So wird auf das planvolle Vorgehen verwiesen (und im Text mehrfach auf den Überblicksartikel von Claudia Bundschuh verwiesen, aus dem die Strategien extrahiert wurden), durch Täuschung, Manipulation, Verdeckung, Falschinformation, Druckausüben. Im Exkurs von Bundschuh (S. 108-14) werden Manipulationstechniken vorgestellt, die Täter/innen in Bezug auf Kinder anwenden: Testrituale, Initiierung von Abhängigkeiten und Schuldgefühlen, Ortauswahl, Sprechverbot u.a. Auch möglich Strategien zur Manipulation der Fachkräfte in einer Einrichtung, zur Manipulation familiärer Bezugspersonen und zum Umgang mit Verdächtigungen werden vorgestellt. Die Erklärung sexueller Gewalt an Kindern wird eher in der Zusammenschau verschiedener, heterogener Erklärungsansätze versucht, um letztlich Finkelhors 4-Faktoren-Modell zu folgen. Im Vertiefungsexkurs werden Hinweise zu Besonderheiten weiblicher Täterinnen gegeben, allerdings nur in Form eines Literaturverweises. Hier wäre eine gründlichere Darstellung angemessen gewesen.

Im 7. Kapitel werden Anhaltspunkte für sexuelle Gewalt an Kindern anhand eines dreistufigen Verdachtsschemas diskursiv erläutert. In einem kleineren Exkurs werden Leitlinien kurz vorgestellt, um dann die Schritte der Verdachtsabklärung darzulegen. Zu diesen Schritten zählen Prüfen und Bewerten des Anfangsverdachts, d.h. beobachtete Verhaltensauffälligkeiten zu bewerten. Spezifischere Angaben von Kindern, die auf altersunangemessenes Sexualwissen verweisen, können Hinweise geben – auch dies ist genauer zu überprüfen. Hohen Hinweiswert werden direkten oder direkt beobachteten sexuellen Übergriffen, spontanen und detaillierten Handlungsschilderungen der Kinder oder bspw. Videoaufnahmen zugewiesen. Befragung weiterer Vertrauenspersonen des Kindes oder des Kindes selbst sind nicht mehr Angelegenheit der Kita – hier sind Fachleute zu Rate zu ziehen, wie Els sehr richtig anmerkt. In weiteren kleinen Abschnitten wird zum einen der Beweiswert ärztlicher Untersuchungen eingeschätzt, das Elterngespräch und die Beteiligung der Eltern am weiteren Klärungsprozess erläutert und Kooperationen im Rahmen einer Verdachtsabklärung dargestellt. Gerade letzteren stellt Els ein eher kritisches Zeugnis aus: „Bleiben Sie kritisch gegenüber Fachleuten und überprüfen Sie selbst deren Sachkompetenz. Nehmen Sie die Rolle des Anwalts des Kindes ein und lassen Sie sich weder auf ungeprüftes Festhalten an haltlosen Verdächtigungen noch auf inkompetentes Vorgehen oder auf vielleicht angenehmes Verdrängen von Verdachtsmomenten ein“ (S. 136).

Im 8. Kapitel, als Vertiefung gedacht und auch so benannt, wird vor allem die Situation sexuell missbrauchter Kinder fokussiert in den Blick genommen. In kurzen Abschnitten wird auf die psychische Situation eingegangen. Die Situation eines Gesprächs mit Kindern wird insbesondere vor dem Hintergrund möglicher Aussageverschiebungen erläutert – gerade suggestive oder suggestiv formulierte Fragen können zu falschen Aussagen führen – auch und gerade, wenn es von keinem der Beteiligten beabsichtigt war. So gibt Els auch konstruktiv Hinweise zur Gesprächsführung, wie eine solche Situation gestaltbar wäre und beantwortet Fragen zur Auswirkung sexueller Gewalt auf Kinder. Einen wichtigen Exkurs in diesem Kapitel bilden seine Lehren aus den Wormser Prozessen (eine Erklärung zu diesen Prozessen wird, da es sich um Fälle aus den 1990er Jahren handelt, die sicherlich nicht allen Fachkräften geläufig sind, den Lehren vorangestellt). Er beschließt die Lehren mit einer weiteren Vertiefung zur Schulung der eigenen Beurteilungsfähigkeit und warnt vor vorurteilsbeladenen Interpretationen von Symptomen.

Im 9. Kapitel werden Verfahren bei gewichtigen Anhaltspunkten einer Kindeswohlgefährdung durch Übergriff oder sexuellen Missbrauch diskursiv dargestellt. So geht Els zum einen auf die Meldepflicht ein (die nach seinen Vorstellungen hier arbeitsrechtlich zu regeln wäre), auf Aufgaben und Verantwortungen der Leitungskräfte, auf den Umgang mit beschuldigten Personen, auf Begleitung und Unterstützung mutmaßlicher Opfer, aber auch auf die Unterstützung des Personals und auf die Einbeziehung von Fach- und Aufsichtsbehörden.

Das 10. Kapitel widmet sich dem Bereich der Prävention in Kindertageseinrichtungen. Els stellt hier Leitlinien vor, anhand derer Einrichtungen individuell abgestimmt ihr eigenes Präventionskonzept entwickeln können.

Im 11. Kapitel werden abschließend Hinweise zu Haftung und Sozialdatenschutz gegeben. Anhand von Beispielfällen werden Fragen zu Weitergabe von Sozialdaten, Strafanzeigen etc. beantwortet.

Diskussion

Els erläutert gerade im 2. Kapitel auch nicht immer leicht und sofort erkennbare Formen elterlicher Vernachlässigung anhand von Erziehungsstilen: „Der kann in zwei Varianten auftreten, einmal als elterliche Nachgiebigkeit und zum anderen als elterliche Unengagiertheit. Elterliche Nachgiebigkeit kann, obwohl die Eltern auf die kindlichen Bedürfnisse eingehen und sie dem Kind viel Eigenständigkeit gewähren, dennoch zu einer Gefährdung des Kindeswohls führen, weil die Eltern zu wenig von ihm fordern, es also an ausreichender Erziehung fehlen lassen … Elterliche Unengagiertheit bedeutet, dass die Eltern weder auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen, noch klare Erwartungen und Forderungen an sie richten und darüber hinaus sich nicht kümmern, was ihre Kinder eigentlich treiben, und sie weitgehend sich selbst überlassen“ (S27). Els kritisiert zudem die unzureichende Einbindung von Themenkomplexen wie Sexualität und Sexualpädagogik in Bildungsplänen der Länder. Im dritten Kapitel wird auf den Umgang mit Klein- und Kleinstkindern verwiesen.

Im fünften Kapitel wird unter anderem die semantische Unterscheidung von Verstümmelung und Beschneidung vorgenommen, wenn auch unter genderbezogener Perspektive. Hier wäre zumindest ein Exkurs zur Debatte um Beschneidung von Jungen angebracht gewesen – eine Debatte, die in den letzten Jahren teilweise heftig geführt wurde. Unverständlich bleibt, warum darauf keinerlei Bezug genommen wurde. Im Abschnitt zu männlichen Gewalterfahrungen wird lediglich die Statistik des KfN herangezogen – ein Blick in die PKS hätte hier gut getan – die statistischen Daten zu männlichen Opfern sexueller Gewalt sind von der Website des BKA abrufbar. Im Exkurs zum Generalverdacht, unter den Männer pauschal gestellt werden, die in einer Kita arbeiten, werden Fälle dargestellt, die die Absurdität des Generalverdachts exemplarisch beleuchten: dieselben Männer, argwöhnisch in der Kita beäugt, wenn sie Kinder wickeln (vorausgesetzt sie dürfen Kinder überhaupt wickeln) werden zuhause hoch gelobt, wenn sie sich um das Wickeln ihrer Kinder kümmern: in der Arbeit tabu und zuhause der Superstar?

Im siebten Kapitel werden Schritte der Verdachtsabklärung dargestellt. Begonnen mit beobachteten Verhaltensauffälligkeiten werden diese als schwacher Beweiswert angesehen. Els stellt in Übereinstimmung mit dem aktuellen Diskurs kategorisch fest, dass es keine spezifischen, d.h. unzweideutigen „Missbrauchssymptome“ gibt. Vor dem Hintergrund einer oft tiefgreifenden Verunsicherung pädagogischer Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen kann diese Warnung nicht oft genug wiederholt werden. Els verweist jedoch ebenfalls auf nicht altersadäquates Sexualwissen (Existenz, Aussehen, Geruch, Geschmack von Sperma) und versieht dies als Hinweis von mittlerer Schwere – hier wäre ggf. deutlicher an sexuelle Übergriffe zu denken. Es bleibt jedoch sehr fragwürdig, ob diese Abgrenzung und gegebenenfalls weitere Überprüfung eines solchen Anfangsverdachts von päd. Fachpersonal in der Einrichtung zu leisten ist – zumal Hinweise auf die sog. Kinderschutzfachkräfte völlig fehlen. Hier wären weitere Ansprechpartner im Vorgehen doch sehr hilfreich gewesen – von allen Schwierigkeiten der Ermittlung einmal abgesehen. Das fast völlige Auslassen der Kinderschutzfachkräfte stellt doch ein erhebliches Manko dieses Buches dar – hier wäre eine Überarbeitung des sicherlich seit Jahren erprobten Readers hilfreich, nützlich und angemessen gewesen. Wo Els auf mögliche Kooperationen durch Kinderschutzfachkräfte eingeht, sieht er diese äußerst kritisch und ruft die Fachkräfte der Einrichtungen zur Überprüfung der Sachkompetenz auf -wie sie diese leisten können, bleibt freilich unerwähnt. Im Abschluss des Kapitels geht Els auf Bommerts Symptomliste, freilich aus den frühen 1990er Jahren stammend, kritisch ein und verwirft diese. Neben aller engagierten Kritik, die Els zu Recht äußert, ist doch gerade in diesem Kapitel bemerkenswert, dass internationale Fachliteratur kaum bzw. gar nicht zu Rate gezogen wird – ansonsten müsste diese Kritik an den Symptomen sich vor allen Dingen auf spätere, aus den 2000er Jahren stammende englischsprachige Literatur ausgeweitet werden. Unverständlich bleibt, warum auf diese nicht wenigstens verwiesen wird – auch vor dem Hintergrund, dass sicherlich nicht alle Fachkräfte mehrsprachig sind, sich aber dennoch sicherlich einige damit auseinandersetzen würden – so sie denn eine Möglichkeit erhielten.

Im neunten Kapitel stellt Els vorrangig eine Arbeitshilfe vor, die in Verfahren bei gewichtigen Anhaltspunkten einer Kindeswohlgefährdung durch Übergriff oder sexuellen Missbrauch zur Anwendung kommen kann. Neben allen hervorragenden Schritten ist doch kritisch das völlige Fehlen der institutionell verankerten Kinderschutzfachkräfte zu bemängeln. Auch haben seit Inkrafttreten des Bundeskinderschutzgesetzes 201 zahlreiche Träger und Kommunen gute Praxismodelle zum Kinderschutz in Kindertageseinrichtungen entwickelt (z.B. AWO oder das Bochumer Modell). Darauf wird von Els nirgendwo eingegangen.

Die im 10. Kapitel vorgestellten Leitlinien zur Prävention sexueller Gewalt an Kindern in Kindertageseinrichtungen beinhalten Bausteine wie Personalauswahl, Organisation und Struktur, Vorsicht bei rein opferzentrierten Präventionsprogrammen, Prävention durch Lebenskompetenzenerwerb und Einführung männlicher Erzieher. Gerade in der Prävention – und Els geht in Teilen der Kritik nach – werden Präventionsanstrengungen vermehrt kritisiert, die auf Empowerment-Prävention setzen. Umso verwunderlicher, wenn im Baustein der Lebenskompetenzen ausschließlich soziale Fähigkeiten in den Blick genommen werden, die dann präventiv wirken (sollen). Hier wäre eine klare Unterscheidung sinnvoller gewesen – es handelt sich vorrangig um Sexualpädagogik. In zu vielen Fällen in der Praxis wird Prävention sexueller Gewalt als Prävention ohne Bezug zur Sexualität verstanden – die entsprechende Wirksamkeit solcher Präventionsanstrengungen ist zudem nicht überprüft. Umso mehr ist hier hervorzuheben, dass Els der sexuellen Bildung und Sexualpädagogik als präventiven Schutzkonzepten Wirkung zuspricht. Inwieweit allerdings erwartet werden kann, dass Fachkräfte aufgrund der hier dargestellten Informationen in der Lage sind, eigene Präventionskonzepte zu entwickeln, darf (und vielleicht muss) geprüft werden.

Das 11. Kapitel zu Fragen des Sozialdatenschutzes und entsprechender Haftung stellt Beispielfälle vor und antwortet auf die dort gestellten Fragen. Es handelt sich hier um für Einrichtungen hochrelevante Fragen, insofern ist eine Ahnadlung auf wenigen Seiten doch etwas kurz geraten. Hier wäre eine ausführliche Betrachtung mitsamt mehreren Beispielfällen sehr angemessen gewesen.

Fazit

Das Buch (oder, wie Els selbst anmerkt, der Reader), ist ein wichtiges Buch für Fachkräfte in Einrichtungen und als erste Arbeitshilfe sehr zu empfehlen, ersetzt jedoch keineswegs aktuelle Fortbildungen zum gleichen Thema.


Rezensentin
Dr. Miriam Damrow
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Lehrstuhl für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Diversity Education und Internationale Bildungsforschung
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Zitiervorschlag
Miriam Damrow. Rezension vom 05.03.2015 zu: Michael Els: Übergriffe in der Kita. Vorbeugen, erkennen und eingreifen : Ein Praxisleitfaden. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-3152-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16620.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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