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Jürgen Howaldt, Ralf Kopp et al.: Zur Theorie sozialer Innovationen

Rezensiert von Prof. Dr. Cordula Kropp, 05.05.2014

Cover Jürgen Howaldt, Ralf Kopp et al.: Zur Theorie sozialer Innovationen ISBN 978-3-7799-2727-3

Jürgen Howaldt, Ralf Kopp, Michael Schwarz: Zur Theorie sozialer Innovationen. Tardes vernachlässigter Beitrag zur Entwicklung einer soziologischen Innovationstheorie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 120 Seiten. ISBN 978-3-7799-2727-3. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.
Reihe: Edition Soziologie.

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Thema

Der kleine Band greift das verstärkte Interesse an „sozialen Innovationen“ auf und möchte zu deren begrifflicher Klärung durch ein „theoretisch fundiertes und für die empirische Forschung taugliches Konzept“ (S. 11) beitragen. Dazu ziehen die Autoren insbesondere die Sozialtheorie des vergessenen soziologischen Klassikers Gabriel de Tarde (1843-1904) heran, berücksichtigen aber darüber hinaus zahlreiche weitere Ansätze der sozialwissenschaftlichen Innovationsforschung.

Autoren

Das Autorenteam prägt seit vielen Jahren die deutsche Debatte um soziale Innovationen und ist auch wesentlich an der Entstehung und Vernetzung der internationalen Community in diesem heterogenen Forschungsfeld beteiligt. Als Wissenschaftler der Sozialforschungsstelle Dortmund bleiben sie dabei einerseits ihrer Tradition in der Arbeitsforschung treu und konzentrieren sich andererseits zunehmend auf soziale Innovationen als Forschungsgegenstand der Sozialforschungsstelle.

Entstehungshintergrund

Die Verknüpfung der Untersuchung von Innovationsprozessen mit der auf die logischen Gesetze der Nachahmung konzentrierten Sozialtheorie von Gabriel de Tarde wurde in den vergangenen Jahren von verschiedenen Seiten, insbesondere von Bruno Latour angeregt. Jürgen Howaldt und seine Kollegen fangen diesen Ball auf, ohne aber ihre bisherigen Prämissen aufzugeben, etwa die kategoriale Unterscheidung sozialer und technischer Innovationen.

Aufbau

Das Buch besteht aus fünf Kapiteln, die aber viele Überschneidungen aufweisen.

  1. Die Einleitung klärt die Zielsetzung.
  2. Das zweite Kapitel beleuchtet den Zusammenhang von sozialen Innovationen und sozialem Wandel.
  3. Das dritte Kapitel drückt de Tardes Sozialtheorie für die Begriffsexplizierung sozialer Innovationen in das Zentrum und diskutiert zugleich andere Arbeiten, die hier anschließen.
  4. Das vierte Kapitel fragt nach der Rolle von sozialen Innovationen für gesellschaftliche Transformationsprozesse im Angesicht gegenwärtiger Herausforderungen.
  5. Das fünfte Kapitel fragt nach den Möglichkeiten der erfolgreichen Verbreitung sozialer Innovationen.

Inhalt

Einleitend begründen Howaldt, Kopp und Schwarz ihre folgende Betrachtung mit dem immer wieder beklagten Defizit eines kohärenten, trennscharfen und operationalisierbaren Begriffs sozialer Innovation. Für dessen Entwicklung im Rahmen einer soziologischen Praxistheorie werden sie bei Gabriel de Tarde fündig. Für de Tarde kann ein Verständnis der Entstehung des Sozialen und insbesondere der Entwicklung von neuartigen Problemlösungen nicht aus Makrostrukturen und -phänomenen abgeleitet werden, auch nicht aus der Beschreibung der handelnden Individuen oder Gruppen. Jegliches Verständnis von Prozessen sozialer Veränderung müsse vielmehr an den vielen kleinen Handlungen der Nachahmung sowie den Erfindungen und kollektiven Lernprozessen, die sie tragen, ansetzen und also „von unten“ entwickelt werden. de Tarde erweist sich damit für die bisherige Definition der Autoren besonders passend, soziale Innovationen ‚nicht normativ als intentionale Neukonfiguration sozialer Praktiken zu fassen‘ (S. 13 sowie in vorhergehenden Veröffentlichungen 2008 und 2010). Die vielfältigen Nachahmungsflüsse werden so zum Transmissionsriemen zwischen sozialen Erfindungen und gesellschaftlichen Transformationsprozessen.

Das zweite Kapitel benennt zunächst die begrifflichen Desiderata der bisherigen Befassung mit sozialen Innovationen. Die Autoren zeigen, inwiefern Innovationen generell, aber noch stärker soziale Innovationen bzw. gesellschaftliche Veränderungsprozesse, auch Theorien sozialen Wandels und zeitdiagnostische Fragen am Rande der gesellschaftstheoretischen Diskussion geblieben sind und allzu oft unter dem Primat technischer Veränderungsimpulse verhandelt wurden. Mit einer kursorischen Sichtung techniksoziologischer Überlegungen begründen sie die Notwendigkeit einer analytischen Unterscheidung von technischen und sozialen Innovationen, der zufolge die Durchsetzung ersterer zwar letztere voraussetze oder nach sich ziehe, letztere aber, also soziale Innovationen, auch ohne technische auskämen (S. 20). Dann stellen sie eine Reihe älterer Überlegungen zum Zusammenhang von sozialem Wandel, sozialem Konflikt und sozialen Innovationen in sozial- und arbeitspolitischen Untersuchungsfeldern vor, die gemeinsam mit jüngeren Anknüpfungspunkten ihre Begriffsarbeit inspirieren, aber als gesuchte „Mikrofundierung des Sozialen“ (S. 27) und seines Wandels die Klärung des Verhältnisses von Veränderungsdynamiken auf Mikro- und Mesoebene und ihrer Wirkung auf der Makroebene schuldig bleiben.

Das zentrale dritte Kapitel bewegt sich auf dieser Basis weg „Von Schumpeters ökonomischer Innovationstheorie [hin; erg. C.K.] zu Tardes sozialtheoretischer Begründung der Innovationsforschung“, so der Titel. Der Einbezug der Überlegungen von Gabriel de Tarde ermöglicht Howaldt, Kopp und Schwarz über Schumpeters Fokus auf unternehmerisches Handeln von Entrepreneuren hinwegzugehen und stärker die zugleich adaptive und kreative Seite zahlreicher, teils eigenwilliger Nachahmungshandlungen in den Blick zu nehmen. Die Autoren rekonstruieren, inwieweit Schumpeter, aber auch der diskursprägende Diffusionstheoretiker Everett Rogers und viele gegenwärtige Arbeiten ebenfalls Anleihen bei dem französischen Vorreiter genommen haben, ohne deshalb die ökonomisch verengte Betrachtungsweise auf Innovationen oder aber die dominante Makroperspektive in der Erklärung sozialen Wandels zu überwinden. Diese Überwindung erfordert nach Howaldt et al. eine praxistheoretische Perspektive auf (re)produzierendes Handeln in seinen vielfältigen Formen von erfinderischen Ideen über kritische Initiativen bis hin zu Innovationen von Alternativen und Veränderungen, die die Autoren stets mitführen. In ihren Überlegungen streifen sie viele gegenwärtige Debatten über soziale Innovationen – als wissenschaftliches Konzept, als politisches Interesse oder als Handlungsarena gesellschaftlicher Transformationsprozesse –, diskutieren das Verhältnis zu technischen Innovationen und Artefakten weiter und bedienen sich aktueller zeitdiagnostischer Einschätzungen, um die Bedeutung von sozialen Innovationen für und im sozialen Wandel zu bestimmen.

Im vierten Kapitel spitzen sie derlei Überlegungen auf die Fragen zu, welche Möglichkeiten der gezielten Veränderung sozialer Wirklichkeit soziale Innovationen eröffnen und inwieweit sozial innovative Experimente, Mikropolitiken, Nischenbewegungen und neuartige Akteursnetzwerke zur transformativen Bildung neuer Orientierungen und Routinen beitragen. Hintergrund dieser Erkundungen ist die vielseitige Hoffnung, soziale Innovationen könnten als Vorreiter und Taktgeber Pfade zu nachhaltigeren Entwicklungsoptionen aufzeigen und deren Erprobung auf den Weg bringen. Auch mit Blick auf diese gezielten, an Nachhaltigkeit orientierten Transformationsprozesse kritisieren die Autoren unter Nutzung vieler Zitate die einseitige Betonung technischer Innovationen und weisen zugleich auf die unumgängliche Folgenunsicherheit und Ambivalenz auch sozialer Innovationen hin. Das Kapitel schließt mit einer Diskussion von Folgerungen für die öffentliche Innovationspolitik und für eine breiter zu verteilende Teilhabe an Zukunftsverantwortung ab.

Das fünfte Kapitel wendet sich wieder der Fachdebatte über Verbreitungsprozesse von Neuerungen zu. Es zielt darauf, die einzelnen Schritte der Veränderung etablierter Handlungs- und Deutungskonzepte über ein einseitiges Transferverständnis hinausgehend als kulturelle Lernprozesse der „Selbsterfindung der Gesellschaft“ (S. 81) zu erfassen. In diesem Sinne regt die Rezeption von de Tarde die Autoren an, soziale Innovationen als permanente Erneuerung des Alten bei dessen gleichzeitiger Kontinuität im Neuen zu verstehen. Das verschiebt ihre Aufmerksamkeit von der Invention auf die oftmals spielerischen Kombinationen und Rekombinationen entlang der Diffusionswege von Nachahmung und Aneignung hin zu immer reicheren Praktiken. Kein Wunder, dass in der Konsequenz die Gestaltungsfähigkeit sozialer Innovationen weniger in Skalierungsstrategien als im begrenzten Durchgriff durch Kontextsteuerung gesucht wird.

Das sechste Kapitel fasst die Überlegungen noch einmal zusammen und bestimmt gemeinsam mit de Tarde als „eigentliche Aufgabe der Soziologie“ (S. 92) die Erforschung des Zusammenhangs von sozialen Erfindungen und ihren wechselhaften Nachahmungswegen mit sozialem Wandel – und angesichts der aktuellen Herausforderungen vielleicht auch eine aktive Teilnahme an diesen Innovationsprozessen (vgl. ebd.).

Diskussion

Die vorliegende Theoriedebatte stellt eine vielseitig eingebettete Begründung des von den Autoren gewählten, praxistheoretischen Begriffs sozialer Innovationen dar. Informierte Leserinnen und Leser können darin vielfältige Bezüge in die gegenwärtige Fachdebatte rund um soziale Innovation und zu deren klassischen Bezugspunkten finden. Neuankömmlingen wird vielleicht nicht immer klar, dass und inwiefern die Autoren dabei die Diskussionslandschaft ausschnittweise wiedergeben und aufgrund ihrer praxistheoretischen Ausrichtung die Diskussion von Pfadabhängigkeiten, Machtungleichgewichten und Strukturzwängen kaum berücksichtigen. Auch der umkämpfte Charakter sozialer Innovationen, auf den selbst Gabriel de Tarde, dessen Fortschrittsoptimismus die Autoren zurecht kritisieren (S. 38), mit vielen Hinweisen auf Gegen-Nachahmung und Konflikt aufmerksam macht, findet vergleichsweise wenig Beachtung. Dies mag mit der Entscheidung zusammenhängen, keine Fallstudien oder empirischen Befunde einzubinden, sondern sich ganz auf die theoretische Fundierung des Konzepts sozialer Innovation zu konzentrieren.

Fazit

Das Buch liefert keine Einführung in den Gegenstandsbereich sozialer Innovationen, in deren Analyse oder Theoriegeschichte. Vielmehr stellt es einen wertvollen Fachbeitrag zur sozialwissenschaftlichen Theorie sozialer Innovation dar und lädt dazu ein, sich mit den Implikationen der unterschiedlichen, oftmals stillschweigend und einseitig vorgenommenen Vorentscheidungen in der Betrachtung gesellschaftlicher Innovationsprozesse auseinanderzusetzen. Es wirbt um eine Mikrofundierung des Verständnisses von Transformationsprozessen und sozialem Wandel und damit um eine stärkere Beachtung sozialer Innovationen in der Soziologie, in der Innovationspolitik und im Ringen um nachhaltige Entwicklung.

Rezension von
Prof. Dr. Cordula Kropp
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Es gibt 1 Rezension von Cordula Kropp.

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Zitiervorschlag
Cordula Kropp. Rezension vom 05.05.2014 zu: Jürgen Howaldt, Ralf Kopp, Michael Schwarz: Zur Theorie sozialer Innovationen. Tardes vernachlässigter Beitrag zur Entwicklung einer soziologischen Innovationstheorie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2727-3. Reihe: Edition Soziologie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16624.php, Datum des Zugriffs 26.05.2024.


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